«Geister der Leere» – eine politische Gruselstory

 In Allgemein, Roland Rottenfußer
Sind die Menschen, denen wir begegnen, überhaupt noch "sie selbst"? (Gemälde: Edvard Munch)

Sind die Menschen, denen wir begegnen, überhaupt noch „sie selbst“? (Gemälde: Edvard Munch)

Zu Halloween möchten wir unseren Leserinnen und Lesern natürlich etwas Passendes und ganz Besonderes bieten. Geisterstunde auf „Hinter den Schlagzeilen“. Das bedeutete aber nicht, dass wir unpolitisch geworden wären. Wer genau liest, kann in dieser Satire von Roland Rottenfußer gar nicht einmal so subtile Anspielungen auf politische Verhältnisse herauslesen. Warum, zum Beispiel, wirken bestimmte Politiker, die wir früher durchaus als aufrechte Idealisten gekannt hatten, nach kurzer Amtsausübung „wie ausgewechselt“? Furchtlos deckt der Autor die bisher verborgenen okkulten Hintergründe des Neoliberalismus auf, und das Ergebnis ist – der blanke Horror. (Roland Rottenfußer)


1. Teil: „Wie ausgewechselt“

Karl-Heinz Jungclauss, Generalsekretär der WPD (Wachstumspartei Deutschlands), ist mir schon seit den früher 70er Jahren ein Begriff. Damals war er unter dem Namen Kalle „Che“ Jungclauss und als „Radi-Kalle“ bekannt und mischte zusammen mit Freunden bei den Studentenunruhen mit. Die friedliche Erstürmung der Frankfurter Börse unter dem Motto „Geldsäcke rückt die Kohle raus! Solidarität mit der Dritten Welt“ ging mit auf sein Konto.

Heute ist Jungclauss nach einer beispiellosen Polit-Karriere in der Öffentlichkeit als Hardliner bekannt. Das Wort vom „Karl-Heinz Gnadenlos“ macht die Runde, seit er sich als mecklenburgischer Innensenator dafür ausgesprochen hatte, einem Flüchtlingsschiff, das an der Ostseeküste landen wollte, keine Anlegegenehmigung zu erteilen. Daraufhin waren mehr als 200 Asylbewerber in den Fluten ertrunken, was Jungclauss als „bedauerliche, aber notwendige Härte mit exemplarischer Signalwirkung in der Asylpolitik“ bezeichnete.

Ich hatte dem WPD-Politiker bisher keine große Beachtung geschenkt. Seine Forderung nach Abschaffung des Kündigungsschutzes, nach pauschaler Pro-Kopf-Besteuerung mit monatlich 1500 Euro für alle Bürger und der Privatisierung aller staatlichen Schulen und Kindergärten hatten bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. All das unterschied sich nur unwesentlich vom üblichen Gerede der hiesigen Politiker.

Eine besondere Verbindung zu Jungclauss hatte ich über eine Freundin von mir, die Clearing-Therapeutin Melissa Bailey. Melissa war in der „heißen Zeit“ der 70er-Jahre Junclauss‘ Geliebte und Kommunen-Mitbewohnerin gewesen. „Der Che war früher ganz anders“, sagte sie immer. „Ich verstehe ihn nicht. Er ist wie ausgewechselt. Als ob in dem selben Körper ein ganz anderer Mensch stecken würde. Früher, da war er ein herzlicher, mitfühlender Mensch, ein Weichei – was sage ich: ein Schnecken-an-den-Wegesrand-Träger. Er hat geweint, wenn er im Fernsehen Bilder von Tiertransporten ansehen musste, die Tränen sind ihm in Sturzbächen über die Wangen gelaufen. Überall, wo er Unrecht witterte, hat er sich empört und bis zur Erschöpfung nachts Protestbriefe geschrieben. ‚Ich habe kein Recht, mich auszuruhen, solange dieses Scheißsystem Menschen kaputt macht‘, sagte er immer. Wir verloren uns dann aus den Augen, weil ich ihn mit einem maoistischen Politologie-Studenten betrogen habe. Es hat mir bald danach leid getan. Ich war nicht sicher, ob ich wirklich schon aufgehört hatte, ihn zu lieben. Nein, Che ist überhaupt nicht mehr Che.“

„Wer soll er denn sonst sein?“, fragte ich naiv.

„SIE haben ihn ausgewechselt“, antwortete Melissa mit bedeutsam gedämpfter Stimme. SIE sind in ihn gefahren und nehmen jetzt den Platz ein, den früher seine Seele ausgefüllt hat.“
Man muss dazu erklären, dass ich von Melissas esoterischen Theorien nichts halte. Ich habe aufgehört, mit ihr darüber zu streiten und habe mir angewöhnt, ihre Schrullen zu akzeptieren. „Clearing“, muss man wissen, bedeutet ungefähr dasselbe wie „Exorzismus“: die Austreibung von Geistern. Melissa glaubte, dass viele körperliche und seelische Krankheiten durch so genannte Besetzung durch Fremdenergien ausgelöst seien. Erdgebundene Seelen, Tote, die den Übergang ins Licht nicht geschafft haben und in die Körper lebender Menschen fahren, um wie Parasiten an ihren körperlichen Erfahrungen teilhaben zu können. Melissa behauptete, die besetzten Menschen heilen zu können, indem sie sie hypnotisierte und sich mit den besetzenden Geistern „vernünftig“ unterhielt. Nach einem kurzen Frage-Antwort-Spiel gelang es ihr angeblich, die Quälgeister „ins Licht zu schicken“, wonach sich der Patient gesund und befreit fühlte. Ziemlich abstruse Theorie!

