Für eine sanfte Revolution der Frauen

 in Politik (Ausland), Politik (Inland), Spiritualität

OneBillionRisingDem Militarismus der USA steht der gewaltbereite Islam gegenüber, beides gewalttätige patriarchale Herrschaftssysteme. Muss dagegen nicht auch die Frauenbewegung sich verhärten, wenn sie nicht ganz zerrieben werden will, und auf jeden Fall areligiös vorgehen? Keineswegs, meinen Frauen wie etwa Eve Ensler, die Autorin der Vagina-Monologe. Mit V-Day und One Billion Rising hat sie eine mächtige Bewegung ins Leben gerufen, die weiblich, friedlich und tänzerisch vorgeht. (Wolf Schneider)

Am 14. Februar 2014 tanzten im Rahmen der Aktion One Billion Rising in mehr als 190 Ländern der Erde an Zehntausenden von Orten (in Deutschland in 195 Städten) Frauen auf den Straßen. Eve Ensler, die Autorin der Vagina-Dialoge, hatte die Kampagne, die hierzu führte, im September 2012 begonnen. Sie wurde von 5.000 Organisationen in aller Welt unterstützt und zwei Monate vor dem ersten Aktionstag am 14. Februar 2013 noch verstärkt durch die Resonanz auf die Vergewaltigung einer Studentin in einem Bus im Neu-Delhi, die weltweit Empörung hervorgerufen hatte. One Billion Rising (Eine Milliarde erhebt sich) bezieht sich auf die Aussage der UNO, dass jede dritte Frau auf der Welt mindestens einmal im Leben vergewaltigt oder geschlagen wird.
Genug ist genug, das muss ein Ende haben, riefen mit Eve Ensler Millionen von Frauen und erhoben sich – tanzend! Im Bewusstsein, dass Gewalt mit Gegengewalt zu erwidern nur zu weiteren Kämpfen führt, nicht zum Frieden. Es war die größte Aktion gegen Gewalt an Frauen, die es je gegeben hat. Sie wiederholte sich am 14. Februar 2014, und sie wird am 14. Februar 2015 wieder stattfinden, zu einer Zeit, in der die Welt sich vom Schock der jihadistischen Massaker noch nicht erholt hat.

Die Urwunde

Der Umweltaktivist Paul Hawken, der Autor von Blessed Unrest (im Deutschen Wir sind der Wandel), schrieb dazu: »One Billion Rising ist eine fröhliche Anerkennung des Heiligen, das nie entweiht werden darf, von keiner Person, Institution oder Regierung. Gewalt und Unterdrückung von Frauen ist die Urwunde, aus der alle anderen Probleme in der Welt hervorgehen, von Armut über Krieg bis zur Zerstörung der Umwelt. Die Aktion ist nicht nur ein Tanz, sie ist die Geburt einer Zukunft.« Recht hat er! Hier ist die Wurzel, die Urwunde und zugleich die Urquelle. Das Heilige, das nie entweiht werden darf, ist das Weibliche, Gebärende und Hütende. Es ist auch in jedem Mann, in jedem Kind und natürlich, dort am natürlichsten, in jeder Frau.

Kurz nach der ersten dieser Aktionen im Februar 2013 schrieb Eve Ensler: »One Billion Rising ist es gelungen, die Verbindung zwischen Themen wie Armut, Korruption, Gier, Umweltplünderung, Imperialismus, religiöser Marginalisation, Migration, Arbeit, politischer Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen sichtbar und verständlich zu machen.« Und sie ist optimistisch: »One Billion Rising ist der Beginn einer neuen Welt, die von einer neuen Energie entzündet wird«. Aus der Urwunde soll die Heilung kommen, kann sie das? Das wäre die Realisation des schamanischen Mythos’ des verletzen Heilers (the wounded healer), der aus der Tiefe seiner Verwundung die Kraft für seine heilerischen Fähigkeiten schöpft.

Zerbrich die Ketten!

