Jesus ist ein Aspi

 in FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Monika Herz, Spiritualität

Wenn Jesus auf diese Erde zurückkäme, würden wir ihn überhaupt erkennen? Und wenn ja, woran? Müsste es dringend wieder Jerusalem sein, wo er erscheint – oder irgendwas Spektakuläres: Berlin, New York? Oder könnte es auch sein, dass er am Guggenberg erscheint, einem hübschen, von einer Kapelle geschmückten Hügel in Peißenberg nahe Böbing? Warum eigentlich nicht? Bethlehem war seinerzeit ja auch nichts Besonderes. Und gerade das hat den Mythos begründet: wenn jemand an einem einfachen Ort erscheint und auch ziemlich normalen Leuten. Das hat was von Demut. Monika Herz ist bei einem ihrer Morgenspaziergänge zufällig einem jungen Mann begegnet, den sie verdächtigt, etwas mit Jesus zu tun zu haben. Er residierte nicht in einem Palast, sondern in einem Zelt, mitten im Winter. Und er sprach zu ihr – weise, herzoffen, erstaulich rasch vertraut. Eine Diagnose hatte er auch: Asperger. Irgendwie erschien es der Autorin aber weitaus angenehmer und bereichernder, bei ihm zu sein als mit „Normalen“. Was sagt das über Normalität aus? Eine Geschichte aus dem Alltag, die einen unverhofften Zauber entfaltet. Monika Herz

Heute morgen hatte ich wieder einmal eine Begegnung dieser seltenen Art. Als ich mit meinen Gedanken anstatt mit meinen Lichtwölfen den Guggenberg hinaufstieg, sah ich schon von weitem dort ein kleines Zelt stehen. Oben auf dem Gipfel mit Blick zum Sonnenaufgang, der heute zwar – mit hoher Wahrscheinlichkeit – stattfand, aber nicht zu sehen war. Der Himmel über der Erde hatte sich in graue Gewänder gehüllt zum Zeichen der Trauer darüber, dass eine große Seele nicht mehr auf Erden weilt. Vielleicht nie mehr. Meine Mutter war vor zwei Tagen beerdigt worden.

So ging ich also und wich ein wenig vom Weg ab, um näher zu jenem androgynen Wesen zu kommen, das neben dem Zelt stand. Weiße Hosen, Anorak, lange braune Locken, strahlende Augen. Vom Alter her könnte er mein Sohn sein. Dachte ich irgendwie. Ich grüßte das Wesen, das eher männlicher Natur zu sein schien und ging weiter, doch der junge Mann lud mich auf ein Gespräch ein. Also nahm ich meine Kopfhörer ab und wir redeten irgendwas, wahrscheinlich über das Wetter. Der Jüngling schien zu frieren und meinte, wir könnten doch eine Runde drehen. Wir redeten weiter und als die eindeutig Ältere bot ich ein Du an und nannte meinen Namen – und wie heißt du? Ja, da ist die Sache mit dem Namen, sprach er nachdenklich – Simon, so haben mich meine Eltern genannt. Bist du auf der Suche nach einem neuen Namen, fragte ich, logisch die Sache mit dem Zelt auf dem Guggenberg mit dem Wort „Visionssuche“ kombinierend.

Dann machen wir jetzt also einen Medicine Walk meinte ich, und Simon schien nicht zu wissen, was ein Medicine Walk ist. Also ließ ich mir die Gelegenheit nicht nehmen, jemanden zu belehren und griff die Sache mit dem Namen wieder auf. Wenn man ein Anliegen hat, wie zum Beispiel einen neuen Namen, dann nimmt man sich Zeit und Schweigen und schaut, ob man unterwegs Zeichen findet, die auf den neuen Namen hindeuten.

Elijahu sagte ich plötzlich. Also mir fällt Elijahu ein. Ich weiß wirklich nicht, wo dieser Impuls herkam. Elijahu! Was war da gleich wieder? Warte, da gib es ein Lied. Von Marc Elijahu. Ich reichte ihm meine Kopfhörerstöpsel und vergaß auch nicht, höflich zu fragen, ob es ihm was ausmache, wenn meine Ohren vorher an den Stöpseln drangehängt wären. Nein, und wie es umgekehrt wäre. Auch ok.

https://www.youtube.com/watch?v=Edp_pbG_CPI

Zuvor hatte ich gesagt, er erinnere mich an meinen Sohn und ihn gefragt, ob ich ihm Geld für ein Frühstück geben dürfe, in der Hoffnung, falls mein Sohn einmal auch mit dem Zelt unterwegs wäre… – und er nahm es und ich entschuldigte mich fast – und er sagte, er würde nehmen und geben können. Das sei etwas ganz natürliches. Eins so wie das andere. Simon nahm schließlich das Smartphone und hörte sich das Lied endless an. Der Bass gefiel ihm, und er begann ein wenig den Hügel hinab zu tanzen.

Guggenberg-Kapelle, Peißenberg, der Originalschauplatz dieser Geschichte.

