Hilfe ist weiterhin dringend vonnöten! – Neue Berichte aus einem gefährdeten Land

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

203. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Mein inständiger Spendenaufruf vom letzten Mal hat Wirkung gezeigt. Aber leider: es reicht immer noch nicht! Erneuter Appell also an Eure Hilfsbereitschaft. Und: weitere Berichte aus einem immer mehr sich verdüsternden Land. Wobei die Frage aufkommt: was nimmt stärker in Griechenland zu – die Nöte der Menschen dort oder die Gleichgültigkeit der Regierung? Holdger Platta

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

zweifellos: mein besonders dringlicher Spendenaufruf in der letzten Woche ist nicht ohne Wirkung geblieben. 817,- Euro gingen in der letzten Woche auf unserem Hilfskonto ein, überwiesen von 9 SpenderInnen an uns. Darunter auch die Überweisung eines besonders engagierten Lesers aus Göppingen in der Höhe von 300,- Euro. Das stellt eine Steigerung von mehr als 500,- Euro gegenüber der Vorwoche dar – Eingang da 300,- Euro, überwiesen von einem einzigen Spender an uns. Für diese positive Reaktion auf meinen Hilferuf aus der letzten Woche bedanke ich mich heute ganz besonders herzlich, und ich tue dieses selbstverständlich, wie immer, im Namen des gesamten Organisationsteams! Gleichwohl ist die Finanzierungslücke für den konkreten Hilfsfall, den ich in der letzten Woche geschildert habe, noch nicht geschlossen. Aber der Reihe nach:

Olga S. aus Neapolis, 80 Jahre alt, hatte sich während der letzten Wochen gleich zwei Operationen unterziehen müssen (Kalle Apel berichtete mir davon): einmal einer Brustkrebsoperation, einmal der Operation an einem Sehnenriß (in der letzten Woche hatte es noch fälschlicherweise geheißen: an einem Muskelfaserriss; ich bitte um Verständnis für diese Korrektur).

Beide Operationen, so hatte ich Euch mitteilen müssen, wurden von der griechischen Krankenkasse nicht finanziert – besonders skandalös im Falle der Krebsoperation. Beide Operationen mussten auch in Privatkliniken vorgenommen werden, weil sich die staatlichen Krankenhäuser außerstande erklärt hatten, diese helfenden Eingriffe vornehmen zu können. Ein zweiter Skandal, wie ich es sehe, aber diese doppelte Kapitulationserklärung des offiziellen Gesundheitssystems in Griechenland zeigt „nur“, wie sehr inzwischen die öffentliche Krankenversorgung in diesem östlichen Mittelmeerstaat am Boden liegt. Nun, ich erwähnte ja auch dieses bereits: Regierungs-Chef Mitsotakis von der „Nea Demokratia“ hält eben andere Staatsvorhaben für wichtiger und schmeißt Steuergelder lieber für fragwürdige Polizeieinsätze gegen Hausbesetzer zum Fenster heraus, gegen Hausbesetzer, die vor allem in Athen dem Leerstand von Häusern und der Obdachlosigkeit armer Menschen entgegenzuwirken versuchen, nicht zuletzt der Obdachlosigkeit von Flüchtlingen in Griechenland!

Unsere Finanzsituation, die materielle Lage der GriechInnenhelfer vom Ausland her, stellt sich nun folgendermaßen dar: knapp 1.300,- Euro befinden sich derzeit auf unserem Hilfskonto noch (nachdem unsere erste Spendenrate für Olga S. in der Höhe von 2.500,- Euro bereits in Griechenland angekommen ist). Weil auch Kalle Apel, ganz aus eigener Tasche, ebenfalls für die Erstattung der Operationskosten 2.500,- Euro beigesteuert hat, stehen also Krankenhausrechnungen in der Gesamthöhe von 5.000,- Euro noch offen. Erst wenn auch dieser Betrag von uns HelferInnen aufgebracht worden ist, wird Olga S. also endlich aufatmen können! Das bedeutet für die Betroffene und für uns: weitere Hilfe, weitere Spenden sind erforderlich. Aus diesem Grunde appelliere ich heute erneut an Eure Hilfsbereitschaft. Wirklich: es geht um besondere Unterstützung in einem besonderen Fall! Ich werde dafür plädieren, dass raschestmöglich weitere 1.000,- Euro für Olga S. nach Griechenland überwiesen werden. Doch dann gibt es immer noch eine Finanzierungslücke von 4.000,- Euro in diesem doppelten Krisenfall. Es wäre schön, wenn sehr bald die letzten Schatten vertrieben werden könnten aus dem Leben von Olga S. aus Neapolis!