»Break the chain«, zerbrich die Kette, heißt das Lied der Kampagne. Es wurde von Eve Ensler und V-Day produziert, der Organisation, die aus der Reaktion auf Enslers Vagina-Dialoge hervorgegangen ist. Das viereinhalb Minuten lange Lied ist copyleft, also rechtefrei überall abspielbar. Auf YouTube kann jeder es sich ansehen und sich davon entzünden lassen. Millionen von Frauen singen und tanzen dieses Lied an den Aktionstagen, jedes Jahr am 14. Februar. Das V steht für victory, für den Sieg über die Gewalt (victory over violence). Aber V-Day heißt auch Valentins-Tag, es ist der Tag, an dem man sich Liebesbotschaften schickt – süße Botschaften der Liebe und der Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist, dass wir den Mut haben, immer wieder neu aufzubrechen, in jeder einzelnen Liebesbeziehung und ebenso mit der Welt als Ganzes. Und dass es gelingen kann, eine neue Welt zu schaffen, die auf Liebe basiert, auf Freude, Lebendigkeit und Anerkennung des Lebens, und nicht mehr auf Gewalt und dem Recht des Stärkeren. Der Tanz zu diesem Lied ist eine Art von Breakdance, man kann ihn vorher einüben, um ihn dann am Aktionstag in der Gruppe aufführen zu können. Über vday.org kann jeder (es dürfen auch Männer teilnehmen) Kontakt zu einer Gruppe in der Nähe finden. Wenn es bei dir noch keine gibt: Organisier’ eine!

Beten am Altar

Im Connectionhaus wurde kürzlich ein großes tantrisches Fest gefeiert. Eine der Besucherinnen war gerade mit ihrem Freund hergekommen, die mehrstündige Fahrt hatte einen schon länger schwelenden Konflikt deutlicher als je zum Ausdruck gebracht: Sie wollte auch für andere Männer offen sein, sich »auch mal auf was Neues einlassen«, während er lieber engere Grenzen um die Paarbeziehung ziehen wollte. Wenn sie Sex mit anderen hätte, das wäre für ihn tabu. Weil wir uns seit langem kennen, sprach sie mich daraufhin an: »Was soll ich tun? Die Beziehung ist mir sehr wertvoll, aber das Leben ist kurz, und ich will mich nicht in dieser Weise beschränken lassen.«

Paarbeziehungen sind tatsächlich sehr wertvoll, viel zu oft werden sie wegen Kleinigkeiten aufgegeben. Den meisten – Paaren wie hüpfenden Singles – fehlt jedoch die Transzendenz. »Stell dir vor, du bist vor einem Altar beim Beten«, sagte ich zu ihr, »und du stellst plötzlich fest, dass neben dir noch jemand betet. Dann sagst du nicht ›Scher dich zum Teufel, das ist mein Altar! Diese Göttin bete nur ich an!‹, sondern freust dich, dass neben dir noch jemand dasselbe übernatürliche Wesen, dieselbe Utopie anbetet, vielleicht getragen von derselben Hoffnung auf das Gute im Menschen und irdisches Glück. Vielleicht kann er an diesem Beispiel sehen, dass auch andere Männer dich verehren und vor dir und deiner Weiblichkeit niederknien würden – wenn sie dürften!«

Den Körper ehren

Die Altäre in den Sakralbauten der Welt mögen kunsthistorisch wertvoll sein. Manchmal kehren wir dahin zurück, in die Kirchen, Moscheen, Synagogen und Tempel unserer Vorfahren, oder wir bauen uns einen kleinen Altar im Zimmer oder finden einen heiligen Platz in der Natur, an dem wir unsere Sehnsucht nach dem Vollkommenen zelebrieren können. Der eigentliche Altar aber ist unser Körper. Wenn wir den ehren können, so wie unsere Vorfahren die traditionellen Altäre geehrt haben, dann haben wir die Kernbotschaft des Religiösen, Sakralen, Heiligen verstanden. Dann ehren wir nicht nur unseren eigenen Körper, sondern auch die Körper der Menschen um uns, die Körper in unserer Familie und die unserer Freunde und Geliebten. Und ganz besonders in der sexuellen Begegnung ist der Andere der Altar, auf dem wir dem Heiligen begegnen. Dort ist der Andere für uns ein Gott oder eine Göttin, und diese Anbetung hat die Kraft, uns den Himmel auf die Erde zu holen.

Auch im Christentum gibt es Ansätze, den Himmel auf die Erde zu holen. Obwohl das folgende Zitat, ein Jesuswort, vielleicht aufgrund einer gefälschten Überlieferung, noch patriarchal formuliert ist: »Was ihr getan habt einem von diesen, meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matthäus 25,40). Will sagen: Der Mensch, dem du gerade gegenüberstehst, ist nicht weniger göttlich als der, den du für Gottes Sohn hältst.

