Für eine Kultur der Würdigung 

 in Buchtipp, FEATURED, Roland Rottenfußer, Spiritualität

„Tausende von Leser der Boulevardblätter entrüsten sich, wenn sie erfahren, dass mal ein Missetäter, etwa ein bestechlicher Sportfunktionär, ungestraft davonkommt. Warum regen sich die Menschen nicht weit mehr darüber auf, wie viele gute Taten in unserem System unbelohnt bleiben? Würde endlich einmal das positive Potenzial der Menschen im Land offen gelegt, archiviert und – bei „besonderer Schwere des Verdienstes“ – auch belohnt, wir wären wahrscheinlich erstaunt und gerührt, in welchem Ausmaß Menschen liebenswert, hilfsbereit und gütig sein können. Ein Staat, der nicht fähig ist, zu würdigen, hat er nicht sein Recht verspielt, zu strafen? Und gilt dasselbe nicht für eine auf Buße und Sünde fixierte Religion oder für Arbeitgeber, die meinen, durch Betonung unserer Schwachstellen noch mehr Leistung aus uns herausholen zu können? (Auszug aus dem Buch „Schuld-Entrümpelung“ von Monika Herz und Roland Rottenfußer.)

„Und würdige unsere Verdienste“, betete der Priester mit klangvoller Stimme, „wie auch wir diejenigen würdigen, die sich um uns verdient gemacht haben.“ Von ganzem Herzen stimmte die Kirchengemeinde ein. Reinhard liebte diesen Abschnitt des Gottesdienstrituals. Es fühlte sich einfach gut an, regelmäßig darauf hingewiesen zu werden, was man richtig gemacht hatte: all die Male, die man trotz Müdigkeit und Widerwillens aus Verantwortungsgefühl seine Arbeit erledigt hatte, sich um seine Kinder gekümmert hat, dem Ehepartner mit den Worten „schon gut“ einen kleinen Fehler vergeben oder mit einer Umarmung getröstet hatte. Durch die häufige Wiederholung hatte sich das Bewusstsein der eigenen Verdienste so tief in das Unterbewusstsein der Gemeindemitglieder eingeprägt, dass die meisten von ihnen auch in der Woche zwischen den Gottesdiensten mit einem Lächeln durchs Leben gingen.

Auch die Jungfrau Maria hatte daran ihren Anteil, hatte Reinhard nicht wieder und wieder zu ihr gebetet: „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Wohltäter jetzt und in der Stunde unseres Todes“? Und wem das an positiver Schwingung noch nicht genug war, der konnte sich hernach in der Ohrenbeichte eine Extraportion davon abholen, wenn er dem Priester haarklein über seine sämtlichen guten Taten berichten würde – liebevolle Worte und Gedanken inbegriffen. Der Geistliche würde das Ritual mit seinem Segen und einer herzlichen Gratulation angesichts einer solchen Springflut von Verdiensten besiegeln. Als er die Kirche verließ fand Reinhard an der Windschutzscheibe seines Autos einen Belohnungszettel vor: 35 Euro standen ihm laut Belohnungsgesetzbuch als Vergütung wegen Richtigparkens zu.

Endlich mal eine schöne, heitere Geschichte in diesem insgesamt eher düster gestimmten Buch, finden Sie nicht? Nur leider – Sie werden es schon geahnt haben – ist die Geschichte nicht wahr. Sie ist unrealistischer als Grimms Märchen, denn selbstverständlich heißt es „Vergib uns unsere Schuld“ und „Bitte für uns Sünder“. Bei der Beichte geht es ausschließlich um die Dinge, die wir falsch gemacht haben, und an der Windschutzscheibe klebt ein Strafzettel, eine Verwarnung, die, wenn wir nicht rechtzeitig zahlen, in einen Bußgeldbescheid umgewandelt wird. Herzlich willkommen in der Realität unserer Schuldgesellschaft!

Diese Realität ist natürlich das Ergebnis einer Jahrtausende alten Fixierung der Menschheit auf Schuld und Strafe. Jedes Mitglied dieser Gesellschaft, so intelligent und weitherzig es auch in andere Fragen sein muss, trägt diesen Schatten einer Schwarzen Pädagogik in sich. Er oder sie ist in dem Sinn sozialisiert, dass schädliche Taten bestraft werden müssen, während nützliche nicht der Rede wert sind. Ein guter Bürger ist in der alten Welt jemand, der von seinem Staat ignoriert wird. Nicht bestraft zu werden, muss Belohnung genug sein. Tausende von Leser der Boulevardblätter entrüsten sich, wenn sie erfahren, dass mal ein Missetäter, etwa ein bestechlicher Sportfunktionär, ungestraft davonkommt. Warum regen sich die Menschen nicht weit mehr darüber auf, wie viele gute Taten in unserem System unbelohnt bleiben? Sie können einem Menschen das Leben retten, indem Sie ihm mit hohem persönlichem Risiko aus einem reißenden Fluss ziehen. Wenn Sie am selben Tag vergessen haben, Ihre Parkscheibe an der Windschutzscheibe zu platzieren, ist Ihre Bilanz eine Strafe von 20 Euro. Dies ist der eigentliche Skandal, weit mehr als der eine oder andere Gefängnisinsasse, der seinen Bewachern entschlüpft ist oder der davongekommene Steuersünder.

