Ist Goethe Weltliteratur?

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Zwische „Goethe war gut“ und „Fack ju Göthe“ hat es der Weimarer Olympier zu einiger, auch popkultureller Wirkung gebracht. Aber mal ehrlich: wer liest ihn wirklich noch? Sind nicht die meisten froh, ihn nach quälenden und gänzlich unfreiwilligen Gedichtanalysen in der Schule los zu sein? Und wer doch mal reinschnuppert – ein Werk bleibt dabei ganz gewiss links liegen: der „Faust II“, jenes fast unlesbare und verstiegene Machwerk eines im Alter immer mehr in unerreichbare Höhen entschwebenden Geistes? „Unlesbar“ – es sei denn man heißt Jürgen Wertheimer und besitzt nicht nur den Scharfblick eines leidenschaftlich Lesenden, sondern auch die Fähigkeit, Literatur spannend und mit Bezug zur Jetzt-Zeit darzustellen. Wertheimer behandelt in diesem Kapitel aus „Weltsprache Literatur“ am Beispiel Goethes die Gestalt des Schriftstellers zwischen nationalistischer Vereinnahmung und Weltgeltung, Klischee und aufregend „moderner“ Wahrhaftigkeit.  Jürgen Wertheimer

Hölderlin hatte die ganze Welt im Kopf. Eine einzige große Fußreise nach Bordeaux – der Rest: Fiktion. Griechenland, immer wieder Griechenland. Aber nicht nur. Donau- und rheinabwärts, Schwarzes Meer und Kolchos, Kaukasus und Indien, Nordpol und Äquator: Es gibt keine Grenzen und manchmal springt man in den Neckar und landet im Pazifik. Ein poetischer Migrant, den nichts hält und nichts aufhalten kann. Als virtueller Migrant sah sich auch Goethe, als er sich anschickte, sich zumindest mental in den Orient abzusetzen. Doch ungleich Hölderlin überließ er nichts dem Zufall, sondern bereitete seine Flucht in die Welt geradezu programmatisch vor und entwickelte seine Idee von „Weltliteratur“.

„Weltliteratur“ – einfach so, „Weltliteratur“ … Ziemlich genau zweihundert Jahre nachdem einer, der selbst nie weiter als bis Italien kam, sie in Weimar „erfand“, diese „Weltliteratur“. Goethe also. Und wenn man diesen Namen nennt, ist das Projekt „Weltliteratur“ auch fast schon wieder tot. Denn wer nimmt Klassik schon ernst? Wirklich ernst? Nicht nur als ritualisierte, kultivierte Bildungsernsthaftigkeit, sondern so, dass man nicht daran vorbeikommt, nicht daran vorbeikommen will? Goethe und die Weltliteratur … wenn man ehrlich ist, klingt das nach Lessings „Ringparabel“ oder „Faust II“ – all das lässt man gewohnheitsmäßig über sich ergehen, spult es gewohnheitsmäßig ab. Alles in allem ein Thema, das größenwahnsinnig und unverbindlich zugleich klingt. Es fällt schon schwer, in europäischen Zusammenhängen zu denken. Wie viel schwerer erst in Weltdimensionen! Und dann auch noch über den Umweg der sperrigen Literatur. Genau das, denke ich, wollte Goethe, als er in seinem Nest Weimar 1827 über das Potential einer zukünftigen Weltliteratur nachzudenken beginnt. Gebannt von der Idee einer dynamischen Erweiterung der menschlichen Begegnungs- und Ausdehnungsmöglichkeiten auf dem Weg zur großen Menschheitssynthese. Das liest sich so:

Überall hört und liest man von dem Vorschreiten des Menschengeschlechts, von den weiteren Aussichten der Welt- und Menschenverhältnisse. Wie es auch im ganzen hiermit beschaffen sein mag, […] will ich doch von meiner Seite meine Freunde aufmerksam machen, daß ich überzeugt sei, es bilde sich eine allgemeine Weltliteratur, worin uns Deutschen eine ehrenvolle Rolle vorbehalten ist.

Hans Mayer spricht kommentierend von Begegnung auch im Dissens, auch im Mißverstehen. Wobei die Begegnung zwar keinen Konsens bewirken würde, doch ein Verstehen der Andere, und damit auch der eigenen Besonderheit.“ Mayer fährt fort:

Das nur konnte Weltliteratur für ihn bedeuten und nichts anderes. Am 5. April 1830 kommt man in Weimar noch einmal auf das offenbar bedrängende Thema zurück. Damals hatte Goethe kaum noch zwei Jahre zu leben. Er formulierte klar und in Kenntnis aller künftigen Disharmonien: „Denn daraus nur kann endlich die allgemeine Weltliteratur entspringen, daß die Nationen die Verhältnisse aller gegen alle kennenlernen, und so wird es nicht fehlen, daß jede in der anderen etwas Annehmliches und etwas Widerwärtiges, etwas Nachahmenswertes und etwas zu Meidendes antreffen wird.“ Etwas Annehmliches und etwas Widerwärtiges … Man kann es nicht besser sagen.

Zwar geht die Orientierung von Deutschland aus hin zur Welt als Ganzes. Richtig ist auch, dass in Goethes Vorstellung „der Rest der Welt“ auf Deutschland blickt. Dennoch umreißt Goethe mit diesem Modell kein Heilsversprechen, keine Vorbildfunktion. Im Gegenteil: Prüfen, Abwägen, Verwenden, Zitieren, eine Art Schmuggelei mit Kulturgütern, eine Art Deal sind die zentralen Begriffe, die aus Weimar kommen: Du nimmst, was Dir gefällt und lässt liegen, was Dir nicht so gefällt und nicht so apart erscheint. Eine sehr pragmatische Einstellung. Erfolgt dieses Nehmen und Geben wechselweise, so würde sich Goethe zufolge im Lauf der nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre so etwas wie ein weltliterarischer Kanon herausbilden, eine verbindende poetische Sprache, die Kulturen miteinander in Berührung bringt. Ein erstaunlich großdimensioniertes Projekt, das da mitten im 19. Jahrhundert angedacht wurde und von dessen Realisierung gut 190 Jahre später noch so gut wie nichts zu spüren ist. Stattdessen etablierte sich die Germanistik als regelrechter Mythos, wurde ideologische Leitwissenschaft bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Alle Versuche, die Verkrustungen der Nationalliteraturen wirklich substanziell zu durchbrechen, blieben Episode. Manchmal gewinnt man fast den Eindruck, die ganze Weltliteraturbewegung sei eher der Ausdruck idealistischer Weltfremdheit, denn überzeugender Welthaltigkeit. Gäbe es da nicht paradoxe Phänomene wie etwa Goethes editorische Supernova, seinen Werther, der im Verlauf weniger Jahre die Lesewelt eroberte.

