Gegen die schlechte Unendlichkeit der Nöte in Griechenland: Widerstand!

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

247. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Ich denke, es gehört sich so, dass ich zum Abschluss unserer Hilfsbemühungen für die notleidenden GriechInnen in diesem Jahr auch in meinem letzten Bericht des Jahres 2020 bei der Wahrheit bleibe: Wir haben helfen können, nach wie vor, auch in diesen vergangenen zwölf Monaten, aber diese Hilfe ist weiter vonnöten und diese Nothilfe litt in diesem Jahr selber oft Not. Erneuern wir unsere Beharrlichkeit im Interesse der Menschen. Und übersehen wir nach wie vor auch die Nöte der Flüchtlinge vor den Küsten Griechenlands und in Griechenland nicht! Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

das ist mein letzter Bericht über unsere GriechInnenhilfe im alten Jahr. Mein nächster Bericht wird in der Neujahrswoche vom Montag, den 4. bis 10. Januar 2021, erscheinen.

Zugegeben: insgesamt betrachtet, geht eher ein problematisches Jahr für unsere GriechInnenhilfe zu Ende. Zwar werde ich heute auch noch mit einer leicht positiven Korrektur aufwarten können, doch 2020 war das erste Jahr für unsere Hilfsaktion, in dem es auch Wochen ohne jeglichen Spendeneingang gab, und es war auch ein Jahr, in dem wir nicht immer alle Hilfsbitten erfüllen konnten. Schmerzlich für uns OrganisatorInnen, besonders schmerzlich aber für manche notleidende Menschen in Griechenland (es handelt sich nahezu ausschließlich um Menschen, die wir seit Jahren betreuen und denen wir bis 2019 einschließlich immer auch im erforderlichen Ausmaß Beistand zu leisten vermochten).

Nun hat der Bericht vor drei Wochen viele aufgerüttelt unter Euch. Wir vom Helferteam sind sehr dankbar dafür. Allein in der vorletzten Woche waren ja 1.220,- Euro für unsere Spendenaktion eingegangen bei uns. Doch die letzten sieben Tage bescherten uns doch wieder einen deutlichen Rückgang. Lediglich eine Spenderin überwies in dieser – zugegeben: für alle sehr stressreichen – Woche 50,- Euro an uns. Doch zum Glück kann ich diese Nachricht auch verbinden mit einer kleinen positiven Mitteilung an Euch:

Verdienstvollerweise hat unser Kassenwart Henry Royeck in den letzten Tagen noch einmal den gesamten Spendeneingang des Jahres 2020 überprüft. Resultat: er ist auf einige „Irrläufer“ gestoßen, auf Überweisungen für die GriechInnenhilfe, die fehlerhafterweise auf dem falschen Konto bei uns gelandet sind – nicht auf dem Hilfskonto für die Menschen in Griechenland, sondern auf dem Spendenkonto für unsere Website www.hinter-den-schlagzeilen.de. Konkret:

85,- Euro von 6 SpenderInnen werden in diesen Tagen auf das eigentlich gemeinte Konto, auf unser Konto für die GriechInnenhilfe, „querüberwiesen“ werden können. Was bedeutet: zum vorläufigen Abschluss dieses Jahres werden 60,- Euro plus 85,- Euro, insgesamt also 145,-  Euro, das Hilfskonto für die verarmten und verelendeten GriechInnen auffüllen helfen. Wir schließen also dieses Jahr – am heutigen Tag – mit einem Kontostand für die GriechInnenhilfe in der Höhe von knapp über 1.600,- Euro ab.

Ganz sicher muss ich heute nicht wiederholen, dass damit auch weiterhin bestimmte Geldhilfen im ausreichenden Maße nicht gesichert sind, so zum Beispiel für Laura die Bezahlung ihrer Fußprothesen in der Gesamthöhe von 4.600,- Euro. Aber noch ist dieses Jahr nicht wirklich zu Ende, und vielleicht tut sich ja auch in der ersten Januarwoche des kommenden Jahres noch was. Wir, die OrganisatorInnen, können nur hoffen. Und im übrigen nur versichern, dass wir niemanden unter den Hilfsbedürftigen aus den Augen verlieren werden. Versprochen!

Gestattet mir, zum Abschluss dieses Jahres, noch einmal sehr ausführlich Tassos Chatzatoglou zu Worte kommen zu lassen. Ihn, den gebürtigen Griechen, bewegt die Not seiner Landsleute sehr. Aber es zeichnet Tassos mit seinem Bericht zum Jahresende aus, dass er auch das andere ganz große Unrecht nicht aus den Augen verloren hat, das Zigtausende von Menschen in Griechenland derzeit heimsucht. Aber was heißt hier „derzeit“? Auch das wisst Ihr alle schon längst: schlimmste Not auszuhalten, stärker noch als die meisten GriechInnen, das haben die Asylbewerber in diesem Land – und nicht zuletzt auch jene Flüchtlinge, denen es verwehrt bleibt, dieses Land überhaupt betreten zu können (dazu, abschließend, auch noch einige Informationen von mir!). Hier zunächst umfangreiche Auszüge aus dem Bericht, den mir Tassos Chatzatoglou zum letzten Wochenende zugeschickt hat:

„Lieber Holdger,

heute bekam ich eine Nachricht von Eleftheria Kotsidou, der Bürgermeister-Stellvertreterin der Gemeinde Korydallos. Sie bedankt sich noch einmal für die Hilfe und gab mir bekannt, dass die Hilfspakete mit heutigem Tag an die Bedürftigen verteilt werden.