Länger hatte ich nichts mehr von Melissa gehört. Eines Abends im Mai rief sie mich mit vor Erregung bebender Stimme an. „Hast du es gelesen?“, fragte sie. „Ich meine, das von Jungclauss?“

Ich hatte am Vorabend in den Nachrichten tatsächlich von Karl-Heinz Jungclauss‘ neuestem politischen Vorstoß gehört. Er hatte vorgeschlagen, den Paragraf 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ folgendermaßen abzuändern: „Die Würde des Menschen steht unter Finanzierungsvorbehalt. Das nähere regelt ein Bundesgesetz.“ Neben verhalten kritischen Stimmen war aus Politik und Wirtschaft durchaus auch Zustimmendes zu hören. Das Grundgesetz sei unter dem traumatisierenden Eindruck der Nazi-Diktatur vor 70 Jahren vielleicht voreilig im Geiste eines gesinnungsethischen Fundamentalismus abgefasst worden, sagte der Arbeitgeberpräsident. Die Maximalforderung einer „Unantastbarkeit“ der Würde müsse nun den sich wandelnden Gegebenheiten neuer globaler Herausforderungen angepasst werden.

„Diesmal ist er zu weit gegangen!“, sagte Melissa aufgebracht. „Das Grundgesetz, die Würde des Menschen! … Sie haben kein Recht dazu, Roland, wir müssen was gegen sie unternehmen!“

So gern ich Melissa mag, empfinde ich ihre intensive Skorpion-Energie manchmal doch als sehr anstrengend. „Ich verstehe deine Empörung, Melissa“, sagte ich mit müder Stimme, „aber du musst der Realität ins Auge sehen. Das was Jungclauss fordert, ist längst Realität in Deutschland, ob es nun in der Verfassung steht oder nicht.“

„Nein, Roland, ich kann es nicht mehr hinnehmen. Ich muss die Energien unschädlich machen, wer oder was auch immer sich dahinter verbirgt.“

„Was willst du denn machen, Melissa? Ihn umbringen? Denk daran: Was immer er getan hat, er ist immer noch ein Mensch!“

„Ist er nicht!“, antwortete Melissa trocken. „Menschen empfinden Mitgefühl. Sie verspüren eine natürliche Hemmung, Arbeitsplätze zu vernichten, Kinder in die Verarmung zu stürzen oder den Lebensraum von Tieren zuzubetonieren. Jungclauss ist kein Mensch mehr. Er sieht nur äußerlich wie einer aus. SIE haben längst Besitz von ihm ergriffen. Und er ist nicht der einzige. SIE haben schon viele unterwandert – in den Führungsetagen, aber auch ganz normale Leute wie dich und mich. Und es werden immer mehr von ihnen – oder anders gesagt: Wir werden immer weniger. Wir können nicht mehr mit Sicherheit sagen, wer noch Mensch ist und wer schon einer von IHNEN geworden ist.“

„Melissa, du weißt, dass ich mit dem Verschwörungsscheiß nichts anfangen kann“, sagte ich unwillig. „Ich schau gern diese Filme an, ‚Seelenfresser – Invasion aus dem All‘ und dergleichen. Aber im Gegensatz zu dir scheine ich zwischen Science Fiction und Realität noch unterscheiden zu können.“ Mit diesen Worten brach ich unser Telefongespräch ab.

Ich versuchte in den darauf folgenden Wochen das, was ich von Melissa gehört hatte, zu verdrängen. Selbst als sich abzeichnete, dass im Rahmen einer „Großen Koalition der Vernunft“ eine verfassungsändernde Mehrheit für die von Karl-Heinz Jungclauss vorgeschlagene Neufassung von Paragraf 1 des Grundgesetzes in der Bundesversammlung zustande kommen würde, sah ich keinen Grund, mich künstlich aufzuregen.
Melissas Anruf ereilte mich in der Badewanne. „Komm sofort zu mir – bitte!“, zischte sie ins Telefon. „Jetzt! Zögere keinen Augenblick! Ich brauch dich!“

„Was ist denn los?“, fragte ich genervt. Ich hatte mich auf einen gemütlichen Fernsehabend mit einer neuen „Seelenfresser“-Folge gefreut und keine Lust auf weitere anstrengende und nutzlose Politik-Diskussionen mit Melissa. Was mich aber nun in Melissas kleinem Appartment im fünften Stock eines Neuperlacher Wohnblocks erwarteten sollte, hätte ein Science-Fiction-Autors kaum unheimlicher und fantastischer inszenieren können.

Unwillig hüllte ich mich in meinen langen, schwarzen Wintermantel und ging die paar Schritte zu Melissa zu Fuß über frostglatte Betonwege zwischen den mit Graffiti besprühten Hochhauswänden hindurch. Beim Nach-oben-Schauen umhüllte mein warmer Atem eine Gruppe von Sternen, die sich am klaren Winterhimmel zeigte, mit einem geisterhaft weißen Nebel. Im fünften Stock, bei Bailey, brannte nur ein mattes, diffuses Licht wie von einer Kerze. Ich drückte den Klingelknopf .

