Gelistete Ostereier

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Corona-Tagebuch, Teil 17. Regulierungswut wurde den Deutschen schon immer zur Last gelegt. Alles muss bei ihnen geordnet und vorschriftsgemäß ablaufen. Alles wird in lange Listen eingetragen, gezählt und normiert. Auch Massenmord lief in Deutschland geordneter, bürokratischer ab als anderswo. Vor etwa 80 Jahren zum Beispiel. Der Autor erinnert sich sogar noch mit Schrecken an die Ostereier-Vorschriften, die sein Vater erlassen hatte. Was das Ganze mit Corona zu tun hat? Nun, auch in diesen Zeiten „funktionieren“ die Deutschen wieder bestens. So gut sogar, dass sie von Merkel belobigt wurden – nicht ohne dass sie eine Ermahnung anfügte, wenn die Disziplin nachlasse, gebe es ein paar hinter die Löffel. Götz Eisenberg

Als ich gestern auf einer Wanderung ein hart gekochtes Ei aufschlug und aß, musste ich daran denken, wie Ostern in meinem Elternhaus begangen wurde. Wir lebten in einem Einfamilienhaus in einem Kasseler Vorort. Das Haus lag inmitten eines großen Gartens, der geteilt war in ein Gemüse- und einen Obstgarten. Während meine Stiefmutter den Gottesdienst ihrer Freikirche besuchte und meine Brüder und ich in den Kindergottesdienst der örtlichen Kirchengemeinde geschickt wurden, versteckte mein atheistischer Vater die in der Woche zuvor gefärbten Eier. Nach dem gemeinsamen Frühstück wurde die Suche eröffnet. Wir Kinder schwärmten aus und wurden auch bald fündig. Die entdeckten Eier mussten bei den Eltern abgeliefert werden und wurden in einem Korb gesammelt. Jedem Kind stand eine bestimmten Anzahl zu, unabhängig davon, wie viele Eier jeder von uns gefunden hatte. Mein Vater war ein solcher Meister im Verstecken, dass es jedes Mal eine gewisse Quote von Eiern gab, die nicht gefunden wurden. Oder erst im Laufe des Jahres, bei der Erdbeerernte oder beim Umgraben.

Einmal stieß ich beim Graben am selben Tag auf ein vergessenes Osterei und auf die Eihülle, die eine Blindschleiche hier abgelegt hatte. Als auch mein Jüngster Bruder alt genug war, um mit der Wahrheit leben zu können, dass nicht der Osterhase die Eier im Garten ablegte, sondern unser Vater sie versteckte, ging er dazu über, die Orte, an denen er die Eier versteckt hatte, zu notieren. Noch waren Eier kostbar und die Schwundquote wurmte ihn und war nicht akzeptabel. Jeder Fund musste ihm mit präziser Ortsangabe gemeldet werden, und er strich das jeweilige Ei aus seiner Liste. Die Ostereiersuche bekam dadurch etwas sehr Deutsches und Bürokratisches, was die Freude dämpfte. Jedes Kind erhielt schließlich eine gewisse Anzahl gekochter Eier, die in die Osternester gelegt wurden. Es wurde erwartet, dass man sich die „einteilte“ und keinesfalls auf einen Schlag aß. Das führe zu schlimmen Verstopfungen, wurden wir gewarnt.

Als ich zu denken begann und mir geschichtliche Zusammenhänge bewusst wurden, kommentierte ich irgendwann die Ostereier-Listen meines Vaters mit den Worten: „Ihr habt über alles Listen geführt, auch über die Brillen und Schuhe der vergasten Häftlinge.“ Ich erhielt eine Ohrfeige und wurde von den Osterfeierlichkeiten ausgeschlossen. Mein Vater stellte daraufhin nicht etwa das Anlegen der Liste ein, sondern das Verstecken der Eier insgesamt. Unter der Nachkriegsidylle war die be- und verschwiegene NS-Vergangenheit stets präsent. Man musste nur ein klein wenig am schönen Schein der Oberfläche kratzen und schon brach sie durch. Thomas Hettche hat für dieses Phänomen die Formulierung gefunden: „Die Idylle ist der Tumormarker des Verdrängten“.