Auch Alexander und  die Familie in Megara sind versorgt.

Dionysis‘ Diätetika sind bis Jänner gesichert.

Sofern es die Spendengelder im Jänner erlauben, sollten wir unser Augenmerk auch wieder auf die vielen Bedürftigen auf der Insel Andros richten, die sich in der Obhut der Sozialarbeiterin Maria Alexaki und Pater Kalinikos befinden.

Leider gibt es aus  Griechenland nicht viel Positives zu berichten. Die Regierung versucht mit strengen Ausgangsbeschränkungen Corona-Erkrankungen in den Griff zu bekommen. So müssen Leute, die ihre Wohnung oder ihr Haus verlassen wollen oder müssen, im Vorfeld eine SMS schicken, dass sie dies tun werden. Es muss zusätzlich immer das Ausgangsformular mitgeführt werden, in dem steht, von wann bis wann sie unterwegs sind. Dies gilt selbstverständlich auch für Hundespaziergänge. Die Menschen müssen auch im Freien Schutzmasken tragen. Dies wird von Zivilpolizei im ganzen Land kontrolliert. Bei Nichteinhalten der Vorschriften gibt es eine Strafe von 300,-  €. Der Zutritt zu Geschäften wird von Security-Leuten überwacht. Auch wenn die Menschen mit diesen Maßnahmen nicht immer einverstanden sind, halten sie sich – anders als in Deutschland und Österreich sowie anderen Ländern – an diese Vorschriften, da ihnen bewusst ist, dass eine Corona-Erkrankung aufgrund des katastrophalen Gesundheitssystems ihren Tod zur Folge haben könnte. Eventuelle Protestmärsche von Verschwörungserzählern und Menschen ohne profundes medizinisches Wissen werden sofort von der Polizei gestoppt und aufgelöst. Sogar das Negieren der Corona-Erkrankung ist in Griechenland strafbar und wird auch strafrechtlich verfolgt.

Trotz dieser Maßnahmen haben sich viele Ausländer dazu entschlossen, zumindest bis zur Einführung der Grippeimpfung in Griechenland zu bleiben, da es dort weltweit gesehen sicherer ist als in den meisten übrigen Ländern.

Durch die Corona-Einschränkung haben natürlich wie weltweit auch viele Griechinnen und Griechen ihre Arbeit verloren. Über die Arbeitslosenunterstützung haben wir öfters berichtet. Die paar hundert Euro im Monat reichen nicht einmal für Nahrung, geschweige denn für andere lebenswichtige Zahlungen wie Miete, Grundsteuer, Strom und Wasser. Die Armenküchen bieten zwar warme Mahlzeiten an, allerdings sehen die eingeführten Corona-Vorschriften den Gang zu diesen nicht vor. Der Ton des Innenministers gehört auf den Kasernenhof. Er will nun sogar im Zuge des Lockdowns ganze Wohnviertel abriegeln lassen  und die Bewohnerinnen und Bewohner unter Hausarrest stellen.

Das ist derselbe Mann, der das Lager in Kara Tepé erschaffen hat. Ich bleibe bei meiner Aussage von damals: Kara Tepé ist ein Konzentrationslager und kein Zufluchtsort. Wirkung der Verhältnisse dort, unbeanstandet von der EU, ist die Vernichtung von Frauen, Männern und Kindern, die das (Un)Glück hatten, auf Lesbos zu landen. Wenn niemand diesen Verrückten, ja, Menschenhasser, stoppt, werden wir Zeuge von Greueltaten, die hoffentlich vor einem Menschenrechts-Tribunal landen werden.

Abgesehen von Menschen, die im Schlamm liegend von Ratten angenagt werden, fand man gestern in den Toiletten von Kara Tepé ein 3-jähriges Mädchen, vergewaltigt, blutend und bewusstlos zurückgelassen. Der Täter wurde Gott sei Dank gefasst.

