Freiheitsgebiete

 in Politik (Ausland), Politik (Inland), Spiritualität, Thomas Quartier
Bildlquelle: Creative Commons/Neil Cummings.

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Spirituelle Menschen können von politischen Aktivisten lernen, sich überhaupt um „äußere“ Dinge zu sorgen, sich einzumischen und zu handeln. Was aber können umgekehrt die „Politischen“ von den „Spirituellen“ lernen? Neben anderem sind das vor allem zwei Dinge: 1. Sich konsequent aus dem alltäglichen Wahn und seinen Strukturen herauszulösen (wie es Mönche seit Jahrhunderten praktizieren). 2. Beharrlich bleiben mittels einer Kraft, die von „innen“ kommt und einem hilft, in Zeiten der Erfolglosigkeit nicht einzuknicken. Der engagierte Mönch Thomas Quartier begab sich hierfür in einen Dialog mit dem Anthropologen, Anarchisten und Sachbuchautor („Schulden“) David Graeber. Sein Resümee: Klostermilieu und die Zeltstädte von „Occupy“ können beide als Freiheitsgebiete definiert werden, in denen Menschen erproben können, zu leben, „als ob sie schon frei wären“. (Thomas Quartier)

Im Urlaub vor einigen Jahren geschah es: Wir landeten mitten in London durch Zufall in einer Zeltstadt. Zu jener Zeit waren wir, eine kleine Gruppe unschuldiger niederrheinischer Spätjugendlicher, noch recht ahnungslos, was das zu bedeuten habe. Klar, man hatte schon mal davon gehört, dass es Leute gibt, die öffentlichen Raum blockieren, besetzen, in Anspruch nehmen. Aber wofür? Das war meistens doch etwas schwammig für unser Empfinden. Denn besetzt hatten wir nie etwas, und wir konnten uns auch partout nicht vorstellen, dass dies „etwas bringen“ könnte.

Nun war es also so weit, wir liefen durch ein „besetztes Gebiet“ mitten in der Stadt, und die Leute dort schienen, wie wir es uns in unserer Naivität vorgestellt hatten: Bunt und alternativ saßen sie vor ihren Zelten, unterhielten sich und „ließen den lieben Gott einen guten Mann sein“, so einer unserer spontanen Sätze. Na ja, so naiv war er natürlich auch wieder nicht, dieser Satz. Es ging anscheinend wirklich um nichts Konkretes. Leute, die im Zuge der Occupy-Bewegung erwarteten, dass nun konkrete Forderungen gestellt würden, hatten diese Form des Engagements nicht wirklich verstanden, und wir gehörten zu genau diesen Leuten.

Inzwischen bin ich um zwei Erkenntnisse reicher: erstens, dass Engagement nun gerade darin bestehen kann, keine praktischen Forderungen zu stellen; und zweitens, dass es konkreter Orte bedarf, an dem man sich dem Wahnsinn der Forderungskultur in Freiheit entziehen kann.

Der Anthropologe David Graeber, eine jener Personen, die sich intellektuell für eine Verortung des Engagements engagieren, ist dabei ein wichtiger Dialogpartner für mich. Er umschreibt, was in der Zeltstadt geschah, als „direkte Aktion“, und diese „tut so, als sei die bestehende Machtstruktur gar nicht da. […] In letzter Konsequenz besteht sie trotzig darauf, so zu handeln, als wäre man bereits frei“ (David Graeber, Inside Occupy. Frankfurt & New York: Campus Verlag 2012, 149). Schön und gut, war mein erster Gedanke bei diesem Zitat, aber wozu? Hier kann der spontane Satz, der in unserer Feriengruppe kursierte, vielleicht behilflich sein: „Um den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen“. Um das verstehen zu können, braucht es den Dialog zwischen aktivistisch und spirituell engagierten Leuten, und einen kleinen, bescheidenen Versuch dazu zwischen Graeber und mir möchte ich in diesem Beitrag beschreiben.