Würde endlich einmal das positive Potenzial der Menschen im Land offen gelegt, archiviert und – bei „besonderer Schwere des Verdienstes“ – auch belohnt, wir wären wahrscheinlich erstaunt und gerührt, in welchem Ausmaß Menschen liebenswert, hilfsbereit und gütig sein können. Wieviel Umsicht, fahrtechnisches Können und Fürsorge für das kostbare Leben anderer Menschen liegt darin, eine längere Autofahrt unfallfrei zurückzulegen! Wieviel Liebe und Geduld und guter Wille liegt darin, wenn ein Durchschnittsmensch seinen Tag halbwegs anständig über die Runden bringt! Es liegt eine tiefe Kränkung darin, einer Mitwelt ausgeliefert zu sein, die beständig auf unsere Fehler lauert, begierig danach, sie ans Licht zu zerren, uns vorzuhalten und zu sanktionieren, während unsere Verdienste für selbstverständlich genommen werden. Ein Staat, der nicht fähig ist, zu würdigen, hat er nicht sein Recht verspielt, zu strafen? Und gilt dasselbe nicht für eine auf Buße und Sünde fixierte Religion oder für Arbeitgeber, die meinen, durch Betonung unserer Schwachstellen noch mehr Leistung aus uns herausholen zu können?

Tatsächlich bleibt selbst im strengsten Überwachungsstaat das Böse oft unbemerkt. Das Gute dagegen bleibt fast immer unbemerkt. Deshalb kann es nicht wachsen. Es verkümmert im Schatten wie eine Pflanze, die kein Sonnenlicht bekommt. Das ist nicht nur ungerecht und kränkend, es ist gefährlich, denn wenn es wahr ist, dass immer nur das gedeihen kann, dem wir Aufmerksamkeit geben, dann gedeihen und wuchern in unserer Kultur seit Jahrhunderten nur Schuld und Scham; das Böse und seine Sanktionierung durch weiteres Böses. Uns allen ist nicht bewusst, was wir uns und einander damit antun. Nicht nur den Strafgefangenen – manche von ihnen mögen wirklich Schlimmes getan haben –, auch den Wärtern. Nicht nur den Beschuldigten, auch den Beschuldigern, deren Gesicht sich in der Attitüde der Strenge, der Besserwisserei und Selbstgerechtigkeit verzerrt hat. Unsere Kultur will Menschen strafen, weil sie böse waren – und die Menschen werden böse, weil sie bestraft werden. Die Fixierung auf Schuld und Strafe vergiftet die Seelen aller. Auch wenn es den meisten von uns nicht bewusst sein, weil wir es gewöhnt sind, bleibt die Kränkung auf dem Grund unserer Seelen als nie ganz heilende Wunde bestehen. Selbst wenn alle genannten Missstände sofort und restlos beseitigt würden, würden wohl hundert Jahre nicht reichen, um all das zu heilen, was durch die Schuldgesellschaft kaputt gegangen ist.“

Es ist nicht leicht, sich eine „Verdienstgesellschaft“ vorzustellen, ein auf Würdigung und Belohnung basierendes Justizsystem und die Seelen der Menschen, von denen die Wolken der Schuldgefühle und der Selbstherabsetzung fortgezogen sind. Freie Menschen. Leichte, weil erleichterte Menschen. Schöne Menschen, weil sie fähig sind, zu geben, zu loben, zu würdigen, sich nicht selbst aufgrund eingebildeter Wertlosigkeit sabotieren. Menschen, die sich nicht als quasi unter dem Niveau jenes Glücks betrachten, nachdem wir uns alle sehnen. Unsere Fantasie müsste sehr weit ins Unbekannte vorstoßen, um sich das vorzustellen. Das Panorama käme uns fremd und ungewohnt vor, wie beim Betrachten des Negativs eines Nachtfotos. Alles gleichsam „verkehrt herum“, viel Weiß, viel Licht. Jahrtausende lang haben die Menschen ihre Fantasie für immer raffiniertere Methoden benutzt, um einander zu quälen. Sie kreierten künstliche Höllen und erlaubten den Insassen nicht einmal, sich als Opfer zu fühlen, denn natürlich waren sie an allem „selbst schuld“. Für das Paradies jedoch fehlt den meisten von uns einfach die Fantasie. Es gibt keine Tradition, kaum Erfahrungswerte, was die Kreation von Paradiesen betrifft. Wenn es in Ansätzen so etwas gegeben hat, dann immer nur für kommerzielle Zwecke und in höchst unvollkommener Form.

Das Paradies aber beginnt in uns selbst, auch wenn es sich nicht allein dort vollenden kann. Wir können hier und jetzt damit beginnen, uns von Schuldgefühlen zu befreien – mögen sie ungerechtfertigt oder sogar berechtigt sein. Und wir können uns selbst jene Liebe, Anerkennung und Großherzigkeit angedeihen lassen, von der wir so sehnsüchtig hoffen, Gott oder seine irdischen „Stellvertreter“ könnten sie uns geben. Vielleicht ist jener Funke wirklich in uns, den die Relgionsgemeinschaft der Quäker „That of God“ (Das von Gott) nannte. Dann können wir versuchen, im Kleinen zu sein, wie wir wünschten, dass Er oder Sie im Großen wäre: würdigend, verstehend, vergebend oder – noch besser –, gar nicht erst verurteilend. Wir werden dann eine Art Widerstandszelle sein inmitten einer bedrückenden Schuldgesellschaft und zugleich eine Keimzelle des Neuen, das sich von uns ausgehend wie eine wohltuende Welle weiterverbreitet.

Auszug aus dem Buch von Roland Rottenfußer und Monika Herz: „Schuld-Entrümpelung. Wie wir uns von einer erdrückenden Last befreien“, Goldmann Verlag, 254 Seite, € 9,99

 

 

 

 

 

 

 

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