Ende des 18. Jahrhundert befand sich Europa in einer Art emotionalem Lähmungszustand, ganz im Bann des Mythos aufgeklärter, vernünftig herabgedimmter Gefühle. Hinter den Fassaden der Ordnung entstand ein Vakuum, das diese Geschichte schlagartig freizusetzen verstand. Mehr als dreißig Jahre arbeitete Goethe sich danach am Lebenswerk seines Faustprojekts ab. Man darf bei allem Respekt zumindest die Frage stellen, ob es dem Erfinder der Weltliteratur gelang, selbst ein der Theorie gewachsenes literarisches Produkt auf dem „Markt“ (der ihm wichtig war) zu positionieren. Werther: Ja. Faust? Immerhin, man spricht vom „deutschen Mythos“. Richard Wagner sieht dieses „deutscheste“ Stück als „neue Bibel“ der Deutschen. Eigentlich ein Wunder, dass er es nicht gleich zur Oper gemacht hat. Vermutlich aus einem Grund: Es lag bereits ein Text vor. Ein eigenes Libretto zu schreiben wäre (mit Goethe im Nacken) vielleicht doch etwas merkwürdig gewesen. Ich kürze ab, man kann es sich fast denken: Die windschiefe Gleichung Goethe = Faust = Deutschland / Genie = Titan = deutsches Erlösungs- und Erkenntnisdrama geht auf. Für Ideologie gilt: Je schräger, desto erfolgreicher. Faust wird zur Reichsschrifttums-Tragödie, in der Nazizeit überlegt man sich, ob nordische Typen durch jüdische Schauspieler verkörpert werden könnten. Wenn schon, dann allenfalls Mephisto … Faust und Gretchen aber haben den Ariernachweis in der Tasche. Klaus Manns „Mephisto“ macht den hochideologiehaltigen Charakter dieses Stücks evident.

Wie konnte das alles geschehen? Mit anderen Goethe-Stücken ist es nicht oder nicht in derselben Art passiert. Setzt dieses Stück besondere Zeichen? Will es so behandelt werden? Ich denke: Ja. Vom ersten Moment an. Gut, ein wenig Prolog ist üblich. Doch eine dreifache Rahmung von „Zueignung“, „Vorspiel auf dem Theater“, „Prolog im Himmel“ ist dann doch sehr ungewöhnlich. Nicht nur ungewöhnlich, sondern vor-entscheidend. Wer so auftritt, will nicht Spannung, Mitleid, Empathie. Wer so auftritt, will sagen, diese Bretter bedeuten nicht die Welt, sie repräsentieren das Welt-ALL. Was tun? Den Atem anhalten. Es gibt nicht so viele Stücke, in denen Tod und Teufel, Gott und Engel einfach auf der Bühne auftauchen. Gott, der Herr taucht noch nicht mal bei Wagner auf. Und in der Antike schon gar nicht. Allenfalls in den „autos“, den „morality plays“, den kirchlich-rustikalen Volkstheatern des späten Mittelalters und in den allegorisch-prunkvollen Szenarien des Barocktheaters (Märytrerdramen).

Das also ist des Pudels Kern: Ein Anachronismus. Mitten im aufgeklärten Geister- und spukfeindlichen 18. Jahrhundert: Hexenküchenqualm. Lessing wollte auch einen Faust schreiben, dieser wäre vernünftig geworden. Die Shakespearezeit hat in Gestalt von Christopher Marlowe einen supermanartigen Provokateur auf die Bühne gewuchtet. Renaissancedimensionen. Magier, Zauberer, politischer Anarchist, Schrecken des Vatikans. Aber jetzt, im 18. Jahrhundert: ein Anachronismus. Anachronismus und Aggression? Kindheitserinnerungen Goethes, nachzulesen etwa in „Dichtung und Wahrheit“. Kasperletheater, Puppenspiel. Dort haben die Geister überwintert. Dort sind sie zu Hause. Auf Jahrmärkten. Im Kindergarten der Seele. Und in manchen Traumecken und Spukzimmerchen bei Shakespeare. Goethe wagt es nun, diese theatralischen Schmuddelkinder (in den Augen der Rationalisten) aus den Hinterzimmern zu holen und hochoffiziell in den großen Salon des Hohen Dramas zurückzuführen. Bei Freund Schiller geschieht so etwas an einer Hand abzählbar verschämt. Hier jedoch ganz und gar un-verschämt. Die Aufklärer heulen auf. Man muss sich vergegenwärtigen: Heute mag „Faust“ als klassisches Stück gelten, in den Augen der Zeitgenossen war es nichts weniger als das. Es war aber auch kein romantisches Stück. Denn dieser Faust ist zwar ein Genie, aber alles andere als eine genialische Kultfigur. Im Gegenteil: ein Versager. Der zweite schon – Hamlet war der erste. Der hat sich in Schwierigkeiten hineingespielt, um die Depression zu überwinden. Faust greift in vergleichbarer Situation zu Drogen. Denn was hier groß und breit als „Magie“ beschrieben wird, ist letztlich intellektuelle Stimulation.

Mich wundert, dass Professoren sich mit diesem Stück so gern beschäftigen, denn es ist eigentlich eine sehr deprimierende Sache, die da dargestellt wird: Ein Unilehrer, vielleicht noch nicht einmal ein besonders schlechter, der merkt, dass etwas faul ist. Nicht im Staate Dänemark, wie es so schön heißt, sondern in ihm selbst. Trotz allem: interdisziplinärer Ansatz, erfolgreiche Abschlüsse, zehn Jahre Lehre. Dennoch dieses böse Gefühl, nichts wirklich Wesentliches zu sagen zu haben. Dennoch weiterzumachen, überzeugt von der eigenen Intelligenz und sogar Überlegenheit, doch zugleich mit dem Wissen darum, irgendwie auch noch im Abseits, am Rand zu stehen, nicht wirklich beachtet zu werden:

Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
[…]
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!

