Frohe Weihnachten in unfroher Zeit

 In HdS-Klassiker, Holdger Platta, Kultur, Wirtschaft

Dickens-Figur Scrooge

Wie in drei Festtagsfilmen das Böse des Kapitalismus überwunden wird. Alle Jahre wieder rühren drei Filme, die bevorzugt zur Weihnachtszeit ausgestrahlt werden, die Fernsehzuschauer zu Tränen. Es handelt sich um „Ein Weihnachtslied“ (in verschiedenen Versionen verfilmt nach der gleichnamigen Großerzählung von Charles Dickens), um „Ist das Leben nicht schön?“ (einen Film von Frank Capra, gedreht im Jahre 1946) und um „Der kleine Lord“ (einen Film der britischen BBC aus dem Jahre 1980, nach einem Kinderroman der Autorin Frances Hodgson Burnett). Und der Autor dieses Beitrags nimmt sich von dieser Rührung keineswegs aus. alle diese Filme erzählen uns auch – in verschiedenen Varianten – die Geschichte von einem glückhaften Sieg über den Kapitalismus. Ein Anlaß also, über all diese Filme zu spotten? (Holdger Platta)

Um es auf den Punkt zu bringen:

Es sind allesamt Geschichten mit Happy-End. Und das Happy-End aller drei Filme besteht darin, daß böse Menschen zu guten Menschen werden, daß gute Menschen über böse Menschen obsiegen und daß die Welt, soweit sie uns in diesen Filmen erzählt wird, am Ende wieder in Ordnung ist oder sich umgewandelt hat zu einer besseren Welt. Anders gesagt: alle drei Filme bedienen das – vermutlich tief in uns Menschen verankerte – Bedürfnis nach einer heilen Welt, nach einer Realität, in der es endlich wieder mit den Menschenbeziehungen stimmt – und dies auf das harmonischste. Klar ist dabei: Weil alle Filme zur Weihnachtszeit spielen – wie Charles Dickens’ Geschichte – oder mit einem prachtvollen und glückhaften Weihnachtsfest enden, korrespondieren sie auch aufs beste mit den ganz speziellen Harmoniebedürfnissen ganz speziell zur Weihnachtszeit, mit humanen Bedürfnissen und mit dem Verlangen nach einer besseren – nein: eigentlich nach einer zur Gänze guten! – Welt, mit Bedürfnissen, die vermutlich besonders aufwühlend stark Millionen von Menschen gerade zur Weihnachtszeit verspüren. Wir alle kennen ja die entsprechenden, mit Advents- und Weihnachtszeit verknüpften, Assoziationen: Weihnachten – das „Fest der Liebe“, Weihnachten – das Fest harmonisch unter dem Tannenbaum vereinter Familien, Weihnachten – das Fest der „frohen Botschaft“, das Fest der göttlichen Erlösung von aller irdischen Drangsal und Qual.

Ein Anlaß also, über all diese Filme zu spotten? Grund, alle diese Filme abzutun mit dem Begriff des „Erfüllungskitschs“ (so vor kurzem ein genervter Marxist zu mir) oder, schlimmer noch, mit dem Vorwurf einer „abgrundtiefen Verlogenheit“ (so derselbe Freund und Marxist)?

Nun, schauen wir uns diese drei Filme einmal genauer an. Und blicken wir dabei vor allem auf ihre Abschlußszenerien, auf die Schlußsequenzen, in denen all die erwähnten Harmoniebedürfnisse und Erlösungsfantasien ihre Kintopp-Erfüllung finden, ihre aufs festlichste arrangierte Beglückungsklimax: mit allseits glücklichen Menschen, mit der Beseitigung aller Probleme, mit kräftigstem Einsatz zudem der entsprechenden, aufs prachtvollste eingesetzten, Begleitmusik. Ein überraschendes Zwischenfazit wird dabei sein: alle diese Filme erzählen uns auch – in verschiedenen Varianten – die Geschichte von einem glückhaften Sieg über den Kapitalismus. Was an dieser Stelle vielleicht noch überraschen mag. Doch der Reihe nach!

Wiedermenschwerdung des Ekelpakets Ebenezer Scrooge

Ebenzer Scrooge – der negative Held in Charles Dickens’ „Weihnachtslied“ – wird uns vorgestellt als kaltherziger Geizkragen, der irgendwie im Londoner Kapitalismus tätig ist, irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seinen einzigen Angestellten Bob Cratchit schikaniert er bis aufs Blut, Weihnachten hält er für „Humbug“, und zwei Herren, die Spenden sammeln für die Armen der Stadt, weist er mit den Worten zurück: „Gibt’s keine Gefängnisse, keine Armenhäuser?“ Ein Kotzbrocken also, wie er im Buche steht, ein Ekelpaket, ein Hanswurst des Bösen in einem äußerst bescheiden ausgestatteten Kontor.