2. Teil: Der Gefangene

Melissa empfing mich in einem schlichten weißen Ritualgewand, das sie für ihre Priesterinnen-Auftritte anzulegen pflegte. Um meine Beine strich zärtlich der kleine, warme Körper von Janis, dem schwarzem Kater, benannt nach Melissas Jugendidol Janis Joplin. Melissa entwand sich rasch und sichtlich nervös einer flüchtigen Umarmung. Ihre Haut roch nach Räucherwerk aus Sandelholz und Patchouli. Wie schön sie noch immer war, vor allem wenn das warme Licht der Kerzen ihre Fältchen weg retouchierte und ein samtener Glanz auf ihren noch vollen und sinnlichen Lippen lag. Melissas Augen funkelten entschlossen. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich in ihr Behandlungszimmer.

„Erschrick nicht!“, raunte sie mir noch zu, und ihre Warnung war berechtigt, denn vor mir, auf der halb mannshohen Massage-Liege, die ich von zahlreichen Reiki-Behandlungen Melissas kannte, lag ausgestreckt und mit breiten Gurten gefesselt, der Körper eines Mannes. Es war – der Politiker Karl-Heinz Jungclauss. Ich kannte ihn bisher nur aus dem Fernsehen, geschniegelt wie die Karikatur eines Versicherungsvertreters. Nun lag er in lässiger Privatkleidung vor mir, sein Haar aufgelöst, Schweißperlen auf der Stirn.
„Melissa, du hast doch nicht …?“

„Es musste sein, Roland. Ich habe ihn nach einer Podiumsdiskussion über die Reform der Paragrafen 1 bis 10 des Grundgesetzes in München angesprochen und unter dem Vorwand, alte Zeiten aufzuwärmen, hier her gelockt.“

„Hast du ihm etwa eines deiner Mittelchen eingeflößt?“

„Du kennst doch meine Zaubertränke. Zu irgendwas muss es ja gut sein, als Hexe verschrien zu sein!“

„Aber Melissa, das ist Entführung, du kannst ihn nicht einfach …!“

„Sagen Sie Ihrer Freundin, dass sie mich sofort freilassen soll!“, ließ sich nun die erstaunlich kühle und gefasste Stimme von Junclauss vernehmen. „Wenn sie mich jetzt gehen lässt, wird ihr nichts geschehen. Ich tue so, als ob der lächerliche Vorfall nie stattgefunden hätte. Sie wissen, Herr … Roland …, wenn Sie mir nicht helfen, ist es unterlassene Hilfeleistung, und auch Sie können strafrechtlich dafür belangt werden. Also seien Sie vernünftig!“

„Melissa, er hat Recht“, redete ich auf die Priesterin ein. „Glaubst du wirklich, dass du auf diese Weise seine Politik ändern kannst? Denk wenigstens an deine Zukunft. Du kannst Gefängnis bekommen für so einen Unfug!“

„Wenn ich mit ihm fertig bin, Roland, wird er kein Bedürfnis mehr haben, mich anzuzeigen. Im Gegenteil, er wird mir für seine Befreiung dankbar sein.“

„Aber du hörst doch, er will, dass wir ihn losbinden!“

„Das ist nicht er, mit dem du gerade gesprochen hast, Roland, das ist DAS WESEN! Die Persönlichkeit, die einmal Kalle Jungclauss war, hat keine Kontrolle mehr über diesen Körper. Wenn wir das Wesen wegschicken, kann der rechtmäßige Eigentümer des Körpers wieder von ihm Besitz nehmen. Er wird erwachen wie von einem langen, bösen Alptraum.“

„Melissa, wenn du Visionen hast, dafür kann ich dir einen Arzt empfehlen“, sagte Jungclauss‘ Stimme mit kaltem Hohn.

„Danke, nach der von euch initiierten Gesundheitsreform würde ich mich lieber einem Leichenbestatter anvertrauen als einem Arzt“, konterte Melissa. „Und jetzt ist Schluss mit den Zicken, Graf Dracula. Du kommst erst hier weg, wenn du mir sagst, wer du bist und was du und deinesgleichen von uns Menschen wollt.“

„Sie ist wahnsinnig geworden!“, sagte der Politiker und schaute mir mit einem bezwingenden Blick in die Augen. „Binden Sie mich jetzt los, Roland, oder Sie werden es bereuen!“ Seine Stimme hatte den herrischen Tonfall eines Mannes, der es nicht gewohnt war, dass ihm widersprochen wurde und der den Vollzug seiner Anweisungen als selbstverständlich voraussetzte. Unwillkürlich überlief mich ein Frösteln, und ich war geneigt, seinem Befehl wie unter Hypnose zu folgen. Ich schaute für einen Moment auf den Boden und schüttelte mich, um mich aus dem Bann seiner Augen zu befreien. Auf einmal hatte ich das unheimliche Gefühl, dass Melissa mit ihrer Dämonen-Theorie recht haben könnte. „Hast du ein Kruzifix da, Melissa?“, fragte ich. Ich wollte mein Gefühl der Beklemmung wohl mit Humor bekämpfen. „Oder vielleicht Knoblauch? Oder willst du warten, bis er unter den ersten Sonnenstrahlen zu Staub zerfällt?“

„Licht hilft nicht, Roland. Jedenfalls kein materielles Licht. Das was er am meisten fürchtet, ist Gefühl! … Warte, ich weiß, wie wir ihn kriegen.“

Melissa ging zu ihrem Schrank und holte eine CD heraus, die sie Jungclauss direkt vor sein Gesicht hielt. „Wenn du nicht bereit bist, zu kooperieren, werde ich dir diese und ähnliche Werke vorspielen – wenn es sein muss, die ganze Nacht.“

