Heimkinder – Die dunkle Seite der Nachkriegszeit

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Johanna Haarer, „Mutter“ der Nazi-Pädagogik

Für Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann es keine Verjährung geben. Die alte Bundesrepublik stellen sich die jüngeren von uns eher „gemütlich“ vor – ein idyllisches Biedermeier, in dem es sich gut und gern leben ließ. Für manche deckt sich das sogar weitgehend mit eigenen Erinnerungen. Wer etwas älter ist und zudem ein schwieriges Familienschicksal erleben musste, für den konnte die viel gepriesene Nachkriegszeit jedoch zur Hölle werden. Altnazis saßen noch auf vielen einflussreichen Positionen, und der alte Geist lebte weiter. Vor allem galt das für die „Schwarze Pädagogik“, jene Ideologie, die Kinder vor allem mit Härte, Gewalt und Lieblosigkeit zu erziehen versuchte. Ein besonders abstoßendes Beispiel waren die Erziehungsanstalten der 40er- bis 80er-Jahre, in die Kinder, denen soziale Schwierigkeiten unterstellt wurden, zwangseingewiesen werden konnten. Es waren – auch im Einflussbereich des Grundgesetztes – lichtlose Zonen, in denen Freiheit, Güte und Menschenrechte keinen Platz hatten und Kinder mit kruden Dressurmethoden gebrochen werden sollten. Die Autorin berichtet aus eigener, schwerer Lebenserfahrung. Ulrike Spurgat

Wir ehemaligen Kinder und Jugendlichen der Erziehungsanstalten des letzten Jahrhunderts – von 1949 bis zum Beginn der 1980ger Jahre – klagen eine ignorante und immer noch zutiefst im braunen Sumpf steckende Gesellschaft an. Einen Staat, der mit ehemaligen Blut-Richtern, Staatsanwälten und Juristen aufgebaut wurde, als ein erneutes Unterdrückungsinstrument der herrschenden Klasse mit seinen Instititionen: den Jugendämtern, Gerichten und Landschaftsverbände. Kirchen, Diakonie und Caritas hatten die Erziehungsanstalten fest in der Hand. Natürlich gab es auch staatliche Heime. Dort war man der Repression, der Unterdrückung, den Schlägen und dem Missbrauch genauso ausgesetzt.

Wo war denn das so viel beschworene und besäuselte Grundgesetz?

Weg! Für uns galt es nicht. Selbst einen Rentenanspruch haben wir nicht erworben, obwohl wir 12 Stunden und mehr haben schuften müssen – u.a. für die Dorbewohner, die ihre dreckige Wäsche zum Waschen und Mangeln ins Heim brachten. Die Gelder dafür hat dann die Heimführung einkassiert. Wir haben davon nie etwas gesehen. Wir waren die Putzkräfte, die Köche, die Gärtner, die auch die Wohnungen und die Zimmer der sadistischen Tanten in Ordnung zu halten hatten. Und die tägliche Andacht mit einem feisten Tomatengesicht-Pfaffen, dem die Geilheit angesichts all der schönen, jungen Mädchen aus dem Gesicht sprang, war Teil der Hausordnung. Jede von uns musste dem Drecksack die Hand schütteln nach dem Gottesdienst, zu dem man mit Tritten gezwungen wurde, während er vom „Eiapopeia“ predigte. Die Dunkelkammer war mir sicher, und die Medikamentenversuche – ohne eine Einwilligung – ebenso.

Nein, für uns gab es keine Entrinnen, denn Staat und Gesellschaft waren sich in dem Punkt mal wieder einig. Die verwahrlosten, langhaarigen, verlausten, asozialen und aufmüpfigen Proleten-Kinder müssen weg. Der Staat und die Mitläufer-Gesellschaft hauten drauf auf Teufel-komm-raus.

An einem dunklen Herbsttag im Jahr 1965 kamen die Bullen und griffen mich auf.

In der Rückschau weiß ich nicht, was schlimmer gewesen ist – ob es der respektlose und der gewalttägige Umgang der Bullen war, oder aber das freundliche, sanfte und schleimige Grinsen der Aufseher, als die Schlüssel sich für eine lange Zeit umdrehten. So wurde ich zu einer Gefangenen des Systems. Nichts mehr war so in meinem kleinen Leben wie ich es kannte.

