Industrialisierte Menschenversorgung

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Das Gesundheitsministerium erklärt alte und behinderte Menschen zu Wirtschaftsfaktoren über die verfügt werden kann. Die meisten Menschen geben ihre Alten und Schwachen nicht einfach ohne Grund in ein Heim. Helfen wir ihnen doch so gut und so lange es geht, manchmal sogar noch bis Pflegestufe 3. Sicher, es gibt einen finanziellen Ausgleich für pflegende Angehörige, aber der ist nicht wirklich die Motivation. Denn es ist anstrengend, zeitraubend und auch oft traurig zu sehen, wie ein geliebter Mensch vor den eigenen Augen verfällt. Guter Wille und Liebe geben dafür eher den Ausschlag, zumal die katastrophalen Zustände in den Pflegeheimen ja hinlänglich bekannt sind. Gesundheitsminister Jens Spahn will Abhilfe schaffen, nachdem er seit längerem mit Riesenschritten und Sonderermächtigungsstatus alles und jeden im Gesundheitssystem zu „optimieren“ sucht. Ginge es nach ihm, die Alten wären wohl am liebsten alle in Heimen untergebracht. Mari Koffend

Das kurbelt die Wirtschaft an und der Faktor Pflegefall hätte endlich seinen festen Platz in der ordentlichen Bilanz des gelernten Bankkaufmanns — ohne den ganzen bürokratischen Heckmeck mit den zuhause Gepflegten, wo man ja nicht mal weiß, ob die da auch wirklich sicher versorgt sind. Ein Hausweib/mann ist schließlich keine ausgebildete Pflegekraft.

In einer am 28. Juli 2020 erschienen Pressemitteilung der sozialpolitischen Abteilung des Sozialverbandes Deutschland war zu lesen, die Alten und Behinderten hätte die Krise am schwersten getroffen und mit ihnen auch deren Angehörige. Man müsse dringend etwas unternehmen.

Die Pflegeeinrichtungen werden gelobt und es wird erklärt, wie schwer das doch für die Angehörigen sei, die nichts vom „Topf“ der Solidarität abbekommen:

„In der Krise blieben die Betroffenen und ihre Familien plötzlich ganz auf sich allein gestellt, sozialstaatliche Unterstützung brach in großem Maße ersatzlos weg. Anders als für Menschen, die in Einrichtungen leben, fehlten für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen in der eigenen Häuslichkeit plötzlich in großem Ausmaß externe Hilfen. Die Familien wurden zum ‚Ausfallbürgen‘ sozialstaatlicher Leistungen“ (1).

Das hört sich ja so fürsorglich an, dass man fast in Tränen ausbrechen möchte beim Lesen, wie wichtig unserem Staate doch die Alten und Schwachen sind. Endlich soll was gegen die Missstände in der Pflege unternommen werden. Das ist eine wirklich gute Nachricht. Es lässt einen aber ob der freudig transportierten Emotionen völlig das Denken abschalten.

Hat nicht Gesundheitsminister Spahn erst vor kurzem dafür gesorgt, dass ein neues Intensivpflegegesetz auf den Weg kommt, welches am 2. Juli 2020 verabschiedet wurde (2). Nach diesem ruft sich der Staat jetzt als Fürsprecher der Betroffenen aus. Sie haben ja niemanden, der sich für sie einsetzt. Dass ich nicht lache. Nicht die Menschen, die sich einsetzen, fehlen, sondern die Bürokratie verhindert ein zielführendes Handeln.

Das Gesetz sieht vor:

„Damit Patientinnen und Patienten in der (außerklinischen, Anmerkung der Autorin) Intensivpflege dauerhaft qualitätsgesichert versorgt werden, haben die Medizinischen Dienste im Auftrag der Krankenkassen im Rahmen einer persönlichen Begutachtung am Leistungsort jährlich insbesondere zu prüfen, ob die medizinische und pflegerische Versorgung sichergestellt werden kann.“

Das bedeutet ja nichts anderes, als dass der Staat und seine Institutionen nun entscheiden, ob Oma oder Karlchen im Rollstuhl in der Familie bleiben dürfen oder nicht.