Das ist die Quintessenz einer neuen Qualität von „Tragik“, von Dilemma, etwas, das es in dieser Form früher nicht gab: Dieses giftige Minderwertigkeitsgefühl eines intellektuell Überlegenen. Dieses unbefriedigte Überlegenheitsgefühl einer Randfigur. Diese verächtliche, hochmütige Begehrlichkeit nach Aufmerksamkeit, dieser verdeckte Mittelpunktswahn, diese zur Krise manifest gewordene Dauerfrustration, die ganz unterschiedliche Gestalt annehmen kann. Vielleicht das Gefühl einer Generation. Hoch qualifiziert, marginal – wenn einer dann die Möglichkeit sieht, diesem Höllenkreis zu entkommen, das Bedürfnis nach Erkenntnis, Bedeutung, Dominanz zu befriedigen, ist ihm jedes Mittel recht. Nur raus! Raus aus dem Loch, dem „verfluchten, dumpfen Mauerloch“; es ist ja nicht nur die Sehnsucht nach „la grande vie“, es ist die Sehnsucht nach „la vie“. Und dass die Bücher- und Papierwelt, die Welt von Wittenberg, von Uni und Gelehrtenstunde zur Chiffre für Leblosigkeit wird, so früh, ist wohl kein ganzer Zufall. Die Akademie ist das Laboratorium der Depression: Mauerloch, Mottenwelt, Bücherhaufen, Staub, Papier, Instrumente als Requisiten eines nicht gelebten Lebens. Das ist die Ausgangsituation bei Goethe. Im 17. Jahrhundert, bei Marlowe, war das noch anders: Da wollte einer, der ganz oben war, noch weiter, viel weiter, wollte ganz groß rauskommen. Hier, bei Goethe, will einer nur raus: Raus aus der Wissenschaftsfalle, weg von dem unerklärten Schmerz, der alle Lebensregung hemmt. Hin zum Leben, zum lebendigen Leben. Ist das wirklich ein Faust-Problem? Ist das nicht eher ein Jedermann-Problem? Ist das wirklich eines des 18. Jahrhunderts, nicht auch eines des 21.? Ist das nur ein Bücher- oder nicht noch eher ein PC- und „virtual reality“-Problem?

Weg 1: Makrokosmos

Wie alles sich zum Ganzen wendet […] – Faust fällt es wie Schuppen von den Augen, plötzlich entstehen Sinnzusammenhänge, aber: Welch Schauspiel! Aber ach! Ein Schauspiel nur! Holzweg zum Leben, der in einer neuen Illusionsschleife endet. Das kann nicht der Ausweg sein. Führt der zweite Versuch im Zeichen des Erdgeistes zum Erfolg? Es scheint so, es „scheint“. Doch das evozierte Phänomen erweist sich so übermächtig, dass auch dieser Versuch abgebrochen wird. Die Evokation ist zu stark für den Akteur. Die Spannung zwischen Realität und Illusion zu gewaltig: Ich, Ebenbild der Gottheit versus Ich, Wurm. Dazwischen liegt gerade mal eine Zeile. Und zwischen Machtrausch und Selbstmordversuch findet sich eine einzige Seite. Das Individuum, das sich hier auf den ersten Seiten präsentiert, ist extrem labil. Gefährlich, weil gefährdet. Ein nervöses Bündel Mensch, auf schmalem Grat. Zumal Fausts süchtige Suche nach dem Leben bei allem Bedürfnis nach unmittelbarer Erfahrung und vitalem Kontakt äußerst zweideutig verläuft. Kaum stellt sich jene berüchtigte Volksnähe her, kaum gewinnt sie Gestalt und Sprache: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein Kaum stellt sich so etwas wie ein direkter Kontakt her, schon weist Faust mit hoheitsvoller Geste jede Annäherung zurück; Verehrung: ein Irrtum. Zuneigung: Fehlanzeige. Heilung: Mord. Hoffnung: Lüge. Trost: Diffuse Vertröstung. Und jeder Versuch, irgendwie Boden unter die Füße zu kriegen, führt zu einem neuen Orientierungsverlust. Selbst, gerade die Bibellektüre:

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
[…]
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

Doch vom Sinn schreitet dieser unzuverlässige Translator fort zu Kraft, von Kraft zu Tat und wird so aufs Beredtste vom zuverlässigen „tradutorre“ zum hochspekulativen „traditorre“. Die Semantik gerät in dieser nur scheinbar altdeutsch-„Eiche massiv“-getäfelten Welt so unvorhersagbar schnell aus der Ordnung und aus dem Gleichgewicht. Wenn Faust und Mephisto zusammentreffen, hat man den Eindruck, zwei kongeniale Individuen träfen aufeinander. Zwei Dekonstruktivisten bürgerlicher und sonstiger Weltordnungen, zwei Umwerter aller Werte. Zwei, die sich die Argumente gegenseitig mit spitzen Fingern und Hygienehandschuhen zureichen und zurückgeben und die Wirklichkeit aufs Trefflichste vivisezieren: „Das Böse“ – eine Chimäre, etwas, das man so oder so nennen kann. Der Name einer Sache: Willkür pur.

„Wahrheit“: eine Negation von „Lüge“. „Schönheit“: Ein Konstrukt auf Zeit … Ein scholastischer Disput auf gutem, um Höflichkeit bemühtem akademischen Niveau. Man hat den Eindruck, zwei Partner würden hier einander auf Augenhöhe begegnen. Ein zynischer, illusionsloser Intellektueller und ein mäßig satanischer Teufel, das passt schon recht gut zueinander. Und man sich ja auch halbwegs bewusst gesucht. Was einige Regisseure gemacht haben, Faust und Mephisto einander zum Verwechseln ähnlich darzustellen oder die Rollen phasenweise zu vertauschen, ist eine Verdeutlichung, die Text relativ stark nahelegt. Faust findet in Mephisto den Teil, der das umsetzt, was er selbst bereits nicht nur zu denken, sondern auch zu ersehnen begonnen hat. Mephisto wiederum findet in Faust einen kongenialen Spielpartner, der sein Spiel, seine Spielchen um Leben und Tod sehenden Auges mitspielt. Bei Hamlet hatte sich mir andauernd das Bild von Tapeten, Türen und Türen hinter Türen aufgedrängt. Hier nun dominiert ein anderes Bild: Es klopft. Die Tür geht auf. Man sagt: „Herein!“. Ein Teufel kommt hereinspaziert – und ist willkommen. Ist willkommen, wenn er etwas mitbringt. Am besten, wenn er Dynamik, Energie, Geschwindigkeit mitbringt. Geschwindigkeit und Wechsel. Neue Erfahrungen, Leben auf der Überholspur – jedenfalls Leben, wirkliches Leben, nicht Stillstand. Die Wette, auf die alles hinausläuft, der Pakt, an dem alles hängt, sieht zwischen zwei Partnern folgerichtig so aus, dass es nicht um irgendwelche albernen Tricks oder oberflächliche Wunscherfüllungen geht, sondern um – ich möchte nicht sagen, die Seele, sondern die Psyche, die Identität Fausts im Sinne der Beglaubigung seiner intellektuellen Grundhaltung des I can’t get no satisfaction, genauer eines I will get no satisfaction. Verweile doch, du bist so schön ist in diesem System Kapitulation, ist Konsum-Kapitulation. Faust wird nicht müde, das von ihm anvisierte Szenarium zu beschreiben, spricht von Taumel, schmerzlichstem Genuss, verliebtem Hass, will das eigene „Selbst“ zu einem Organ des Schmerzes, des Leidens, der ganzen Welt machen, will alles und ahnt zugleich, dass Mephisto mit seinem trockenen Todesurteil recht hat:

Du bist am Ende – was du bist.
Setz dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken,
Du bleibst doch immer, was du bist.

