Gedichte verstehen – am Beispiel eines Rohrstocks

 in FEATURED, Holdger Platta, Kultur

Holdger Platta

Wie geht man mit Gedichten um, die einem nicht auf der Stelle „einleuchten“? Ärgerlich weglegen und den Autor beschimpfen, weil er sich nicht verständlicher ausdrücken kann? Oder das Werk akribisch, vielleicht mit im Deutschunterricht oder im Studium erlernten „Werkzeugen“, auseinandernehmen, bis man ihm auch den letzten Rest von Schönheit, Atmosphäre und Geheimnis ausgetrieben hat? Holdger Platta, der hier seit vielen Wochen Gedichte veröffentlicht, kennt die Probleme von Lesern mit seinem Werke – und sein eigenes Bemühen um das Werk berühmter „Kollegen“. Er macht an dieser Stellen eine praktikablen Vorschlag, wie man sich Gedichten nähern kann, mit denen man zunächst noch „fremdelt“ – ein Vorschlag, der beileibe nicht nur zum Verständnis seiner eigenen Lyrik taugt. Holdger ermutigt uns, mit allen unseren Sinnen in diesen Gedichten auf Wanderschaft zu gehen, sie nicht auf Biegen und Brechen „ausinterpretieren“ zu wollen und uns selbst gleichsam als mitschöpferische Personen zu betrachten, deren Empfindungen und Wahrnehmungen so legitim sind wie die des Autors selbst. (Holdger Platta)

Der Rohrstock

Der Knabe blickt aus dem Fenster,
die Fieberseen der Hitze draußen im Hof, das helle
Zucken der Vögel.
Ein Fahrrad strampelt vorbei, die alten Geschichten.
Und jedesmal, wenn der Wind geht,
das Meer in den Bäumen.
Von irgendwoher rotbackiges Kindergeschrei
wie aus einer Badeanstalt. Durchbrennen
oder das lieben? Wieder und wieder blickt der Knabe
auf die Dünung in den Erlen dort drüben
und weiß, weit weg in der Welt, da geht es nach innen.
Der hitzige Mississippi auf seinen Knien
und die sandige Stille im Hof. Und die Trauer,
die Sehnsucht, die Gier und der Schmerz.
Und von unten ruft eine Stimme herauf: komm!

Im fiebrigen Wind hinter der Scheune
biegt sich zitternd noch immer die Wiese.

Ich riskiere hier mal das, was AutorInnen nie tun sollten: sich zu eigenen – nämlich: literarischen – Texten zu äußern. Das zu versuchen, gleicht fast immer dem Vorgang, einen Witz erklären zu wollen, den man gerade erzählt hat und der leider gar nicht zu zünden vermochte. Da hat man verloren, ehe man loslegt. Der Witzeerzähler auf jeden Fall. Und vielleicht auch der Witz…

Mir ist klar, hier erscheinen seit einiger Zeit Gedichte von mir, die oft nicht auf Anhieb zu „verstehen“ sind, jedenfalls zur Gänze nicht oder mit einhundert Prozent Sicherheit. Es gibt Gedichte, in denen Welt verstanden wird, und es gibt Gedichte, in denen Welt erst noch zu verstehen ist. Übrigens habe ich Gedichte von beiderlei Art geschrieben. Die Spontan-Klaren und die mit einem oder mit mehreren Rätseln.

Ich möchte mal einen Vorschlag machen:
Betrachtet meine Gedichte hier als Fenster zur Welt: da nimmt man manches wahr, da nimmt man manches auch mit Gefühlen wahr. Diese Gedichte stellen eine Einladung dar, Wahrnehmungsbereiche zu betreten und Erlebnisbereiche. Wenn Ihr irgendwas an den Gedichten mögt – was Ihr selbstverständlich nicht müßt –, dann lasst Euch auf diese Gedichte ein, heißt: gebt ihnen Zeit und gebt Euch Zeit. Seht Euch in ihnen um, geht den Gefühlen nach – es können im selben Gedicht durchaus wechselnde bis gegensätzliche Gefühle sein! – und lasst Euch auf diese Wahrnehmungen ein und dieses Erleben, ohne gleich „verstehen“ zu wollen. Ihr macht ja nichts anderes, wenn Ihr draußen durch die freie Natur streift. Zum Beispiel: die Birke da am Wegrand, mit deren Blättern die Sonne spielt, die müßt Ihr ja auch nicht „verstanden“ haben, um sie schön finden zu können oder von deren Anblick fröhlich gestimmt zu werden. Und gleiches gilt für das Tal, mit den Wiesen, Wäldern, Büschen und dem kleinen Fluss da unten: auch dort müßt Ihr nicht „verstehen“, um mit Eurer Seele vielleicht hinausfliegen zu wollen über das Tal, dem Bussard gleich, der womöglich in diesem Moment hoch da droben am Himmel seine Kreise zieht.