Zumal die Finanzierung für die Heimunterbringung schon „erleichternd“ bedacht wurde:

„Die Kostenübernahme gilt für sechs Monate auch dann weiter, wenn sich der Gesundheitszustand der versicherten Person bessert und außerklinische Intensivpflege nicht mehr nötig ist. Die Krankenkassen können die Leistungsdauer in ihrer Satzung noch verlängern.“

Und:

„Nur qualitätsgeprüfte Pflegedienste dürfen außerklinische Intensivpflege erbringen. Maßnahmen zur Qualitätssicherung werden bundeseinheitlich in Rahmenempfehlungen formuliert“ (3).

Gleichzeitig überlegt sich die Gesundheitsindustrie, wie Roboter für den Einsatz in der Pflege eingesetzt werden könnten. Das berichtet zumindest der Bayrische Rundfunk über die Charité unter dem Titel „Caritas testet Pflegeroboter Pepper“ bereits im Februar 2019 (4).

So ein Roboter kann natürlich viel besser mit den Alten: Er ist nie angenervt und auch robuster, da er keine Rückenschmerzen bekommen kann vom Umlagern der Pflegebedürftigen. Zudem hat er ein ganzes Repertoire an Witzen und menschenähnlichen Sprüchen auf Lager. Die Alten werden in Zukunft gar nicht mehr merken, dass sie von einem Apparat gepflegt werden.

Gesundheitsminister Spahn hier vorzuwerfen, er hätte in seinen Überlegungen den Faktor Mensch nicht genügend bedacht, ist durchaus gerechtfertigt. Wie soll das dann funktionieren, wenn immer neue Pandemien ausgerufen werden? Denn das ist möglich, seit die Weltgesundheitsorganisation WHO die Richtlinien zur Ausrufung einer Pandemie von „schwere Krankheitsverläufe hervorrufend“ in „ansteckend“ geändert hat.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich allerdings, schaut man sich die Initiative „Pflegeethik“ an. Dort steht im Gegensatz der Mensch selbst im Mittelpunkt der Fragestellung „Pflegeversorgung“.

Der Verein setzt sich:

„… bundesweit für die Wahrung der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen ein. Insbesondere muss die nötige menschliche Zuwendung und Hilfe in kritischen Situationen und am Lebensende gewährleistet werden. Es darf nicht hingenommen werden, dass verwirrte, alte Menschen fremdbestimmt, ruhiggestellt und fixiert werden. Ebenso darf nicht hingenommen werden, dass Schwerkranke und Sterbende in ihrer Not alleine gelassen werden, weil die Personalkosten zu hoch erscheinen“ (5).

Unser Gesundheitsminister sieht den Menschen als Wirtschaftsfaktor wie ein Auto oder als Humankapital gleich einem Pferd, das man im Stall stehen hat.

Wenn wir das so weiter laufen lassen, indem wir diese Regierung mit unserer Stimmabgabe bei Wahlen unterstützen, dann kann es schnell geschehen, dass es zu einer Pauschalierung der Einweisung ins Pflegeheim kommt. Beispielsweise wäre da wohl für die Technokraten mit Eintritt ins Rentenalter ein Faktum gegeben, einen Menschen dieses Alters in Obhut zu geben — nur zu seinem Besten versteht sich.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.sovd.de/fileadmin/downloads/broschueren/pdf/Einschaetzung-Corona-Risiken-sovd.pdf
(2) https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2020/kw27-de-intensivpflegerische-versorgung-701754
(3) https://www.bundesgesundheitsministerium.de/intensivpflegegesetz.html
(4) https://www.youtube.com/watch?v=UMWkSQz3aOo
(5) http://pflegeethik-initiative.de/anliegen/

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Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuerst erschienen ist.