Nein, es war kein einfaches Leben für ein rebellischen, freches Mädchen in den 50er-Jahren, das seine Familie grenzenlos liebte und unbedingt wollte, dass wir zusammen bleiben können. An einem Wintertag 1964 stirbt die Mutter, gezeichnet von Faschismus und Krieg. Unser aller Schmerz war grenzenlos. Der Vater, ein kämpfender Kommunist und ehemaliger Lager-Häftling wegen seines Kampfes gegen Faschismus und Krieg, verlor die Liebe seines Lebens. Nie wieder habe ich diesen Fast-zwei-Meter-Mann – ebenso wie meine rebellischen und aufsässigen Brüder – so herzzerreißend weinen sehen wie am Tage der Beerdigung unserer Mutter. In Anlehnung an Tolstoi: Jede Familie trauert auf ihre Weise…

Seine Kraft wurde immer weniger, und der Staat mischte sich zusehends mehr ein. Es gab die Braunen in der Arbeitersiedlung, denen wir ein Dorn im Auge waren, und sie taten das, worin sie am besten ausgebildet waren: Sie schwärzten uns an. Und so setzten sich die bürokratischen Mühlen des strukturell faschistischen Staates in Gang, und die Tochter „von der roten Sau“ verschwand in einer Nacht-und-Nebel-Aktion für viele Jahre. Meine Brüder, alle um einiges älter, hat man abgebügelt und sie nicht als „fähig“ angesehen, sich um die Schwester kümmern zu können.

Im Heim sprach sich schnell herum, dass ich die Tochter eines Kommunisten bin. Ehemalige KZ-Aufseherinnen, die so in Brot und Arbeit gekommen sind, ließen mich das zusätzlich bei jeder Gelegenheit spüren. Tritte, Schubsen, Kneifen, Spucken und Begrapschen gehörten zu den Erziehungsmethoden. Wenn ich mich zur Wehr setzte, drohte Wegschließen in die Dunkelkammer, die sich weit weg in einem der Nebengebäude befunden hat.

Isoliert und ausgegrenzt zu sein, war unser Alltag, nicht selten von Verzweifung, Not und Elend begleitet. Es gab kein Licht, die Scheibe war aus Panzerglas, eine Pritsche mit einer kratzenden Decke war unser Schlafplatz, und die wenige Nahrung war rationiert. Manchmal wurde eine Schüssel mit Wasser zum Waschen hereingestellt, wie für einen Hund. Kontakte hat es nicht gegeben in der grausamen Zeit in der Dunkelkammer. Allerdings waren Kontakte und das Miteinander-Sprechen sowieso verboten. Ein Eimer war als Toilette gedacht und – für die zarten Gemüter vielleicht unerträglich, aber wahr – man hat absichtlich „vergessen“, ihn wegzubringen. Man war so allein, wie man es nur sein konnte. Manches Mal überkam mich absolute Hoffnungslosigkeit, und ich dachte, dass ich dort nie mehr wieder rauskäme, dass man mich vergessen hätte und mich dort verhungern und sterben ließe. Es war kalt, und wenn ich mich beschwerte, z.B., wenn das bisschen schlechte Essen durch die Klappe gestellt wurde, hat man mir kurzerhand die Kleidung weggenommen und mich frierend und nackt zurückgelassen…

Viele Jahre später: immer bin ich diesen und anderen Themen treu geblieben – meiner Klasse sowieso. Ich suchte nach Antworten auf unendlich viele Fragen. Mein Vater starb noch während der Heimzeit, und so waren sie noch gnadenloser, denn es gab niemanden mehr, der hätte helfen können. Meine Brüder und die Schwester hat man nicht zu mir gelassen… Bis auf ein einziges Mal, als mein Lieblingsbruder mich an Weihnachten für eine ganz kurze Zeit besuchen konnte. Ich war eine der ganz wenigen, die an Weihnachten, wie aus dem Nest gefallen, zurückbleiben mussten.