Und da ich bereits die gewalttätigen Polizeieinsätze in Athen (und anderswo) angesprochen habe – Leerstand von Häusern muss offenbar sein, die „Veredelung“ ganzer Stadtteile, sprich: „Gentrifizierung“, muss offenbar vorangetrieben werden, der Ausverkauf einheimischen Wohnbesitzes an ausländische Investoren muss offenbar weitergehen –, auch zu dieser Polizei- und Immobilienthematik heute noch einige Informationen:

Beginnen wir mit dem Verhältnis dieser Polizeitruppen zur Gewalt: dass sie nicht zurückschrecken vor eigener Brutalität, diese Tatsache ist hier nun schon mehrfach dargestellt worden. Wiederholung erübrigt sich also, heute jedenfalls. Aber auch in anderer Hinsicht legen die Polizeitruppen ein ausgesprochen „gelassenes“ Verhältnis zur Gewaltanwendung an den Tag. Kurz berichtet werden soll über den Fall des bundesdeutschen Journalisten Thomas Jacobi, der vor allem für die „Deutsche Welle“ tätig ist, aber auch für die französische Zeitung „La Croix“.

Am Sonntag, den 19. Januar, wurde Thomas Jacobi im Athener Zentrum von Faschisten der „Goldenen Morgenröte“ (Chryssi Avgi) bei einer Demonstration dieser Partei gegen die griechische Flüchtlingspolitik von zehn jungen Männern brutal zusammengeschlagen. Auch sein Handy und sein Aufnahmegerät stahlen bei dieser Gelegenheit diese „Helden“ der Chryssi Avgi. Und dieses alles geschah vor den Augen der Polizei, die bei diesen Geschehnissen zugegen war und nicht eingriff. Ich zitiere hier aus einem Interview mit Jacobi, das in der „jungen welt“ (jw) in der Wochenendausgabe vom 25./26. Januar des Jahres zu lesen war. Auf die Frage des JW-Mitarbeiters Christian Kaserer, wie die griechischen Polizisten auf diese Angriffe reagiert hätten, gab Thomas Jacobi zur Antwort:

„Einige Kollegen von mir haben versucht, mich verbal zu verteidigen, und rannten zur Polizei. Die Beamten vor Ort sagten allerdings, dass sie nicht dazu da seien, sich einzumischen, und sie daher ein Einsatzkommando rufen würden. Als ich später auf der Polizeistation den Beamten die Angreifer, die ich mit meiner Kamera aufgenommen hatte, zeigte, meinte man nur locker zu mir, ich könne die Bilder ja die kommenden Tage auf einem USB-Stick vorbeibringen.“

Selbstverständlich wurde dieser Angriff der Faschisten auf Thomas Jacobi von der „Vereinigung der Auslandskorrespondenten“ in Athen aufs schärfste verurteilt. Und selbstverständlich gab auch Regierungssprecher Stelios Petsas nach diesen Ereignissen eine Erklärung ab, in der er von einer „faschistischen Attacke“ sprach und der erstaunten Öffentlichkeit mitteilte, dass der Schutz der Pressefreiheit Pflicht eines jeden demokratischen Staates sei. Die Frage ist „nur“: wieso unterblieb genau dieses im Falle des Journalisten Thomas Jacobi, der – blutüberströmt übrigens! – die Polizisten vor Ort um Beistand bat? Eiskalte Untätigkeit der Polizeikräfte in Athen, als dieses Verbrechen geschah, nassforsche Gleichgültigkeit auch hinterher, als Jacobi diesen brutalen Angriff zur Anzeige brachte – und ein paar lauwarme Sätze des griechischen Pressesprechers Petsos hinterher: sieht so inzwischen die Verteidigung von Pressefreiheit und Rechtsstaat in Griechenland aus? Wirklich: es scheint, daß auch die Polizei inzwischen sehr genau weiß, wo und wann sie zum Knüppel greifen soll und wann nicht!