Showing 4 comments
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    Christian Meissner
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    Wie zynisch ist das denn, Alte und Pflegebedürftige in Heime zu zwingen, wo sie, wie man derzeit sehen kann,  entmündigt und in Arrest genommen werden. Wo in der Krise Pflegepersonal trotz vollmundiger Versprechen nicht aufgestockt, sondern abgezogen wurde. Wo die wichtigen sozialen Kontakte zur Entlastung der Pflegekräfte und zur Gewährleistung der psychischen Stabilität der Heiminsassen bis dato reglementiert bis ganz untersagt werden. Wo infolge von Massnahmen „zum Schutz“ Therapien und Körperpflege verboten wurden. Wo Eingesperrte fixiert oder mit Medikamente ruhig gestellt wurden, weil sich überlastete Pflegekräfte nicht anders zu helfen wußten. Wo man eine Sterbebegleitung durch Angehörige und Seelsorger behindert bis verbietet. Statt Institutionen, die würdelose, unmenschliche, barbarische Anordnungen befolgen, weitere Menschen in Obhut zu geben, sollten sie geschlossen, die ambulante Pflege ausgebaut, die häusliche Pflege gefördert und die pflegenden Angehörigen auch finanziell unterstützt werden. Und ein Gesundheitsminister, der das nicht versteht, sollte schleunigst seinen Posten räumen.

     

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    Ulrike Spurgat
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    Einiges ist zutreffend in diesem Artikel.

    Eine kleine wenn auch wichtige Korrektur:

    Seit 2017 gibt es die Pflegestufen in ihrer damaligen Auslegung nicht mehr.

    In Pflegegrade wurden sie umbenannt.

    Und bieten wenn auch völlig unzureichend aber gesetzlich festgelegte minimale Verbesserungen für die auch die Mitarbeiter in der Pflege lange genug gekämpft haben und die erbärmlichen Zustände in einigen Einrichtungen das Fass zum überlaufen brachten.

    Es gibt einen Rechtsanspruch und den gilt es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzusetzen.

    Die „Demenz“ und auch psychische Erkrankungen werden bei der Begutachtung der Einstufung des Pflegegrades die über den MdK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) stärker berücksichtigt.

    Das bietet die Möglichkeit therapeutische Hilfen im Alltag geben zu können.

    Ein wichtiges Moment wenn man davon ausgeht, dass der Mensch ein gesamtgesellschaftliches und soziales Wesen ist und ein kleiner Erfolg.

    Da es immer und grundsätzlich um die Stabilisierung der Geldmaschine Pflege geht ist das „Pflegestärkungsgesetz“ inhaltlich ein Rohrkrepierer.

    Spahn war und ist vielleicht immer noch ein Lobbyist der Pharma Industrie.

    75 % der zu betreuenden und pflegenden Menschen werden in ihrer häuslichen Umgebung versorgt.

    Obwohl das so ist sahnen die Heimbetreiber viele privat betrieben und einige Börsen notiert den größeren Teil von den Pflege- und Krankenkassen ab.

    In der Gesetzgebung wird meist von „soll“ gesprochen. Bis heute legt man nicht wirklich eine Untergrenze fest die eindeutig ist wieviel Fachkräfte z.B. bei den Pflegediensten sein müssen wenn diese auch schwerstkranke alte und auch junge Menschen in ihrer häuslichen Umgebung versorgen.

    Die „materielle Frage“ kann dabei nicht unter den Tisch fallen.

    Besonders Frauen sind mit ihrer Armutsrente davon betroffen, dass selbst Zuzahlungen für Medikamente und Hilfsleistungen (z.B. ein Rollator) nicht zu machen sind.

    Und viele Angehörige sind zudem mehr und mehr überfordert mit den Ansprüchen die einige der Einrichtungen an sie stellen. Dort versucht man immer öfter notwendiges Handeln für die Bewohner an die Angehörigen abzugeben.

    Behördliche Kontrollen gibt es so gut wie keine.

    Und die Ängste der Angehörigen die ihren Mund nicht aufmachen wollen wenn sie Missstände erkennen sind schwerwiegend.

    Man will dem Vater, der Mutter, dem Bruder, der Schwester keinen Ärger machen.

    Deswegen halten viele den Mund….

    In dem Wissen , dass das falsch ist.

    Die Politik stabilisiert so das System relevanter Heime aus ihrer Sicht.

    Die Folge dessen kann sein, dass man es den Angehörigen und den betroffenen Menschen damit immer schwieriger macht die häusliche Alten- und Krankenpflege in der jetzigen Form aufrecht zu erhalten bzw. auszubauen.

    Menschen brauchen Menschen.