Es hat mich innerlich zerrissen, aber auch den Lebenswillen und die Kraft zum Widerstand in einer Weise mobilisiert, die noch heute in mir lebendig ist. Die Erinnerungen an traumatische Lebensereignisse bleiben nie die gleichen, alles ist in ständiger Bewegung. Diese Zeit und ihre Folgen wurden reflektiert und akzeptiert. Manchmal aber meldete sich eine schmerzende Narbe, die Bilder – wenn auch verschwommen und mit der Zeit etwas vergilbt – verschaffen sich „Gehör“ und wollen beachtet werden.

Diejenigen, die im und gegen den Faschismus und Krieg gekämpft haben, taten dies nach 1945 notwendigerweise weiter, sofern sie nicht von Hitlers Schergen gefoltert und ermordet wurden.

Die „Schwarze Pädagogik“ jedoch, die auf Unterdrückung, Lieblosigkeit, Gehorsam und Unterwerfung basierte und die in faschistischen Zeiten Hochkonjunktur hatte – sie lebte nach dem Krieg weiter. Johanna Haarer, aktives NSDAP-Mitglied und Autorin des Schinkens „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, wurde noch lange Jahre in der BRD fleißig gelesen. Haarer empfahl, keine „Tyrannen“ aufzuziehen und mit der Liebe zu den Kleinen bewusst zu geizen. Man wisse nie, wann es zu viel sei. Eine Frau, die keine pädagogische Ausbildung oder etwas ähnliches hatte, Lungenärztin von Beruf, schrieb fleißig für den Führer über „Säuglingspflege“. Dabei hielt sie sich eng an Hitlers Vorstellungen von Volkserziehung.

„Die deutsche Mutter“ – man lese und staune – hat man in der BRD bis weit in die 70er-Jahre hinein in abgeschwächter Form als „Lehrbuch“ benutzt. Bis 1987 erreichte es eine Gesamtauflage von 1,2 Millionen. 1989 gab es dann noch mal eine überarbeitete Auflage. Pfui Teufel! Ein Land von Speichelleckern, geprägt von einer Ekel erregenden Doppelmoral – das war die BRD. Es war gang und gäbe, dass man Kinder nach dem faschistischen Muster erzog. Na ja, sie waren alle wieder da, die Blut-Juristen, die nach 1945 in Massen die Schlüsselministerien in der jungen Republik besetzten. Und wieder wurden Kommunisten und politisch linke Kräfte verfolgt, angeklagt und verurteilt. Mein Vater sagte: „nur ohne die Todesstrafe“.

Showing 10 comments
  • Alfred Matejka
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    Liebe Ulrike,seit Jahren habe ich deine Kommentare bei der Rationalgalerie gelesen.Immer voll Bewunderung für deinen festen Klassenstandpunkt.Heute habe ich gelesen,was man dir in deiner Kindheit angetan hat.Ich möchte dir meine tiefe Hochachtung aussprechen.Du bist ein Leuchtturm in der Arbeiterbewegung.Ich wünsche dir persönlich alles Gute,viel Kraft in deiner Arbeit.Ich hoffe ,du nimmst dir auch die Zeit für die Liebe zu den Kindern und den Menschen,denen du vertraust.Du weißt ja,ich hatte einmal auf deinen Kommentar geschrieben,was mir eine Genossin in der DDR erzählt hat.Die zwei Möglichkeiten,in die Partei zu kommen.Die einen kommen nur mit dem Kopf in die Partei,die anderen mit dem Bauch und entwickeln dann ihren Kopf.Die nur mit dem Kopf in der Partei sind dürfen nur vor ihr gehen,die mit dem Bauch hinter ihr.Mit dem Gewehr in der Hand.Du darfst hinter mir gehen.Alles Gute,Ulrike.
    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      Lieber Alfred, deine Worte erreichen mich in einem Moment der Trauer, des Schmerzes, und der Erinnerung an die Heimkinder, die den Weg nicht zurück haben finden können ins Leben: Sie haben sich entweder kurz nach der Heimzeit, oder aber im Erwachsenenalter umgebracht. Die Demütigungen, die Entmenschlichung, der Verlust von Leben an sich, und nicht zuletzt die meist schlechte Behandlung, als man sie in eine Welt, in eine Gesellschaft zurückgeworfen hat, die anders, aber genauso lieblos und so würdelos mit ihnen wieder umgegangen ist, wie sie es kannten war nicht mehr auszuhalten. Viele ihrer traurigen Geschichten habe ich mit ihrer Erlaubnis aufschreiben dürfen, und so bleiben sie unvergessen.