Womit ich auch bei der zweiten Dimension dieser Geschehnisse bin, bei jenen brutalen Polizeieinsätzen, wo die Beamten sehr genau wissen, auf welcher Seite an ihren Uniformen der Knüppel hängt, bei jenen Aktionen, wo es nicht um Faschisten, sondern um Hausbesetzer geht, um die Durchsetzung der erwähnten „Veredelungspolitik“, der unter anderem Flüchtlingshelfer im Wege stehen. Von der Immobilienpolitik der neuen Regierung in Griechenland.

Dass es zu immer häufigeren Enteignungen von Häuschenbesitzern in Griechenland kommt, weil die einheimischen Bewohner nicht mehr in der Lage sind, die Raten für ihre Kreditrückzahlungen aufzubringen, darüber sprach ich in den vorangegangenen Wochen schon mehrfach. Dass ausländisches Großkapital lauert, dieses Wohneigentum aufzukaufen, die Bewohner rauszuschmeißen, und dafür vom Staat sogar Fünfjahres-Visa erhält, auch dieses teilte ich Euch bereits mit. Doch nunmehr sollen diese Geschäfte und Enteignungsprozesse noch lukrativer vonstattengehen. Konkret:

Soeben wurde ein sogenanntes Ministerialdekret verabschiedet, zunächst einmal gültig bis Ende 2022, daß auf den Verkauf – wohlgemerkt: oft Zwangsverkauf! – von Immobilien keine Mehrwertsteuer mehr erhoben wird (heißt: der Einkauf dieser oft zwangsversteigerten Immobilien wird für die reichen Einkäufer noch billiger!). Und auch die Immobiliensteuer selber, die sogenannte ENFIA, wurde deutlich gesenkt! Begründung von Seiten des zuständigen Finanzministeriums: diese Maßnahmen sollen dem Immobilienmarkt „auf die Sprünge helfen“. Nun, wer da zuerst springt, und zwar über die Klinge, das sind zunächst einmal die verarmten Angehörigen der eigenen Bevölkerung! Geht es noch verlogener, noch brutaler, noch eindeutiger ganz ausschließlich im Interesse des großen Kapitals? – Wieder einmal habe ich zu erinnern an die Feststellung des Journalisten Dimos Chatzichristou von der „Griechenland Zeitung“, dass sich dieses Land auf eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ zubewege.

Und wieder einmal stelle ich selber fest, dass dieses Griechenland sich auf eine „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ zubewegt, bei der das unterste Drittel der Bevölkerung mehr und mehr auf der Strecke bleibt. Und – wie uns nicht zuletzt Tassos Chatzatoglou  in der letzten Woche berichtet hat – auf den Straßen und in den Parks von Athen, in der Obdachlosigkeit also, sein neues Obdach findet! – Mögen diese Menschen bleiben, wo sie wollen (am besten wohl dort, wo der Pfeffer wächst), mögen die Menschen gerne auch an Krebs zugrundegehen: dieser neuen Regierung in Griechenland ist das alles egal. Egal wie die Tatsache, dass ein Journalist einfach mal so von zehn Faschisten zusammengeschlagen wird. Soll er doch seinen USB-Stick vorbeibringen, irgendwann demnächst, dieser verprügelte Korrespondent der „Deutschen Welle“ in Athen! Irgendwie geht das alles in Ordnung. Die Frage ist nur: in welche Ordnung geht das?

Es sei wiederholt, liebe HdS-Leserinnen und HdS-Leser: wir werden weiter gebraucht. Mit unserer Hilfe – immer noch überaus dringlich – und mit unserer Analyse, mit unserem Protest, mit unserer Kritik.

Deswegen auch erneut mein Aufruf zu Spenden für unsere Hilfsaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“. Also:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“  auf das Konto:

Inhaber: IHW

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49

BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer, wie gesagt, noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „GR-IHW“ versehen. Es sei wiederholt: wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets

Euer Holdger Platta

 

 

 

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