Verehrer sein

Ich mag die Begriffe Verehrer und Verehrerin. In unserer alltäglichen Sprache verwenden wir sie fast nur für Menschen, die ein erotisches Interesse an einem anderen Menschen haben, dabei aber nicht richtig zum Zuge kommen, sei es, weil der oder die Verehrte das nicht zulässt, oder weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert würde und beide Seiten deshalb davon ablassen.
Man kann den Begriff aber auch so verstehen, wie man ein Ideal verehrt. Wie etwas, das die Zielrichtung vorgibt, auch wenn man weiß, dass man es nie erreichen wird. Der Polarstern kann einem Wanderer oder Seefahrer in der Nacht Orientierung geben, auch wenn er weiß, dass er ihn nicht erreicht. So können wir das Göttliche im Anderen ehren, ohne uns dabei darüber hinwegzutäuschen, dass wir einen irdischen, fehlerhaften Menschen vor uns haben. Der tantrische Gruß des »Namasté« (Ich grüße das Göttliche in dir) besagt genau das. Oder auch der geschlechtsspezifischere: Ich grüße die Shakti (die Göttin), ich grüße den Shiva (den Gott) in dir. Namasté: Ich sehe auch den Menschen in dir, nicht nur die Person. Ich grüße dich, Shiva: Ich sehe nicht nur dieses männliche Individuum in dir, sondern auch dich als Inkarnation des Männlichen – und in dir, Shakti, sehe ich die Inkarnation des Weiblichen, nicht nur diese spezielle Frau.

… und Verehrter

Genauso wichtig, heilsam und hilfreich wie das verehren können ist auch die Fähigkeit, Verehrung annehmen zu können. Wenn es mir peinlich ist, verehrt zu werden, und ich dann gleich sagen möchte »Komm, hör auf damit, hol mich von dem Sockel runter, ich bin doch nichts Besseres als du«, dann enttäusche ich den Menschen, der mir da seine Liebe und Verehrung entgegen bringt, und verzichte auf etwas, das mir guttut und zusteht, ebenso wie jedem anderen auch. Das Geben und Annehmen von Verehrung tut gut.
Ebenso wäre eine weihnachtliche Krippe, die nur den Mythos des Christkinds darstellen und aufrechterhalten will, ohne die real existierenden Kinder zu ehren, ein Verrat an eben diesem Mythos. Es geht immer um das Reale, das Diesseits, die wirklichen Kinder und wirklichen Menschen, nicht um die Götter.

Berauscht durch das Andersweltliche

»Religion ist Opiums fürs Volk«, schrieb einst Karl Marx, weil er eine reale Welt der Gerechtigkeit wollte und keine Drogen, die uns in einen Rausch des Andersweltlichen versetzen und uns so aufs Jenseits vertrösten, weil wir es im Diesseits aufgrund der Konstellation der realen, weltlichen Mächte nicht bekommen können. Auch eine weibliche Religion ist immer noch eine Droge. Sie berauscht uns, weil sie so schön anders ist – weiblicher, sanfter, liebevoller. Aber es ist immer noch eine Droge, und Drogen sind gefährlich. Sie können der Bewusstseinserweiterung dienen, aber die meisten dienen eher einer Bewussteinsverengung und sind eine Flucht aus der Realität.

Obwohl sie sich für spirituell und ganzheitlich halten, sind so auch große Teile der Frauenbewegung, die sich von den Männerimitationen der Emanzen abgrenzt, in esoterische und gefühlsschwärmerische Scheinwelten abgedriftet. Was wiederum den Großteil der politisch aktiven Feministinnen abstößt, die den Männern Macht abringen wollen, indem sie den Weg durch die noch immer vom Patriarchat dominierten Institutionen gehen und so – im Kostüm statt Kleid und im Jargon der Männerwelt – die Toppositionen in Wirtschaft und Politik erreichen wollen.

