Finanzmärkte – das Monster ist weiter gefräßig

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Filmausschnitt "Money Monster"

Filmausschnitt „Money Monster“

Jodie Fosters Film „Money Monster“ mit George Clooney und Julia Roberts gehört zu den wenigen Mainstreamproduktionen, die sich der Gefahren des Aktienhandels angenommen haben. Seitdem „Bankenrettungen“ das Problem 2008 scheinbar befriedet haben, ist es in den schnelllebigen Medien kein Thema mehr. Dabei sind noch immer tausende von Anlegern dem undurchschaubaren Gebaren der Finanzprofis rettungslos ausgeliefert, und ganze Länder werden dafür in Mithaftung genommen. Wagt es Fosters satirisches Drama, ernsthafte Systemkritik zu üben, oder begnügt es sich damit, kriminelle Einzelfälle anzuprangern? Und was sagt „Money Monster“ über ein anderes monströses Phänomen aus: unsere völlig aus dem Ruder laufende, hoch manipulative Infotainment-Industrie? (Roland Rottenfußer)

„Jetzt muss jedem verantwortlich Denkenden in der Branche selbst klargeworden sein, dass sich die internationalen Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken gewiesen werden muss.“ So Ex-Bundepräsident Horst Köhler 2008. Die Idee hinter dem Wort „Monster“ ist: Da wurde etwas von Menschen erschaffen, das wächst und nicht mehr zu bändigen ist, das für seine Erschaffer selbst zur Gefahr wird. Mary Shelleys „Frankenstein“ ist ein solcher warnender Mythos, ebenso wie Goethes „Zauberlehrling“. Dort stehen die bekannten Worte: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ Diese Zusammenhänge kommen einem beim Ansehen von Jodie Fosters jüngstem Film „Money Monster“ unwillkürlich in den Sinn. Horst Köhler, der Mann mit dem oft erstaunlichen Durchblick, ist jetzt – vielleicht nicht zufällig – unser „Ex“, und von Finanzmarktfragen hört man verdächtig wenig in letzter Zeit. Es scheint als sei der Geist wieder in der Flasche. Und während unsere Politiker beharrlich schweigen und abwiegeln, braucht es offenbar den Papst, um wieder einen kraftvollen antikapitalistischen Satz in die Welt zu bringen: „Diese Wirtschaft tötet“.

Im Juli erlebten deutsche Zeitungsleser ein Déja-Vu, als berichtet wurde, dass italienische Banken auf faulen Krediten in Höhe von 300 Milliarden Euro säßen. Ursache ist eine Wirtschaftskrise, die vielen Unternehmen den Garaus gemacht hat, so dass Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden können. Zwar sehen neue EU-Richtlinien vor, dass der Steuerzahler nicht mehr für marode Banken zur Verantwortung gezogen werden kann – zuerst sollen Aktionäre und Anleger dran glauben müsse –, doch drängen italienische Banken auf eine „Ausnahme“. Schließlich seien viele Kleinsparer von der Krise betroffen. Das stimmt. Es erhärtet sich aber der Eindruck, dass Gewinne in fetten Zeiten reichlich in die Taschen der Großaktionäre und Banken fließen, während sich in Notzeiten Kleinsparer und Steuerzahler darum prügeln müssen, wer die Verluste zu tragen hat.

Niedrige Zinsen verlocken zu finanziellen Abenteuern

Für Deutschland fällt Fosters Film quasi antizyklisch in einen Zeitraum, in dem von den Gefahren der Finanzmärkte wenig die Rede ist und allenfalls über zu niedrige Zinsen geklagt wird. In der es vielmehr den Anschein hat, als seien die schmalen Grundsicherungen für bitterarme Flüchtlinge aus aller Welt das einzige Problem, mit dem unsere Haushalte zu kämpfen hätten. Im nämlichen Zeitraum gehen Schulden- und Vermögenswachstum ungebremst weiter. Und gerade die niedrigen Zinsen (teilweise Null-Zinsen) pumpen weiteres Geld verunsicherter Sparer in die Finanzmärkte. Risikolose Anlagen werden nun von der Inflation aufgefressen; wer mehr riskiert, kann jedoch alles verlieren. Man könnte nun hämisch anmerken, dass Geldanlagen angesichts grassierender Armut und Hartz IV-Verelendung ohnehin ein Luxusproblem seien. Wer weder mit risikolosen noch mit riskanten Anlagen leistungslos Geld verdienen könne, der müsse halt für sein Geld ausnahmsweise was leisten. Aber bei vielen Anlegern ist heutzutage nicht Gier der Grund, sich wenig trittsicher aufs Börsenparkett zu wagen. Vielmehr haben die berechtigte Angst vor Altersarmut und die aufdringliche Propaganda von Medien und Bundesregierung für private Alterssicherung viele Menschen zu riskanten Operationen gedrängt.

