Gegen Terrorismus hilft nur ein menschenwürdiges Leben

 In Holdger Platta, Politik (Ausland), Politik (Inland)

NeuperlachTerror-Analysen, die die desolate Situation im Nahen Osten in den Mittelpunkt stellen, innerislamische Probleme oder selbst die außenpolitischen Fehler der USA haben allesamt einen Vorteil: Sie ersparen es den Menschen der Mehrheitsgesellschaften in Europa, sich mit ihrer eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. Auch wenn Terroristen einen „Migrationshintergrund“ hatten, wurden sie vordergründig doch in unseren Großstädten sozialisiert, z.B. in Paris. Sie wurden ausgegrenzt und der Chance auf eine menschenwürdiges Leben beraubt. Eine Warnung auch für Deutschland, wo die Anzahl der Migranten aus muslimischen Ländern derzeit zunimmt, die Toleranz der Urbevölkerung dagegen ab. (Holdger Platta, Anmerkung der Redaktion: Wir wiederholen diesen Artikel, der erstmals im November 2015 bei uns veröffentlicht wurde, aus gegebenem Anlass. Nicht alles ist übertragbar auf die jüngsten Attentate in Deutschland, z.B. München, aber die Stoßrichtung, wie sie in der Überschrift ausgedrückt ist, stimmt unvermindert. Allerdings ist es – im doppelten Wortsinn – „billiger“, mehr Polizisten zu fordern statt eine gerechtere, globale Wirtschaftsordnung ohne Kriege, Armut und Ausbeutung – für alle Menschen!)

Verstehen hat mit Verstand zu tun. Verstand geht auch auf Wissen zurück. Und kluges Wissen schließt nicht nur die objektive Welt der äußeren, der materiellen Fakten mit ein, sondern auch die Welt menschlicher Emotionen – abgekürzt: die Welt der Psychologie (und Sozialpsychologie).

Viele Menschen in Europa treibt seit Wochen die Frage um, was am Freitag, den 13. November des Jahres in Paris geschah. „Sie ermorden unser Glück!“ titelte am anderen Tag die Pariser Tageszeitung „Libération“. Und bereits nach den Terroranschlägen vom Januar in Paris – auf die Redakteure von Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt – formulierte der französische Premierminister Manuel Valls: „Sie haben Frankreich mitten ins Herz getroffen.“ Doch was geschieht europaweit seit diesem furchtbaren Freitag, seit diesen entsetzlichen Attentaten in Paris?

Unser Nachbarland rüstet auf, erklärt den Ausnahmezustand, spricht von „Krieg“. Es wimmelt in Paris (und im sonstigen Land) auf den Straßen von schwerbewaffneten Polizisten und Militärs. In Deutschland ist ähnliche Aufrüstung oder Beteiligung an Militärschlägen im Gespräch. Und wieder und wieder tauchte in den vergangenen Tagen der Slogan auf, man müsse nun endlich Ursachenbekämpfung betreiben – sprich: mit verstärkten militärischen Mitteln gegen den IS, gegen den „Islamischen Staat“ im Nahen Osten vorgehen, vielleicht sogar mit Bodentruppen. „Ursachenbekämpfung“, das ist also diesem Verständnis nach nur Gegenaggression, „Ursachenbekämpfung“, das erstreckt sich für die meisten Politiker und Kommentatoren seit diesen grauenerregenden Attentaten lediglich auf Kategorien der Menschenvernichtung, aufs Abknallen der Aggressoren, aufs Ausradieren einer ganzen Schreckensregion (inklusive der Zivilbevölkerung dort). Doch ist das wirklich „Ursachenbekämpfung“?

Ich gebe der „Libération“ Recht: jawohl, ganz so sahen die Attentate vom vergangenen Freitag aus, ganz so fühlten und fühlen sich diese Terrorangriffe an. Es war, als hätten die Attentäter in dieser Nacht vom 13. auf den 14. November ein glückliches, ein genießendes, ein spielendes Frankreich zerstören wollen. Ich begreife auch Manuel Valls Ausspruch vom Anfang des Jahres einschränkungslos: es war, als habe man Frankreich mitten „ins Herz treffen“ wollen, ins Herz einer ganzen Zivilisation, einer ganzen Kultur, wie zahlreiche Journalisten schon vor vielen Monaten schrieben. Aber, so frage ich hier: war für die Attentäter, die im Januar zuschlugen und am letzten Freitag erneut, war für diese jungen Männer, allesamt offenbar Franzosen (oder jetzt auch Belgier), allesamt offenbar auch mit sogenanntem „Migrationshintergrund“, war für diese jungen Männer dieses Frankreich jemals „Kultur“ gewesen, jemals „Zivilisation“? Hatte dieses Frankreich, das da tief ins Herz getroffen wurde, so Valls, jemals ein Herz für diese jungen Männer gehabt? Und: schossen da glückliche Menschen auf ein glückliches Frankreich, oder schossen da Unglückliche, (die nichtmal mehr den Anblick von Glück zu ertragen vermochten), hoffnungslos ausgeschlossen von diesem „Glück“ der Begüterten in unserer Konsumgesellschaft, in den Vorstädten durch Perspektivlosigkeit entwürdigt, zu Loosern degradiert, die ihr Selbstwertgefühl endlich wiederzufinden hoffen im Hass auf diese herzlose Gesellschaft und die mit dem bedingungslosen Kampf gegen die vermeintlichen oder tatsächlichen Glücksregionen auf unserem Planeten ihrem Leben endlich als „Helden“ einen Sinn zu geben glauben – wobei selbst der eigene Tod in Kauf genommen wird.