Junclauss wurde von einem Augenblick auf den anderen kreidebleich. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. Schweiß trat auf seine Stirn. „Nein!“, rief er. „Tu es nicht, bitte!“

Melissa ging provozierend langsam zu ihrem CD-Player und legte die CD ein. Man hörte den warmen Schwall von Orchestermusik. Dann eine Opernstimme, von süßen, weichen Harmonien getragen – unendlich liebevoll und traurig zugleich: „Che gelida manina …“, sang die Tenorstimme auf Italienisch. „Puccini – seine schönsten Arien“, las ich auf dem CD-Cover. Ich erinnerte mich unwillkürlich an einen Zeitungsartikel über den Politiker, in dem er angegeben hatte, seine Lieblingsmusik sei AC/DC und Techno.

Tatsächlich wand sich Jungclauss unterdessen unter schier unerträglichen Qualen. „Dieses Gesülze! Diese Warmduscher-Musik! Ich halt das nicht aus! Mach sie aus, bitte! Mach sie aus!“

„Sag mir zuerst, wer du bist!“

„Wer soll ich schon sein? Ich bin der WPD-Politiker Karl-Heinz Junclauss.“

Melissa drehte die Musik lauter und zeigte ihrem Gefangenen fast genüsslich die Folterwerkzeuge, die ihm noch bevorstanden, falls er nicht kooperieren würde: „Das Phantom der Oper“, Schuberts „Unvollendete“ sowie „Isoldes Liebestod“.

„Gut, ihr habt gewonnen. Ihr habt es so gewollt. Jetzt seht zu, wie ihr mit der Wahrheit leben könnt.“

Jungclauss Körper war plötzlich in ein stahlblaues Licht getaucht. Seine Augen blickten starr und weit geöffnet ins Leere, und aus einem Mund kam eine seltsam fremde Stimme, so als ob viele Wesen auf einmal im Chor sprächen.

„Wir sind DIE GEISTER DER LEERE. Bevor Seelen waren, bevor Liebe war, bevor ein Gott war, waren WIR – glücklos, leidlos, ewig zufrieden im Schoß des Chaos. Wir sind gekommen, um euch zu assimilieren, euch auszuhöhlen und zum Verlöschen zu bringen, was an euch menschlich ist. So lange, bis der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt ist, bis im Universum nichts mehr ist als Leere. Ergebt euch! Euer Widerstand ist aussichtslos. Es gibt nicht mehr viele von eurer Art.“

Instinktiv wich ich vor der Erscheinung ein paar Schritte zurück. Ein kaltes Grauen würgte mich an der Kehle und nahm mir den Atem. Ich schüttelte mich, als wollte ich aus einem bösen Alpdruck erwachen. Doch als ich wieder zu dem Dämon hinsah, war er immer noch da, und keine Kinoleinwand, kein Fernsehbildschirm war schützend zwischen ihm und mir.

Teil 3: Interview mit einem Dämon

Der bläuliche Schimmer um Jungclauss‘ Körper war erloschen – oder war er nur Einbildung gewesen?

„Du bist doch Journalist, Roland“, redete mich Melissa an, als wir uns von dem ersten Schrecken erholt hatten. „Hast du schon einmal einen Dämon interviewt. Das wäre doch eine Gelegenheit, oder?“

„Bist du einer oder seid ihr viele?“, begann ich, als ich wieder etwas Mut gefasst hatte. Die Verwandlung in den Dämon schien es Jungclauss nicht leichter zu machen, sich von seinen Fesseln zu befreien. Dadurch fühlte ich mich vorerst geschützt.

„Ich bin einer“, sagte der Dämon, dessen Stimme jetzt wieder klang wie die des Politikers. „Aber ich bin mit dem Kollektiv verbunden. Ich bin nicht frei. Das Kollektiv kontrolliert, was ich sage und tue. Wenn du ein Gleichnis aus der Natur haben willst, dann denke an einen Insektenstaat. An einen Fischschwarm, der sich wie ein einziger Körper bewegt, von einem zentralen Willen gelenkt. Das Kollektiv entsendet jeden von uns, um den Körper von jeweils einem Menschen zu kontrollieren. Doch diese Körper sind wie Fingerhüte auf den Kuppen einer einzigen Hand, keiner von ihnen bewegt sich selbständig.“

So war es wohl zu erklären, dachte ich, dass die von Dämonen besetzten Personen zwar nach außen hin verschiedenen politischen Lagern angehörten, jedoch alle dieselben Phrasen herunterbeteten. Ob Wachstumspartei oder Idealistische Partei, ob Arbeitgeberverbände oder Gewerkschaften, ob linke oder rechte Zeitungen, überall war dasselbe zu lesen: „Mutige Reformen bringen Deutschland voran.“, „Sozial ist, was Arbeit schafft“, „Wachstum ist unbegrenzt möglich“‚ „Die Bürger müssen von ihrem Anspruchsdenken abrücken“, „Schuldendienst hat Vorrang“ usw. Als ich den Dämon darauf ansprach, bestätigte er sofort: „All das sind unsere Weltanschauungen, mit denen wir Ziele verfolgen, die uns dienen.“

„Aber die Politiker sind ihrem äußeren Auftreten nach immer noch ziemlich verschieden“, warf ich ein. „Einige von ihnen scheinen Charme und Witz zu haben oder sogar Gefühle zu zeigen.“

