Hannes Wader: Trotz alledem

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Konstantin Wecker bespricht die Autobiografie seines großen Freundes und Kollegen Hannes Wader – das Buch eines Mannes, der sich eigentlich nie als Schriftsteller gefühlt hat und der doch mit „Trotz alledem. Mein Leben“ ein Zeit- und Personen(selbst)porträt ersten Ranges abgeliefert hat. Wer sich für die Kunst von Hannes Wader, aber auch für deutsche Liedermacherszene als Ganzes interessiert, der hält hier ein erstklassiges und ausführliches Dokument in Händen. Auch als Porträt einer Zeitepoche, die von der unmittelbaren Nachkriegszeit über die heißen „68er“-Jahre bis in unsere unmittelbare, sich wieder verdunkelnde Epoche reicht, ist das Buch sehr zu empfehlen. Mit Konstantin Wecker spricht hier auch ein sehr kompetenter Rezensent. Hannes Waders Buch kann auch über den Sturm-und-Klang-Shop bestellt werden.

Ich war sein Fan lange bevor er meine Lieder mochte. Und unsere gemeinsamen Auftritte gehörten zu den absoluten Höhepunkten in meiner Laufbahn. Hannes Wader ist immer ganz er selbst – und ein größeres Kompliment vermag ich auch für seine Autobiografie nicht zu vergeben. In seiner lakonisch, eher etwas nüchternen Art bewegt er wie kaum ein anderer

Dass es dieses Buch gibt, ist eigentlich ein Wunder und war von den wenigsten wohl erwartet worden. Denn, wie Hannes im Vorwort erzählt, er schreibt eigentlich gar nicht gern. Es gibt von ihm sonst keine Bücher, keine Essays und auch keinen Band „Gesammelte Briefe“.  Es gibt nur seine Lieder. Und das Wort „nur“ ist hier natürlich sehr unangebracht, seine ganze poetische Kraft, seine Lebensweisheit, sein Erzähltalent sind darin versammelt. Mangels anderer Gedächtnisstützen hangelt sich der Autobiograf ganz an seinen Liedern entlang – ein Glück für alle, die schon immer gern die wahre Geschichte hinter Liedern wie „Schön ist die Jugend“ hören wollten. Wir erfahren von einem eher scheuen, durch eine schwere Kindheit versehrten Mann, der – ohne sich eigentlich als „geborener Star“ zu fühlen – zu einem unserer größten Künstler reifte.

Auch als Mensch kommt einem Hannes Wader in diesem gewichtigen Band noch einmal näher. Teilweise schonungslos ehrlich, scheint er sogar mich noch im Zugeben diverser Schwachpunkte übertreffen zu wollen – und zeigt gerade dadurch charakterliche Stärke. Ich beneide ihn auch für seine Fähigkeit, geduldig die Stationen seines bewegten Lebens abzuarbeiten und einen großen Bogen zu spannen, dabei die Spannung zu halten und Episoden von großer Leuchtkraft zu entwerfen. Wie in seinen Liedern verwebt sich auch in seiner Autobiografie das Persönliche mit dem Porträt seiner Epoche – wenn Hannes etwa die Spuren der Nazi-Ideologie in der Mentalität der Nachkriegsgesellschaft beschreibt, die wilde Zeit als Künstler in den 68er-Jahren, die später abklingende Begeisterung für den Kommunismus und die Diffamierung durch das neudeutsche Spießertum.

Hannes Wader ist so gradlinig in seinem Denken und Handeln, dass man zwar nicht die Uhr nach ihm stellen, aber seinen politischen und ethischen Kompass nach ihm ausrichten kann. Er häutete sich zwar gelegentlich, jedoch nur um sich selber treu zu bleiben. Wer je an der Dummheit, der Ungerechtigkeit, dem faschistoiden Wahn in den Köpfen der Menschen gelitten hat, der weiß warum dieses Buch „Trotz alledem“ heißt. Wer „alledem“ über mehr als 75 Jahre getrotzt hat, der braucht viel Stehvermögen und Mut zum Leben. Danke, Hannes!

 

Hannes Wader:

Trotz alledem. Mein Leben.

Penguin Verlag

592 Seiten, € 38,-

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