Ein solcher hilfloser „Normalo“, der von den Großakteuren auf dem Aktienmarkt ausgebootet wurde, ist auch Kyle Budwell (Jack O’Connell) in Jodie Fosters Film. Er verlor 60.000 Dollar durch eine Geldanlage, die der Börsenguru Lee Gates (George Clooney) in seiner Fernsehshow „Money Monster“ als totsicher angepriesen hatte. Während einer Sendung stürmt Budwell das Studio, bedroht Gates mit einer Pistole und zwingt ihn, sich einen Sprengstoffgürtel umzuhängen. Er fordert den Showmaster auf, ihm zu erklären, wie es zu den Wertverlusten von Aktien der Firma IBIS kommen konnte, die von Firmenboss Walt Camby (Dominic West) geleitet wird. Regisseurin Patty Fenn (Julia Roberts) rät Gates via „Knopf im Ohr“, mitzuspielen und vor laufender Kamera die Ursachen des Börsen-Desasters zu untersuchen. Unter dem Druck der Ereignisse wandelt sich der Zyniker Gates jedoch binnen kurzem in einen Moralisten und interessiert sich ernsthaft für die Machenschaften auf dem Aktienmarkt, die seinen Ruf als Börsenexperte zu untergraben drohen. Während die Sicherheitskräfte sie im Visier haben, verlassen beide Männer das Studio und machen sich auf die Suche nach dem flüchtigen Camby…

Der Wahnsinn ist die Normalität

Ein antikapitalistischer Film? Oder einer, der eher das System stützt, indem er die Täter der großen Massenenteignungsmaschinerie Börse als Entführungsopfer zeigt? Derartige Befürchtungen haben sich beim Anschauen des Films nicht bestätigt. Dafür, dass er in den terrorhysterischen USA gedreht wurde, zeigt „Money Monster“ sogar erstaunlich viel Sympathie für den „Terroristen“. Die Gewalt, die Entführer Budwell ausübt, führt zu einem Ergebnis, das ein Stück Gerechtigkeit wiederherstellt, auch wenn danach der Wahnsinn weiterläuft wie bisher. Das deutsche Kino täte sich momentan schwer mit solchen Lösungen. Die Strategie von RAF-Filmen wie „Baader Meinhof Komplex“ war ja gerade, die Ursachen des Terrors (Vietnamkrieg u.a.) hinter den Taten völlig verschwinden zu lassen. Man kann aus „Money Monster“ sogar eine Kritik an der Überreaktion der Sicherheitskräfte herauslesen. Diese sind ja bereit, den TV-Moderator anzuschießen, um den Sprengsatz an seinem Körper zu entschärfen. Und sie erschießen den Entführer bei erster Gelegenheit kurzerhand – ein Vorfall der an die Debatte um den Todesschuss auf den Axt-Attentäter von Würzburg (18. Juli) erinnert.

Berechtigt ist sicher die Kritik des Internet-Rezensenten Carsten Baumgardt, der moniert, Jodie Foster hätte eine wirklich substanzielle Wall-Street-Kritik nicht gewagt. „Letztlich stellt sie nicht das System an sich in Frage, sondern nimmt nur die Schurken aufs Korn, die für die verbrecherischen Exzesse sorgen. Die Yale-Absolventin ergreift uneingeschränkt Partei für den geschröpften Kleinanleger und Geiselnehmer – und damit auch für sein Recht auf einen guten Profit.“ So sind Jodie Fosters Äußerungen in Interviews merkwürdig unentschlossen, klagen kriminelle Ausnahmen an, wagen sich an den zutiefst perversen „Normalfall“ des Börsengeschäfts jedoch nicht heran. Foster bekundet Sympathie mit dem Entführer, indem sie seine American-Good-Guy-Eigenschaften lobt: „Er hat hart gearbeitet, hat seine Steuern bezahlt und in etwas investiert. (…) Seine Wut ist doch verständlich, viele Menschen in Amerika sind wütend darüber, was in der Finanzkrise passiert ist mit ihrem Vermögen.“ Am Rande gibt die zweifache Oscar-Preisträgerin quasi ein Missionslosigkeits-Statement ab: „Ich bin nicht sehr politisch, ich mache bloß Filme.“

Jodie Foster

Jodie Foster

Kann Geld „arbeiten“?