Kein Rausch. Kein Höhenflug. Allenfalls Ausflüge ins Milieu: In Auerbachs Keller, in den Hexenküchen-Mief. Ein bisschen Sex. Vielleicht. Wenn man sich öffentlich mit Goethes Faust beschäftigt, kommt man sich punktuell immer wieder hochgradig albern vor: Ständig lauter Goethe-Zitate im Mund und Handlungsfetzen, die nun wirklich jeder kennt: Mein schönes Fräulein, darf ich wagen … Auf den ersten Blick ist das alles dermaßen ausgeleiert wie das Strumpfband, das der große Faust als kleinen fetischistischen Trost für die Wartezeit zwischen Begehren und Verführen sich von Mephisto auserbittet. Ein zweiter Blick offenbart zumindest Interessantes. Zum Beispiel die fast voyeuristisch-virtuelle Art, wie hier Direktheit, Eros in Szene gesetzt wird. Zwar prahlt Faust, dass er das „Geschöpfchen“ auch ohne mephistophelische Assistenz in maximal sieben Stunden rumkriegen würde – doch was dann am Brimborium aufgefahren werden muss: Schmuck, Bestechung inklusive – zeigt, dass es um mehr oder anders zu tun ist. Das Zimmer von Margarete mag ja, wie es in der Regie heißt, „klein und reinlich“ sein. Die Fantasie der erotischen Inspektoren ist das nicht. Da schleichen zwei erwachsene Akademiker durchs Zimmer einer fünfzehnjährigen Girlies, „spüren“ herum, schnüffeln herum, lüpfen die Bettdecken und genießen snobistisch-schwelgerisch das erregende Fluidum, das Parfum einer erotisiert-jungfräulichen Anmut, einer kleinbürgerlich-keuschen Erregung, an der man sich geradezu berauscht:

Hier lag das Kind! mit warmem Leben
Den zarten Busen angefüllt […]

Zauberduft, Liebestraum, Lüsternheit. Falls ich jetzt den falschen Ton erwischen sollte, möge man es mir nachsehen. Ich kenne aus dem Bereich des Dramas einiges an peinlichen Liebesgeschichten. Und windschiefe Liaisons gibt es zuhauf, man denke nur an die Art und Weise, wie etwa in Schillers Kabale und Liebe der Sohn des Präsidenten die Kleinbürgertochter mit seiner Liebe überwältigt. Oder an Hamlets zynischen Umgang mit Ophelia. Doch was sich hier abspielt, ist – ungewöhnlich miefig. Und diese Miefigkeit sticht deshalb so in die Nase, weil man dieses Größenwahn-Szenarium vor Augen hat. Falls Goethe dem Ganzen eine kleinbürgerlich-komische Note geben wollte, falls es seine Absicht gewesen sein sollte, Faust „runterzuholen“, dann hat er sein Ziel auf überwältigende Weise erreicht. Mythos und Wohnküche – hier jedenfalls wird der Mythos in den Sand gesetzt. Verschraubte Galanterien, verschämtes Getue, manierierte Beteuerungen und dann auch noch peinliche Geschenke. Kokettieren, Scharwenzeln, Geldzuwendungen, ein bisschen Heiratsschwindelei, niedergeschlagene Augen, „er liebt mich – er liebt mich nicht“-Gezupfe. Ein Mann wie Goethe macht so etwas nicht aus Unvermögen, sondern mit Absicht. In dem Fall würde ich sagen, man merkt die Absicht und ist etwas weniger verstimmt. Die Absicht: Diese irre Mischung zwischen Größenwahn und Banalität anschaulich zu machen. Diesen Dualismus, der Goethe selbst signifikant ist, ebenso wie für das ganze Projekt „Weimar“ und „Klassik“. Wenn man es auf eine Formel bringen wollte: Dualismus und Hybridität, Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn. Kollektivwesen schreibt Kollektivstück. Könnte es also sein, dass „Faust“, der Tragödie erster und zweiter Teil, ein „Mach-Werk“ sind? „Machwerk“ – ein merkwürdiger Ausdruck für etwas, das kein Kunstwerk ist. Etwas, bei dem man sieht, wie es zusammengebastelt, zusammengestückelt ist. Jedenfalls mit kritischem Blick. Viele kreiden einem Machwerk seine Fehler nicht an und gehen damit um wie mit einem Kunstwerk. Etwas in der Art könnte bei Goethe mitspielen, eine Form des intentionalen Machwerks. Vieles weist darauf hin, dass Goethe mit dem Faust-Projekt etwas Derartiges im Sinn gehabt haben könnte. Jedenfalls wären die Eigenarten dieses Stücks, das nichts und alles zugleich zu sein vorgibt, dadurch besser zu erklären: Barocktheater, Puppenspiel, Bürgerliches Trauerspiel, Geister- und Hexenstück, religiöses Schauspiel.

Klassisch-mythologisches Konglomerat. Fast ein Open-End-Stück im Sinne einer unendlichen Geschichte. Weltweit im Anspruch, überzeitlich als lebensausfüllend und jenseits aller Einheit von Zeit, Ort, Handlung. In der Tat besteht der Faust ja aus lauter porösen Stellen, Bruchstücken und „Leerstellen“, Montagezeilen. Wie in der Szene im Gartenhäuschen: Huch, Ach, Küsschen – einfach lächerlich. Doppelt absurd, wenn in der nächsten Szene das alte Erhabenheits-Gedröhn in Wald und Höhle beschworen wird. Da passt nichts zusammen. Und genau das wird schmerzlich nicht nur behauptet, sondern bis an die ästhetische Schmerzgrenze gezeigt. Pubertäres Gesumse von Hernn Dr. habil. Faust und die Illusion von existentiellen Höhenräuschen. Sogar Mephisto wird allmählich in den Sog dieser überwältigenden Verkleinbürgerlichungsidylle hineingezogen, lustwandelt mit der ihm gegenüber nicht gerade spröden Frau Martha durch die Botanik und hat alle Hände voll zu tun, um nicht alle Hände voll zu tun zu haben … Und Gretchen blickt überhaupt nur mehr auf … Und der Herr Doktor ist wie verwandelt:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Worum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich […]