Besetzter Raum

Ich hatte mich schon oft gefragt, ob es eine Verbindung gibt zwischen den Locations direkter Aktion und spirituellen Orten, an denen ich meine eigene Form von Engagement suchte. Da ich inzwischen zu einem Kloster gehörte, reifte in mir die Idee, dass es sowohl bei Klöstern als bei Occupy-Dörfern um abgetrennte, umgrenzte Orte geht (claustrum), welche die Gesellschaft nicht negieren, sondern durch einen gelebten Kontrapunkt verändern wollen, sowohl politisch als auch spirituell. Politisch bringt Graeber wie folgt zum Ausdruck, worum es geht: „öffentlichen Raum zu besetzen, um eine New Yorker Vollversammlung zu schaffen, ein neues Gremium, ein Modell einer wahrhaft direkten Demokratie als Gegengewicht zu der korrupten Farce, die uns die amerikanische Regierung als ‚Demokratie‘ präsentiert.“ (Graeber, Inside Occupy, 40).

Der spirituelle Gehalt des abgegrenzten Raumes klingt auf den ersten Blick völlig anders. Ich selber habe ihn wie folgt entdeckt: „Es besteht heute das Bedürfnis an Formen und Räumen, die gerade einen Schritt weitergehen als das Normale auf einmal unnormal zu finden. […] Genau wie die Wüstenväter im dritten Jahrhundert sollte man nicht tun, was die Gesellschaft erwartet, auch nicht protestieren. Man sollte das scheinbar Sinnloseste tun, um Sinn zu entdecken“ (Thomas Quartier, Anders leven. Hedendaagse monastieke spiritualiteit. Heeswijk: Bernemedia 2015, 24-25). Ist das nicht etwas völlig anderes? Das Sinnlose steht der direkten Aktion scheinbar diametral entgegen: Spiritualität schwebt in alle Himmelsrichtungen, Politik ist handfest… Aber Moment, man darf dabei nicht vergessen, dass in beiden Fällen Raum geschaffen wird, besetzter Raum, in dem man das Unerwartete tut, das Unerhörte, und der Freiheit frönt.

Es sind also Freiheitsgebiete, die vielleicht der direkten Aktion Graebers und meinem spirituellen Engagement gemein sind. Dazu muss man diese Freiheit jedoch unterschiedlich begründen: Natürlich haben die diskutierenden Bewohner der Zeltstadt ganz andere Motive als die meditierenden Bewohner von Klöstern. Sie teilen jedoch den Anspruch, schlicht ein Freiheitsgebiet zu kultivieren und dasjenige zu tun, was in den Augen des Mainstream als das Sinnloseste von allem erscheint. Darin liegt der Sinn ihres Tuns: so zu tun, als sei man bereits frei. Die Unterschiede zwischen direkter Aktion und spirituellem Engagement hinsichtlich der Motivation und der Angriffsfläche, auf die man sich richtet, können in diesem Fall vielleicht gerade behilflich sein, um im besetzten Raum wirklich „horizontal“ voneinander lernen zu können.

Engagement

Was bedeutet das konkret? Die Occupy-Welle ist in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen wieder vorbeigeschwappt. Wo bleibt dann der besetzte Raum? Das Freiheitsgebiet scheint flüchtig, zu sein, so wie viele Locations in der heutigen Zeit ständig wechseln. Man könnte den Eindruck gewinnen, Engagement sei heute hier, morgen dort, und damit nicht wirklich nachhaltig. Erlaubt die „direkte Demokratie“, wie Graeber sie in seinem Buch beschreibt, eine feste Location? Oder ist sie per definitionem immer in Bewegung? Letzteres könnte auf die Dauer recht stressig werden. Darüber hinaus ist es spirituell die Frage, ob echtes Engagement nicht eine Langzeitwirkung voraussetzt. Muss das Freiheitsgebiet nicht kontinuierlich besetzt sein, um Wirkung zu erzielen? Was nützt eine Welle der Freiheit, wenn sie allzu schnell im Sande verläuft?

Diese polemisch anmutende Frage ist natürlich viel zu einseitig. Denn Bewegung und Langzeitwirkung widersprechen sich keineswegs. Langzeitwirkung entsteht aus einer ständigen produktiven Spannung zwischen Bewegung und Konstanz. So kann die Occupy-Bewegung gerade in spiritueller Hinsicht etwas zu sagen haben: sich zu trauen, genau jene Gebiete zu Freiheitsgebieten zu machen, an denen sich die momentan wichtigen Bewegungen abspielen, kurz: vor Ort zu sein. Und Spiritualität mahnt den Aktivismus zur Ruhe, in der bekanntlich die Kraft liegt. Beide Pole, Aktivismus und Spiritualität, können im wechselseitigen Dialog Langzeitwirkung erzielen. Es geht bei dieser Herangehensweise um Inspiration, nicht um Resignation, um Dialog, nicht um Belehrung.