    Kollegen in der Alten- und Krankenarbeit haben oder hatten Eltern und konnten ab irgendeinem Zeitpunkt nicht mehr weiter arbeiten aufgehört dort da sie selber erkrankten.

    Der ständige Druck alles im Minutentakt erledigen zu müssen…

    Kleine Körperpflege 20 Minuten….. Haare waschen, Körperpflege, eincremen…

    Dann die Dokumentationsmappe die eher der Kontrolle der Mitarbeiter und der rechtlichen Absicherung der Pflegedienste dient als dem Wohle des Menschen.

    An- und Abfahrt wird berechnet.

    So reduziert sich die knapp bemessene Zeit auf einen kläglichen Rest die für die Menschen übrig bleibt.

    Und nur wer einen „Goldesel“ im Keller stehen hat kann sich die sogenannten „Zusatzleistungen“ die selbstredend angeboten werden erlauben.

    Die seelischen Erkrankungen der Mitarbeiter haben in den letzten Jahren so zugenommen, dass die KK sich damit befasst haben. (Kranke Menschen kosten Geld).

    Der alte Mensch merkt, dass für ihn nur wenig Zeit übrig bleibt und so nimmt er sich zurück, da er nicht „zu einer Belastung“ für die die bei ihm angesaust kommen….mit der Türklinke in der Hand.

    Der Mensch ist und bleibt analog.

    Was die „pflegeerleichternden Maßnahmen“ angeht sind diese meist nicht über einen richterlichen Beschluss gedeckt.

    Menschen werden fixiert also festgebunden wenn sie den Ablauf in der Einrichtung stören.

    Ob wohl dieses nur mit einem richterlichen Beschluss gehen darf.

    Es ist eine unfassbare Kungelei zwischen Politik, den Heimbetreibern und den Herstellern und Vertreibern von Hilfsmitteln.

    Kürzlich hat man in der Stadt in der ich lebe endlich dem Drängen von Angehörigen nachgegeben dort endlich näher hinzuschauen.

    Die Staatsanwaltschaft hat dann eingegriffen…..

    Man hörte ein kurzes Auschreien bei den Medien.

    Und dann kam nichts mehr.

    Die Tagespresse hat es auch sich beruhen lassen.

    Sie stecken alle unter einer Decke. Jeder will ein größtmögliches Stück vom Pflegekuchen haben und dafür lassen sie alte und kranke Menschen schwer vernachlässigt in jeder Hinsicht jämmerlich eingehen.

    Man sollte dringend bei all dem berücksichtigen, dass es viele alte Menschen gibt deren Angehörige nicht vor Ort leben und sie so meist dem Weh und Ach von Pflegediensten, Pflegeeinrichtungen, sowie psychiatrischen Abteilungen und auch den Betreuungsgerichten (Amtsgericht) in gewisser Weise ausgeliefert sind.

    Danke dafür, dass das gesellschaftliche Thema immer wieder zur Sprache kommt.

     

     

     

     

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    Piranha
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    Späne sind Abfall, der als Pellets verbrannt wird oder aus denen man bestenfalls mit Leim vermischte Spanplatten herstellt. Diese verschwinden dann für den Rest ihres Daseins ungesehen z.B. irgendwo im Hausbau, wo sie überklebt, übermalt oder als Puffer unter Holz-/Laminat-Böden eingefügt werden.

    Übrig bleibt ein Möbelstück oder eine Schnitzerei oder Werke von Holzbildhauern. Diese sind umso wertvoller, je mehr Liebe und Herzblut, Kreativität und Hingabe für immer sichtlich bleiben. Selbst als Antiquität werden sie nur noch wertvoller.

    Völlig neu ist mir, dass man Span mit „h“ schreibt. Bei Gelegenheit will ich mal im Duden nachschauen und allen verzeihen, die Spahn mit Span verwechselt haben.

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    A.K.
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    40 bis 60 % der an oder mit Covid 19 gestorbenen, waren BewohnerInnen eines Alten-/Pflegeheimes.

    Warum?

    These: Da auch alle PflegerInnen die positiv getestet wurden, in Quarantäne mussten, wurde der Personalmangel noch gravierender.

    Das muss untersucht werden.

    Das Testen muss aufhören! Insbesondere das Testen ohne Symptome.

     

     

     

     

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