Nun gut, Einswerden mit der Natur, dazu bedürfte es keines höllischen Beistands, umso schöner, wenn dieser eher schmal dimensionierte Halbgott sich dennoch bereits (relativ grundlos) den Göttern nah sieht. Es ist eine absolut diffuse, kaum mehr auflösbare Gemengelage entstanden. Faust im Taumel, im Drehschwindel, zwischen Begierde und Genuss, voller Begierde … Er ist völlig im Bann der neuen Möglichkeiten, nennt seinen Dealer bereits Gefährten:

[…] Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt […]

Selbsterniedrigungs-Lust fast mehr als Lust und jede Menge autosuggestiver Grenzhalluzinationen im Verbund mit einem, der dafür allenfalls ein geringschätziges Lächeln übrig hat: „Kribskrabs der Imagination“ nennt er die Kopfgeburten des „Doktors“ und dazu gibt’s die übliche Akademiker-Schelte: „Dir steckt der Doktor noch im Leib“. Im Übrigen liefert Mephisto genau die Stichworte, die Faust von ihm erwartet und benötigt. Mephisto hat nur eine Funktion: Faust die Wörter und Impulse in den Kopf zu jagen, die dieser noch nicht ganz zu denken wagt. Die Probleme hat Mephisto nicht, wenn er rät, das arme, affenjunge Blut für seine Liebe zu belohnen.

Bei Heine gibt es eine Figur, die die Tat der Gedanken des anderen ist. Faust hat einen, der den anderen Teil seiner Gedanken übernimmt. Irgendwie ist dieses angeblich verhasste andere Wesen eine Art Alter Ego, ein Doppelgänger Fausts, sein Dummy. Uns Zuschauern macht er das Zusehen erträglich, indem er dem unerträglich sentimentalen Gesumse zwischen Doktor und Gretel eine wohltuende Prise Gift zusetzt, indem er das unschuldige Lamm einen „Grasaff“ nennt und Faust zutreffend als „übersinnlich-sinnlichen Freier“ bezeichnet. Mehr an Weltumsturz-Plänen und Erkenntnisprojekten ist noch immer nicht geschehen. Der Papst wird nicht verhöhnt, Gott nicht herausgefordert, Könige und Kardinäle können ruhig bleiben. Das einzige, was passiert, sind ein Beischlaf und eine Schwangerschaft. Das Zentrum der Tragödie ist Gretchens Bett. So einfach ist das.

So einfach ist das eben nicht. Denn kaum ist es passiert, ist nichts mehr, wie es war. Die moralische Ordnung der Stadt, der Welt kracht aus den Fugen und aus den Fugen sickert das Giftgas der Religion und der Moral. Das wispert und tuschelt schadenfroh und bedrohlich, am Brunnen in der Nachbarschaft wie im Dom, dem Ort, an dem sich die bösen Geister treffen und sich hinter Gretchen materialisieren:

Wie anders, Gretchen, war dir’s,
Als du noch voll Unschuld
Hier zum Altar tratst
[…]
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
Halb Gott im Herzen!

Ich weiß nicht, wie viele Jahrhunderte die Kirchen, die andere Seite der bösen Geisterwelt beschworen hat. Ich weiß nicht, wie vielen Millionen, Milliarden Mädchen und Männern die Religion im Laufe der letzten zweitausend Jahre Angst gemacht hat; wie viele sie bis ins Mark erschreckt hat. Im 17. und 18. Jahrhundert formierten sich systematisch Kräfte, die den Bann dieser schwarzen Magie brechen wollten im Zeichen der Aufklärung. Die Aufklärer machten sich keine Illusionen. Lessing, Schiller und viele andere zeigten mit zum Teil drastischen Mitteln, wie sehr das Gespenst der öffentlichen Moral, der verinnerlichten Ehre moderne Menschen in die Enge trieb: Emilia Galotti, Sara Sampson, Luise Millerin und noch Effi Briest gehen daran mehr oder weniger klaglos zugrunde. Goethe wählte einen anderen Weg: Er zeigt – und wo könnte man etwas konkreter zeigen als auf der Bühne? –, dass diese Kräfte nach wie vor am Werk sind, dass sie sich materialisieren (wie die Rache in Gestalt von Hamlets Vater), hier drückt sich der Geist in Stimmen aus. Es ist, als ob die Welt aus lauter Tartüffe-Gewisper bestünde. Lauter, lauter, lauter hämmern die Stimmen auf Gretchen ein. Wirkungssicher zieht Goethe alle Register, über die das Theater verfügt. Während Gretchen verzweifelt, gehen Faust und Mephisto auf Reisen. Es ist, als ob die Walpurgisnacht die Paraphrase der heiligen Messe wäre. Was für ein brutaler Kontrast dazu: Gretchen krepiert fast im Dom. Die beiden Sinnsucher auf große Fahrt über den Blocksberg: Stimmen auch hier, Stimmen von überall her. Hexenchöre, Elementargeister, Halbhexen, junge Vollhexen. Hier öffnet sich die Welt, dort wird eine symbolisch eingesargt. Alle Stände, alle Klassen, alle Zeitalter und Mythologien treffen bei diesem interkulturellen Hexensabbat, bei diesem Karneval des Okkulten aufeinander: Oberon, Titania, Puck, Ariel, Orthodoxe, Puristen, nordische Künstler und italienische Kappellmeister, Xenien, Reisende, Zugvögel, Kraniche, Weltgeister, Supernaturalisten, Dogmatiker, Irrlichter, Sternschnuppen. Doch all dies, alle Phantasmen und Fantasie-Explosionen sind wie ausgelöscht, als wie eine Halluzination sich das Bild eines Mädchens im Hintergrund vor den Blick des Betrachters schiebt. Gretchen? Eine Medusa mit Totenaugen und einem roten Schnürchen, nicht breiter als ein Messerrücken, um den Hals. Aus der Traum. Der Traum von großer Magie, von einer Zeit jenseits der Zeit, von unerschlossenen Räumen. Der Katzenjammer danach, das Aufwachen aus dem Traum ist brutal.