David Graeber

David Graeber

Auch den Schriften David Grabers zufolge zeigt sich die Bedeutung einer engagierten Bewegung nicht in einem unmittelbaren Gefühl des Erfolgs, sondern im geduldigen Weitermachen, auch wenn man kurzfristig keinen Effekt zu sehen scheint: „Die Bewegung hatte sich [nach 2001] letztlich als schwach und ineffektiv erwiesen, und uns war es nicht gelungen, auch nur ein einziges unserer zentralen Ziele zu erreichen. […] Paradoxerweise war diese Entwicklung jedoch ein direktes Ergebnis unseres Erfolgs“ (David Graeber, Kampf dem Kamikaze Kapitalismus. Es gibt eine Alternative zum herrschenden System. München: Pantheon Verlag 2012, 13). Das Paradox der Langzeitwirkung besteht nun gerade darin, sich nicht in kurzfristigen Projekten zu verzetteln, sondern dauerhaft engagiert zu sein. Das erweist sich gerade auch auf Durststrecken.

Es lässt sich jedoch noch nicht von der Hand weisen, dass die Zeltstädte, wie wir sie damals im Urlaub in London durch Zufall betraten, nicht mehr da sind. Woher kann man die Kraft nehmen, Langzeitwirkung im Freiheitsgebiet zu erzielen, wenn alles doch flüchtig zu sein scheint, auch die angenommenen Erfolge, wie sie bei der Occupy-Bewegung unverkennbar sind? Der Dialog mit einer spirituellen Perspektive kann hier vielleicht Inspiration sein.

Verortung

In der Tradition der Wüstenväter im Ägypten des dritten Jahrhunderts findet sich bereits eine Vorstellung von der konkreten Verortung des spirituellen Engagements, die unseren besetzten Freiheitsgebieten etwas zu sagen hat. Bei den zahlreichen jungen Leuten, die damals dem Wahnsinn ihrer Zeit entflohen und in der Wüste gerade so taten, „als lebten sie schon in Freiheit“ (um Graeber zu paraphrasieren), stellte sich mit Sicherheit kein kurzfristiger, sichtbarer Erfolg ein. Im Gegenteil, sie wurden zu Outlaws ihrer Zeit, ganz ähnlich wie heutige Aktivisten. Eines unterscheidet sie jedoch von heutigen engagierten Zeitgenossen, die Räume besetzen: sie blieben wo sie waren. Klar, es war eine vollkommen andere Zeit, eine andere Kultur, eine andere Identität. Dennoch hat mich die Frage nicht mehr losgelassen, wie die Langzeitwirkung, die in der Spiritualität immer wieder thematisiert wird, sich in heutigen Freiheitsgebieten realisieren lässt. Mich treibt also eine Suche nach spiritueller Verortung des Engagements an, im wörtlichen und symbolischen Sinne, und meine Vermutung war und ist, dass dies auch bei Graeber der Fall ist.

Bei einer solchen spirituellen Verortung kann man vier Ebenen unterscheiden: die Abgrenzung (1), die Stabilität (2), die Lebensform (3) und die Kontemplation (4). Auf allen diesen Ebenen, so wird sich zeigen, kann die Stabilität ein Spiegel sein, eine alte Quelle, die man neu erschließen kann. Zugleich gilt natürlich auch, dass jede Wiederentdeckung eines Freiheitsgebiets für die Fortsetzung einer Tradition lehrreich, korrigierend, aufrüttelnd sein sollte (Thomas Quartier, Stabilitas als Kontrapunkt. Monastisches Leben und spirituelle Praxis heute. Studies in Spirituality 23 (2013) 81-100). Beste Voraussetzungen also für einen Dialog. Diesen habe ich mit David Graeber geführt. Für die vier genannten Dimensionen werde ich im Folgenden meine Erkenntnisse aus der Tradition und seine Reaktion skizzenhaft dokumentieren (der virtuelle Dialog fand am 10.5.2015 statt). Denn Aktivist und Mönch besetzten durchaus ein gemeinsames dialogisches Freiheitsgebiet…