Im Morast von Kara Tepé liegen die Menschenrechte sowie zerstörte Träume eines besseren Lebens begraben. Hier findet man auch den Zynismus einer Regierung gegenüber Menschen, das Unverständnis der EU sowie die Apathie der Gesellschaft bzw. der Österreichischen Regierungsignoranz gegenüber der Aufnahme von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen. In Kara Tepé sucht man vergebens die Sensibilität zivilisierter Europäer gegenüber hilfesuchenden Menschen, die eingesperrt und gezwungen in einem „Konzentrationslager“  leben müssen, ohne Aussicht auf ein Ende des täglichen Horrors. Frauen und Kinder sind genötigt, unter Bedingungen zu leben, wo  häusliche und sexuelle Gewalt freien Lauf nehmen kann und nimmt. Ein Verbrechen mit Duldung der EU.

In Athen wurden ein linker Regisseur und seine Familie auf der Terrasse des eigenen Haus von der Polizei zusammengeschlagen. Da es keinen offensichtlichen Grund hierfür gab, konstruierte die Polizei eine Geschichte mit Falschaussagen der beteiligten Polizisten. Videos der Nachbarn, die das Geschehen gefilmt hatten, belegen das Gegenteil. Der Fall wird nun vor Gericht verhandelt. Einen positiven Ausgang für die Familie erwarte ich nicht, denn wie bekannt erhält man im Gericht ein Urteil, jedoch selten Gerechtigkeit.“

Von meiner Seite aus noch die folgenden Ergänzungen dazu:

Der für die Asylbewerber zuständige Migrationsminister Notis Mitarakis wartete in der letzten Woche mit einer blanken Lüge auf (nachzulesen in der „Griechenland Zeitung“, GZ, vom 16. Dezember des Jahres): es seien nicht zuletzt zahlreiche Hilfsorganisationen, die das benachbarte Land, die Türkei, dabei unterstützten, Menschenschmuggel zu betreiben und „illegale Grenzübertritte zu fördern“. Wie bitte? „Illegale Grenzübertritte“? Gemeint sind „natürlich“ die Flüchtlinge, die über die Ost-Ägäis, mit elendiglich ausgestatteten Booten, griechisches Festland zu erreichen versuchen, zumeist die Inseln Samos und Lesbos. Dass er es ist, dieser Herr Mitarakis, der sich „illegal“ verhält, indem er die Bootsflüchtlinge von der griechischen Küstenwacht zurücktreiben lässt aufs offene Meer und diese damit daran hindert, völlig legalerweise Asylanträge auf griechischem Boden zu stellen, scheint diesem sogenannten Migrationsminister – besser: Migrationsverhinderungsminister – nicht bewusst zu sein.

Besonders scharf hat in diesem Fall eine norwegische Menschenrechtsorganisation reagiert, die „Aegean Boat Report“. Ihre Organisation, so deren Sprecher, sei gezwungen, diese Hilfe zu leisten, weil den betroffenen Flüchtlingen klar sei, dass die griechische Regierung illegale Abschiebungen vornähme. Und sogar der SPIEGEL hat bei diesem Thema eindeutig Partei ergriffen und sich auf die Seite dieser Hilfsorganisationen gestellt. Am gleichen Tag, als Migrationsverhinderungsminister Mitarakis seine absurden Vorwürfe von sich gab, hielt der SPIEGEL der griechischen Regierung vor, völkerrechtswidrige Abschiebungen von Zufluchtsuchenden vorzunehmen, und legte zum Beweis Zeugenaussagen, Fotos und Journalistenberichte vor. Und auch die GZ veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom letzten Mittwoch eine Karikatur mit zum Teil bitter-ironischer Unterschrift: „Menschen in Not zu helfen, ist kein Verbrechen!… aber schuld an den Pushbacks ist Aegean Boat Report.“ Der Logik des griechischen Ministers Mirtakis zufolge – man muss an dieser Schraube nur ein bißchen weiterdrehen! – könnten auch andere HelferInnen bald zu Verbrechern gestempelt werden! Wieso nicht wir? Und mit Tassos Chatzatoglou wiederhole ich, wahrhaftig nicht zum ersten Mal: wo ist da die EU? Schaut sie einfach nur weg? Oder schaut sie einfach nur zu?

Ihr werdet verstehen, dass ich zum Ende dieses Jahres 2020, das ja auch für uns kein leichtes war, meine Bitte um Unterstützung unserer Hilfsaktion noch einmal mit großer Intensität wiederhole. Setzen wir der schlechten Unendlichkeit der Nöte in Griechenland – gleich, welcher Art – unsere Beharrlichkeit des Widerstands, der Kritik und der Menschenhilfe entgegen!

Und damit zum letzten Mal in diesem Jahr zu meinem Spendenaufruf:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Mit herzlichen Grüßen und allen meinen guten Wünschen

Euer Holdger Platta

 

Comments
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    Piranha
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    Panagiotis Theodorikakos

    Einen anderen Minister hatte ich einmal sehr unflätig als „Schwein“ betitelt; das war nicht in Ordnung.

     

    Wusstest du eigentlich, dass Schweine sehr intelligent, freundlich und mitfühlend sind? Was man Schweine  in einer Woche lehren kann, dafür braucht ein Hund 3.

     

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