Trüber Tag. Feld. Zum ersten Mal spricht man Prosa. Faust klagt sich an. Klagt Mephisto an. Es fällt der Satz Sie ist die erste nicht. Sie ist es wirklich nicht. Objektiv hat der Teufel wie fast immer recht. Und mit der nächsten Aussage ist er nicht weniger im Recht: Warum machst du Gemeinschaft mit uns wenn du sie nicht durchführen kannst? […] Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns? In der Tat, Faust hat sich auf ein Spiel eingelassen, dem er nicht gewachsen war. Er ist aber auch einem Leben ohne dieses Spiel nicht gewachsen. Will man wirklich dafür den altgedienten Begriff der „Tragik“ verwenden? Tragik heißt „Schicksal“, Schicksal impliziert etwas über einen selbst. Will man wirklich die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, als schicksalsgelenkt betrachten? Die Geschichte, die hier an ihr Ende kommt (nach dem Motto „sie ist die erste nicht“) wurde auch nicht zum ersten Mal erzählt. Es ist eine hundsgemeine Kindsmörderinnengeschichte, wie sie zu Dutzenden in der Sturm- und Drangzeit geschrieben wurden. Bei Lenz endet so etwas schnöde und ganz und gar nicht erhebend. Dass Goethe mit Lenz wirklich nichts anfangen konnte, nichts Wirkliches anfangen konnte, ist kein Zufall. Das sind zwei diametral entgegengesetzte Arten des Denkens, Fühlens und Schreibens. Von Büchner (zeitgleich!) gar nicht zu sprechen! Bei Goethe bleibt die Prosa Episode, nur Episode. Kaum ist Herr Dr. Faust als Retter der verfolgten Unschuld wieder im Vollbesitz seiner moralischen Betroffenheit, hebt er an: „Mir wühlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen – du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!“ Bald hat Faust seine (Vers-)form wiedergefunden und bereitet seinen Befreiungs-Auftritt sorgfältig erregt, fast gepflegt vor. Und Goethe versäumt es nicht, ihm gleich auch noch ein passendes Goethe-Zitat auf die bebenden Lippen zu legen: „Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an“. Goethe macht sich über seinen Protagonisten lustig. In einer Art, die man häufig bei einem Menschen dann beobachten kann, wenn er jemanden im Visier hat, der sehr viel mit ihm selbst zu tun hat. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Goethe in Faust ein ideales Double, einen grauenhaft fremden und zugleich hautnahen Doppelgänger gefunden hat. Dreißig Jahre lang Arbeit. Identifikationsfigur und eitles Zerrbild in einem. Narzissmus und Selbsthass: Warum sollte das nicht zusammengehören?

Ob Werther, Tasso, Meister, Goethe: Goethe behandelt von Beginn an viele seiner Protagonisten so als seien sie Blutsbrüder und Fremdkörper in einem. Überidentifikation und Auf-Abstand-Halten sind bei ihm Teile ein und derselben Strategie. Naturgemäß wird dieser Reflex im Lauf der Jahrzehnte, wenn das äußere Bild von sich selbst sich immer mehr vom inneren entfernt, stärker, intensiver; aus dem Reflex wird Therapie. „Faust II“ ist unter anderem auch ein Monument der Selbst-Suche eines Individuums, das als Kultfigur und Idol einerseits, als Fossil und Fremdkörper andererseits durch die moderne, sich industrialisierende Welt geistert. Im Grunde ist dieses Stück zu Goethes höchst privater „second world“ mit Faust als einem Avater geworden. Deshalb konnte und wollte er nicht mehr raus. Und hat es sich nie angesehen. Wozu auch? Die (virtuelle) Welt war in seinem Kopf. In Faust II gehen Faust und Mephisto ein weiteres Mal auf große Fahrt: Ein Riesenstück lang, durch alle Galaxien des kulturellen Gedächtnisses und der utopischen Entwürfe aller Zeiten und Räume. Mit einer neuen Partnerin, die ausschließlich aus Mythenhaut, Kunstfleisch und Literaturblut besteht. Im Vergleich zu ihr hat Gretchen keine Chance mehr.

Das „Tragische“, höre ich die großen Philologen dozieren, sei im „Faust“ „durch ein enttragisierendes Moment überwunden worden“. Für Faust gilt das. Ob Gretchen auch so dachte, als man sie zur Hinrichtung führte? Für Goethe war der Fall „Faust“ mit dieser eher konventionellen Kindsmörderinnengeschichte jedenfalls nicht abgetan. Zur Erinnerung: Den Urfaust begann Goethe um 1770, darauf aufbauend erstellte er eine Fassung, die 1790 unter dem Titel Faust. Ein Fragment erschien.1808 veröffentlichte er dann die bekannte Faust-Tragödie. Der Tragödie zweiten Teil beendete Goethe erst 1831, im Druck erschien Faust II erst im Jahr darauf, einige Monate nach Goethes Tod. In Faust II schickt sich der Protagonist an, die Welt nicht nur zu erobern. Die Welt zerstückeln, die halbe Welt vertun, nach dem Motto Da schaffe deine Welt! die Welt neu erschaffen, Begriffe wie Vorwelten, Weltbesitz – wahrlich, Faust II ist dezidiert welthaltig. Wenn es überhaupt einen klassischen Text der Kategorie „welthaltig“ gibt, dann diesen: Welten, Weltall, Ozeane – wer mit der jämmerlich braven Einheit von Ort, Zeit und Handlung hier anfinge, ginge jämmerlich baden. Gehlehrtentragödie, bürgerliches Trauerspiel, gemischte Gattung – man kann diese philologischen Schubladen getrost vergessen. Etiketten dieser Art führen nicht nu nicht weiter, sie führen ins interpretatorische Elend. „Forget about it …“ Das sagt sich leicht, tut sich aber schwer in Anbetracht der philologischen Ernsthaftigkeitslawine, die sich wie Mehltau über Goethe-Texte legt. Und die unglaublich resistent ist. Dabei bemüht sich Goethe eigentlich mit allen Mitteln, also extrem ernsthaft, um „Unernsthaftigkeit“. Ein riesiger Disney-Park der Mythen und Legenden aller Zeitalter, eine gewaltige Mythen-Zerschredderungs-Maschinerie – aber siehe da, wir lassen nicht ab und senken besinnlich die Augen auf der Suche nach „Tiefe“ und „Bedeutsamkeit“. Warum tun sich alle so schwer mit „Faust II“? Mysterienspiel und Menschheitsdrama. Das letzte Werk mit einem Siegel abgeschlossen. Des Dichterfürsten heiliges Testament. Ehrfrucht, Schauer, Rätsel. Unspielbar.