Abgrenzung (1)

Der erste wichtige Grundsatz im spirituellen Raum ist, dass er sich von der Welt unterscheidet, also vom alltäglichen Wahnsinn abgetrennt ist. Man geht anderswo hin, um etwas zu bewegen. Durch diesen scheinbar geschlossenen Charakter des Raumes entsteht erst wirkliche Offenheit, so lautet das Paradox der spirituellen Verortung. Die Wüstenväter und Mütter bewegten sich in genau dieser paradoxen Spannung. Sie taten das scheinbar Unsinnigste, besetzten den Raum in der Wüste, auf der Suche nach Sinnhaftigkeit. Und dasselbe Motiv treibt Menschen auch heute noch in die Wüste des Klosterlebens. Treibt es sie auch in andere besetzte Gebiete? Was sagt unser Stadt-Wüstenbruder David dazu?

“Ich denke, dass es viele Parallelen zwischen Aktivisten und Klosterbewohnern gibt. Historisch kann man sicher eine Verbindung sehen: ursprünglich gab es keinen wirklichen Unterschied zwischen dem, was wir heute spirituelle, philosophische und soziale Bewegungen nennen. Monastische Gemeinschaften entstanden in diesem Gesamtzusammenhang. Vielleicht ist die Parallele im Buddhismus am deutlichsten, wo die Bezeichnung für monastische Gemeinschaften, ‚sangha‘, zugleich der Name für demokratische Versammlungen war, wie auch wir sie etablieren wollen. Diese wurden im damaligen Indien unterdrückt. Aber auch in der antiken mediterranen Welt waren monastische Gemeinschaften abgetrennte Orte für soziale Experimente. Sie bildeten die ersten Räume, wo die Sklaverei abgeschafft wurde. Heutige Besetzungen bewegen sich also durchaus in derselben großen Tradition der Verortung, in der auch ursprüngliche Klöster entstanden“.

Das soziale Experiment im abgetrennten Raum hat also, so lernen wir im Dialog, durchaus Sprengkraft. In manchem Kloster ist diese explosive Mischung sicherlich im Laufe der Zeit entschärft worden. Aber sie kann jederzeit wieder zünden, wenn man sich wieder neu verortet. Sie darf auch im gesellschaftlichen Engagement nicht zum Fehlzünder werden, wenn man vergisst, den eigenen Innenraum für Experimente zu pflegen, den abgetrennten Bereich des Engagements, der Sammlung und Versammlung. Abgrenzung bedeutet nicht, sich aus dem Gang der Dinge herauszuhalten. Vielmehr geht es darum, das bedeutungsvolle Freiheitsgebiet immer wieder dem Mainstream abzuringen, im Kloster wie in der Zeltstadt.

Stabilität (2)

“In ein Kloster eintreten ist nicht schwer – zu bleiben ist schwer”, so lautet eine monastische Weisheit. Allzu enthusiastische Projekte werden daher in der monastischen Spiritualität zuweilen mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Die Wüstenväter und Mütter fragen sich bei allzu hastigen Zeitgenossen: „Wozu die Eile?“ Hast widerspricht in ihren Augen der Tugend der Stabilität. Wirkliches Engagement ist, so lautet die Erkenntnis der alten Wüstenbewohner, “ein Dauerlauf und kein Sprint”. Liegt hier nicht auch eine der größten Herausforderungen für heutige Aktivisten? Fragen wir mit David einen Denker, der als Hans Dampf in allen Gassen engagiert zu sein scheint, nach seiner Wahrnehmung:

„Ich denke, dass die meisten Aktivisten etwas von dieser Stabilität lernen können. Es ist in aktivistischen Kreisen sehr schwer, so etwas wie Stabilität aufrechtzuerhalten. Das gilt nicht nur im physischen Sinne, sondern auch innerlich. Viele von uns neigen zu Überengagement, sie leiden an Burnout Symptomen, gehen dann in eine Art von Exerzitien und kommen nicht mehr zurück. Oder sie fallen dem Teufelskreis von frenetischer Aktivität und Zusammenbruch zum Opfer, oft auf sehr schmerzliche Art und Weise. Nur einige wenige Individuen verfügen über die Mittel, eine innere Balance zu finden die Stabilität ermöglicht. Bis dato gibt es noch keine kollektive Tradition, die uns diese Mittel lehren könnte.“