Als das Lied zu Ende war, waren wir schon am Weiher angekommen. Er fragte, ob ich die Bedeutung des Namens Elijahu kenne. Und ich erzählte ihm vom Propheten Elias, der eine Wette gewonnen habe gegen Hunderte von mächtigen Priestern des Baal. Und dass er dennoch oder erst recht vor dem Zorn des Herrschers in die Wüste fliehen musste, seine Krafttiere seien Raben, die ihm beim Überleben halfen. Spannend sei die Symbolik, Elias sei ähnlich wie Jesus in einem Blitz in den Himmel aufgefahren, und dass dies heute Spekulationen über Außerirdische nähre usw. Ob der Sänger Israeli sei, fragte Elias, nein Türke sagte ich. Die Bemerkung, dass Elijahu genau wie sein Nachfolger Elisha eine Revolution angefacht habe und drei neue Könige gesalbt habe, konnte ich mir nicht verkneifen. Obwohl der junge Mann an Revolution nicht besonders interessiert zu sein schien. Also redeten wir über etwas anderes.

Dass ich doch wohl nicht über alle Namen so viel wisse. Nein, natürlich nicht. Über Elija wisse ich Bescheid, weil ich ein Buch über 12 besondere Heilige geschrieben hatte. Zusammen mit der Inkarnation von Wolfram von Eschenbach übrigens.

Was bedeutet eigentlich Monika? Fragte er. Das kommt von Monos. Die Einzige – oder die Einzigartige meinte er – oder einfach die Eine, das gefalle mir am besten. Ich habe noch einen zweiten Namen, sagte er. Maria. Oh wie schön sagte ich. Simon Maria. So ähnlich wie Rainer Maria Rilke. Mein zweiter Name ist auch Maria. So hatten wir eine weitere Gemeinsamkeit gefunden. Ich erzählte ihm noch, wie ich zu meinem ersten Buch gekommen war, von all den Zufällen, die dazu geführt hatten, dass ein damals noch kleiner unter den großen bzw. großer unter den kleinen Verlagen bei mir angerufen und mich gefragt habe, ob ich mir vorstellen könne, ein Buch zu schreiben. Wie ein Sechser im Lotto fühle sich das an. Der junge Mann hatte nämlich gesagt, dass er auch schon viel geschrieben habe. Das geschriebene Wort habe ein völlig anderes Wesen als das gesprochene Wort. Wie zwei Welten. Wir sprachen über Schweige-Schreib-Retreats und er fragte, ob ich auch töne dabei. Tönen? Gute Idee! Auch wundere er sich darüber, dass die Menschen so viel unnötiges Zeug redeten, vielleicht, weil das eigentliche Bedürfnis sei, zu tönen.

Einfach nur tönen.

Oder singen, würde unsere Singgruppenleiterin Gabriele jetzt sagen. „Singen ist Medizin“ – so heißt eines unseres Lieder. Aber das ist ja jetzt verboten. Auch auf der Beerdigung meiner Mutter hatte nicht gesungen werden dürfen. Aber meine Tochter hat trotzdem gesungen. Und meine Enkeltochter hat die wunderschöne Stimme sehr elegant auf der Querflöte begleitet. Sie haben das richtig gut gemacht. Aber darüber sprachen wir gar nicht. Dieser lockige Simon Maria und ich.

Schließlich hatten wir die Runde beendet und standen wieder vor dem Zelt. Der junge Mann hatte offenbar keine Sekunde Angst um sein Eigentum gehabt. Oder war es ich, die keine Angst um sein Eigentum gehabt hatte. War ja nicht meins.

Nein, es war eher so, dass wir einen ganz kurzen Gedankenaustausch darüber gehabt haben, dass man in Peißenberg getrost sein Zelt stehen lassen kann, ohne Angst vor Diebstahl. Und so war es dann auch.

Ach ja, zwischen den Themen Elijahu und Revolution haben wir auch über Jeshua gesprochen. Er sagte, er sei zwar eigentlich – jetzt hab ich das Wort vergessen, so ähnlich wie überkonfessionell oder interspirituell oder – oh Gott, diese Namen! Aber Jesus und die Sache mit dem Vergeben würde er mögen. Kurz jammerte ich darüber, dass es bei besonders nahen Angehörigen manchmal besonders schwer sei, zu vergeben. Beim eigenen Bruder oder beim ehemaligen Partner zum Beispiel. Wenn man früher sehr geliebt habe – er sagte, er möge das Wort „lieben“ nicht so gern und ich stimmte überein. Mögen reicht. Magst du ihn? Fragte er. Und wie machst du das mit dem Vergeben. Fragte ich. Er habe es schon viele Male gemacht. Sagte er.

Sag einfach – am besten laut – mit Tönen: Es ist ok.

Ok. Das sei das bessere Wort als gut. Gut klinge zu weich. Es ist ok! Das sei bestimmter. Außerdem wegen der Fremdsprache mit mehr Distanz.