Dieser Ebenezer Scrooge, der übrigens ein gutes Jahrhundert später bei Walt Disney wiederbelebt wird als der millionenschwere Geizkragen „Dagobert Duck“ – in der US-amerikanischen Originalversion hat ihn sein Erfinder und Zeichner Carl Barks „Scrooge McDuck“ getauft -, dieser Ebenezer Scrooge, der selber ein ausgesprochen freudloses Leben führt mit Haferschleimsuppe vor dem halbkalten Kamin, wird nun, im Verlauf der Dickens-Geschichte, von gleich drei Nacherziehern in Sachen Mitmenschlichkeit aufgesucht: vom Geist der vergangenen Weihnacht, vom Geist der gegenwärtigen Weihnacht und vom Geist der zukünftigen Weihnacht. Der erste Geist konfrontiert Scrooge mit dessen eigener Vergangenheit, mit der Episode, da er seine Liebe zu einem Mädchen eintauschte gegen die Liebe zu Karriere und Geld. Der zweite Geist führt ihm das Menschenbeziehungsvergnügen der Gegenwart vor, damit das eigene ungelebte Leben, das Leben seines Neffen zum Beispiel, auch das seines von ihm kujonierten Angestellten Cratchit, zeigt ihm aber, in der Elendsgestalt zweier Kinder, auch die Geißeln dieser frühkapitalistischen Zeit, nämlich „Mangel“ und „Unwissenheit“. Und der letzte, der dritte Geist verlegt sich schließlich ganz auf die Methoden der „schwarzen Pädagogik“ und konfrontiert Scrooge mit dem Spott, mit der Verachtung und der Antipathie zahlreicher Menschen, mit denen er zu Lebzeiten zu tun hatte, nach seinem Tod.

Belehrt von der Erinnerung an einen besseren Scrooge, der er einstmals war, belehrt von den Freuden zwischenmenschlicher Freundlichkeiten, Freude und Liebe, die anderen Menschen zuteil werden, die nicht zum schmiedeeisernen Geldschrank ihrer selbst geworden sind, belehrt nicht zuletzt von dem, was eine Nachwelt von ihm sagen und denken wird, wacht am Ende dieser langen, dreifach traumhaften Nacht ein anderer, ein gebesserter Ebenezer Scrooge in seinem Bett auf. Er wird Gelder spenden (in immenser Größenordnung), er wird seinem Angestellten einen Festtagsbraten schicken, das Gehalt erhöhen und sich fortan liebevoll um dessen gehbehinderten Jungen kümmern, er wird, nicht zuletzt, vergnügter Gast sein beim vergnügten Neffen, dessen Einladung zum Weihnachtsfest er vorher aufs schroffste zurückgewiesen hat. Die Gegenerfahrung einer besseren Welt als die, in der er bislang in seinem geizzerfressenen Geldgefängnis gelebt hat, die zauberhafte Alternativerfahrung einer Welt jenseits des Kapitalismus, hat Ebenezer Scrooge zu einem anderen, zu einem besseren, Menschen gemacht. Es liegt auf der Hand – weswegen auch ein Karl Marx diesen Autor Dickens sehr schätzte -: dieses Märchen träumt auch gegen den herrschenden Kapitalismus an, ein Stück weit jedenfalls (auf die Einschränkungen kommen wir noch zurück). Fakt ist mithin: wer sich, als Leser oder Fernsehzuschauer, in wachsender Identifikation, auf diese Geschichte einläßt, träumt sich – annähernd zumindest – in eine Welt jenseits der Kältegesetze des Kapitalismus hinein und freut sich mit Dickens und Scrooge, wenn die Übermacht des Kapitalismus über eine Menschenseele gebrochen wird. Das, zumindest das, sollte man nicht ganz übersehen.

