Holdger Platta: Menschwerdung

 In FEATURED, Holdger Platta, Poesie

Diese drei Gedichte Holdger Plattas geben – stilistisch und thematisch sehr verschieden – Einblicke in die Breite seines lyrischen Schaffens. Der Autor selbst schreibt zur Einführung: „Das erste Gedicht stammt aus den 70er Jahren, aus der Phase, da ich noch sehr unter dem Eindruck von Erich Fried meine Gedichte schrieb. Die anderen sind irgendwann in diesem Jahrhundert entstanden. Aus allen drei Texten geht die Parteinahme für die Menschlichkeit wohl klar hervor. Zuerst noch eher abstrakt (gegen das Karrieremachen aufkosten des eigenen Ichs), dann über den Weg der ersten Liebeserfahrungen, die natürlich auch ‚Einübung‘ in mitmenschliche Glückserfahrungen sind, hin zur Mitmenschlichkeit, die sich einer gemischt-fiktiv-realen Biografie eines Malers zuwendet, der als Jude Deutschland während der NS-Zeit verlassen musste.“ Holdger Platta

Mensch/wer/dung

Er sollte
was werden.

Er wollte
was werden.

Er ist
was geworden.

Ist er nun
wer?

Poesieblatt aus der Pubertät

Wir hatten uns kennengelernt im Juli, als das Gewitter aufkam,
an einem See gleich neben dem Schilf, hinten das Sausen der Autobahn.
Wir schimpften uns heller durch unser bedrückendes Städtchen,
und im weiteren Sommer radelten wir als vergnügte Idioten über das Land.
Staunen über Kastanien und neuartige Sätze, ein Köter,
der uns aus der Hitze eines Gutshofes anblaffte. Dann das Liegen
beieinander im Gras, das erste furchtsam-begierige Suchen, zum erstenmal
unter meiner Hand Deine Haut. Wie könnte das Schöne böse sein?

Die Stadt paradierte nur noch als eine Versammlung grauer Anzüge vorbei,
als eine Reihe argwöhnischer Greise mit verkrampften Gesichtern: „Wo
seid Ihr gewesen?“ Wir waren im Glück, was sollten wir Lerchen hinzuerfinden,
ich entdeckte alles an Dir, und Deine Hand entdeckte alles
an mir, es war schön, das erste Mal, es war Glück, weil
jeder des anderen Glück sah. Hatte ich je ein so schönes Gesicht gesehen?
Eine Fröhlichkeit nun ganz tief in uns.

Nur draußen noch immer diese staubige Welt voller Küchen
und voll mit versteinerten Vätern. So teilten wir gemeinsam, mit den Birken
hell über uns, das Fremdsein in dieser Welt, das Glück veränderte
alles, als wäre alles nur noch eine einzige Zukunft. Und wir radelten und
radelten, die Gedanken flogen mit uns, als gäbe es kein Ende des Wegs,
alles ganz blau, und wir verwechselten die Zukunft tatsächlich mit Seligkeit.

Das Glück, ein Davongekommener zu sein

Ein eisiger Wintertag, Mutter gestorben,
der Junge landet bei einem Onkel,
zehn Jahre Leben in einer Tabakswolke.

Güte, die er niemals mehr vergisst, auch
das Mädchen von nebenan nicht, das hellere
Leben, dessen Locken, Schwimmen ist schön.

Und die Neugier, die an einem Herbsttag
aufflammt – Bienengesumm noch immer, Birken,
die immer noch leuchten am Waldrand.

Wieso fliegen, weiter entfernt, die Farben davon?
Die Mappe, der Bleistift von Faber, mit Tusche am Finger
sieht er das Tal gebannt auf dem Papier.

Ernste Gänge, ernste Herren, das Räuspern,
das Murmeln, „Kommen Sie doch
noch einmal rein!“ Prüfung bestanden.

Die weiten Säle, wieder Mädchen, noch mehr Neugier, aber auch
das obligate Frieren, der Hunger. Die Stadt besteht aus
bösartigen Türen, Treppen hören wieder und wieder den Rückzug.

Dann der Wettbewerb, der Brief, die Ausstellung, der Erfolg.
Der Hut schwebt ihm über dem Kopf.
Selbst größere Menschen blicken ihn nun von unten her an.

Knistert sein Mantel nach teurerem Einkauf?
Die Villa im Grunewald schließlich: das Glück?
Er spürt noch immer die Leere auf jeder Leinwand.

Das Flimmern der Welt wie aus dem Eff-Eff,
aber die Schlaflosigkeit oder diese Holzkarrenträume:
das Mädchen auf dem Gefährt, zerlumpt, Eiseskälte, schon wieder.

Und die Marschtritte, die Schreie, die Prügelberichte
im Blatt. Glaubt er manchmal schon selber,
er träte mit falschem Blut vor die Staffelei?

Er legt sich Witze zu, während es in ihm zurückträumt.
Endlich entscheidet er sich. Kein Pfeifenduft mehr,
aber eine wichtige Auskunft in einem begüterten Treppenhaus.

Das Wiedersehen, mitten im Winter, in einem versteckten Lokal.
Welche Liebe allein der Anblick dieser Hände erregt.
Berühren, berühren, während sich draußen die Welt uniformiert.

Sie heiraten mitten hinein in die neue Zeit, längst
kommen nicht mehr alle der alten Gefährten.
Von der Tafel stellt man viele Stühle beiseite.

So sieht der Verrat aus: eine Gruppe Biedermeier in der Ecke
des Salons und dass vom Essen viel übrigbleibt. Und dann endlich
die Flucht. Eine Welt ist krepiert, man landet in der eisigen Schweiz.

Und die Güte? Sie kommt jetzt nur auf noch beim Rotwein,
spätabends. Er hat Glück gehabt. Und das Glück ist fortan,
ein Davongekommener zu sein: mit ihr.

Anzeige von 3 kommentaren
  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Lieber Holdger,

    mir laufen die Tränen, weil ich so berührt bin!!

    So schön, danke!

    Ruth

  • Avatar
    Holdger Platta
    Antworten
    Nein, liebe Ruth, ich muß danken für dieses Lob!

    Danke also, aus vollem Herzen!

    Holdger

  • Avatar
    Ruth
    Antworten
    Lieber Holdget,

    ein liebes Wort, eine zärtliche Geste oder eine innige Umarmung, eigentlich so einfach!

    Und die Welt wäre friedlicher!

    Eine nicht zu verändernde, romantische Realistin und Träumerin!

    Ruth

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