Thomas Hettche ist hier in der Gegend aufgewachsen und hat an einem Gießener Gymnasium Abitur gemacht. Er hat uns einige Mal im Butzbacher Gefängnis besucht und vor Gefangenen aus seinen jeweils aktuellen Büchern gelesen. Unvergessen ist seine Lesung aus Der Fall Arbogast, die Ende Januar 2003 stattfand. Thomas Hettche greift in diesem Buch einen Kriminalfall aus den 1950er Jahren auf. Die Gefangenen hörten gebannt zu, und die Exemplare, die Thomas Hettche uns mitgebracht hatte, gingen Monate lang von Hand zu Hand. „Mit Dank für eine höchst interessante Lesung“, hat er in mein Exemplar als Widmung geschrieben.

Zum ersten Mal in der sechzigjährigen Geschichte der Ostermärsche fallen sie dieses Jahr der Coronakrise zum Opfer und finden sozusagen „im Saal“ statt, das heißt virtuell und zu Hause. Obwohl gerade jetzt soviel Anlass wäre, gegen Aufrüstung, Waffenexporte und drohende Kriegsgefahren zu demonstrieren. Konstantin Wecker hat am Samstag vor Ostern, also am 11. April,  ganz im Sinne der Ostermarschtradition, ein tolles Konzert gegeben, das vom Bayerischen Rundfunk als Livestream übertragen wurde. Ziemlich am Anfang hält er wieder einmal Zwiesprache mit seinem imaginären Freund Willy, dem er im Jahr 1977 seinen vielleicht bekanntesten Song gewidmet hat. Er berichtet dem im Handgemenge mit Nazis getöteten Freund von den aktuellen Grundrechtseinschränkungen und sagt: „Wir müssen aufpassen, Willy, höllisch aufpassen!“, dass sie nicht nach dem Ende der Pandemie beibehalten und Teil einer neuen Normalität werden, von der manche Politiker schon länger träumen. Das Regieren per Notverordnung und Dekret und am Parlament vorbei könnte Schule machen. Diejenigen, die die Übertragung verpasst haben, können sie unter br.de/kultur jederzeit nachhören und -sehen. Am 9. Mai soll es anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus an gleicher Stelle ein weiteres Wecker-Konzert geben.

In den Corona-Zeiten, in denen andere Protestformen untersagt sind, blüht die Kultur der Inschriften und Graffitis. Auf dem Radweg zur Universität steht „Evakuiert Moria“, ein Flüchtlingslager auf der Insel Lesbos. Rund um den Schwanenteich waren Christen aktiv. An verschiedenen Stellen hat jemand „Frohe Ostern – Jesus ist auferstanden“ mit Kreide auf die Gehwege geschrieben. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Witz ein, den Peter Ustinov gern um Ostern herum erzählt hat: Breschnjew betritt an Ostern sein Büro. Sein Sekretär murmelt ihm zu: „Christus ist auferstanden“. Das ist der traditionelle Ostergruß der Russen, den auch die Herrschaft der Kommunistischen Partei nicht auszumerzen vermochte. Breschnjew schaut ihn an, sagt aber nichts. Wenig später verlässt er sein Büro. Auf dem Gang kommt ihm ein Politbüro-Mitglied entgegen und sagt laut: „Christus ist auferstanden, Genosse Generalsekretär“. Daraufhin brummt Breschnjew unwirsch: „Man hat mich bereits informiert.“

Etwas weiter steht auf dem Gehweg: „Ohne Freiheit stirbt Solidarität“. Wobei die Crux ist, dass die meisten unserer Mitbürger unter Freiheit lediglich die Freiheit zu konsumieren und die Freiheit des Marktes verstehen.  Man muss mit solchen Parolen vorsichtig sein, sonst rennt man offene und falsche Türen ein. Vor allem die Industrie pocht zur Zeit auf eine Aufhebung der Corona-Beschränkungen und eine Rückkehr zur Normalität. Auch das halten die für Freiheit.

