Eulenfeder: Wehrzersetzung 2/3

 in Kurzgeschichte/Satire
Dass Militär schlimm ist, wird nur zugegeben, wenn's um die DDR geht: Film "Der Turm"

Dass Militär schlimm ist, wird nur zugegeben, wenn’s um die DDR geht: Film „Der Turm“

Wie der Staat gestrickt ist, der da über uns wacht und regiert, erfährt man, wenn man einmal ernsthaft versucht, sich ihm zu widersetzen. Demütigung, Schikanen, völlig unsinnige Unterwerfungsrituale sind das, was man lange Zeit als zum “normalen” Lebenslauf eines jungen Mannes gehörig betrachtet hat. Wer sich der Demütigung widersetzt, erntet – schlimmere Demütigungen. Es ist schwer, unter diesen Umständen wenigstens eine innere Freiheit, einen Rest von Würde und Stolz zu bewahren. Unser Autor Eulenfeder dokumentiert in diesem in Grundzügen wahren Beitrag die Geschichte einer ungewöhlich radikalen Verweigerung. Erster Teil des Artikels hier.

dieses militärkasernen-konstrukt ist ein derartiger schwachsinn, dass man eigentlich kaum glauben kann, dass es so etwas überhaupt gibt. ich jedenfalls hatte so viel schwachsinn an einem ort noch nie gesehen. es funktioniert innerhalb eines belohnungs- und bestrafungssystems. die mittels dienstgraden belohnten wurden zunehmend schwachsinniger, die bestraften schienen etwas normaler zu sein. so leicht dies zu erkennen war, so leicht war es natürlich auch zu durchschauen. die meisten rekruten hatten angst, nicht am wochenende nach hause fahren zu dürfen. diese erste strafandrohnung, die man den „auszubildenden“ warnend zukommen liess, hatte eben diese wirkung, dass sie sich brav zu soldaten machen ließen. undenkbar am wochenende nicht nach hause fahren zu können und der liebsten nicht sein leid klagen zu können – und so funktionierten sie halt (durchaus auch verständlich diese angst). derartige druckmittel zur gefügigmachung gab es sehr viele. mal ein paar aufgezählt, die man mir angedeihen liess, und zwar auf dauer und von anfang an: kein ausgang, kein sold (bis auf einen kleinen lächerlichen betrag den sie wohl gesetzlich ausbezahlen mussten, reicht gerade so für tabak, für bier kaum), die zelle die ein ort der ruhe für mich war – bis zu sieben tage, kantinenverbot (die wirtin war sympathisch, hat mir immer zugezwinkert und weggeschaut). weitere strafmassnahmen wie liegestützen, kniebeugen, robben und vieles mehr wurden von mir ja verweigert, jegliches anschreien hatte ich ihnen verboten – was wieder andere strafmassnahmen zur folge hatte.

aber wie schon geschildert, waren es keine strafen, sondern blanke genugtuung für mich. einen sieg nach dem anderen konnte ich feiern, stolz war ich. freilich gaben sie nicht so leicht auf. „bisher haben wir noch jeden klein gemacht“, war wohl deren überzeugung. aber sie hatten eben noch keinen unbeugsamen wie mich in der kaserne, und zunehmend wurden sie hilfloser. keine strafmassnahme wirkte, die mittel wurden knapper. wenn man durchblickt, dass der ausbilder auch nicht ins wochenende heimfahren kann, solange sich einer widersetzt, naja dann wartet man halt einfach bis dieser entnervt und entmutigt aufgibt, damit er heimfahren kann. zunehmend wurden solche versuche, mich zu einem soldaten zu machen, auch seltener. mehr und mehr gingen die ausbilder und auch höhere idioten mir aus dem weg, auf die andere strassenseite sogar – wussten sie doch inzwischen, dass jeglicher versuch, mir irgendetwas zu befehlen, in einer katastrophe endete, die sie auszubügeln hatten, nicht ich! auch der kompaniechef hatte längst aufgegeben, eingesehen dass bei mir hopfen und malz verloren schien, viele „gespräche“ gab es weiterhin – nach verweigerungen diverser arten, aber nun unter vier augen, ruhiger ton, fast schon ein bittendes belehren, aber vergeblich. ich kleidete mich wie ich wollte, liess die hände in den hosentaschen, grüsste nicht, reagierte nicht.