Die Wiedervermenschlichung eines kaltherzigen Feudalherren

Womit ich auch schon bei der zweiten Geschichte bin. Die Rede ist vom „Kleinen Lord“, 1886 veröffentlicht in den USA von der britischen Autorin Francis Hodgson Burnett (Originaltitel „Little Lord Fauntleroy“). Auch hier wird uns die trostvolle Geschichte einer Menschenverbesserung erzählt, und auch hier gilt es, einem hartherzigen Vertreter der Betuchtenwelt, dessen verlorengegangenes Herz für die Benachteiligten, für die Unterdrückten und Ausgebeuteten, zurückzugewinnen. Doch anders als bei Dickens bringt das in diesem Roman ein kleiner Junge zustande (im Buch gerademal sieben Jahre alt), der Geisterwelt bedarf es diesesmal nicht. Und eingeräumt sei auch dieses, die Tatsache nämlich, daß hier ein Klassenkonflikt in den Mittelpunkt rückt, der ‚eigentlich’ noch auf dem Interessensgegensatz zwischen Großgrundbesitzern und einer, unter furchtbarsten Lebensbedingungen dahinvegetierenden, Landbevölkerung beruht. Dennoch blickt man durch diesen ‚veralteten’ Klassenkonflikt hindurch auf den Klassenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital, wie er das Großbritannien des ausgehenden 19. Jahrhunderts beherrschte. Ansonsten gibt es gar nicht so wenig Parallelen zur Weihnachtsgeschichte, die sich Charles Dickens rund vierzig Jahre vorher ausgedacht hatte. Doch auch hier der Reihe nach:

Der siebenjährige Cedric Errol, dessen verstorbener Vater Engländer war, lebt mit seiner aus den USA stammenden Mutter unter sehr bescheidenen Verhältnissen in einem turbulenten Stadtteil von New York. Hier nun klopft das leuchtende Ende der Geschichte in der Gestalt eines ehrenwerten Anwalts aus Großbritannien an die Tür. Es handelt sich um den Rechtsbeistand des englischen Großvaters von Cedric, des über riesige Ländereien verfügenden Earls von Dorincourt. Die Mitteilung des britischen Notars: Cedric sei der einzige Erbe des Adelstitels und des Vermögens seines britischen Großvaters. Deshalb solle er zu diesem nach Großbritannien reisen, um dort auf seine zukünftige Aufgabe vorbereitet zu werden.

Der britische Adelige, der Earl of Dorincourt, dünkelhaft und voller Vorbehalte gegenüber der, nunja, Demokratie in den USA, hatte Cedrics Vater verstoßen, als dieser eine US-Bürgerin geheiratet hatte, aber der zukünftige „kleine Lord“ ist nunmehr der einzige Erbberechtigte.

Nun, Cedric und seine Mutter willigen in dieses Angebot ein, obwohl die Mutter auf dem Gut des Grafen nicht einmal im Schloß wohnen darf, gemeinsam mit ihrem Sohn Cedric, und auch der „kleine Lord“ hat es zunächst mit einem äußerst kaltherzigen Opa zu tun. Die Landbevölkerung, die in den Diensten des Grafen steht, so stellen Cedric und seine Mutter fest, leben unter den erbärmlichsten Bedingungen in einem verwahrlosten Dorf, schlimmste Armut bestimmt deren Existenz. Aber Cedric gelingt es, mit seinem umwerfenden Charme und seiner unzerstörbaren Gutherzigkeit, auch im Großvater immer nur den Guten zu sehen, dieses Ekelpaket allmählich umzustimmen und seinerseits zu einem gutherzigen Zeitgenossen zu machen. Die kindlichen Missverständnisse Cedrics projizieren den Großvater in dessen verschüttgegangene Mitmenschlichkeit und Herzensgüte zurück. Ironisch gesagt: ein lieber Knabe macht auch seinen bösen Opa wieder lieb; gebügeltes Haar, gekämmtes Betragen, ein reinliches Stimmchen genügen. Und am Ende der Geschichte gibt es das Elend der Landbevölkerung nicht mehr, auch Mutter wohnt nunmehr im Schloß, und bei prächtigster Weihnachtsmusik feiern alle vorher Entzweiten gemeinsam das Christfest. Stand man schon von Anfang an in Gefahr, die Schlossherren der Welt mit Alec Guiness zu verwechseln, mit diesem verschmitzten Schauspieler, der auch in den finstersten Augenblicken des Filmgeschehens ein freundliches Blinzeln nicht ganz zu unterdrücken vermag, so ist die Illusion bei Kintopp-Ende perfekt. Nimmt man hinzu, daß in diesem Film der Anarchismus ein Gemüsehändler ist, der zu Beginn der Geschichte, im fernen New York, immer wieder Cedric vor dem Adel gewarnt hat, so liegt auf der Hand, daß hier Klassenversöhnung fernab aller Realität vorgespiegelt wird. Und dennoch:

In die mehrfach erfüllten Glückseligkeiten am Schluß – ein böser Mensch wird zum Menschenfreund, eine Familie findet wieder zusammen, und selbst dem verelendeten Landproletariat geht es zum Abschluß dieser Story bestens -, in diese Überfülle der Erfüllungen zieht es auch den Fernsehzuschauer unwiderstehlich hinein. Und die Glückstränen, die da geweint werden am Schluß, vielleicht auch vom heimischen Sofa aus, sind ja eigentlich die schlechtesten nicht. Wo es nur noch gute Kapitalisten gibt (in Wahrheit nur einer!), scheint letztlich auch der Kapitalismus nur eines noch: gut. Selbstverständlich: im „Kleinen Lord“ ist, etwas genauer betrachtet, selbst die Wunscherfüllung nur halbiert. Am Ende steht ein gutes Oben und Unten, nicht die Abschaffung von Oben und Unten auf dem Programm. Irgendwie bleibt alles nur Kapitalismus mit Caritas-Charakter. Aber ‚irgendwie’ fühlt sich alles doch ganz anders an. Im Seelenleben der Zuschauer wird mehr geträumt, als der Film zu bieten hat: eine Kapitalismusüberwindungsgeschichte schlechthin. Mag die Autorin, diese Francis Hodgson Burnett, innen lediglich aus lauter Wedgwood-Porzellan bestanden haben: sehr fein, sehr dekorativ, aber auch ein bißchen kitschig. Mag ihre Philantropie allzu sehr mit Blümchenmuster versehen gewesen sein, und alles duftet allzu sehr nach erlesenem Tee. Mag diese nette Geschichte von der Wirkungskraft der Nettigkeit, ausgedacht von einer netten Dame an einem netten Schreibtisch Stilrichtung Louis Queinze, noch so surreal erscheinen, voller Parfumgeruch und ohne den Duft eines wirklichen Blumenbuketts: nach vorne geträumt, in eine andere, in eine bessere Welt wird auch in diesem Fernsehfilm aus dem Jahre 1980 durchaus. Und nicht alles geht ja an den Realitäten vorbei, schon gar nicht an den Realitäten des kapitalistischen Elends und an den inneren, an den emotionalen Realitäten der Gattung Mensch. Ich komme noch darauf zurück.

Zum dritten Sieg über den bösen Kapitalismus

Und damit zu unserer letzten Weihnachtsgeschichte in diesem Zusammenhang, zu Frank Capras Melodram bzw. Tragikomödie „Ist das Leben nicht schön?“, gedreht im Jahre 1946 in den USA, zwei Jahre nach seinem Supererfolg „Arsen und Spitzenhäubchen“, einem Film, in dem zwei nette alte Damen reihenweise alte nette Herren ins Jenseits befördern. Es ist, bei allem Einsatz eines Engels „zweiter Klasse“, eines Engels, der noch ohne Flügel ist, Clarence mit Namen, der realistischste Film von allen. Aber auch dieser Streifen in Schwarzweiß setzt auf all die bereits genannten Themen und Wünsche, Sehnsüchte und Utopien: auch hier also – ‚irgendwie’ – eine Geschichte, in der ein Einzelner über den bösen Kapitalismus siegt, auch hier Familienwiederzusammenführung am Schluß (= in allen drei Geschichten bemerkenswerterweise ein ganz wichtiges ‚Neben’glück!), auch hier beim Happy-End eine heftig inszenierte Weihnachtsherrlichkeit: mit Schneefall, sehr viel Freundschaft, mit sehr viel wiedergewonnener Fröhlichkeit und Gesang. Doch auch hier der Reihe nach.

Ausgerechnet am Heiligen Abend verliert George Bailey, der beliebteste Bürger der Kleinstadt Bedford Falls, irgendwo in den USA, seinen Lebensmut. Bailey steht auf einer nächtlichen Brücke und gedenkt, sich in den kalten Fluß zu stürzen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Was ist geschehen?

Nun, Bailey hat sich, vor Jahren schon, mit dem reichsten Mann der Stadt, mit Henry F. Potter, angelegt, einem skrupellosen Geschäftsmann, Bankier und Inhaber unzähliger Immobilien in diesem Ort. Baileys Vater hatte bereits eine Genossenschaftsbank gegründet, „Building and Loan“, mit dem Ziel, den weniger begüterteten BürgerInnen der Stadt zu erschwinglichem Wohnbesitz zu verhelfen, und George Bailey war eingestiegen in dieses soziale Projekt. Doch Potter, der hartherzige Kapitalist, setzt alles daran, diese Pläne zunichtezumachen. Und ohne dessen Zutun scheint es bereits am Schwarzen Donnerstag 1929 so weit. In Bedford Falls verbreitet sich das Gerücht, ihre Bausparkasse stehe vor dem Bankrott. Die Anleger stürmen die Bank und wollen schlagartig ihr Geld zurück, ansonsten würden sie ihre Aktien an Potter verkaufen. Doch Bailey weiß diese kalte Aneignung von „Building and Loan“ durch Potter zu verhindern. Er verteilt das eigene – für die Hochzeitsreise aufgesparte – Geld an die Aktionäre und beruhigt sie damit.

