Facebook soll endlich Verantwortung übernehmen

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Sacha Baron Cohen. Bildquelle: Joella Marano unter Lizenz Creative Commons

Geht der Internet-Riese bewusst nicht gegen Nazi-Inhalte vor, weil auch diese Klientel für ihn Einkünfte generiert? Der Schauspieler und Komiker Sacha Baron Cohen zerlegt in seiner Anti-Defamation-League-Rede Facebook und Co. Die Kritik an dem Social Media Giganten ist deswegen so überzeugend, weil Cohen sie aus den Erfahrungen seiner eigenen Comedy begründen kann.  Frank Jödicke, www.skug.at

Der Humor von Sacha Baron Cohen will erst einmal ausgehalten werden. Er verwandelt sich seit Jahrzehnten in – gelinde gesagt – hochproblematische Charaktere. Er spielte den chassidischen Juden, den farbigen Rapper »Ali G«, den österreichischen Fashiondesigner mit Luftbirne »Brüno« und natürlich den kasachischen Kulturattaché »Borat«. All diese Figuren arbeiteten mit simplifizierenden Klischees, in denen angebliche nationale Eigenheiten ausgewälzt werden oder soziale Gruppen mit gewissen Eigenschaften identifiziert werden sollen. Jeder Mensch ist herzlich dazu eingeladen, dies einfach für zu doof zu halten. Cohen muss aber zugebilligt werden, dass er diese Comedy aus einem aufklärerischen Anspruch heraus macht. Dies mag mal mehr, mal weniger gelingen, aber er tappt nicht in die Falle witzloser Nachahmung (siehe z. B. die nahezu gesamte deutsche Comedy), sondern ihm gelingt beißender Spott mit teilweise wohltuendem Abscheu gegenüber den Porträtierten. Die »falsche Versöhnung«, sich über etwas lustig zu machen, das man insgeheim achtet oder sogar hofiert (siehe z. B. österreichische Karikaturen, denen es nie gelingt, Politiker*innen lächerlich zu machen), passiert ihm zumindest nicht. Mehr noch, er geht als einer seiner Charaktere getarnt auf »normale Menschen« zu und zwingt sie, vor der Kamera gewisse Abgründe zu offenbaren. Der Blick in diese Abgründe droht Cohen nun abhanden zu kommen, weil die sozialen Medien die Hänge neben diesen Abgründen einebnen. Und da hat Cohen allen Grund, dies falsch zu finden.

Wahrheit in Zeiten sozialer Medien

Cohens Humor kann nur gelingen, wenn das darin als falsch Dargestellte überhaupt noch als falsch erkannt werden kann. Als Ali G verkleidet besuchte Cohen für den britischen Channel 4 einmal Drogenfahnder. Unverkennbar ging es ihm nur darum, Informationen über leichte Drogenbeschaffung zu erfragen, was den Polizisten nach einer Weile spürbar unangenehm wurde. Dann hatte Ali G auch noch einen Tipp für die Kiberer. Der Spürsinn ihrer Drogenhunde sei ja ganz gut, aber ob sie nicht wüssten, dass Delfine einen noch viel besseren Geruchssinn hätten. Delfine seien somit für die Suche nach Drogen besser als Hunde geeignet und außerdem seien es – was viele nicht wüssten – keine Fische, sondern Säugetiere! Was sollte der arme Kriminalbeamte sagen? Sollte er jetzt wirklich erklären weshalb Delfine im Flughafeneinsatz ungeeignet sind?

Zwanzig Jahre später werden genau solche Diskussionen in den sozialen Medien geführt. Mehr noch, die aktuelle Politiker*innen-Generation, die ohne soziale Medien nicht denkbar ist, verwickelt die Öffentlichkeit in exakt solche Debatten. Beispiel gefällig? In einer Rede ließ Donald Trump seine Ansicht durchblicken, dass Tarnkappenbomber tatsächlich unsichtbar sind (und nicht nur in einem metaphorischen Sinn »unsichtbar« für die Radarüberwachung). Tagelange mediale Diskussionen führten zu einem Unentschieden, denn weder musste Trump eingestehen, sich getäuscht zu haben, noch konnte ein Heer an Spindoktoren Trumps Aussagen so erscheinen lassen, als habe er das mit der Unsichtbarkeit nie so gemeint. Wer Trump nicht mag, geht davon aus, dass der Typ einen Vollklescher hat, wer ihn mag, erkennt lediglich böswillige Unterstellungen.

