Frohes Fest!

 In FEATURED, Ludwig Schumann, Politik

„Ja, ich bin ratlos. Und wütend“, gibt unser Autor Ludwig Schumann zu. Das ist ehrlich – und wenig vereinbar mit dem von den Medien und von Schaufensterauslagen verordneten „Weihnachtsfrieden“. Dabei gehören heimische Kabbeleien unter „Sondierern“ und die Frage, welcher der „Fifty shades of neoliberalism“ demnächst die Macht im Land übernimmt, noch zu den Luxusproblemen. In den Lagern hungern und frieren Menschen, die bei uns eine Bleibe suchen, während die Krone der Schöpfung fleißig Küken schreddert und Wölfe abschießt. Die Äcker stinken, und die Vögel schweigen, könnte man in Anlehnung an ein Lied von Konstantin Wecker zusammenfassen. Und weihnachtlich glänzen die frisch polierten Gewehre, die von deutschen Waffenschmieden an jedes hanebüchene Regime der Welt geliefert werden.  (Ludwig Schumann)Was sollte uns beunruhigen? Wir haben doch eine Regierung. Eine abgewählte. Ich kaufe auch gebrauchte Schallplatten. Die haben manchmal einen kleinen Kratzer. Aber das macht ja gerade ihren Charme aus. Ich könnte mit dieser gebrauchten Regierung weiter leben. Der abgewählte SPD-Chef macht seinen Außenministerposten ganz passabel. Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, Herrn Schulz dann auf diesem Posten sehen zu sollen. Ich meine den, der sich gerade zum Männchen macht und dreht und windet, um das böse Wort „GroKo“ nicht in den Mund zu nehmen. Immerhin hätte die SPD, hätte sie wenigstens soviel Selbstbewusstsein wie die Fliege, die mir heute morgen in die Marmelade fiel und tierisch darin herumruderte – Sie meinen, das war die Angst? Die ums Überleben? Ja, das kann gut sein. Ich sah das eben noch anders. Aber wenn Sie das sagen?

Ja, hätte die SPD das Selbstbewusstsein, und brächte es auch nach außen, dass sie in der GroKo für sozialdemokratische Werte stand und beispielsweise den Mindestlohn, wenn auch zu niedrig, aber doch immerhin erst einmal eingebracht hat – hätte sie dieses, brauchte sie sich jetzt nicht wegducken. Ja, der Schulz und seine Oppositionspartei. Wie eine Opernaufführung wurde das angekündigt: Wir gehen jetzt in die Opposition! Nun wird das nichts mit der Oppos … , ist ja auch Mist, hat ein anderer Sozi gesagt, Münte. Nur der Schulz und seine Andrea, ach, wäre man nicht so nassforsch gewesen.

Aber woher sollte man auch wissen, dass dieser nassforsche Westerwelle-Verschnitt (Westerwelle konnte es nicht, sein Verschnitt traut sich gar nicht erst) hinschmeißt. Sehr theatralisch. Wir sind moralisch integer! Wir wollen keinen Zugug von Flüchtlingsfamilien. Apropos, da gibt es ja auch noch die schwarze Bayerm-Truppe, die Verweigerertruppe. Die verweigern alles, außer Kriegsdienst. Und Glyphosat. Damit die SPD weiß, was gehauen und gestochen ist, wird die alte Koalition schon mal gebrochen. Und der Landwirtschaftsvernichterminister Schmidt, der fröhlichen Gesichts die Küken weiter schreddern lässt, der fröhlichen Gesichts in Kauf nimmt, wie sich die Nitratwerte im Boden gegenüber den Höchstwerten in der DDR nahezu verdoppeln (schließlich muss die Gülle irgendwohin, warum dann nicht aus Holland nach Sachsen-Anhalt, wo es eh schon stinkt), der auch angesichts leerer Windschutzscheiben Glyphosat für die nächsten fünf Jahre weiter auf die Felder fahren lässt…

Den Rest Bienen, Hummeln, Vögel werden wir schon klein kriegen. Immer dieses Scheißgezwitscher am frühen Morgen. Gott sei Dank ist der Herr in einer C-Partei. Man darf also glauben, dass er dafür nach seinem Ableben aus der Hölle nicht mehr herausfinden wird, zumindest wenn es gerecht zuginge. Aber eigentlich wollten Sie doch zumindest bei diesem langsamen Leser vor Weihnachten etwas Versöhnliches lesen? Etwas, das eher der Weihnachtsbotschaft vom Frieden entspricht? Nun, die Koalitionsverhandlungen will man nun nach Weihnachten beginnen. Wenn der Frieden vorbei ist, wahrscheinlich. Warum erinnert mich der Schulz in diesen Tagen bloß so dergestalt an einen Pinscher? Kann es sein, dass er die Beute wittert, nur die Richtung nicht kennt, in der er sie fände?

Sie werden Weihnachten alle ihre Friedensgesichter aufsetzen, vom selbigen faseln und niemand (wir auch nicht, wir sind mitnichten besser als die Politiker, die wir wählen oder nicht wählen), niemand hört die Stimmen der 15000 Syrer, die im heißgepriesenen Hot Spot auf der Insel Lesbos festsitzen, in Sommerzelten im griechischen Winter, seit Monaten. Ausgeliefert einem Staat, der für die EU hier Statthalterdienste verrichten soll, für die er nicht in der Lage ist. Unser Weihnachtsfriede steht auf verdammt tönernen Füßen, und bei dem Gedanken, wie es dort, im Schlamm, den in, ja, ich höre ja schon auf, aber in Fäkalien hausenden Menschen – es sind Menschen! – geht, müsste die Weihnachtsgans uns vom Magen her wieder rückwärts verlassen.