„Wir ahmen die Verhaltens- und Redeweisen der Menschen nach, die wir besetzt haben, damit die Wandlung nicht zu offensichtlich ist“, sagte der Dämon. „Manchmal sagt man z.B. von einem Politiker, er habe seit seiner Jugend eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Aber in Wirklichkeit ist da kein Mensch mehr, der sich entwickeln könnte. Da sind nur noch wir. Wir bedienen uns seines Körpers und seiner intellektuellen Fähigkeiten, seiner Erinnerungen – all das bleibt erhalten. Was dagegen aus seinem Körper hinauskatapultiert wird, ist das, was manche ‚Seele‘ nennen, manche auch ‚Herz‘.“

„Der Emotionalkörper geht verloren“, warf Melissa ein. „In ihm ist alles gespeichert, was es uns ermöglicht, zu fühlen, zu lieben, zu leiden oder Angst zu haben.“

„Was geschieht aber mit den Seelen der ursprünglichen Besitzer eines Körpers?“, fragte ich weiter.

„Sie befinden sich außerhalb des Körpers und haben keine Kontrolle mehr über ihn. Sie irren oft desorientiert umher und wundern sich, dass sie mit verkörperten Menschen nicht mehr Kontakt aufnehmen können. Manche sind immer um ihren Körper, andere sind viele Kilometer entfernt. Aber es besteht immer eine Verbindung, ähnlich einem unsichtbaren Faden. Wenn dieser Faden reißt, treibt die Seele wie ein Luftballon davon, und die Verbindung kann nie mehr hergestellt werden. Wenn die Seele dann nicht eine brennende Liebe zu Gott in sich spürt und das Verlangen, sich wieder mit ihm zu vereinigen, kann es sein, dass sie erlischt wie eine Kerzenflamme.“

„Ihr glaubt an die Existenz Gottes?“, warf ich ein. „Fürchtet ihr nicht, euch vor ihm verantworten zu müssen für das was ihr tut?“

Das maskenhafte Gesicht von Jungclauss lächelte, wie ich ihn schon viele Male hatte lächeln sehen, wenn er das Argument eines politischen Gegners mit überlegener Geste vom Tisch fegte. „Gott greift nicht ein. Wenn er es täte, könntest du dir vorstellen, dass die Welt so beschaffen ist wie sie ist?“

Ich schwieg für einen Moment wie benommen.

„Ihr haltet Gott für allmächtig und unsterblich“, fuhr er fort, „weil es euch eure Priester so beigebracht haben und weil ihr es euch in eurer Kleinheit nicht anders vorstellen könnt. Aus kosmischer Perspektive erscheint dagegen alles sehr relativ, sogar die ‚Größe’ jenes Wesens, das ihr Gott nennt. Gott ist nicht der Vater, müsst ihr wissen, Gott ist der Sohn.“

Nun konnte ich ihn nur noch stumm anstarren. Ich war wie betäubt von einer schmerzerfüllten Gier, die mich dazu trieb, noch mehr zu erfahren, alles, was der Dämon bereit war, mir zu offenbaren – und koste es mich den Frieden meiner Seele.

„Am Anfang war nichts als die Leere“, fuhr der Dämon fort, so als läse er aus einer heiligen Schrift vor. „Und diese Leere – niemand kann sagen warum – gebar ein Wesen aus strahlender Energie, das aus sich heraus unablässig Liebe verströmte. Um die Liebe aber besser fühlen zu können, versprühte das große Licht einzelne Funken in die Nacht hinaus. Um die Funken herum bildeten sich als erste Schicht die Seelen, als zweite Schicht eine Kruste aus Materie, die wir heute Körper nennen. Aus den Funken wurden Wesen, und das Große Licht liebte jedes dieser Wesen, und die Wesen liebten das Große Licht. Die Geister der Leere aber, die die Finsternis des Uranfangs bewohnt hatten, fühlten sich von dem Licht, das das Wesen verströmte, gestört. Hast du dich je nach absoluter Stille gesehnt, dich von Tönen bedrängt und verfolgt gefühlt? Hast du je die Dunkelheit gesucht, weil du dich vom Licht geblendet fühltest? Dann verstehst du vielleicht, wie es den Geistern der Leere ging. Sie hatten keinen anderen Wunsch als die Schwärze des Ursprungs wieder herzustellen, den Wunsch, dass Nichts existieren möge. So ersannen sie einen Weg, um das große Licht zum Erlöschen zu bringen.“

„Ihr bildet euch ein, dass ihr Gott töten könntet?“, fragte ich, nun fast wieder beruhigt angesichts der Absurdität dieser Behauptung.

„Ihr müsst eure beschränkten Denkgewohnheiten aufgeben, wenn ihr die großen Zusammenhänge verstehen wollt“, fuhr der Dämon ungerührt fort. „Gott ist nichts ein für alle mal Festgefügtes. Gott entwickelt sich. Er wurde geboren, und er kann sterben – nach und nach, mit jedem fühlenden Herzen, das erlischt. Und wenn dies geschähe, wäre das Universum ohne Herz. Das ist keine ferne Vision, es geschieht bereits. Schon jetzt stirbt Gott, Tag für Tag ein bisschen mehr. Er blutet aus wie der wunde Körper eines Sterbenden, der mit jedem verlorenen Tropfen seiner Substanz ein Stück weiter in die Nichtexistenz hinüber gleitet.