      In all den Jahren hat mich immer das erlittene Leid meiner Mit Heimkinder umgetrieben. In der sozialen-pädagogischen-psychologischen und therapeutischen Arbeit, mit Fragen des Rechts war eines meiner Anliegen dem Menschen ein Mensch zu sein, und ihn bedingungslos in seinem Dasein und seinem Sein anzunehmen, denn ich hatte das unverschämte Glück genau dieses selber erfahren zu können, und langsam mit Geduld und Spucke heute so in etwa  verstehen zu können was Vertrauen ist.

      Und der Kampf um Entschädigungen und Anerkennung diesen Kampf haben wir politisch mit harten Bandagen natürlich auch gekämpft.

      Aus deinem Mund, lieber Alfred ehrt mich dein persönlicher Kommentar, denn ich weiß ja um deinen Kampf …. Danke, und auch für dich alles Gute. Und ja, lieber Alfred tatsächlich bin ich heute, wie man so sagt: Gut aufgehoben, verbunden mit so ganz unterschiedlichen Menschen und ihren Lebensgeschichten, und das habe ich mit meiner Familie zu verdanken, deren Türe für all die auf gewesen ist, die so viel grausames erlebt haben, und wo es nie eine Rolle spielte, ob die Freunde und Genossen des Vaters, Kommunisten, Anarchisten, linke Sozialdemokraten, fortschrittliche Christen, Sinti und Roma, homosexuelle Menschen, sie alle waren gern gesehene Gäste in der kleinen Wohnung in der Arbeitersiedlung am Niederrhein. Sie einte das Nie wieder Faschismus und Krieg, und die Liebe zu den Menschen, und der Dank an die Rote Armee, für die Befreiung von Faschismus und Krieg.

      Einige Jahre stand immer ein Teller mehr auf dem Esstisch, denn die Not und der Hunger im Nachkriegsdeutschland war groß, und so wurde es zur Gewohnheit, dass wir unser Essen mit einem Menschen teilten. Das ist Solidarität, und die Eltern haben darauf bestanden, dass wir unser – hätte mehr sein können Essen -mit jemandem teilen, der an unserer Türe schellte.

  • Volker
    Antworten
    Liebe Ulrike,

    lass Dich umarmen für diesen Artikel, in der Hoffnung, dass er nicht umsonst geschrieben wurde, gewisse Parallelen zur heutigen Zeit sind wohl kaum zu leugnen.

    In den Sechzigern war ich als Fünf- und Zehnjähriger zwei Mal in sogenannter Erholung, und wie in solchen Einrichtungen mit Kindern teils umgegangen wurde, war schon eine traumatische Erfahrung. Wer sich beim Essen übergab, wurde dazu gezwungen sein Erbrochenes zu essen, im Beisein aller anwesenden Betreuerinnen. Meinen Eltern hatte ich nie darüber erzählt, warum auch immer, und vermute, dass sich Betroffene genau so verhielten.

    Liebe Grüße

    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      Etwas wichtiges liebes Volker, lässt sich in deinem Kommentar erkennen, nämlich, dass der strukturelle Faschismus niemals wirklich mit Stumpf und Stil ernsthaft beseitigt werden sollte. Sie beziehen sich auf „bewährtes“, oder aber auf das was man kennt. Die heutigen Repressionen, die Unterdrückung, die Einschränkungen der Grundrechte, das runter machen von Andersdenkenden hat eine lange Tradition.

      Es ist und bleibt das System, dass weg muss.

      Danke, Volker , und ja, ich bestätige, dass auch wir Erbrochenes wieder essen mussten. Widerlich und ekelhaft. Bei mir war es die verhasste Buttermilchsuppe, wobei zwei der Monster mich festhielten, und die Dritte den Mund zu hielt…..