Die Sorge der alten Wüstenmönche trifft also vielleicht stärker denn je zu: man hat in aktivistischen Kreisen manchmal vergessen, dass die Verortung nun gerade Balance zustande bringen muss und nicht ständiges Ungleichgewicht. Woher aber die Balance nehmen, wenn die Ungerechtigkeit einen umtreibt? Es gilt dazu, Gemeinschaften zu pflegen, die sich immer wieder selber korrigieren. Man muss bereit sein, sich korrigieren, zuweilen auch ausbremsen zu lassen. Darum geht es in Klöstern: Stabilität ist ein hohes Gut des Freiheitsgebiets. Nur wer bleibt verändert etwas. Aktivistische Versammlungsräume setzen, so wage ich zu sagen, auf ihre Art und Weise auch Strukturen voraus, die ihren horizontalen Charakter in der Dauerhaftigkeit erweisen.

Lebensform (3)

Eine dritte Erkenntnis, die man aus spirituellen Räumen mitnehmen kann, ist der Primat der Praxis. So geht es beim geistlichen Leben idealerweisenicht um ein ausgeklügeltes System von dogmatischen Spekulationen. Vielmehr entwickelt sich alles, was zu Glauben und Vertrauen heranwachsen kann, im Tun (in actu). Natürlich ist dies in der Religionsgeschichte immer wieder schiefgegangen, aber die Suche nach einer Lebensform sollte Engagierte dennoch stets aufs Neue wachrütteln. Das Risiko der Ideologisierung liegt ständig auf der Lauer, und man kann ihm nur durch ein ehrliches Lebenszeugnis entgehen, wie es Brüder und Schwestern in aller Demut versuchen. Gibt es so etwas, dem Aktivisten David zufolge, auch im sozialen Engagement?

„Ich habe immer gesagt, dass wir Anarchismus nicht als ideologische Bewegung sehen sollten, wie z.B. den Marxismus – als wäre es eine theoretische Lehre, die man dann in die Praxis umsetzt. Es geht aber auch nicht ohne Ideale. Die Ideale bestehen in den praktischen Formen, die die Bewegung hervorbringt. Da ist z.B. der Versuch, wirklich freie Entscheidungsfindungsprozesse zu entwickeln. Diese werden nur in einer Gesellschaft ohne gewalttätige Strukturen möglich, in der man nicht versucht, Entscheidungen zu erzwingen. Daher bevorzugen wir den Konsens gegenüber der Mehrheitsentscheidung. Präfigurative Formen sozialer Verhältnisse schaden dieser Freiheit. Und unsere Ideale sind immer in Praxis eingebettet, ansonsten sind sie reine Spekulation“.

Hier treffen wir auf die wichtige Frage der Authentizität der Ideale, für die man eintreten möchte. Aber auch die Natürlichkeit der sozialen Organisation steht zur Disposition. Der Mönch und der Anarchist lernen voneinander, dass spirituelle und soziale Lebensformen beide zur Grundlage eines verantwortlichen Handelns werden können – in einem dynamischen Wechselspiel von Ideal und Wirklichkeit. Sie sind zuweilen in unterschiedliche Kontexte eingebettet, aber sie können sich in ihrer jeweiligen Lebenspraxis bereichern. Man denke an die Entscheidungsfindungsprozesse im Kloster, die einer sozialen Bewegung helfen können. Oder an die praktischen Ideale des sozialen Engagements, die das Kloster vor Dogmatismus bewahren.Engagierte Suchende sollten nur öfter miteinander reden und sich gegenseitigauf ihre Verfehlungen im Sinne von Luftschlössern oder Kerkernaufmerksam machen, in aller Freiheit, versteht sich…

Kontemplation (4)

Zu guter Letzt gehört die Kontemplation immer zum Handeln. Ohne kontemplative Basis, so lautet eine spirituelle Weisheit, ist manches Handeln nicht geerdet. Oft wurde gerade in engagierten Traditionen klösterlichen Lebens vergessen, dass man der Erdung in Meditation, Gebet, eben kontemplativer Praxis bedarf. Es geht dabei um die letztendlichen Offenheit des Lebens, die man nicht im Übereifer entdecken kann. Sollte sich dann jeder auf sein Meditationskissen zurückziehen? Oder haben wir es mit einem komplexen Verhältnis zwischen Aktion und Kontemplation zu tun (contemplatio in actione)? Wie vermeidet Aktivist David in seiner Praxis blinden Aktionismus?