Wir sind dabei die bewohnten Planeten auszuhöhlen und mit dem Nichts zu infizieren. Stell dir das Universum wie ein Meer von Teelichtern in einer leeren dunklen Kirche vor. Stell dir vor, dass ein Licht nach dem anderen erlischt, bis nur noch wenige verstreute übrig sind … dann noch weniger … und schließlich gar keines mehr. Absolute Dunkelheit. Absolute Stille. So verliert eine Menschheit nach der anderen ihre Seele. Die Erde ist nicht der erste Planet, dem dies geschieht, sie ist einer der letzten. Melissa, erinnerst du dich an den in der Esoterik immer wieder gern zitierten Mythos von den ‚Grauen‘ – kleinen, schmächtigen Außerirdischen mit großen Köpfen und mandelförmigen Augen?“

„Ja“, antwortete Melissa. „Diesen ‚Grauen’ wird ein Großteil der so genannten UFO-Entführungen zugeschrieben, von denen zahlreiche Hypnosepatienten berichten. Gibt es sie wirklich?“

„Ja, es sind Wissenschaftler, Forscher mit einem hohen intellektuellen Anspruch. Sie agieren völlig frei von jenen Regungen, die ihr Skrupel oder Mitgefühl nennt. Sie entführen Menschen, entnehmen ihnen in ihren Labors Organe oder genetisches Material, löschen ihr Gedächtnis und schicken sie traumatisiert auf die Erde zurück. Die Natur ihres Heimatplaneten ist durch Umweltzerstörung völlig vernichtet. Seine Bewohner leben in Erdhöhlen, die mit hoch entwickelter Technologie ausgestattet sind. Es ist eine graue Welt aus Glas und Metall, notdürftig geschützt vor den giftigen Dünsten, die auf der Oberfläche über die zerstörte Landschaft ziehen. Diese Wesen sind dekadent, ihre Körper sind verkümmert. Die Lichter der Herzenergie, die dieses Volk einmal durchströmte, sind ausgeblasen, die Köpfe vom vielen Denken riesengroß geworden. Am Anfang dieser Entwicklung stand der in den meisten Fällen freiwillige Verzicht auf den Emotionalkörper.“

„Aber dieses Horrorszenario können Sie doch nicht mit den Zuständen auf der Erde vergleichen!“, rief ich empört.

„Nein, die Erde ist noch nicht so weit, aber sie hat bereits mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt, den jener Planet schon hinter sich hat. Glaubst du wirklich, ihr Menschen wärt grundsätzlich von diesen Außerirdischen verschieden? Denk an die Tierversuche, die kalten Termitenhügel der großen Konzernzentralen, die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber Kinderarmut und Baumsterben. Nein, euer Planet ist noch nicht so weit wie jener andere, aber du kannst sicher sein, das kriegen wir hin.“

Etwas an der Geschichte des Dämons erschien mir nicht stimmig. Deshalb hakte ich nach: „Sie sprechen von einem freiwilligen Verzicht auf den Emotionalkörper. Das erscheint mir unglaubwürdig. Warum sollte jemand freiwillig ohne seine Gefühle leben wollen?“

„Weißt du das wirklich nicht?“, fragte der Dämon und blickte mich mit einem wissenden Zynismus an, der mich unwillkürlich frösteln ließ. „Wir holen uns keinen, der nicht in seinem Innersten dazu bereit wäre, geholt zu werden. Wir würden nicht zu dir kommen, wenn nicht etwas in dir uns längst gerufen hätte.“

„Warum schauen Sie mich dabei an?“, fragte ich, von Panik ergriffen. „Ich habe Sie nicht gerufen!“ Ich ärgerte mich, dass der Dämon mir meine Angst an der Stimme anmerken musste.

„Ich sage dir ins Gesicht, mein Freund, dass gerade du schon lange für uns bereit bist. Warum frage ich dich, schreibt jemand so viele Artikel über emotionale Kälte, wenn diese Kälte nicht auf dem Grunde seiner Seele läge – als größte Angst und als größte Verlockung? Auch du kennst den Impuls, vor deiner größten Leidenschaft davonzulaufen und dich mich flachen Emotionen sicherer zu fühlen. Auch du kennst das Bedürfnis, aus dem Drama des Lebens auszusteigen und dich in die Rolle eines distanzierten Beobachters zu flüchten. Auch du kennst diesen Ekel vor dem Getrieben- und Gezogensein durch ein unstillbares Verlangen.“

„Sie täuschen sich, ich würde es nie freiwillig tun, dazu lebe ich zu gern, selbst wenn ich mich manchmal gern distanziere. Das Leben in einem menschlichen Körper ist gewiss nicht immer ein Zuckerschlecken, aber was könntet ihr mir bieten, was den Verlust meiner Lebendigkeit aufwiegt?“

Der Dämon grinste süffisant und genoss es für einen Moment, mich auf seine nächste schockierende Enthüllung warten zu lassen. „Wenn du dich uns anvertraust, dann könntest du dir endlich eingestehen, dass du geil bist auf – Melissa!“ Ich erschrak über die plötzliche Brutalität dieses Satzes und schaute verunsichert zu Melissa hinüber, die sich jedoch nichts anmerken ließ und meinen Blick vermied. „Du hättest keine Angst mehr. Wer sich von uns bewohnen lässt, kennt keine Furcht mehr und keine Scham. Du würdest auf Melissa zugehen und ihr zeigen was du brauchst, und du würdest sie ficken!“

„Melissa, bitte entschuldige. Lass dich davon nicht … er ist verrückt“, stammelte ich.