Es wird mir keiner, so hoffe ich, unterstellen wollen, daß ich auf Rechtfertigungen dieser Terrortaten zusteuern will. Aber sehr wohl auf Ursachenklärung, sehr wohl auf die Frage von Ursache-Wirkungsverhältnissen, sehr wohl auf die Klärung von Kausalitäten, auf eine Klärung, die auch die sozialen, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Frankreich wie in Belgien ins Blickfeld rückt. Wovon spreche ich, was meine ich damit?

Nun, soweit wir heute über die Biographien dieser Terroristen informiert sind, hatten sie – in Frankreich wie in Belgien! – aufzuwachsen in einem Land, das ihnen bereits in deren Kindheitstagen nichts anderes zu bieten vermochte als Elend und Armut, Ausgrenzung und Diffamierungen, Mobbing schon in der Schule, Nichteinlaß an Disco-Türen und eine völlige Perpektivlosigkeit, was das eigene zukünftige Leben betrifft. Wer aus den Banlieues Stellenbewerbungen verschickte, womöglich noch mit erkennbar „ausländischem“ Absender versehen, durfte und darf sicher sein, daß diese Selbsthilfeversuche in Richtung eines menschenwürdigen Lebens stets in den Abfallkörben der angeschriebenen Personalchefs verschwanden und auch weiterhin zu verschwinden pflegen. Diese „Zivilisation“, diese „Kultur“, diese Gesellschaft sagte den betreffenden Menschen über zwei Jahrzehnte lang: Ihr seid für uns nur Dreck, Euer Wohlergehen interessiert uns nicht, geht vor die Hunde beziehungsweise bleibt, wo Ihr seid!

Will jemand von den jetzigen „Ursachenbekämpfern“ ernsthaft bestreiten, daß der heutige Terrorismus dieser jungen Männer Resultat des materiellen und seelischen Terrors ist, den sie über zwei Jahrzehnte selber vorher auszuhalten hatten? Will jemand von diesen „Ursachenbekämpfern“ ernsthaft bestreiten, daß die beste und wirksamste Terrorprävention immer noch ein seelisch wie materiell menschenwürdiges Lebenkönnen wäre? Genau das, was diesen jungen Männern stets vorenthalten blieb? – Ich behaupte: noch jeder Türsteher, der diesen Franzosen (!) oder Belgiern (!) den Eintritt in die Disco verwehrte, noch jeder Personalchef, der die Stellenbewerbungen dieser Ausgegrenzten in den Abfallkorb warf, ist Mitverursacher des Terrorismus, der uns alle in diesen Tagen mit größtem Entsetzen erfüllt. Mitverursachung, die nicht justitiabel ist – aber natürlich! -, Mitverursachung jedoch, über die man noch in jedem Handbuch zu Terroristen“karrieren“ nachlesen kann, in jeder Studie zu den Auswirkungen von schwarzer Pädagogik, in jeder Studie im übrigen auch zum Thema Faschismusursachen, soweit es dessen psychologischen wie materiell-ökonomischen Kausalzusammenhänge betrifft. Wer von frühester Kindheit an seelischen und materiell-ökonomischen Terror in die Lebensgeschichte dieser heranwachsenden Menschen „eingetragen“ hat, darf sich über die terroristische Antwort dieser Betroffenen im frühen Erwachsenenalter nicht wundern – auch wenn sich dieser Apartheids-Terror selber als „Zivilisation“ oder „Kultur“ zu titulieren wagt. An dieser Stelle spätestens geht das Versagen der Gesellschaft eine geradezu unerträgliche Verbindung mit schamlosester Selbstgerechtigkeit ein. Und man fragt sich, wie dieses Versagen der Mehrheitsgesellschaften in Belgien und Frankreich mit Bombenangriffen auf die IS im Nahen Osten beseitigt werden soll. Die Antwort sozialpsychologischer Terrorismusforschung lautet jedenfalls ganz anders:

Die Entwicklung von blutjungen Menschen zu blutrünstigen Attentätern kann nur verhindert werden, wenn diesen Ausgegrenzten von ihren ersten Kindheitsjahren an ein Leben zugänglich ist, das die Versprechen unserer Demokratien auch in der Praxis uneingeschränkt einzulösen vermag – ein Leben, das allen Geboten der Menschenwürde entspricht und nicht als gedankenlose und inhumane Vorbereitungsgeschichte zu einer Terroristen“karriere“ gewertet werden muß.

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