Regression ins Präpersonale

Bewegung erzeugt Gegenbewegung. Die emotionale Kälte und oft aufs wirtschaftlich oder militärisch Machbare reduzierte Männerwelt hat neben der Bewegung der sie imitierenden Emanzen auch eine romantisierende, gefühlsschwärmerische Frauenbewegung erzeugt, die sich großenteils in einer kitschigen Ästhetik ausdrückt und auf prärationale Mythen bezieht. »Ist Esoterik die Religion der Frauen?«, fragte mich vor ein paar Jahren mit einem Seufzen der langjährige Chefredakteur von Psychologie heute. Die Zeitschriften des heutigen Trends zur spirituality light, wie etwa happinez, Happy Way und Harmony scheinen das zu bestätigen. Es sind dies Frauenmagazine, die sich massenhaft verkaufen, aber ohne gesellschaftlich viel zu bewegen. Außer etwas mehr Konsum, nun mit einem Touch von Spiritualität.

Das Gros der neuen Frauenbewegung sucht sich einen Weg zwischen dem Gefälligen und dem Romantischen und ist insgesamt eine Regression: Der kühlen Ratio begegnet sie nicht mit deren Überwindung, sondern einer Flucht ins Prärationale. Herz ist gut, egal wofür es pocht; Kopf ist schlecht, egal, was er gerade denkt. »Wir Frauen spüren einfach, was ansteht, komm mir da doch nicht mit deiner Logik!« Solche Regression mag in Einzelfällen süß und wohltuend sein, die so bitter nötige politische Wende wird damit jedoch nicht erzielt. Dafür aber können die inzwischen gemachten Erfahrungen der Emanzen in der Männerwelt sehr nützlich sein. Es gibt jedoch viele leuchtende Beispiele für reife weibliche Spiritualität, die keine Regression ins Kindliche, Prärationale, Archaische ist: Eve Ensler, Joanna Macy, Chameli Ardagh, Annette Kaiser, Christina Kessler und viele andere gehören dazu; sie verkörpern weibliche Spiritualität, ohne dabei das zu negieren, was ein klarer Verstand leisten kann.

Three Billion Rising

Zurück zu One Billion Rising. Wie wärs mit Three Billion Rising? Auch die zwei bis drei Milliarden nicht missbrauchten Frauen sollten aufstehen und die Männerherrschaft abwerfen. Genug ist genug! Das Patriarchat hat die Wissenschaften und viele technische Entwicklungen hervorgebracht, die das Leben angenehmer machen, aber auch Kriege, Sklaverei, Ausbeutung, Naturzerstörung, und immer wieder Gewalt, Gewalt, Gewalt. Ihr Frauen, kommt aus euren Verstecken hervor, es ist Zeit! Wie soll der sogenannte freie Westen denn die Jihadisten besiegen können? Gegen Selbstmordattentäter und Geiselnehmer kommt auch ein Polizeistaat nicht an. Es braucht stattdessen eine Revolution der Frauen, und ich würde dafür 77 Mal die Kaaba umrunden (oder den Petersdom oder den Kailash, ist mir doch egal), wenn sie im islamischen Bereich begänne, also dort, wo die Unterdrückung des Weiblichen am krassesten ist. Auch im Territorium des Religiösen muss die männliche Vorherrschaft überwunden werden, gerade dort! Die Imams, Priester und Brahmanen sind doch alles Männer, die Mitläufer überwiegend Frauen. Wenn überhaupt Religionen noch weiterbestehen sollten, mit gesellschaftlichem Gestaltungsanspruch und nicht nur als UNESCO-Kulturerbe, dann müssen hier Frauen an die Macht.

Wir brauchen eine sanfte, weibliche Revolution quer durch alle Bereiche der Gesellschaft. Der Auslöser kann ein Tanz sein, dem niemand widerstehen kann, wie Break the chain einer ist. One Billion Rising ist ein guter Anfang!

Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwissenschaften und Philosophie (1971–75) in München. 1975–77 in Asien. 1985 Gründung der Zeitschrift connection. Seit 2007 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de. www.connection.de

»Break the Chain«
Lyrics by Tena Clark, Music by Tena Clark/Tim Heintz
(Ausschnitte)

I raise my arms to the sky
On my knees I pray
I’m not afraid anymore
I will walk through that door
Walk, dance, rise
Walk, dance, rise
I can see a world where we all live
Safe and free from all oppression
No more rape or incest, or abuse
Women are not a possession

This is my body, my body’s holy
No more excuses, no more abuses
We are mothers, we are teachers,
We are beautiful, beautiful creatures

It’s time to break the chain

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