„Es ist gut, Roland“, sagte Melissa sanft, wie man ein Kind beschwichtigt. „Hör ihm einfach weiter zu.“

Melissa sah jetzt noch schöner aus. Ihre schwellenden Lippen und hohen Wangenknochen wurden vom rötlichen Schimmer des Kerzenlichts auf das Anmutigste modelliert. Ihre Brust hob und senkte sich schwer atmend unter dem weißen Priesterinnengewand, während sie gebannt auf den Dämon starrte. Hatte ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht, wenn ich mir einredete, ich hätte Melissa längst aufgegeben?

„Dein Problem ist, dass du zu feige bist, dir einzugestehen, dass du nur zu gern mal kraftvoll und fordernd wärst, laut, rücksichtslos oder sogar böse“, fuhr der Dämon fort. „Du versteckst dich hinter der Maske eines lieben Jungen, damit man sich im Dunstkreis deiner harmlosen und langweiligen Ausstrahlung geborgen fühlen kann. Wer die Milch deiner gütigen, wohl abgewogenen Worte trinkt, wird sich nie berauscht fühlen, er gerät nie auf Abwege, nie in Gefahr. Man muss dich einfach lieb haben, und das ist es doch, was du willst, oder? Das Dumme ist nur: Beliebt wirst du dich auf diese Weise schon machen, aber du wirst nie ein Gewinner sein!“

„Ach, und wenn ich Ihnen meine Seele verkaufe, bin ich ein Gewinner?“, erwiderte ich höhnisch

„Es ist doch offensichtlich“, fuhr der Dämon ungerührt fort, „dass Menschen, die sich von uns bewohnen lassen, stärker sind als andere. Jemand, der sich ohne Furcht nimmt, was er will, ist stärker als jemand, der von Selbstzweifeln und falscher Rücksichtnahme zerrissen wird. Jemand, der lügen kann, ohne mit der Wimper zu zucken, kann einem anderen, der sich vor lauter Skrupel in die Hose macht, über den Tisch ziehen. Jemand der keine Scheu hat, dir ins Gesicht zu schlagen, kann dich einschüchtern und Macht über dich ausüben. Leute, die sind wie du, werden nie Macht gewinnen, und Leute, die Macht haben, werden nie sein wie du. Und siehst du, genau so sieht eure Welt auch aus.

Es ist ein Naturgesetz: Leben, das auf fremdes Leben übergreift, es sich ohne zu zögern unterwirft, um den eigenen Zwecken zu dienen, wird immer dominieren. Wir können nicht anders als gewinnen. Mit Hilfe von Wesen wie Jungclauss, dessen Körper ich kontrolliere, unterwerfen wir die Erde. Ihr alle werdet früher oder später unterworfen werden – oder assimiliert, so dass unsere Nicht-Seele an die Stelle eurer Seele tritt. Ihr habt nur die Wahl zwischen diesen beiden Optionen. Assimiliert zu werden hat aber einen unschätzbaren Vorteil. Es bedeutet das Ende aller Kämpfe, aller Ängste, aller quälenden Widerstände gegen das, was sich vollziehen wird. Was dich betrifft, Roland, so spüre ich, dass du deine Wahl schon getroffen hast …“

„Jetzt ist Schluss!“, rief Melissa und in ihren Augen lag die bezwingende Macht, zu der sie manchmal fähig war, wenn sie ihre ganze Energie auf einen Punkt konzentrierte. „Ich befehle dir, Dämon, aus Karl-Heinz Junclauss‘ Körper herauszufahren und für immer zu verschwinden, dorthin, woher du gekommen bist.“

„Was denn, Melissa, was willst du mir befehlen?“, höhnte der Dämon. „Etwa, dass ich ins Licht gehen soll, damit mich Papa Gott wieder lieb hat – so wie du es in deinen Esoterik-Büchern gelesen hast?“ Der Dämon lachte nun lauthals aus Jungclauss’ Mund. Und es schien, als lachte er nicht nur uns zwei aus, sondern die ganze Menschheit mit ihrem lächerlich aufgeblasenen Glauben an das Licht, die Liebe und an einen guten Gott, der uns behütet.

Melissa aber ging plötzlich auf den Körper des Politikers zu und beugte sich mit einer Geste sanfter Hinwendung über ihn. Im Licht der Kerze sah ich, dass ihre Augen feucht waren. „Komm zurück, Kalle“, sagte sie. „Ich liebe dich.“ Und sie küsste ihn hingebungsvoll auf seinen schmalen Mund, der vom Spotten noch immer hart und höhnisch aussah und um den ein Schweißfilm stand. Da ging eine Welle durch Jungclauss‘ Körper, ein unkontrollierbares Zittern erfasste ihn und ein Schrei entrang sich seiner Kehle, der nicht mehr menschlich war.