nach dem letzten nun dreitägigen zellenaufenhalt – in der stube hatte ich bisher noch nicht geschlafen – wurde die vereidigung angekündigt. ich machte klar, dass ich nicht zu vereidigen sei, wurde dann vorsorglich von feldjägern in handschellen in jenen raum gebracht, wo die vereidigung stattfand. ein offizier sprach den text und alle – bis auf mich natürlich – sagten: „ich schwöre“. mein mund blieb zu, zwangsvereidigung nannte man das. eine neuerliche frechheit, die mich zu höchstform anspornte, und nun suchte ich noch mehr die konfrontation, ärgerte mich ab und zu, dass sie mir aus dem weg gingen. also musste ich etwas ausbildung schon mitmachen, um wieder gründe zur verweigerung zu haben, weitere siege feiern zu können. und solches geschah unter anderem wie folgt beschrieben: „wenn ich sage, dass der schnee schwarz ist, dann ist der schnee schwarz – verstanden“. wieder einer dieser blödsinnigen versuche eines ausbilders macht auszuüben. – „man muss schon völlig farbenblind sein, wenn man weißen schnee für schwarz hält“, war meine antwort. „wenn alle singen, flieger fröhlich, dann singen sie auch mit!“ ich hielt ihm provozierend meinen geschlossenen mund hin, und das wiederholte sich, bis er aufgab. strafmassnahme die folge. nach meiner ersten nacht auf der stube früh am morgen ein furchtbares geschrei auf dem gang: „raustreten, in reihe und glied antreten!“ die anderen überstürzten sich geradezu diesem befehl nachzukommen – ich blieb erst mal liegen, wartete ab bis das gewusel vorbei war und kam dann als letzter, beim durchzählen vermisster: in unterhose und meinen roten privatsocken und stellte mich in die reihe. was für ein köstliches bild. verhaftung, weil nicht zu anderem zu bewegen und wieder in der zelle. diesmal vier tage.

am späten nachmittag entlassen, mächtigen durst verspürend, suchte ich sofort die kantine auf – kein geld. naja wird schon irgendwie gehen. dann geschah wunderbares: ich komme rein und alles beginnt zu jubeln, zu klatschen, schulterklopfen. man stritt sich fast darum, wer mir als erster ein bier ausgeben kann. ich war zu einem bewunderten helden geworden, was für eine auszeichnung! die armen tröpfe waren neidisch auch, war ich doch inzwischen fast allem militärischen drill entzogen, machte was ich wollte. sie trauten sich nicht, aber ich hatte verständnis. mein ruhm nahm etwas ab, als „vorgesetzte“ das letzte mittel auspackten, das sie noch zur verfügung zu haben glaubten: die kollektivstrafe. das tat mir für den einen oder anderen leid, denn der gesamte ausbildungszug durfte wegen mir nicht ins wochenende heimfahren – aber ich konnte meine haltung nicht ändern. somit war auch dieses letzte mittel ausgeschöpft, und sie versuchten mich mittels wachdienst gefügig zu machen. fehlgeschlagen, denn dazu braucht man einen waffenschein, eine ausbildung an waffen. meine frage an denjenigen, der solchen auszustellen hatte: „sind sie sicher, dass sie mir eine waffe geben wollen?“ genügte, dass ich eben keinen waffenschein und damit auch keine waffe bekam, und so war ich auch vom allgemein gehassten wachdienst (2 stunden wache, 4 stunden schlafen, und das 3 monate lang ) befreit – letztendlich zu rein gar nichts zu gebrauchen.

wo bleibt die ersehnte unehrenhafte entlassung? werde beim kompaniechef mal nachfragen, ihm klar machen, dass er sich eine menge ärger ersparen würde damit. aber die kam nicht, und so musste ich drastischer zu werke gehen. morgens wird die fahne hochgezogen, abends wieder eingeholt, von der fahnenstange – ein feierliches, schwachsinniges ritual, streng vorgeschrieben. da sah ich eine chance für einen wirklichen entlassungsgrund und stellte mich direkt neben diese zeremonie, abends als die fahne heruntergelassen wurde. einer zieht an dieser schnur, die fahne kommt runter (deutschlandfahne mit reichsadler). während diesem vorgang hat jeder in der kaserne stillzustehen und in richtung fahne zu grüssen), und normalerweise wird sie dann von zwei soldaten säuberlichst in rituell vorgeschriebener art und weise gefaltet bis auf eine bestimmte grösse, um sie dann feierlich wegzutragen. ich nehme die fahne an mich, schmeisse sie auf den boden und trete drauf, wisch mir die schuhe ab. Sieben tage arrest. alle anderen strafmassnahmen zudem noch laufend, alle ausgeschöpft, kein geld, kein ausgang, strafbereitschaft an den wochenenden, die ich aber verweigerte. nun müssen sie doch bald mal begreifen, dass die entlassung die einzige möglichkeit war mich loszuwerden.

aber es kam anders: jeglicher militärischer funktion enthoben, steckte man mich in die schreinerei der stov (standortverwaltung mit schreiner, elektriker, schlosser – privatleute vom handwerk ). der Franz, der alte freundliche schreinermeister, freute sich diese berühmtheit als gehilfen zu bekommen. er war begierig alles von mir zu erfahren, zeigte seine sympathie für mich. er war ebenso angewidert vom diesem schwachsinn, machte halt seinen job als schreiner, mehr nicht. „komm bazi“, sagte er immer, und dabei legte er seinen arm väterlich auf meine schulter. „gehen wir runter in die kantine und trinken wir eine halbe“. diese halbe zumindest war der preis, den er gerne zahlte, um von mir meine neuesten streiche als erster erfahren zu können, und er kam aus dem lachen kaum mehr heraus. ich mochte diesen sympathischen, freundlichen und urgemütlichen oberfranken.

(Den dritten Tund letzten Teil dieser Geschichte lesen Sie morgen an dieser Stelle)

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