Sacha Baron Cohen gibt für diese Misere Facebook die Schuld. Damit hat er nicht ganz Unrecht. Satire und Humor sind Wahrheitsbewahrer und sie müssen eine Ebene des wahren und verbürgten Wirklichen postulieren, die allgemein anerkannt werden kann. Sonst wird jeder Witz sauer. Gegenüber Internettrollen kann kein Witz mehr gemacht werden, weil sie jede Äußerung strikt als Parteinahme interpretieren. Man kann über die himmelschreiende Dummheit Trumps oder die ganz offensichtliche Verlogenheit von Sebastian Kurz in vielen Kreisen keinen Witz mehr reißen, weil manche dies längst als Angriff gegen die eigene Person wahrnehmen. Genauer gesagt, gegen ihre individuelle, parteiische Wirklichkeitsinterpretation. Eigentlich dürften ÖVP-Sympathisant*innen nach dem Ende von Türkis-Blau das Wort »Harmonie« nicht mehr in den Mund nehmen können, ohne losprusten zu müssen. Aber diese Wirklichkeitsbezüge sind diffus geworden. Der österreichische Wahlkampf 2019 zeigte dies. Auf Facebook konnte das Publikum mit Belegen angeblich erfolgreicher Regierungsarbeit bombardiert werden und sich gleichzeitig über den Fehler des ehemaligen Regierungspartners echauffiert werden. Es muss nichts mehr zusammengebracht werden, was man nicht zusammenspinnen will.

Demokratie geht so nicht mehr

Cohen zeigt in seiner Rede nun dezidiert auf, wie eine am Facebook-Diskurs geschulte Öffentlichkeit unfähig wird, Wirklichkeitsbezüge herzustellen. Cohen brachte, als Borat verkleidet, US-amerikanische Hinterwäldler dazu, antisemitische Lieder zu singen. Sie taten es offenkundig mit Freude und Inbrunst. Mag die Belegkraft solcher Aktionen auch fragwürdig sein, schließlich hat Cohen die Beteiligten ganz offensichtlich manipuliert, dann kann doch nicht geleugnet werden, wie viel Judenhass unter der Oberfläche wabert, der nur nach Auslassventilen sucht. Herauszufinden, wie groß dieser Hass ist und wie er bekämpft werden könnte, wäre eine gemeinsame Wirklichkeitssuche, die Demokratie und Freiheit in einer Gesellschaft stärken würde. Diesen Hass hingegen einfach aufzugreifen, für eigene Zwecke zu benutzen, ist wiederum ein historisch gut bekannter autokratischer Kniff, der leider höchst »erfolgreich« sein kann. Und er kommt immer mehr in Mode. Sei es als Antisemitismus, sei es als Moslemhass oder ganz allgemein als das Schüren von Ressentiments gegen Fremde. Die Hate-Crimes steigen und die sozialen Medien tun sich nicht nur schwer mit deren Verurteilung, sie schüren sie sogar. Cohen spitzt die Beobachtung auf die Formel zu: »Stellen Sie sich einmal vor, was Goebbels mit Facebook getan hätte.«

Eine Handvoll Internetriesen habe die größte Propagandamaschine der Welt gebaut und deren Algorithmen verstärken Zorn, Angst und Hass. Der Medienunternehmer und Internetpionier Jaron Lanier brachte es einmal auf die Formel, dass die Algorithmen nach Punkten hoher Energie suchen und diese könne zwar durch Liebe und Zuneigung erreicht werden, dies dauere aber länger. Schnell hingegen bilde sich Zorn und wutschnaubende Debatte zwischen den Medienteilnehmer*innen und die würden die Maschinen eben suchen und dann verstärken, indem sie die Menschen aufeinanderhetzten. Ist gar nicht bös gemeint, sondern einfach effektiv. Facebook und Co. sind ganz offensichtlich nicht bereit, Accounts zu löschen und Personen zu sperren, die ganz offensichtlich Hass streuen oder ganz offenbare Falschaussagen verbreiten, weil diese quasi das Salz in der Suppe des großen wechselseitigen Angiftens sind. Nachweislich falsche, rechtsradikale Theorien wie jene vom »Great Replacement« haben es deshalb bereits in die US-Regierung oder auch in die österreichische Bundesregierung geschafft. Die Sorge, einem heimtückischen Bevölkerungsaustausch ausgesetzt zu sein, bei dem die Juden (wer sonst?) die Moslems in »unser schönes Österreich« schicken, um »unsere Kultur« zu zerstören, wabern in den sozialen Netzen herum und sind, in vorsichtigeren Versionen, auch Programm der konservativen Kulturverteidiger*innen. Dass dies alles auf Überlegungen fußt, die abwegiger sind als Delfine in der Drogenfahndung, fällt kaum mehr auf.