Meine Lektüre von Camus‘ Die Pest ist beendet. Die Seuche ist auf dem Rückzug, die Menschen ergießen sich auf Straßen und Plätze und feiern Freudenfeste. Plötzlich schießt ein Mann blindlings in die Menge. „Eine Verrückter, was sonst!“ beschwichtigen sich die Leute – genau wie heute, wenn jemand mit seinem Auto in den Karnevalszug rast oder blindlings in die Menge schießt. Der Schrecken steckt im bürgerlichen Alltag, wie der Wurm in der nach außen gut aussehenden Frucht. Der Arzt Rieux hat sich gegen Ende des Romans als Verfasser der Chronik zu erkennen gegeben. Er steht abseits des Trubels und verhält sich der Freude gegenüber misstrauisch. „Denn er wusste, was dieser Menge im Freudentaumel unbekannt war und was man in Büchern lesen kann, dass nämlich der Pestbazillus nie stirbt und nie verschwindet, dass er jahrzehntelang in den Möbeln und in der Wäsche schlummern kann, dass er in Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren geduldig wartet und dass vielleicht der Tag kommen würde, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und zum Sterben in eine glückliche Stadt schicken würde.“ Von Camus darf man kein Happyend erwarten. Und, denken wir daran, die Pest ist eine Chiffre für den Faschismus, der ebenfalls in den Falten und Ritzen des scheinbar friedlichen Alltags überdauert – zum Beispiel in den Ostereierlisten meines Vaters.

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    heike
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    Danke auch für diese Geschichte, Götz. Ich habe mich gefragt, warum dein Vater dir auf deine Bemerkung hin eine Ohrfeige gegeben hat. Du hast ihn beleidigt. Er wollte euch Kindern eine Freude machen und du hast ihn beleidigt. Glaubst du, dein Vater fand gut, was in der Nazizeit passiert ist? Manche Wahrheiten können Menschen nicht ertragen, sie müssen sie ausblenden. (Dazu ist die von dir erwähnte Idylle wichtig.)

    Es geht mich ja nichts an und ich erwarte hier auch keine öffentlichen oder sonstigen Antworten, aber wissen würde ich trotzdem gern, wie du und dein Vater später zueinander gestanden habt.

    Und jetzt bin ich auch langsam etwas neugierig auf die Pest von Camus…. das ist so eine Ecke der Literatur, mit der ich mich bisher noch nie beschäftigt habe.

     

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    heike
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    Da ich das Buch leider nicht zur Hand habe, habe ich, neugierig und ungeduldig wie ich bin, auf Wikipedia zurückgegriffen. Dazu fiel mir folgender, in der Naturheilkunde gut bekannter und fest verankerter Satz von Claude Bernard ein:

    `Der Erreger ist Nichts, das Milieu ist Alles`

    („Le microbe n’est rien, le terrain c’est tout“)

    Jedes Samenkorn braucht einen Nährboden, auf dem es wachsen kann, dazu entsprechende äußere Bedingungen. Jede krankmachende Ideologie braucht ebenfalls einen Nährboden, auf dem sie wachsen kann…. Und wie entsteht dieser? Faschismus ist ja etwas Destruktives. Ein Keim, der einen Körper krankmacht, ist ebenfalls destruktiv für den jeweiligen Menschen. Führt die AfD uns in den Faschismus? Wohin führt sie uns überhaupt? Zu geschlossenen Grenzen rund um Europa. Zur Ausgrenzung Andersdenkender. Zur Reglementierung von Denken.

    Für Mitmacher und Nichtstörer wartet der Lohn der solidarischen Gemeinschaft. Es ist schon ein gewisser Zwang, der in ihrer Ideologie,  steckt. Und was hat den Boden dafür bereitet? Der marktkonforme Neoliberalismus, wie man so schön sagt. Eine Gesellschaft, die Geld über Menschen, Ehrlichkeit, tieferen Sinn gestellt hat. Wie auch immer, wer eine Gesellschaft für die Menschen aufbauen möchte, muss auch mit den Menschen beginnen – und das tut sie nun einmal, die AfD, mehr kann ich dazu nicht sagen. Und trotzdem möchte ich Fridays for Future, Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren, und ganz allgemein Freiheit in einer Gesellschaft nicht vermissen.

     

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    heike
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    Jedenfalls kann, also sollte, man eine Gesellschaft nicht gleichschalten. Der Mensch braucht Freiräume, auch unbeobachtete, nicht unter Kontrolle stehende Freiräume, für seine persönliche Entwicklung. Das sollten wir den Menschen schon zutrauen können, in unserer heutigen Zeit.
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    corono-telegramm 4
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    Corona-ohne-Maske-Telegramm Nr. 4

    …auch den 4. Tag ohne Maske gut überstanden – stop –  Leute schauen mich seltsam an – stop – als ob ich ein alien wäre – stop – muss mich noch an diese Blicke gewöhnen – stop – sonst alles gut !

     

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