Ich erzählte auch von der Jugendredaktion des Rubikon. Der junge Mann würde vielleicht Spaß haben mit dem Rubikon, das stellte ich mir so vor. Aber da Simon Maria ja noch gar nicht wusste, was er eigentlich wollte, stieg er nicht weiter auf das Thema ein. Wie alt ich ihn schätze, fragte er. Ich meinte 30 und er lachte, so alt habe ihn noch niemand geschätzt, er sei 27.

Und über meinen Sohn, der Stochastik studiert hatte, sprachen wir auch. Simon Maria wusste, was nicht jeder weiß, dass Stochastik das Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten bedeutet. Und dass er selber auch so einer von der Sorte sei wie vielleicht die Stochastiker, die einerseits gern alles kontrollieren würden – Wahrscheinlichkeiten ausrechnen eben, die dann auch noch eintreffen –, aber andrerseits würde er auch gern einfach geschehen lassen, wie es eben grad so geschehe. Die Balance zwischen den beiden Extremen, er machte eine Bewegung mit Händen und Armen – das dynamische Gleichgewicht… Das sei das Eigentliche.

Dann redeten wir noch über den Unterschied zwischen Intuition und Bauchgefühl und Inspiration und Instinkt und dass alles ein Bewusstsein sei, mit vielen Namen wie Mentales Bewusstsein, Körperbewusstsein, emotionales Bewusstsein, sexuelles Bewusstsein, soziales Bewusstsein usw. Über die Eigen-Wahrnehmung der verschiedenen Anteile. Und was das überhaupt sei, das Eigene, das Selbst, das Ego und der Egoismus. Nur kurz, eben einfach so tauschten wir uns dazu aus. Das heißt zum größten Teil fand der Dialog vielmehr über so eine Art „Schwingung“ oder „Frequenz“ statt – oh mein Gott immer diese Fremdwörter. Ich versteh ja das Wort immer noch nicht so wirklich. Frequenzen. Wellenbewegungen, kohärent sind sie, wenn sie zusammenschwingen, übereinstimmen. Und das Gespräch findet eben von Frequenz zu Frequenz, von Welle zu Welle statt. Zwei Wellen spazieren miteinander dem Sonnenaufgang hinterher.

Dann sagte der junge Mann mit den strahlenden Augen noch, dass er eigentlich behindert sei, sogar schwerbehindert. Ach, du hast eine Diagnose, fragte ich. Ja, es handle sich um eine Unterart von Autismus. Aber er habe keine Inselbegabung, fügte er noch hinzu. Komisch, bei dem Wort Inselbegabung blitzt das Bild eines leuchtenden Wesens in meinem Geist auf, das über das Wasser schritt, der Insel Wörth entgegen, oder war es eine andere Insel? Was sind das für Blitze?

Gedankenblitze
Bilder aus uralter Zeit
schweben statt gehen

Nach Avalon vielleicht?
Avalon ist nicht mehr –
Elben auf Barken

Über das Meer…

– was für ein Bild…, wirklich seltsam, diese Begegnung. Meine Einladung zum Frühstück lehnte er ab – er fahre jetzt zu seiner Mutter, die wohne in Böbing. Und ja, er kenne den Weg. Es begann zu tröpfeln zum Zeichen, dass das Gespräch beendet sei, und er packte sein Zeug zusammen, um sich alsbald auf ein Fahrrad zu schwingen und nach Böbing zu radeln.

Vorher wurde noch ein Satz ausgesprochen, in dem das Wort „Existenzsicherung“ vorkam. Existenzsicherung. Er wiederholte das Wort, als habe er es noch nie gehört. Als wisse er gar nicht, was es bedeute: Existenzsicherung?

Über dem Meer
Dieser Klang seiner Stimme
Tönen. Und singen.

Und natürlich sagte er auch irgendwann etwas Mitfühlsames zum Tod meiner Mutter. Das heißt eigentlich fand auch dieser Dialog vielmehr über diese Wellen statt, die übereinstimmen. Harmonisch. Einfach wissen, was der Andere meint.

Der Klang dieser Stimme!
Die Frage im Tonfall.
Dieses Wort:
Existenzsicherung –
was ist das überhaupt?

Showing 2 comments
  • Avatar
    André
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    Ein sehr schöner, inspirierender Text, Balsam für die in diesen Zeiten angeschlagene Seele. Auch für den Hinweis auf den Musiker Mark Eliyahu bin ich sehr dankbar, ich hatte hatte noch nie von ihm gehört. Er ist allerdings kein Türke, sondern stammt aus Dagestan und war tatsächlich als Kind mit seinen Eltern nach Israel gezogen (hier eine Kurzbio).

    Heute ist das Wetter schöner als hier in der Geschichte, deshalb steige ich jetzt auf mein Fahrrad und denke draußen weiter darüber nach – mit den Klängen von Kamanche und Baglama im Ohr …

  • Avatar
    Mo
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    Lieber André,

    danke für die schönen Zeilen und für den Hinweis, Du hast recht, ich weiß gar nicht, wie es dazu kam, dass ich behaupten konnte, Mark Eliyahu sei Türke, obwohl es ja sein könnte, da hab ich was verwechselt, tut mir leid. Kamanche und Baglama… Dagestan am Kaspischen Meer – wie weit weg das ist…

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