Noch einmal also: nehmt wahr, was in solchen Gedichten wahrzunehmen ist – das kann der Augensinn sein, der da was zu tun bekommt, das Hören, das Duften der Gräser, der leichte sommerliche Windhauch, der ein wenig die Arme kühlt –, und nehmt auf, was da an Gefühlen in Euch ausgelöst wird: Freude, Begeisterung, ein Glücksgefühl womöglich sondergleichen. Und in anderen Situationen, in anderen Gedichten befallen Euch eher Beklemmung, Traurigkeit, Beunruhigung, vielleicht sogar Angst.

Was ist dann „rotbackiges Kindergeschrei wie aus einer Badeanstalt“: eher ein Angstsignal oder eher der ferne Lärm eines fröhlichen Treibens? Und wo steckt dann in diesem Gedicht der „Rohrstock“, der doch mit dieser Benennung nirgendwo vorkommt? Wie empfindet es sich mit diesem Knaben, von dem – immerhin doch – gesagt wird, dass er wisse, nur „weit weg in der Welt, da geht es nach innen“? Und „weit weg in der Welt“, das kann sogar der „Mississippi auf seinen Knien“ sein – wobei es ja stimmt: auch ich habe da, wie eine Leserin hier, an die Bücher von Mark Twain gedacht, vor allem an sein schönstes Buch für mich, an seinen „Huckleberry Finn“.

Mein Eindruck ist, vielen von uns ist der Zugang zur Wahrnehmungs- und Erlebnis- und Geheimniswelt der Gedichte abhanden gekommen, weil wir vom Deutschunterricht allzu ausschließlich darauf getrimmt worden sind, „verstehen“ zu müssen – heißt: intellektuell, kognitiv, mit dem Verstand „verstehen“ zu müssen –, und zwar, „verstehen“ zu müssen, was inhaltlich in einem Gedicht steht und „was uns der Dichter damit sagen will“. Aber: gibt es nicht auch ein „Verstehen“ – auch, sage ich! –, das mit Verstand wenig bis gar nichts zu tun hat? Stattdessen mit dem Erfassen der Wirklichkeit mit allen Sinnen, stattdessen mit dem Aufnehmen der Erlebnisqualitäten eines Anblicks oder eines Menschen, eines Vorgangs oder einer Situation?

Und weiter: vielleicht geht es ja nicht immer, nicht immer vorrangig jedenfalls, um das „Verstehen“ irgendwelcher „Botschaften“, Aussagen, Erkenntnisse und so weiter, sondern um das Betreten von Wahrnehmungs- und Erlebnisbereichen, und erst übers Wahrnehmen und Erleben erschließt sich am Ende – vielleicht, vielleicht – das Gedicht auch in seiner Verstandesdimension?! In einer Verstandesdimension, die das Gedicht haben kann, aber nicht auf jeden Fall haben muss? Und das allmähliche Erfassen eines Gedichtes mit dessen Wahrnehmungs- und Erlebnisbereichen kommt auch einem allmählichen Erfassen der eigenen Psyche und aller ihrer Bewegungen gleich? Entdeckung der Gedichte kann nicht mehr getrennt werden vom Entdecken – womöglich vom Wiederentdecken – des eigenen Ichs?

Anders akzentuiert: Nicht unbedingt ist das Antwortgeben Aufgabe eines Gedichtes, oft dürfte das Fragenstellen die viel wichtigere Aufgabe eines Gedichtes sein. Konkret also, am Beispiel dieses Gedichtes „Der Rohrstock“ gesagt: was hat es mit der „überhitzten“ Wahrnehmung dieser Welt um das Haus auf sich, in dem sich dieser „Knabe“ befindet? Ist es dort draußen tatsächlich so heiß – nachgerade aufs unerträglichste heiß? Oder ist es eher dem Knaben so heiß – so unerträglich heiß –, beim Wahrnehmen dieses Hofes, dieses Windes, des fernen Mississippis sogar? Und warum ist das dann so? Wird hier äußere oder innere Wirklichkeit beschworen, Sommerhitze oder Seelenzustand? Und kommt es vielleicht nicht gerade darauf an: dieses Erlernen von differenzierterem Fragen und entsprechender Geduld, was einem dieses Gedicht abverlangt, nicht ausschließlich rationalisierendes „Verstehen“?

Und genau das ist womöglich die entscheidende „Botschaft“ und potentiell humane Wirkung dieses Gedichtes: nicht das restlose Bescheidwissen am Ende, sondern das Aushaltenkönnen der Unwissenheit, das Aushaltenkönnen des Umstandes, dass einem womöglich für lange Zeit noch so manches fremd bleibt, unerklärt bleibt, unbeantwortet bleibt, bei einem fernen „Knaben“, der einem dennoch irgendwie nahegerückt ist. Tja, und am Ende hätten wir vielleicht vor allem das Folgende gelernt: das Zeithabenkönnen fürs Geduldhabenkönnen, eine Offenheit, die einem fremden Menschen gilt oder auch einem fremdartigen Gedicht.