    • ak
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      „Erholung“ so wurde der  6 wöchige Aufenthalt im Kinderknast genannt. Fast immer wurden die 8 – 10 Mio Kinder sehr weit weggeschickt. So weit ich weiß Geschwisterkinder immer getrennt. Ich habe immer noch klare Filmausschnitte einiger Misshandlungen im Kopf. Diese paar Wochen haben meinen Glauben an das Gute im Menschen nachhaltig erschüttert.

      Es gibt eine Webseite von und für Verschickungskinder. Die Aufarbeitung dieses ebenfalls dunklen Kapitels der Kinder in der BRD wurde leider auch durch die Coronaplandemie unterbrochen bzw. in den digitalen Raum verschoben. Und bei der sonst sehr guten SWR Dokumentation tritt leider ausgerechnet auch Karl Lauterbach auf.

      Leider fällt kaum jemand auf dass der derzeitige Umgang mit den Kindern nahtlos an die Schwarze Pädagogik der Johanna Harer anknüpft.

      Mich macht das extrem wütend und traurig.

  • Peter Ruzsicska
    Antworten
    Erziehung im Sinne von „Schwarzer“ Pädagogik gab es auch in Österreich. Familie Stellbogen hatte die Leitung des Kinderheimes Wimmesdorf von 1924-1981 – Alfred Stellbogen (Leitung bis 1952) und seine Gattin Margarete Stellbogen (Leitung bis 1981) waren nachweislich stramme Nazis mit vorheriger Nähe zur Sozialdemokratie nachweislich seitens Margarete Stellbogens.

    Hier die Geschichte dieser Anstalt, welche ich und einige andere ehemalige Insassen dieser Anstalt im hart bescheidenen Rahmen ihrer Möglichkeiten ermittelten:
    http://ruzsicska.blogspot.com/p/uber-die-geschichte-des-heimes.html

    Dazu möchte ich anmerken, daß diese Anstalt einer „Totalen Institution“ nach den Definitionen von Erwing Goffman voll entsprach. Ich hatte die Ehre fast vier Jahre Insase dort zu sein. Wie alle anderen Insassen befand ich mich ständig in Gefahr in Psychiatrien und Jugendgefängnisse verbracht zu werden, wenn ich mich nicht angepasst genug verhielt und hatte z. B. die üblichen Demütigungen und Peinigungen nicht nur selbst zu ertragen, sondern musste diese auch täglich an andern Insassen wahrnehmen. Ca. einhundert Kinder waren in dieser Anstalt in vier Gruppen zu ca. je 25 Kindern zusammengefasst. Die einfache Beschulung erfolgte in der Anstalt selbst, bis auf wenige Ausnahmen. Die Kinder waren männlich und im Alter von ca. acht bis füfzehn Jahren und wurden von schlecht ausgebildeten weiblichen Hilfskräften diszipliniert.
    Heute, in diesen dystopischen Zeiten von Corona, erkenne ich klar den Gruppendruck, welcher den starken Geruch einer „Totalen Institution“ im Rahmen unserer gesamten sog. Gesellschaft unmissverständlich immer klarer aufweist. Ich kenne das Gefühl von unentrinnbarer Abhängigkeit sehr genau, deshalb behaupte ich, daß wir alle uns bereits in einen gefährlichst sich verdichtenden Gewaltprozess von extremer Verherrschaftung befinden.
    Währet den Anfängen ist vorbei, wir sind wieder mitten drin. Eine bescheidene aber wirksame Möglichkeit seine Würde zu bewahren sind wahrhaft gute persönliche Beziehungen, welche derzeit gemäß der Umstände täglich auf die Probe gestellt werden. Je mehr sich die Gewaltstrukturen verdichten, umso mehr ist der einzelne Mensch auf seinen eigenen Körper im puren Überlebensmodus zurückgeworfen…
    Es mir unerträglich wie unfrei wir in unserer sog. Gesellschaft geworden sind, wenn bereits wieder Eltern die Körper ihrer Kinder mit nachweislich nicht einmal hinreichend erprobten Impfstoffen der Obrigkeit zur willkürlichen Verletzung überantworten.
    Im Jahre 2018 habe ich zusammen mit einen Kollegen anlässlich einer Novelle des Heimopferrentengesetzes folgende parlamentarische Stellungnahme verfasst, deren Aktualität bezüglich des derzeitigen Corona-Regimes erstaunlich anmutet:

    https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVI/SN/SN_00130/imfname_695586.pdf

    Beste Grüße:
    Peter Ruzsicska

    • Ulrike Spurgat
      Antworten
      Ein wichtiger Kommentar der hier sehr gut passt, denn die elende „Schwarze Pädagogik“ hat überall, in abgeänderter Form, da, wo es um Unterdrückung, Schikanen und Menschenschinderei ging und geht als „unverzichtbar“ zu gelten, denn es gibt sie noch.