Warum ist dies überhaupt noch möglich?

Sacha Baron Cohen führt eine Menge triftiger Gründe an, weshalb den Social-Media-Riesen endlich die nötige Übernahme von Verantwortung aufgezwungen werden sollte. Es ist letztlich unverständlich, warum dies immer noch nicht geschieht. Beispielweise zieht sich Facebook auf eine völlig übertriebene »staatspolitische Verantwortung« zurück, die dem Konzern gar nicht zukommt. Facebook dürfe doch keine »Zensur« ausüben. Bullshit! Wenn eine Gruppe Neonazis in ein Gasthaus kommt und »Jud’, verrecke!« herumbrüllt, dann kann jede*r Wirt*in sie natürlich sofort rausschmeißen. Warum schmeißen Twitter, Facebook und YouTube folglich solche gemeingefährlichen Nazis nicht einfach raus? Oh, ach ja stimmt, es ist zu kompliziert. Nein, wie soll man die nur alle finden, wo doch Copyright-Verletzungen, die man finden will, innerhalb von Sekunden gefunden werden. Man wolle die »Diskussion offen halten« und beiden Seiten des Arguments Platz geben. »Beiden Seiten« heißt dann Holocaust-Leugner dürfen sich auch ausbreiten? Als ob nicht längst klar ist, dass viele trollige Diskutant*innen nichts anderes erreichen wollen, als den Blick auf die Wirklichkeit zu verstellen. Allein der Versuch, beispielsweise über Sinn- und Unsinn von Menschenrechten zu diskutieren, soll nichts anderes bewirken, als eben diese zu diskreditieren, um unmenschlichen Verhältnissen den Weg zu bahnen.

Der winzige Kreis der großen Social-Media-Bosse weiß dies alles haargenau. Sie wollen dies nur nicht wahrhaben, weil dieses Wissen ihre Profite gefährdet und ihre Medienmacht schmälern würde. Hinausgeschmissen würde das rechtsradikale Pack weiterziehen, um woanders seinen Giftodem zu versprühen. User*innen wäre verloren und die Hassdebatte verlöre gewaltig Energie. Freiwillige Selbstkontrolle brauche sich niemand aus dem Silicon Valley erwarten. Der Pessimismus von Cohen ist hier gut nachvollziehbar. Was geschehen müsste, wäre, Facebook, Google und Twitter als das wahrnehmen, was sie de facto sind: Medienunternehmen. Es wäre für die Gesetzgeber*innen nicht sonderlich schwer, sie als solche zu definieren, und dann müssten diese Medienhäuser mit jenen Auflagen bedacht werden, denen alle Medien, ob TV, Kino oder Print unterliegen. Die ungeheure Marktmacht der sozialen Medien wäre damit auch eingegrenzt, die heute als geheime »Regulierungsbehörden« agieren können, indem sie über Erfolg und Misserfolg anderer Medienerzeugnisse mitbestimmen. Beispielweise tragen sie auch kräftig dazu bei, kleinere Medien, die nicht den üblichen Anpreisungsschmähs folgen, klein zu halten (VerBAMt nochmal!). Man kann halt nicht einfach irgendeinen kranken Propaganda-Scheiß rausposaunen, da sollte es gewisse Auflagen geben und die, die publizieren müssen, dafür zur Rechenschaft gezogen werden können. Wenn dies nicht bald geschieht – nicht zuletzt angesichts anstehender Wahlen – dann werden wir noch alle unseren Humor verlieren. Hier ist den Worten des Komikers Cohen unbedingt Glauben zu schenken.

Link: https://www.adl.org/

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