Diese Menschen sitzen dort, weil wir uns nicht in der Lage sehen, sie aufzunehmen. Der Übervolkung wegen. Apropos, können wir nicht mal all diesen vor Angst ums Abendland bibbernden Menschen eine Untersuchung ihrer genetischen Signaturen verordnen? Dann wird es eng mit dem Deutschsein, wenn deutlich wird, dass es in dem Raum, in dem wir leben, immer wieder die Ankunft anderer Menschen und die Vermischung dieser mit den hier lebenden gegeben hat, mit den aus dem heutigen Syrien und Irak sowie aus Anatolien stammenden Ackerbauern, die vor 8000 bis 5000 Jahren kamen, die mit den Steppennomaden, die aus Vorderrussland kamen. Und, und, und.

Aber das war nicht unser Thema. Ich habe kürzlich bei einem Besuch in Halle einen syrischen Koch getroffen. Ja, habe ich auch mal gelernt, weiland im „Erfurter Hof“, als da noch Willy Brandt mit dem anderen Willy abgestiegen war. Aber der syrische Kollege lernte in seiner Lehrzeit fünf Küchen kennen, unter anderem die arabische, die syrische, die der Levante, die italienische. Das hat mich beeindruckt. Mit wie wenig geben wir uns zufrieden? Wir hatten seinerzeit lediglich die deutsche Küche kennengelernt. Gut, und ein wenig die böhmische, die damals tschechische hieß, weil wir Knödel machen mussten nach einer Kartoffelmissernte. Aber er ist dort weggegangen, weil Bomben fielen. Eines seiner Kinder war noch Baby, das ältere zwei Jahre alt, als sie losgingen. Zu Fuß durch die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland, dann weiter zu Fuß. Serbien, Ungarn… Über jede Grenze hinweg.

Wir wollten leben, sagte er. Das war die ganze Begründung. Und die ist doch nachvollziehbar. Er hat sich in Halle Heimat gesucht (liebe Magdeburger, das geht!). Inzwischen ist ein drittes Kind da, ein echter Hallenser. Ich habe nie einen unfreundlichen Deutschen getroffen, sagt er und strahlt einen an. Man möchte es ihm glauben. Ja, sagt er, aber die Heimat meiner Kinder wird Halle sein. Ist das ein Kompliment! Womit ich trotzdem nicht zurecht komme – und da will ich überhaupt nicht die ganze Welt retten: Da stehen an der Grenze Europas Menschen, die Schutz suchen, die im Schmutz im Winter in dünnen Zelten gehalten werden, und ringsum sehe ich Gänse- oder Rehbraten verspeisende Politiker, die das Problem kennen, sehe ich vergnügt kauende Staatsbürger, denen es völlig egal ist, wie es anderen Menschen geht, solange diese außerhalb des eigenen Dunstkreises brav vor sich hindarben, möglichst geruchs- und geräuschlos.

Und dann müsste man sich noch den Sklavenhandel in Lybien draufpacken und Herrn Karzai zuhören, wenn der die Abschiebungen nach Afghanistan (da gibt es sichere Zonen nach dem Bundesinnenminister – ich empfehle ihm den Besuch der Deutschen Botschaft) forciert sehen will. Und wenn ich das alles so an mir vorüberziehen lasse, die zündelnden Burschen in USA und Nordkorea sehe, wenn man da sieht, wie wohl sich der US-Präsident, einst selber das Aushängeschild der Demokratie – auch wenn  das nie stimmte – mit den Autokraten dieser Welt fühlt, wie gesehen auf der letzten Asienreise, dann weiß ich auch nicht mehr, ob ich angesichts dessen tatsächlich auf eine neue Große Koalition neugierig bin, oder ob man sich diesmal dem stillen Verlangen nach ein paar feierlichen Tagen hingeben und die Parteien ihr Ding machen lassen sollte.

Ja, ich bin ratlos. Und wütend. Dieses Europa, dessen Bauern sich geschworen haben, um die ganze Welt nahrungsmittelmäßig retten zu können, uns und diese zu vergiften, und das gleichzeitig mit fragwürdigen Mitteln, fern von dem viel beschworenen Wertekonsens, in Kauf nimmt, dass viele Menschen sterben, viele scheitern, uns – gleich wie wir dazu stehen – mitschuldig daran macht, indem es zuschaut, wie Menschen versklavt, ihrer Würde, gar ihres Lebens beraubt werden, vor unserer Tür und in Lagern, die wir zu allem Hohn Hot Spots nennen, und dann noch an den Waffen mitverdient, die wir weltweit zur Verfügung stellen. Wie sagte unsere Bundeskanzlerin einmal so treffend? „Wer sich der Friedenssicherung verpflichtet fühlt, aber nicht überall auf der Welt eine aktive Rolle in der Friedenssicherung übernehmen kann, der ist auch dazu aufgerufen, vertrauenswürdigen Partnern zu helfen, damit sie entsprechende Aufgaben übernehmen“. Sprich: Wir liefern Waffen für den Frieden, beispielsweise Panzer für Saudi-Arabien. Also tun wir doch etwas für den Weltfrieden. Das ist doch eine versöhnliche Botschaft.

Ach Hirten, so kommt und seht in unseren Weihnachtstraum:

Euer Sturmgewehr liegt schon unter dem Weihnachtsbaum.

Ladet durch, und nun könnt Ihr´s in Freuden genießen,

Euch zu Weihnachten den ersten Wolf zu schießen.

Und, man weiß ja nicht: Wenn wir dann erst richtige Grenzen wieder haben, die muss man dann ja auch verteidigen. Hülft ja nischt. Ein frohes Fest!

Ist das nicht ein wunderbarer Traum? Ein G 36 gehört unter den deutschen Weihnachtsbaum.

 

 

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