      Kürzlich erzählt ein Mitarbeiter einer Einrichtung Betreutes Wohnen, wo Mädchen wohnen, die auffällig?ßß im Alltag waren hingebracht werden… Tatsächlich gibt es dort keine Dunkelkammer…., nein, es gibt ein sogenanntes Besinnungszimmer wo von innen die Wände gepolstert sind und blaue Farbe leuchtet zur Beruhigung. Der Lichtschalter ist nur von außen zu betätigen, und die Türklinke ist nur von außen zu öffnen. Ausgrenzung und Isolation bleibt Ausgrenzung und Isolation -, egal wie sie das heute nennen. Sie schließen immer noch weg, wenn sie pädagogisch überfordert sind, wenn die Mädchen nicht spuren und sich nicht anpassen. Weniger rabiat, subtiler, aber brandgefährlich, da es nach außen hin so friedlich wirkt, gut eingerichtet mit einem eigenen Bett, ausreichender Nahrung, aber die Reglementierung und die Macht, dass durchzusetzen, dass politisch beschlossene Sache ist hat eine seltsame Ähnlichkeit zu dem, was uns bis aufs Blut gequält hat, nur freundlicher, moderater im Ton, allerdings mit Sanktionen, wenn man nicht brav sich an die Hausordnung hält. Es geht nicht um die Begleitung und Förderung der Mädchen, sondern um eine knallharte Anpassung an das System, denn dort hat man zu funktionieren, und in den betreuten Wohnen Einrichtungen wird man darauf vorbereitet. Und wer von dort abhaut, landet ganz sicher, wenn man zurückgebracht wird im Besinnungszimmer, um sich mit blauer Farbe berieseln zu lassen , und das muss man, wenn man diesen Ort hinter sich lassen will. Eine bedrückende Tatsache und der Sozialarbeiter war merkürdig unbeteiligt……

       

      • Peter Ruzsicska
        Antworten
        In Österreich ist z. B. die Gemeinde Wien dazu übergegangen, Großheime („Totale Institutionen“) ostentativ abzuschaffen und letztere durch betreutes Wohnen bzw. Wohngemeinschaften zu ersetzen, wobei die jeweiligen Betreuungspersonen bestmöglich ausgebildet sind. Letztlich wurde die staatliche Ersatzerziehung auf viele kleine nicht mehr überschaubare Berufsfamilienstrukturen ausgelagert und so die gewohnte „bürgerliche“ Familie im Rahmen dieses neuen Berufsbetreuungskonzepts simuliert. Diese Berufsfamilienstrukturen unterliegen mehr oder weniger marktwirtschaftlichen Kriterien und werden durch die moderne Jugendwohlfahrt durch Finanzierungen intransparent „kontrolliert“. Eine der modernen Problematiken in diesen familienähnlichen Ersatzfamilienstrukturen vor Ort ist z. B.  der Betreuungspersonenwechsel, welcher zum Abbruch der Beziehungen zwischen Betreuern und Kindern bzw. Jugendlichen führt. Dadurch erleben die so Betreuten Personen keine stetige Kontinuität von guten haltbaren Beziehungen, was ja gerade für junge Menschen so wichtig ist. Da die Menschen sehr individuell auf Beziehungsabbrüche reagieren und die evtl. erfolgten Traumatisierungen erst viele Jahre später wirksam werden, lässt sich die Kausalkette im einzelnen Fall nur sehr schwer rückverfolgen, was nachgerade die Politik sowie das Rechtssystem dazu verleitet die enstandenen Probleme zu zerreden…
        Dieses unvollständige Bespiel möge illustrieren, wie die Staatsgewalt in Form von familienähnlichen Strukturen die Beziehungsgeflechte unserer sog. modernen Gesellschaft sehr zum letztlichen Nachteil des einzelnen Menschen kontrolliert.