George gründet Bailey Park, ein Wohngebiet für ärmere Menschen, und entzieht so Potter ein gutes Stück Macht über die Stadt. Der reagiert mit einem korrumpierenden Angebot: George solle bei ihm Angestellter werden, zu einem immens hohen Gehalt. Doch George durchschaut die Absicht, ihn damit als Rivalen kaltzustellen, und lehnt ab.

Und dann kommt es zu dem entscheidenden Missgeschick, das George an den Sinn seines Daseins zweifeln läßt und ihn fast dazu bringt, sich umzubringen, am Heiligabend des Jahres 1945. Ein hoher Bargeldbetrag (8.000,- Dollar), ihm anvertraut, geht durch eine Ungeschicklichkeit verloren und fällt ausgerechnet Potter in die Hände, der diesen Fund böswillig geheim hält. Da gerade an diesem Tag eine Bilanzprüfung stattfinden soll, steht „Building and Loan“ vor dem Bankrott, und George droht das Gefängnis.

Wie sich all diese Probleme, dank Hilfe des „Engels Zweiter Klasse“, des Tölpels, der gleichwohl ein kluger Psychologe ist, Clarence, in lauter Wohlgefallen auflöst, sei hier nicht erzählt. Entscheidend für den immensen Wunscherfüllungscharakter dieser Geschichte ist auch hier die Schlußsequenz des Films.

Potter, der Todfeind, wird ganz legal ausgetrickst. George Bailey, der gute sozialgesonnene Kontrahent des bösen Kapitalisten, obsiegt. Bailey stürmt von der Brücke in das tiefverschneite Städtchen zurück, ein Erlöster ruft zig Menschen ein „Fröhliches Weihnachten“ zu und erntet die entsprechenden Wünsche, ein ramponierter und glücksaufgewühlter Bailey kommt bei sich zuhause an, trifft noch die Bankprüfer an, aber auch seine Frau und die Kinder, und dann stürmt das Befreiungsglück gleich in riesiger Anzahl in das bescheidene Häuschen hinein. Freunde haben Geld gesammelt für ihn, mehr als der Fehlbetrag liegt schließlich auf dem Tisch, „Ein Wunder ist geschehen!“ ruft man ihm zu, „Du bist der reichste Mann der Stadt!“, heißt es, und gemeint ist, der an Freundschaften reichste, Musik setzt ein, und am Ende singen alle gemeinsam, überwältigend vom berühmten Filmkomponisten Dimitri Tiomkin arrangiert, das alte, in den USA ungemein populäre Freundschafts- und Silvesterlied „Auld Lange Syne“ („Längst vergangene Zeiten“) aus dem schottischen Hochland. Familienglück, Nachbarschafts- und Gemeinschaftsglück, Kapitalismusüberwindungsglück fallen in eins. Und wiederum wird der Zuschauer unwiderstehlich mit hineingezogen in die überwältigende Glückseligkeit aller. Eine Welt, in der es nur noch Freundlichkeiten und Hilfe und Liebe und Erlösung gibt, füllt den Bildschirm – und auch die Herzen der Menschen vor dem Fernsehapparat. Und wie beim „Weihnachtslied“, wie beim „Kleinen Lord“ ist am Ende alles, alles gut. Anlaß nur für Spötteleien?

Diverse Fragwürdigkeiten

Natürlich werden uns in allen drei Filmen ausnahmslos Geschichten erzählt, in denen Einzelne den bösen Kapitalismus besiegen, und bestenfalls sind es auch nur böse Einzelne, Kapitalisten nämlich, die besiegt werden oder sich zum Besseren bekehren: Personalisierung oder Subjektivierung ist das Merkmal all dieser Geschichten, weshalb – ein Grunderfordernis jeder marxistischen Analyse von Geschichte und Gesellschaft – eines völlig uneingelöst bleibt: die sogenannte „Systemfrage“ zu stellen. Dabei ist doch klar: niemals wird Kapitalismus zu überwinden sein, wenn nur Einzelpersonen gegen Einzelpersonen gewinnen. Und niemals wird Kapitalismus zum gütigen System, lediglich deshalb, weil einzelne Kapitalisten selber gütig werden. Das Mehrwertgesetz des Kapitalismus, das systematische, nicht nur individuell-bedingte Ausbeutung ist, wird nicht aus der Gesellschaft verbannt, indem ein Ebenezer Scrooge zum Philantropen wird, ein Lord Dorincourt zum edlen Adligen mutiert und ein Henry F. Potter ausgespielt hat. Außerhalb dieser Individualgeschichten existiert im Gegenteil der Kapitalismus weiter – man kann auch sagen: außerhalb dieser Filmwelt.

