Jens Fischer-Rodrian: Es gibt ein Leben vor dem Tod (Berlin, 20.5.2020)

 in Gesundheit/Psyche, Kultur, Poesie, Politik

Jeder Tag ist wie ein Sonntag meiner Kindheit,
dem ich ausgesetzt war, hilflos, nie wirklich bereit.

Egal von welcher Seite man es betrachtet,
egal welche Angst einen umnachtet,
was jetzt passiert, ist fern von dem, was ich für möglich hielt.

Menschen dürfen nicht mehr selbst entscheiden,
ob sie an Krankheiten oder Einsamkeit leiden,
alles Handeln ist der Illusion von Sicherheit verschrieben.

Ein altbewährter Helfer kriecht aus seinem Loch,
die Angst, sie funktioniert immer noch,
Angst macht taub, Angst macht gefügig.

Man weiß nicht alles über den Entzug der Mündigkeit ,
aber man ahnt schon, dass er die häßlichen Gesichter zeigt,
Denunziantentum ist wieder mal en vogue.

Wenn wir nicht funktionieren, werden die Pforten schliessen,
viele geben auf, Millionen Tränen werden fliessen,
zu reissenden Flüssen aufbegehren und in Meeren enden.

Ein zweites Mal werden wir das nicht überstehen,
diesen Weg kann man nur einmal gehen,
manch ungespielter Ton verstummt auf stillen Tasten.

Oft unbeachtet und seit viel zu langer Zeit
erdulden Menschen anderer Länder schlimmstes Leid,
doch wenn´s um uns geht, steht die Erde still.

Die Angst läßt uns erstarren, bloß nicht dran denken,
dem Tod keinen Gedanken schenken,
aber frei zu leben heißt das Tau zu kappen.

Demütig sein, selbstbestimmt bleiben,
mal bescheiden, mal maßlos übertreiben.
Nichts ist sicher, wenn man das Licht der Welt erblickt.

Wollen wir aus Angst vor dem Tod das Leben verlernen?
Wollen wir nicht mehr nach ihnen greifen, den unberührten Sternen?

Autor Jens Fischer-Rodrian, bekannt auch als Gitarrist bei Konzerten Konstantin Weckers

Comments
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    Die A N N A loge
    Antworten
    Die erstarrende Angst

    folgt keinem Sinn,

    und doch lähmt sie zerbrochen,

    tief in dir drin.

     

    Du sollst funktionieren,

    das raten sie dir,

    in einem Getriebe,

    dem stampfenden Tier.

     

    Steh auf und folge dem weltweiten Lauf,

    dem Rufe Konsum im rauschenden Kauf.

    Ist das nun der Freiheit’s Sinn,

    flüstert es leise tief in dir drin.

     

    Die Masken schauen dich grimmig an,

    was hat Covid-19 dem Homo Sapiens angetan?

    Sieht er die Trümmer aus dem verflochtenen Weltengescheh’n,

    die Augen der Angst, die niemals vergeh’n?

     

    Und weiter stampft das große Getriebe,

    so, als ob uns heute nichts anderes bliebe.

    Die Angst zurrt sich fest –

    wohin willst du Geh’n?

    Auf der Spur des Leben zerstampfenden Weltengescheh’n?

     

    Du hörst die Verzweiflung,

    die Schreie am Ende der Welt,

    das Dröhnen der Bomben,

    das lautlos zu Asche zerfällt.

     

    Die erstarrende Angst

    folgt keinem Sinn,

    sie wehrt sich im Herzen,

    ganz tief in dir drin.

    (BB/02-06-20)

     

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