        Aufklärung im europäischen Sinne erscheint mir notwendiger denn je, was ja bedeutet, daß der Einzelne gegenüber dem Staat bzw. staatsähnlichen Strukturen wirksame Abwehrgewalt haben muß, was ja in totalitären Strukturen wie auch immer wirksam verhindert wird…
        Wie wir zum notwendigen Ausgleich zwischen dem einzelnen Menschen und der derzeit wieder extremst aus dem Ruder geratenden Herrschaftsstruktur gelangen können, scheint diesmal die Überlebensfrage der gesamten Menschheit zu sein.

        • heike
          Antworten
          Ja, den Menschen einfach mal wieder Mensch sein lassen, würde schon genügen.

          Menschen haben Wurzeln, das sind Verbindungen, die sie mit Menschen eingegangen sind, die ihnen Lebenssaft „eingespeist“ haben. Eigentlich werden diese Wurzeln innerhalb der Familien vererbt und weiter gegeben. Wenn Menschen diese Wurzeln gekappt werden, dann müssen sie zwangsläufig andere Zuflüsse annehmen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen. Und wie ein gut entwickelter Baum im günstigsten Fall mehrere Hauptwurzeln hat, ist es auch für Menschen wichtig, mehrere Zuflüsse haben zu können, aber auch nicht ständig neue und wechselnde Wurzeln adaptieren zu müssen.

          Einfach gesagt, ich stimme dir zu, es ist nicht gut, wenn Menschen und insbesondere Kinder mit ständig wechselnden Bezugspersonen konfrontiert werden – das macht sich anfällig und haltlos, was es ihnen schwer macht, eine Ordnung in ihr Leben zu bringen. Haltlosigkeit macht auch Angst, der Griff zu Alkohol und Drogen ist sicher auch ein Resultat davon.

          (Aus diesem Grund finde ich auch die Idee, Kinder wieder bis zur 10. Klasse gemeinsam zur Schule zu schicken und erst danach weiterführende Klassen (Abitur) anzubieten, richtig. Dadurch können sich langlebige Freundschaften ausbilden, was bei einem öfteren Wechsel der Mitschüler nicht so gegeben ist.)

          Sicher ist es wichtig, dass Menschen lernen, sich in eine Gruppe einzufügen. Aber dieser Lernprozess kann auf verschiedene Art und Weise erfolgen, einmal liebevoll und zugewandt (auch mit liebevoller Strenge), oder aber mit autoritärer Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Gefühlsleben des Kindes. Dabei spielt auch die Intention der Erzieher eine Rolle, wollen sie den Kindern etwas beibringen und sie für ihr künftiges Leben stärken oder wollen sie ausschließlich Gehorsam, nur um ihre eigene Machtautorität zu sichern.

          Es macht sicher auch viel aus, welche Art Mensch die Erzieher selbst sind.

          Was uns allen fehlt, ist das Gefühl einer existenziellen Sicherheit. Daraus entsteht Angst, und diese Angst führt dazu, dass sich Hierarchien ausbilden, die durch Machtausübung über andere zu einem Vorteil gelangen wollen.

  • Die A N N A loge
    Antworten
    Liebe Ulrike, lass dich gedanklich umarmen. Was für ein Leid hast du in deiner Kindheit durchstehen müssen. Ich stehe fassungslos vor deinen Worten, und es fällt mir schwer, die Dimension des Leidens, das du sowie all die anderen Kinder der Erziehungsanstalten erdulden musstet, zu begreifen.

    Ich finde es sehr gut und mutig, dass du über dein erfahrenes Leid schreibst, mutig, weil du dich im Schreibprozess den Schmerzen wieder stellst, gut, weil es dir hoffentlich hilft, einen Teil dessen zu verarbeiten.

    Ich danke dir für deinen Artikel, und ich hoffe sehr, dass die all dir zugefügten Seelen – Wunden eines Tages verheilen werden.

    https://youtu.be/GwDpCiKBRHQ

     

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