Eine merkwürdige Doppelmoral zeigt sich, wenn Kyles Verluste als verbrecherische Enteignung gegeißelt werden, die Gewinne von Anlegern, die etwas mehr Glück haben, dagegen als legitim. Meinen die Drehbuchautoren tatsächlich, dass Aktiengewinne auf Bäumen wachsen, oder dass – wie immer wieder von der Finanzbranche angeführt wird – „Geld arbeitet“? Der Roman-Autor Andreas Eschbach („Eine Billion Dollar“) entlarvt derartige sprachliche Nebelwerferkunst: „Ihr Geld wächst nicht, und es arbeitet auch nicht. Wenn Sie nach einer gewissen Zeit mehr Geld auf Ihrem Konto vorfinden als am Anfang, stammt dieses „mehr“ von anderen Leuten. Die sind es, die dafür gearbeitet haben. Man könnte sagen, diese Leute arbeiten für Sie. Sie zahlen Ihnen Tribut.“
Systemfehler aber kann man nur schwer identifizieren, wenn man aus Aktienbetrug ausschließlich ein Problem individueller Verhaltensauffälligkeit macht. In Film ist es Firmenboss Walt Camby, der sich eines Tages zu einer komplizierten Täuschungsaktion entschließt. Er stiftet Minenarbeiter in Südafrika zum Streik an, was den IBIS-Kurs nach unten treiben soll. Anschließend hätte dieser – nach Streikende – wieder steigen und allen Aktienkäufern enorme Gewinne verschaffen sollen. Doch hier hat der Finanzspekulatius die Rechnung ohne den Wirt – sprich: die Gewerkschaft – gemacht. Die weigert sich einfach, den Streik zu beenden, und alle Anleger verlieren viel Geld. Ist also die Gewerkschaft mit ihrer Forderung nach gerechten Arbeitsbedingungen Schuld am „Wertverlust“ ihrer Firma? In Wahrheit sind die Arbeiter doch die Einzigen, die tatsächlich Werte erschaffen, jenen Rahm, den andere dann leistungslos abschöpfen wollen.

Das Verbrechen als „Big Brother“-Event

Besser funktioniert „Money Monster“ als Mediensatire. Der Film zeigt drastisch, wie für die Medien buchstäblich alles zur Show wird, selbst eine eigentlich tragische Situation. Besonders Julia Roberts Figur der Regisseurin Patty steht für kühle „Professionalität“ am Rande aller nur denkbaren Abgründe – um der Quoten willen. Lee Gates indes verkörpert die unseriöse Vermischung von Information und Entertainment. Ohne Übertreibung, Dramatisierung und Herumgekasper scheint die Ware „seriöse Information“ heutzutage nicht mehr verkäuflich zu sein – schon gar nicht in den USA. Lee Gates hält sich für den Puppenspieler und ist doch in Wahrheit nur eine der Puppen. Er scheint ehrlich überrascht, dass sein abgehobenes „Infotainment“ für reale Menschen real destruktive Folgen hat. Alle Vorgänge, selbst intimste Gefühlsregungen und Mord (oder die Drohung damit) werden im Showgeschäft radikal ans Licht der Öffentlich gezerrt und vom Publikum – emotional letztlich unbeteiligt – verkonsumiert. Das Verbrechen als Großevent im Big Brother-Container.

Regisseurin Foster läuft denn auch gerade beim Thema Medienkritik im Interview zur Hochform auf, was zeigt, dass ihr dieses Thema mehr am Herzen liegt als Kritik an den Finanzmärkten. Die heute 53jährige verbrachte ja buchstäblich ihr ganzes Leben vor der Kamera, trat schon als Dreijährige in einem Werbespot auf, kann also auch in puncto „Manipulation“ ein Wörtchen mitreden. „Die Menschen sind daran gewöhnt, manipuliert zu werden. Und sie haben sich auch an manipulierte Beziehungen gewöhnt.“ Was alles konnten Medien ihrem Konsumentenvolk in jüngerer Zeit aufschwatzen: den ökonomisch hoch riskanten „Brexit“, die Notwendigkeit einer fünften, rechtspopulistischen Kraft im Bundestag, die Misshandlung des griechischen Volkes unter dem Oberbegriff „Hilfspaket“ oder die Alternativlosigkeit der Bankenrettung…! Schwer sind aber auch die Verwüstungen, die Manipulation in unserem alltäglichen Umgang miteinander anrichtet: „Wir schauen eine Person nur noch an, wenn ihr Gesicht auf der riesigen Screen im Time Square zu sehen ist“, so Foster.

Gewöhnung: der Feind politischer Wachheit

Nicht weniger brisant ist die Frage nach den Folgen beständiger Nachrichten-Beschallung: Informiert diese wirklich noch – oder entpolitisiert sie eher als Folge von Abstumpfung? „Wir leben in einem 24-Stunden-Nachrichten-Kreislauf und haben uns an das konstante Drama gewöhnt. Wenn es vorbei ist, gehen wir über zum nächsten. Es berührt uns nicht mehr. Wir sind passive Zeugen der Leben anderer, der Probleme anderer“, sagte Foster gegenüber dem „Stern“. Wenn wir uns gewöhnen, können die Feinde der Demokratieaber getrost die Dosis erhöhen – bis wir uns auch an die nächste Verschlimmerung gewöhnt haben. Dies gilt für Überwachungsstaat und Demokratieabbau ebenso wie für die Leiden von Menschen, die durch die Machenschaften der Finanzbranche um Geld und Existenz gebracht worden sind.„Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne, fange ich an mich an das Ende zu gewöhnen“, dichtete Erich Fried.

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