Natürlich ist, zum zweiten, richtig, daß all diese Filme bestenfalls nur halbe Lösungen präsentieren: nach seiner „Bekehrung“ wird Scrooge mehr für seinen Angestellten, für dessen behinderten Sohn und für die Caritas tun. Lord Dorincourt wird das ländliche Proletariat humaner entlohnen. George Bailey, der Sieger in Bedford Falls, wird nun ungestörter ein Herz haben dürfen für die Anteilseigner seiner Genossenschaftsbank. Aber gleichwohl bleibt das alles nur halbe Sache und halber Sieg. Mag sein, daß an die Stelle eines bösen Oben und Unten nunmehr ein besseres – meinetwegen auch ein gutes – Oben und Unten tritt. Ein Oben und Unten bleibt es gleichwohl. Abhängigkeiten und Hierarchien gibt es nach wie vor, auch wenn sie nunmehr freundlicher aussehen. Ein Rest von Glückslotterie bleibt, auch nach dem Ende dieser Geschichten, denn viele, viele andere Menschen haben nicht realen Anteil an diesem Glück.

Und richtig ist, zum Dritten und schließlich, auch, daß selbstverständlich all diese Kapitalismusüberwindungsgeschichten (bestenfalls: individuelle Kapitalismusüberwindungsgeschichten!) auf Wege setzen, die für den realen Kampf gegen den Kapitalismus völlig untauglich sind – selbst dann, wenn es nur um Veränderung oder Niederringen einzelner Kapitalisten ginge. Noch in jeder dieser drei Filmerzählungen wird letztlich auf Wunder gesetzt: Dickens benötigt zum Bekehren seines bösen Scrooge gleich drei Weihnachtsgeister, die Autoren des Capra-Films bringen ebenfalls außerirdische Hilfe ins Spiel, den sympathisch-einfältigen „Engel Zweiter Ordnung“ Clarence, und die Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett muß ganz auf die übermächtige Erziehungskraft eines Knaben setzen, dessen Wirksamkeit wohl nirgendwo in der realen Gesellschaft irgendeine Chance hätte – ein Märchen demzufolge auch dies. Kurz: was die Lösung der – immerhin das! – angesprochenen Probleme betrifft, handelt es sich bei all diesen Stories um völlig ratlose Geschichtenerzählerei.

Ein erstes Zwischenfazit lautet denn also:

Das große Glücksversprechen, es gäbe keine Klassen mehr (bzw. nennenswerte Klassenunterschiede) und die Menschheitsverbrüderung träte an die Stelle von Ausbeutung, Unterdrückung und Konkurrenz, bleibt Illusion (auch: Suggestion). Durch Niederlage einzelner Schurken wie Potter oder Menschenläuterung der vorherigen Kotzbrocken Lord Dorincourt und Ebenezer Scrooge schafft man den Kapitalismus nicht ab. Insofern – vollkommen zutreffend, vollkommen richtig! – bieten alle diese Wunscherfüllungsgeschichten von der Überwindung des bösen Kapitalismus nur den schönen Schein seiner endgültigen Niederlage an. Aber: dieser schöne Schein, diese Illusion, diese Kintopp-Erfüllung menschlicher Wünsche nach einem humaneren Zusammenleben der Menschen schlechthin, stellt trotz alledem auch noch etwas ganz anderes dar als einen schönen Schein, etwas anderes als bloße Illusion, und dieser schöne Schein geht in einer solchen Negativanalyse keineswegs auf. In was, bitteschön, sonst aber noch?

Ein schöner Schein, der auch Vor-Schein ist

Erstens: Trotz all dieser Feststellungen geben uns alle drei Filme eine fundamentale Erkenntnis mit auf den Weg: Kapitalismus und Menschlichkeit gehen nicht wirklich zusammen (und Capra, dem Regisseur der Bailey-Geschichte, brachte das dann in der McCarthy-Ära auch prompt den Vorwurf ein, einen „kommunistischen“ Film gedreht zu haben!).

Zweitens: Trotz dieser Feststellungen inszenieren alle drei Filme wieder und wieder die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt – jenseits des Kapitalismus.