Ich persönlich gehe gerne in Gedichten spazieren, die ich nicht verstehe, die ich zumindest sehr lange nicht „verstehe“, in Gedichten, innerhalb derer ich aber stattdessen unendlich vieles wahrnehmen und erleben kann: Menschen, Dinge, Natur, Atmosphäre… Ich jedenfalls mag Gedichte, die ihr Geheimnis nicht gleich preisgeben oder mir ihr Bescheidwissen sofortest auf dem Präsentierteller unter die Nase halten. Gedichte von Trakl beispielsweise, von Gottfried Benn, von Sarah Kirsch. Wobei ich durchaus auch die anderen Gedichte mag, die „verständigeren“, die Gedichte etwa von Kästner, Brecht, Erich Fried. Kurz: ich spreche mich nicht aus gegen das Erkunden von Gedichten auch mit dem Verstand und gegen Gedichte voller Verstand, sehr wohl aber gegen das Verstehen von Gedichten ausschließlich mit dem Verstand oder gegen die Wertschätzung ausschließlich „verständiger“ Gedichte. Ich bin gegen das Reduzieren unseres Verstehens ausschließlich auf das Denkvermögen in uns, auch und gerade bei Gedichten. Und ich bin gegen das Reduzieren von Gedichten lediglich auf eine „Botschafterfunktion“. Selbstverstümmelung wäre das, für mich jedenfalls.

Und es käme für mich einem Amputiertwerden gleich, zwingend mit der Frage im Gepäck: kann man als Amputierter gut in Gedichten „spazieren gehen“? Zwingend auch mit der Frage im Rucksack: bleibt nicht entsprechend behindert, der auch in der realen Welt nur als Amputierter „spazieren zu gehen“ vermag, nur als „Verständiger“, nur als Mensch, der sich aufs Begreifen der Welt ohne Wahrnehmen- und Erlebenkönnen verlegt hätte und dort nur nach dem Verständigen und dem Verstehen noch sucht? Mir scheint: den „Sinn“ mancher Gedichte erfasst man nur, wenn man möglichst vollständig „bei Sinnen bleibt“, heißt: offen bleibt mit all seinen Sinnen! Und dasselbe gilt auch für unser Verhältnis zur Wirklichkeit insgesamt, zur Realität auch außerhalb der geschriebenen Worte, zur Welt selbst und zu den anderen Menschen in dieser Welt. Schon Hölderlin formulierte es einmal so: „Komm ins Offene, Freund…!“

Ich könnte es auch so formulieren: ich bin nicht gegen das Reflektieren von Welt und Gedichten schlechthin. Ich bin allerdings gegen ein Reflektieren, das an die Stelle von Wahrnehmen und Empfinden tritt. Oder anders ausgedrückt, in positiver Version: ich bin für ein Reflektieren, das mit beidem in Verbindung bleibt, mit dem Wahrnehmen und mit dem Empfinden. Ich bin für wahrnehmungs- und emotionalitätsbezogenes Reflektieren – genauso wie ich für ein vernunftbezogenes Wahrnehmen und für eine vernunftsbezogene Emotionalität bin. Und vielleicht, vielleicht verbirgt sich in diesem Plädoyer ja sogar ein utopisches Moment: dass der Mensch in solcher Verfassung – beim Lesen von Gedichten oder beim Wahrnehmen und Erleben von Welt – nicht mehr auseinanderfällt in Gefühl und Verstand, sondern dass beides, das Verstehen und Fühlen, in ihm zusammenkommt – womöglich sogar in der Begegnung mit einem Gedicht.

Was ein sensibler Leser – mein Eindruck war: eher tastend-empfindend denn mit dem Verstand – aus diesem Gedicht „Der Rohrstock“ herausgelesen hat, scheint mir, dem Autor, schon sehr, sehr nahe dran zu sein an der Wahrheit dieses Gedichtes. Ähnliches gilt, wie mir scheint, für die Einfälle einer Leserin, die erst der Titel „Rohrstock“ von anderen Assoziationen – bis hin zum „Liebesgedicht“ – wegzog. Und gerne gestehe ich hier: nicht unbedingt ist es der Autor, der alles wüßte über sein eigenes Gedicht! Wieso sollte er auch? Selbst der Autor besteht nicht nur aus Verstand, und selbst ihm fallen – wie gleichsam von außen her – Gedichte ein, hin und wieder zumindest, deren viele Dimensionen ihm erst sehr allmählich aufgehen, wenn überhaupt. Ja, tatsächlich: Gedichte sind oft klüger als ihre Autoren, und reichhaltiger sowieso! Und deshalb sind es nicht selten Gedichte dieser Art, die dem Autor wie dem Leser etwas sehr Wichtiges beizubringen vermögen.

Wahrnehmungsfähigkeit und Erlebnisfähigkeit und Zeithabenkönnen und Innehaltenkönnen und: Bescheidenheit – Bescheidenheit in der Gestalt des Ernstnehmens der Gedichte, der Menschen und der Welt, ohne dass man den Gedichten, den Menschen und der Welt abverlangte, gleich auf der Stelle und zur Gänze verstehbar zu sein.

Kein Witz!

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