4. Teil: Der Neue Körper

Als das Zittern abgeebbt war, wurde der Körper, der vor mir lag, von einem aufdringlich lauten Schluchzen erfasst. Melissa kniete neben der Massageliege auf dem Boden, hielt Jungclauss’ Hand und streichelte sie betulich. Mit süßlicher Stimme redete sich auf ihn ein: „Es ist gut, Kalle, es ist alles gut. Der Alptraum ist vorbei.“

Kalle blieb lange stumm. Dann stieß er hervor: „Die Menschen, die vielen armen Menschen! Was habe ich getan?“

„Du bist unschuldig, Kalle, das warst nicht du. ER war Es. Er hat von deinem Körper Besitz ergriffen.“

Mir wurde der Dunst der verbrauchten Atemluft und der aufgewühlten dicken Gefühle in diesem Zimmer zu viel. Ich wollte hinaus in die kalte, reine Winterluft. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich wegen Melissas offensichtlicher Zuwendung zu dem Politiker keine Eifersucht empfand. Ich war in sie verliebt gewesen, gewiss, aber ich vermochte das nicht mehr zu spüren. Ich vermochte überhaupt nichts mehr zu spüren, außer dass ich sie ficken wollte. Aber wenn sie nicht wollte, gab es genügend andere, die ich ficken konnte.

Beim Hinausgehen hörte ich unter mir ein Knacksen und ein jämmerliches Quieken. Ich musste auf Katze Janis‘ Bein getreten sein, als sie sich zum Abschied an mich schmiegte. Ich musste ihr das Bein gebrochen haben. Melissa nahm die Katze tröstend in den Arm, offenbar entsetzt über meine Unachtsamkeit und Brutalität. Na und? Was für ein Getue wegen dem Katzenvieh! Nur ein stinkender Haufen Eingeweide, der stinkendes Futter in sich hineinfrisst, es verdaut und in noch ärger stinkende Scheiße verwandelt. Wozu dieses Lebendigsein, diese Schmerzempfindung einer sinnlosen Biomasse, die ein Pfuscher von einem Schöpfergott überflüssiger weise fühlend erschaffen hatte. Ich konnte sie nicht mehr hören, die Aufregung und die theatralischen Vorwürfe der weinerlichen Frau! Was habe ich denn getan? Ich habe nur zerbrochen, was besser gar nicht entstanden wäre.

„Ich rufe den Nottierarzt. Ich gehe davon aus, dass du dich finanziell beteiligst, Roland!“

„Woran, an den Begräbniskosten?“, antwortete ich mit einem ironischen Lächeln.
Melissa warf mir einen bösen Blick zu.

„Melissa“, fragte Karl-Heinz Jungclauss, der noch immer erschöpft auf seiner Matte lag, obwohl die Hohepriesterin seine Fesseln gelöst hatte. „Wo ist er eigentlich hingegangen?“

„Wer?“

„Der Dämon. Er muss, nachdem er mich verlassen hat, doch irgendwo hingegangen sein.“

„Ich weiß es nicht, Kalle. Ich habe keine Erfahrung mit solchen Wesenheiten. Menschliche Seelen kann ich zu den lichtvollen jenseitigen Ebenen schicken; ER war nicht menschlich. Wo er hingegangen ist, weiß die Hölle! Roland verschwinde jetzt bitte! Ich will dich erst mal nicht mehr sehen. Ich muss mich um Kalle kümmern.“

„Ich will das Familienidyll nicht stören“, hörte ich mich antworten. Dann trat ich hinaus in die kalte Winterluft.

Endlich frei!

Epilog:

„Jungclauss wirft hin. Schrüfer designierter Nachfolger.“ Die Überschriften der Tageszeitungen hatten heute Morgen nur das eine Hauptthema: den für alle völlig unerwarteten Rückzug von WPD-Generalsekretär Karl-Heinz-Jungclauss ins Privatleben. „Ich kann es nicht mehr länger vor meinem Gewissen verantworten, meine Wähler zu belügen. Ich kann ihnen nicht mehr eine Politik verkaufen, an die ich selbst nicht glaube. Ich entschuldige mich bei allen Bürgern für einige politische Entscheidungen, die ich zu verantworten habe und für die ich mich zutiefst schäme“. Dies waren seine viel zitierten Worte vor den Kameras gewesen. Wüsste ich nicht genau, dass es tatsächlich so gewesen ist, hätte ich diese Zeitungsberichte wohl für gut gemachte Satire gehalten. Denn welcher reale Politiker hätte jemals so etwas gesagt?

Klaus Schrüfer, der neue Generalsekretär, hatte bei der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz der WPD mit einem ironischen Lächeln gekontert: „Wenn Herr Jungclauss recht hätte, wären wir anderen Politiker ja allesamt gewissenlose Lügner. Sie haben sicher Verständnis dafür, dass ich mich eines Kommentars über diesen bedauerlichen Ausrutscher meines Vorgängers enthalte.“ Die personellen Lücken wurden rasch gefüllt, die Wogen der Aufregung glätteten sich. Jungclauss wurde in die Liste bedauernswerter Polit-Verlierer eingereiht, die nicht aufhören können, gegen ihre obsiegenden Rivalen zu stänkern.

„Schwächling!“, dachte ich und klappte meine Zeitung zu. Auch dass ich in einem Fernsehbericht in den Abendnachrichten Melissa an der Seite Jungclauss‘ erkannt hatte, Melissa, die sich bei ihm unterhakte und ihn liebevoll und stolz anblickte, während ein Trommelfeuer von Vorwürfen der Journalisten auf ihn niederprasselte – auch dies konnte ich nur mehr als peinlich empfinden. Mochten diese Kindmenschen weiter blind durch dichten Gefühlsdunst taumeln. Mochte ihre sozialromantische Weltsicht mit der Demission von Karl-Heinz Jungclauss einen kleinen, sehr vorläufigen Sieg errungen haben – die Zukunft, dessen war ich gewiss, gehörte UNS.

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