Mysterium. Ein Weltanschauungspaket. 1831 ist das Werk so gut wie vollendet: testamentarische Quarantäne. Goethes Angst, die ernsten Scherze (an W. v. Humboldt wenige Tage vor seinem Tod) könnten nicht richtig aufgenommen werden. Was wäre richtig? Ungern lässt sich die Öffentlichkeit das eindeutige Goethe-/Faustbild zerstören. Größe und Elend, Schuld und Gnade (Keller), schweifender Drang, schuldhafte Hybris, Expansionstrieb, Streben ins Unbedingte bleiben die Hauptinteressen der Kritik. Dazu Tiefgründiges über Müttermythos, Zeitenwende, Dialektik und Allegorese. Und nur ganz selten ist von dem die Rede, was eigentlich ins Auge springt: Liest man den Text ohne eingebaute Bedeutsamkeits-Optik, so zeigt sich ein etwas anderes Bild. Es ist, als ob der Weg, der beim Volks-Buch begann und übers derbe Puppentheater wieder zurückmündete in etwas Ähnliches, wenngleich in unendlich gesteigerter, potenzierter Form: in Goethes Mega-Comic-Show mit dem längsten dramatis pesonae-Register der Welt! Eine Art metaliterarischer Mythenstaubsauger von der Antike bis zur Gegenwart, vom Mittelalter bis zur Revolution. Nahezu alles darf Revue passieren in dieser Tragödien-Revue, deren Held nur mehr sehr bedingt Faust ist oder auch Mephistopheles. Zu sehr ist das Geschehen von großen Mythen-Eisbergen und -Bruchstücken durchsetzt: Natürlich tauchen die Helden immer wieder und auch an durchaus bedeutsamer Stelle auf. „Faust Redivivus“, der vom Beinahe-Tod Wiederauferstandene, findet sich zu Beginn in „anmutiger Gegend“ und jetzt geht’s erst richtig los: als Magier, Genforscher, Ökonom, Kolonisator, und in titanischer Selbstverwirklichung auch als Spekulant, Unternehmer, Zyniker, Hasardeur, Künstler und Scharlatan. Faust als modriges Wissensgespenst (Motten im Pelz) mit Mephisto als Hofnarr, der Ratschläge gibt im Chaos, in einer Umgebung gelinden Irrsinns; dabei en passant das Papiergeld erfindend. Und aus dem Teufelspakt wird allmählich eine Art Komplizenschaft, bei der der eine das Alter Ego des anderen oder, jeweils abwechselnd, dessen Tag- und Nachtschatten wird. Das Einander-Widersprechen ist schon zu einer Art Ritual des Doppelgänger-Paars geworden. Das Duo infernale durchstreift die Schauplätze der Welt und fasziniert, beglückt die Menschheit mit Magie und Tricks auf doppeltem Boden. Im Rittersaal des ersten Akts zum Beispiel steigt Mephisto in den Souffleurkasten, um Faust in der Rolle des großen Magiers zuzuflüstern. Ein reines Schauspiel, im hohen Ton freilich, und stets wachsam von Mephisto auf seine Wirkung hin beäugt. Als Faust hier das Bild der Helena erblickt und schwärmerisch anspricht, kommentiert Mephisto kritisch das Geschehen:

FAUST
Du bist’s, der ich die Regung aller Kraft,
Den Inbegriff der Leidenschaft,
Dir Neigung, Lieb‘, Anbetung, Wahnsinn zolle.
MEPHISTOPELES
So faßt Euch doch und fallt nicht aus der Rolle!

Im Weiteren werden nicht nur abenteuerliche Heldentaten vonnöten sein, um in den Genuss Helenas zu kommen, sondern auch der Einsatz aller technischen und wissenschaftlichen Fortschrittsinstrumente. Nicht mehr der faustisch strebende Übermensch, sondern fortschrittsgläubiges Machermittelmaß steht im Zentrum solcher Aktivitäten – Folgen einer Dialektik der Aufklärung: Streberische Famulusse und rabiat erfolgsorientierte Bachelors lassen Faust und Teufel eher alt aussehen. Wagner schafft das Kunstprodukt Homunkulus, der wiederum die virtuelle Welt der klassischen Walpurgisnacht programmiert. Als Luftfahrer landen Homunkulus, Mephisto und Faust „am oberen Peneios“, mitten in der „Antike“, die hier, man möchte sagen: herumsteht. In Form von ein paar „schamlosen“ Sphinxen und „schnarrenden“, „unverschämten“ Greifen. Der ergreifende Dialog Mephistos mit den Fabelwesen beginnt gleich mit einem peinlichen Versprecher:

MEPHISTOPHELES
[…]
Glückzu den schönen Fraun, den klugen Greisen!
GREIF
Nicht Greisen! Greifen! – Niemand hört es gern,
Daß man ihn Greis nennt. Jedem Worte klingt
Der Ursprung nach, wo es sich her bedingt:
Grau, grämlich, griesgram, greulich, Gräber, grimmig,
Etymologisch gleicherweise stimmig, –
Verstimmen uns.
MEPHISTOPHELES
Und doch, nicht abzuschweifen,
Gefällt das Grei im Ehrentitel Greifen.

Natürlich könnte man nun großartige naturmystische Überlegungen anstellen zur Begegnung von unterem Animalischen mit Über-Menschlichem, von Trieb und Geist usw. In den Kommentaren der gelehrten Philologen wird das Krächen begriffen als aus dem Urlaut des begehrenden Affekts erwachsendes erstes Sprechen, als symbolische Sprachhandlung triebhaften Besitzergreifens ((D. Lohmeyer: Faust und die Welt. II. Teil der Dichtung, S. 74)) Nicht weniger skurril in diesem unklassischten aller klassischen Szenarien: Sprechende Riesenameisen, bocksbeinige Satyrn, winkende Daktylen, Pygmäen-Älteste, die Kraniche des Ibikus – sie alle tauchen hier auf. Die letzteren krächzende Kerle mit merkwürdiger Diktion. Dazu: anmutige Lenien, Anaxagoras, Phoryaden, Nereiden, Tritonen (als Meerwunder), Thales von Milet, Neptun, Meerdrachen, Psyllen und Marsen auf Meerestieren, Meerkälbern und Widdern, Doriden, sämtlich auf Delphinen, Galatee auf Muschelwagen – ganz zu schweigen von Helena, die in der Zoologie und Mythologie fast untergeht. Helena, wie Iphigenie ein Relikt aus längst vergangenen Klassizismus-Tagen, mag zwar hold und klassisch einschweben, was aber nicht verhindert, dass sie kurz darauf in eine schwere Schimpfkanonade Mephistos läuft, wo man sich regelrecht zerfleddert und zerrupft und Helena vor so viel Misslaut in die Knie geht bzw. in Ohnmacht fällt. Am Ende haucht sie nur noch: „Ich schwinde hin und werde mir selbst ein Idol“. Und dann geistert sie übergangslos im Mittelalter herum. Zeitsprung. Ortswechsel. Innerer Burghof. Umgeben von reichen, fantastischen Gebäuden des Mittelalters. Aus den düsteren Gewölben tritt Faust mit einem Gefangenen. Nach kurzem Wortwechsel: Liebesschwüre. Wechselseitige Beglückung:

HELENA
Ich fühle mich so fern und doch so nah,
Und sage nur zu gern: Da bin ich! Da!
FAUST
Ich atme kaum, mir zittert, stockt das Wort;
Es ist ein Traum, verschwunden Tag und Ort.
HELENA
Ich scheine mir verlebt und doch so neu,
In dich verwebt, dem Unbekannten treu.
FAUST
Durchgrüble nicht das einzigste Geschick!
Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick.
Krach. Explosion. Und schon knatscht sich der Knabe Euphorion mit dem desperaten Ehepaar. Frühreifer Vergewaltiger. Flucht, Aufstieg, Absturz. Ende:
HELENA, FAUST UND CHOR
Welch Entsetzen! Welches Grauen!
Ist der Tod denn dir Gebot?
EUPHORION
Sollt‘ ich aus der Ferne schauen?
Nein, ich teile Sorg‘ und Not.
DIE VORIGEN
Übermut und Gefahr,
Tödliches Los!
EUPHORION
Doch! – und ein Flügelpaar
Faltet sich los!
Dorthin! Ich muß! Ich muß!
Gönnt mir den Flug!
(Er wirft sich in die Lüfte, die Gewande tragen ihn einen Augenblick, sein Haupt strahlt, ein Lichtschweif zieht nach)
CHOR
Ikarus! Ikarus!
Jammer genug.
(Ein schöner Jüngling stürzt zu der Eltern Füßen, man glaubt in dem Toten eine bekannte Gestalt zu erblicken: doch das Körperliche verschwindet sogleich, die Aureole steigt wie ein Komet zum Himmel auf, Kleid, Mantel und Lyra bleiben liegen.)
Faust hält Alles in Atem, auch einen ins Großformatige gesteigerten Goethe. Der Wasser- und Wegebauer in Weimar, dieser Welt-Expansions-Technologe und Kolonisator im größten Stil:
Das letzte wär das Höchsterrungene.
Eröffn‘ ich Räume vielen Millionen
Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen.
Am Ende: Landnahme, Gier und Geiz:
Die wenigen Bäume, nicht mein eigen,
Verderben mir den Weltbesitz.
[…]
So sind am härtsten wir gequält:
Im Reichtum fühlend, was uns fehlt!
Philemon und Baucis werden eiskalt vor die Tür gesetzt: So geht und schafft sie mir zur Seite! Schließlich: Teufels- und Engelsgeflatter; eine Art christliche Walpurgisnacht mit einem ganzen Arsenal von Papp-Engeln-Teufeln-Heiligen. Teufelsrude, himmlische Heerschar, Glorie von oben, Chor der Engel, Rosen streuen und andere Klerikalkarikaturen. Pater ecstaticus (auf und ab schwebend), skurrile Weisheit psalmodierend:
ewiger Wonnebrand
glühendes Liebesband
[…]
Keulen, zerschmettert mich
Blitze, durchwettert mich
Pater profundus, der liebliche Pater seraphicus, sanft lispelnd, von seligen Knaben umgeben (die derweil „um die höchsten Gipfel kreisen“):
Daß ein Liebender zugegen
Fühlt Ihr wohl, so naht euch nur
Und zwischen Patern und fliegenden Knaben dann noch das Rudel Engel, Fausts Unsterbliches tragend:
Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen
Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen.
Aber das ist nur Durchgangsverkehr. Jüngere Engel, „vollendetere“ Engel und die seligen Knaben produzieren tönende Nonsenspoesie in Serie:
Uns bleibt ein Erdenrest
Zu tragen peinlich
Und wär er von Asbest
Er ist nicht reinlich
[…]
Freudig empfangen wir
Diesen im Puppenstand
Also erlangen wir
Englisches Unterpfand.
Doktor Marianns und schließlich Büßerinnen in Serie komplettieren den verrückten Himmelsreigen, mit dem Faust konfrontiert wird.
Mulier peccatrix (nach Lucas)
Mulier samaritana (nach Johannes)
Maria Aegyptiaea
Una Poenetentium (sonst Gretchen genannt)
Mater gloriosa
Chorus mysticus
Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis
Das Unzulängliche hier wird’s Ereignis
Das Unbeschreibliche hier ist’s getan
Das Ewigweibliche zieht uns hinan.

Alles in allem: Faust II ist eine großartige Parodie auf Faust I. Ein fulminanter Hexensabbat, der alles Bildungsgut aufruft. Ein letztes Mal. Um es wenig später mit Mine und Zündkraut zur Explosion zu bringen. Trümmer dieser kulturellen Sprengung finden sich Jahrzehnte später in allen Teilen der Welt. In dutzende von Sprachen übersetzt. In China als subtile Waffe gegen einen immer rigoroser werdenden Konfuzianismus in Stellung gebracht. Wie auch gegen die Brutalität der Kulturrevolution. Es ist kein Wunder, dass Liang Zhongdais Faust-Übersetzung beschlagnahmt und vernichtet wurde. Goethe dringt in die Welt vor. Und umgekehrt findet, spiegelt sich die Welt in Goethe. Napoleon, Heine, Nietzsche: alle pilgern sie zum Goethe-Gral und glauben erleuchtet zurückzukehren. Ob christlich oder agnostisch, rechts oder links, alle, wirklich alle, Lukács und Lenin inklusive, haben sich zum Gruppenbild um Goethe zusammengefunden. Goethe wurde zum Mittelpunkt eines goethozentrischen Weltbildes. Zum Zentralgestirn einer Goethe-Galaxie, deren Planeten und Plantetoiden ihrerseits allesamt Goethe-Derivate und Klone sind. Ob hier jetzt nicht die einzigartige und eigenartige Rezeption eines Autors mit seinem Wesen und Werk verwechselt wird? Es scheint mir eher wahrscheinlich, dass es sich um eine vergröbernde Übertreibung als um eine irreführende Verwechslung handelt, wenn hier auf den Aspekt eines hermetischen Systems „Goethe“ verwiesen wird. Denn Goethe ist (und hier kommt das Prinzip der Verbildlichung des Poetischen ins Spiel) die vielleicht früheste Manifestation des Prinzips „Kunst im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit“. Dabei ist nicht nur an technische Reproduktionsmöglichkeiten zu denken. Das Prinzip der Reproduktion greift hier tiefer, geht an die Substanz. Goethe – das ist das Prinzip der Re-Produktion, ausgebaut zum System. Zum perfekten System. Sich in der Welt spiegeln und sie ausblenden, sich ihr andienen und sie auf Distanz halten. Dem Bild das Blut aussaugen. Nur den Geschmack der Wirklichkeit im Sinn behalten. Einmal in Gang gesetzt und systematisch weiterverfolgt, zeitigt diese Denkfigur besondere Resultate: Wenn einer so vorgeht, wird er am Ende nur mehr ganz wenig Außenluft brauchen. Und letztendlich in einen eigenen Kosmos, dessen Material seine gespeicherten Lebensspuren sind, abtauchen. Das bisschen Realität, das der späte Goethe braucht, macht er sich selbst.

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Jürgen Wertheimer: Weltsprache Literatur. Die Globalisierung der Wörter. Verlag Claudia Gehrke. 450 Seiten, € 19,90

 

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