Drittens: Alle drei Filme zeigen mit ihren Wunscherfüllungsfantasien das richtige Ziel (wenn auch nicht den richtigen Weg). Es wird nach vorne geträumt. Der Scheincharakter dieser Glücksinszenierungen ist gleichzeitig Vor-Schein einer anderen, besseren Welt. Durchaus im Sinne dieser Zuversichtsvokabel Ernst Blochs in seinem Großwerk „Prinzip Hoffnung“ fließt in diesen Filmen das, was der Tübinger Marxist als „Wärmestrom“ der Geschichte bezeichnet hat und – eben – als „Vor-Schein“ einer anderen, besseren Welt.

Werfen wir also aus diesen Geschichten und Filmen nicht das Bekräftigungspotential solcher Wünsche hinaus! Natürlich, die in diesen Streifen gezeigte „Caritas“ (mehr ist es letztlich nicht!) wird stets nur ein Griff in die Portokasse des Kapitalismus sein, niemals jedoch diesen in seinem Zentrum treffen. Aber der Anspruch auf eine Welt, in der es gut zugeht für alle, der wird gleichwohl angemeldet in jeder dieser Geschichten. Daß der Kapitalismus seiner Natur nach ein menschenfeindliches System ist, das zeigen diese Filme durchaus. Daran ändert auch all die Irrläuferei dieser Leinwandproduktionen nichts zur Erlangung einer besseren Welt.

Wer also diese Weihnachtsstories als „Erfüllungskitsch“ bezeichnet und mit der Vokabel „verlogen“ erledigt, geht demzufolge am Doppelcharakter dieser Filme vorbei. Er läuft Gefahr, das Utopische, das trotz allem in diesen Streifen mitinszeniert worden ist, zu verkennen, er läuft Gefahr, das Ziel der besseren, der kapitalismusfreien Welt gleich mitzudenunzieren, wenn er diese Filme zur Gänze denunziert. Infantil an diesen Geschichten ist nicht der Wunsch, der sich in ihnen geltend macht und aufs prachtvollste durchsetzt am jeweils prachtvollen Schluß. Infantil ist einzig und allein die Methode, von der uns diese Filme-Trias zur Realisierung solcher Wünsche erzählt, gerührt und rührend zugleich.

Die Utopie aller drei Filme – sämtliche Menschen sind am Ende miteinander versöhnt, alle sind gleichen Ranges, alle lieben einander – bringt die Menschen, trotz aller Fragwürdigkeiten, trotz aller Kapitalismusverkennungen, auch zu sich selber zurück. Sie packt die Zuschauer – in der Identifikation mit ihren ‚Helden’ – beim Ureigensten, das zum Menschen zählt, sie packt die Menschen beim Wunsch, eigentlich keine Klassenwesen sein zu müssen, beim Wunsch, nicht im Zustand der Selbstentfremdung und Disharmonien leben zu müssen, beim Wunsch, ein autonomes und glückliches Leben führen zu können, nicht unter Klassenverhältnissen, sondern in guter Gemeinschaft mit allen anderen Menschen.

Natürlich, noch jeder dieser Filme verharmlost die Gegenkräfte zu dieser Utopie. Sie tauchen im Grunde nichtmal auf. Aber wenn wir diese Filme pauschal kritisieren, dann kritisieren wir auch diese Hoffnung weg, diesen Vor-Schein, diese Utopie. Mein Vorschlag ist:

Kritisieren wir lieber von dieser Utopie her, von diesem Vor-Schein, von dieser Hoffnung her eben diesen Kapitalismus mit dessen bestialischen Kräften! Und vergessen wir dabei auch das Folgende nicht:

So richtig es ist, daß humane Moral ohne Marxismus Gefahr läuft, eine bloße Dummheit zu sein, so richtig ist auch, daß Marxismus ohne diese humane Moral Gefahr läuft, ein Verbrechen zu werden.

Ich gebe zu, bei der Auseinandersetzung mit diesen drei Filmen fiel mir immer mal wieder eine These von Lenin ein – jawohl, ausgerechnet, von Lenin! Er schrieb in seinem Fazit zu Hegels „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ (in den Jahren 1914/1915 war das):

„Ein kluger Idealismus steht dem klugen Materialismus näher als der dumme Materialismus.“

Nun will ich nicht in letzter Konsequenz behaupten, daß uns diese drei Filme Varianten eines „klugen“ Idealismus böten. Mehr als Halbklugheiten kann wohl keiner dieser Filme für sich reklamieren (am ehesten wohl noch der Capra-Film). Aber das Wünschen dieser Illusionsprodukte steht den Menschen in manchem doch näher als so manche kluge Darstellung der Mehrwerttheorie. Auf Publikum aus, nehmen sie eben auch dessen affektive, dessen „ideelle“ Bedürfnisse in den Blick (was ein „platter Materialismus“ eben nicht tut!). Insofern, ich riskiere diesen Satz, steht sogar mancher Kitsch dem Menschen näher als die marxistische Theorie – was letztere betrifft, zumindest in der Gestalt jener Texte, durch die wir uns hindurchzubeißen haben wie durch Berge trockenen Brots. Aber wir können es auch anders formulieren, und wir sind damit noch einmal bei Ernst Bloch.