„Ich hatte immer das Gefühl, dass eine antiautoritäre Praxis eine gewisse spirituelle Qualität hat. Es setzt einen gewissen Glauben voraus, wenn man für sich entscheidet, dass eine wirklich freie Gesellschaft möglich ist, denn es gibt ganz offensichtlich keinen empirischen Beweis dafür. Man muss an den guten Willen und die Ehrlichkeit anderer glauben, nicht weil man davon überzeugt wäre, dass alle in jeder Hinsicht guten Willens und ehrlich sind, sondern weil es keinen anderen Weg gibt, Ehrlichkeit und gute Absichten hervorzurufen als anzunehmen, dass sie bereits vorhanden sind. Diese Werte entstehen also durch Glauben. Den Konsens als Praxis haben wir übrigens zum großen Teil von den Quäkern und den amerikanischen Ureinwohnern gelernt. Diesen spirituellen Aspekt der Praxiskönnen wir noch viel besser anhand von konkreten Übungen entwickeln”.

Die Sehnsucht nach der bevorstehenden Entdeckungsreise nach dem spirituellen Aspekt der Praxis teilen der aktivistische und der monastische Autor. Was sind nämlich konkret die Übungen, die uns fit für die Reise machen? Sind es reine Kommunikationstechniken? Müssen wir uns nur ein bisschen auf dem Meditationsbänkchen beruhigen? Oder spielen letztendliche Sinnfragen des eigenen Handelns und des menschlichen Lebens eine Rolle? Letztlich können verschiedene Freiheitsgebiete einander hinsichtlich dieser Fragen ergänzen und erweitern. Es ist daher sicher auch kein Zufall, dass die Sympathie für die Occupy-Welle in den Spiritualitätsstudien durchaus vorhanden ist, und dass umgekehrt ein religiöses Phänomen wie das Klosterleben bei einem Aktivisten keine Irritationen hervorruft.

Kann man nun so weit gehen, dass die Bewohner der Zeltstadt, die wir im Urlaub antrafen, und die Klosterbewohner, zu denen ich mittlerweile selber gehöre, Nachbarn sind, in ihrem jeweils eigenen Freiheitsgebiet? Bewegen sie sich gar manchmal auf demselben Terrain? Das mögen die Leserinnen und Leser, die sich in den verschiedenen Gebieten befinden, ausmachen. Aber was die konkreten Forderungen angeht, die die Leute, die ich im Urlaub sah, nicht zu haben schienen, haben wir durch unseren Dialog durchaus dazugelernt: Egal, welches Freiheitsgebiet man betritt, man muss seine Ideale in konkreter Praxis entstehen lassen, nicht dogmatisch durchboxen (3). Dazu können durchaus auch konkrete Übungen gehören, wie man sich spirituell betätigen kann, das Kloster wird zur Fundgrube (4). Was die konkreten Orte betrifft, so haben wir gelernt, dass sie der Abgrenzung bedürfen, der wiedererkennbaren räumlichen Identität (1) und zugleich des Durchhaltevermögens (2). Aber auch die Aktualität und die Dynamik gehören zum Engagement. Die Reihenfolge lässt sich beliebig umkehren. Aber eines ist sicher: Mönch und Aktivist können durchaus in Dialog treten. Schade eigentlich, dass das nicht viel öfter vorkommt. Es wäre doch mal was, wenn Mönche öfter mal im Urlaub auf Zeltstädte träfen, und Aktivisten sich in Klöster verirrten. Es würde vielleicht manche Einseitigkeit beseitigen und ein großes Freiheitsgebiet entstehen lassen, auf das wir schlussendlich alle hoffen.

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