Der marxistische Philosoph sprach an einer bestimmten Stelle in seinem Buch „Erbschaft dieser Zeit“ – dort, wo er die Propaganda der Nazis mit der Agitation der Kommunisten verglich – einmal die folgende Tatsache an (ebenda, S. 153):

„Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“

Auch unser Thema hier hat ein Stück weit mit diesem Unterschied zu tun. Zwar handelt es sich bei allen drei Filmen nicht um Faschismus und auch deren „Betrug“ dürfte keinesfalls ein faschistischer sein. Aber daß diese Filme „zu Menschen“ sprechen, das dürfte ebenso wahr sein wie die Tatsache, daß eine schnarrende Marxistenanalyse, die sich diese Filme lediglich vornimmt, um daran alles Falsche zu demaskieren, über die Menschen hinwegquatscht und an allem Menschlichen, an allem Affektiven, vorbei. Anders gesagt: Wer die Emotionalität der Menschen zum Jenseits seiner marxistischen Theorie macht, darf sich über die Misserfolge seiner marxistischen Praxis im Diesseits nicht wundern. Er betriebe, im vorliegenden Fall, schlechte Entzauberung der Geschichten, und zwar, so vermute ich, aus einer Haltung heraus, die ganz prinzipiell alle Attraktivität des Emotionalen dem Gegner und dem Missbrauch überlässt – bis in den Faschismus hinein, wobei der ja nur verquetschter Affektivität Unterschlupf gewährte in seiner Bewegung.

Es gibt da einen uralten Satz, vom uralten Marx, der auf unsere Sache hier vielleicht am besten passt. Marx schrieb im Jahre 1843, in einem Brief an den zeitweiligen Bundesgenossen Arnold Ruge (siehe: MEW Band I, S. 348):

„Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysirung <sic! HP> des mystischen sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von dem sie nur das Bewusstsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen.“

Mir scheint, Absage an jedwede Dogmatik und stattdessen Plädoyer fürs Analysieren dessen, was Sache ist, das ist das eine, was Marxisten beherzigen sollten. Wichtiger aber dürfte noch die andere Aussage sein, und ich beziehe sie ohne Einschränkung auf unser Thema hier: die vorgestellten Filme besitzen den „Traum von einer Sache“ (= Sehnsucht nach der Überwindung des Kapitalismus), aber noch nicht das „Bewusstsein von ihr“ (= das richtige Wissen zu seiner Beseitigung). Deswegen die Mystifizierungsmomente in allen drei Geschichten, mit Engeln und Geistern und surrealem Knaben-Charme, deswegen die halbierten Lösungsvorschläge – bestenfalls -, deswegen die Personalisierung eines Sachverhalts, der im Kern eine Systemfrage ist und mit der Gutherzigkeit einzelner zum Guten bekehrter Kapitalisten nicht schon alles zur guten Sache zu machen vermag. Heißt, mit anderen Worten gesagt:

In allen drei Filmen wird das Richtige geträumt – und bitte Anerkennung und Respekt für diesen Sachverhalt. Doch das Richtige wird immer noch falsch geträumt, wenn man auf die Lösungsvorschläge blickt, auf diese Wolkenkuckucksheimerei. Das Dumme und das Kluge, das Falsche und das Richtige, beides tritt in diesen Filmen auf. Kurz:

Mag es auf der Leinwand am Schluß der Filme noch so hell sein, und es ist immens hell am Schluß dieser Filme – im Kinosaal herrscht bis zum Ende nur Dunkelheit, trotz allen Angerührtseins. Von Ergriffensein kann wahrlich die Rede sein, von Begreifen wohl kaum.

Lieben wir also das Liebenswerte an diesen Filmen. Und klären wir ihre Fragwürdigkeiten. Schaffen wir daher im doppelten Sinne Helligkeit: im Herzen wie im Verstand!

Beides tut Not. Beides tut gut. Nur dieses ist Aufklärung ganz.

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