Kunst der Wandermönche – Ars monastica

 In FEATURED, Kultur, Thomas Quartier

Foto: Robert Heiße

Ein Gespräch mit Heinz Rudolf Kunze über Kontemplation, Lebensform, Glauben und Bühne. Was bedeutet Kontemplation für einen Mann, der in unzähligen Liedern und Texten Leben und Gesellschaft beschreibt, in düsteren Farben malt und zugleich auch idealistisch aufmischt? Was verbindet der Bühnenmensch, der ständig auf Achse ist, mit mönchischer Zurückgezogenheit und Demut gegenüber der eigenen Arbeit? „Ich bin ein Wandermönch“, sagt Heinz Rudolf Kunze in einem Dialog, den Bruder Thomas Quartier vor seinem Konzert in Gladbeck am 14.10.2018 mit ihm führe. Kunze gehört seit 1980 zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Rocksängern und Liedermachern, veröffentlichte rund 400 Songs und unzählige literarische Texte. (Thomas Quartier osb)

 

Als schreibender und lehrender Mönch, der ich selber bin, komme ich scheinbar aus der anderen Richtung, nämlich aus dem Kloster und der Uni. Aber auch ich bin „Wandermönch“, der an jenem Nachmittag ein Stück gemeinsam mit dem literarischen und musikalischen Meister gehen darf. Meine Wurzeln sind seit meinem fünfzehnten Lebensjahr mit Kunze verbunden, als ich am 15.3.1987 zu meinem allerersten Konzert in der Stadthalle meiner Heimatstadt Kleve am Niederrhein gegangen bin. Als damals nach Freiheit strebender Gymnasiast und heute immer noch suchender Mönch begegne ich einem Mann, an dessen Worten ich mich gerieben und mit denen ich mich identifiziert habe.

Sein Programm, mit dem er auf Tour ist, heißt „Einstimmig“. Alleine auf der Bühne. „Das passt ja schon mal gut zum monastischen Gesang, der ebenfalls einstimmig ist und den Mönch auf sich selber richtet“, so sagten wir im Vorfeld in der Abtei. Ich überreiche Kunze zu Beginn unseres Dialogs ein kleines Kunstwerk aus der Abtei, in der ich heute lebe: eine Skulptur von zwei Mönchen, die sich umarmen, um sich den Frieden zu wünschen. Der Gestus eröffnet ein in jeder Hinsicht überraschendes Gespräch voller Bekenntnisse.

Kunze entpuppt sich als kontemplativer Gesprächspartner, der in manchem mönchischere Züge hat als ich, der ich ihm im Ordensgewand gegenübersitze. Seine Aussagen überraschen mich und fördern manche spirituelle Erkenntnis zutage, die wir heute mehr denn je brauchen. „Hätte Augustinus doch mehr von seinen Bekenntnissen hinterlassen…“, sagt Heinz irgendwann. Mögen die Bekenntnisse, die wir miteinander als „Wandermönche“ austauschen in aller Bescheidenheit etwas zum existenziellen Bezug von Kunst, Religion und Wirklichkeitswahrnehmung beitragen.

 

Rückzugsraum – Contemplatio et actio

TQ: Als Mönch suche ich im Kloster einen kontemplativen Rückzugsraum, wo ich nachdenke und bete. Gibt es für Dich auch einen solchen Raum, wo du dich zurückziehen kannst?

HRK: Ich habe durch die große Mobilität, mit der ich leben kann und muss, gelernt, unter ganz verschiedenen Umständen zur schreiben. Für mich ist das Schreiben als solches eine Art Gebetsmoment. Da halte ich alles fest, was mir durch den Sinn geht, was irgendwie als Wort-Film bei mir im Kopf anhält, was bedacht und bearbeitet sein möchte. Dieser Moment kann wie heute Nachmittag beim langen Warten auf den Soundcheck im Hotelzimmer sein, wo ich viel lese und ein bisschen schreibe, oder auf dem Beifahrersitz im Auto, wo irgendetwas, was ich an Musik oder Gesprächen im Radio höre, mich zum Schreiben bringt. Ich kann mich nicht genügend auf mein heißgeliebtes Arbeitszimmer verlassen, um es meine Klause nennen zu können, weil ich es nicht regelmäßig genug sehe. Sie ist es weitgehend, wenn ich zuhause bin. Es ist ein wunderbares großes Atelier, mit lichtdurchflutetem Ambiente, voller Musik, Bücher und Instrumente. Wenn ich mich da morgens gegen neun nach dem Frühstück niederlasse und auf Einfälle warte, dann sind diese Momente, wo ich etwas verschrifte, kontemplativ. Sehr oft ist das – Gott sei Dank – von Erfolg gekrönt. Ich muss die Einfälle nicht herbeizwingen, sondern sie kommen von alleine zu mir.

TQ: Bei Mönchen setzt eine solche Empfänglichkeit Beständigkeit voraus. Erst wenn man ganz stabil geworden ist, kann man wirklich innerlich in Bewegung kommen (mobilitas in stabilitate). Könnte man sagen, dass es bei dir umgekehrt ist, und du Beständigkeit in der Beweglichkeit findest (stabilitas in mobilitate)?

HRK: Unbedingt. Für mich ist das lebensnotwendig. Ich habe das Bühnenleben jetzt achtunddreißig Jahre lang überlebt. Sicherlich gehört ein gewisser Stabilitätsfaktor als Gegengewicht dazu, um das zu schaffen und nicht schon frühzeitig vor die Hunde zu gehen oder in Drogen zu enden. Das Pendel muss ausschlagen können, zur Öffentlichkeit hin. Aber es muss die andere Richtung eben auch erreichen, die Privatsphäre. Für mich sind Familie, eine gewisse Ordnung und Regelmäßigkeit im Leben, ganz wichtige Gegengewichte, damit ich das überhaupt ertrage. Deshalb führe ich auch kein Rock’n’Roll-Privatleben, sondern eher eins wie Immanuel Kant oder Thomas Mann: in klaren Gewohnheiten und strengen Ritualen. Die Seite des Mönchs ist also durchaus da. Ich brauche das, weil ich zu viele Kollegen vor die Hunde habe gehen sehen. Ich bin nie entglitten, habe nie Drogen genommen, außer der landläufigen Droge Alkohol. Das hat bei mir gar nichts mit Moral zu tun. Ich hatte einfach Angst, es gefällt mir zu gut und ich kann’s dann nicht mehr lassen.

TQ: Das erinnert mich an die klösterliche Observanz (disciplina), die man sich auferlegt, weil man im Leben eine Struktur braucht, um der eigenen drohenden Entgleisung Herr zu werden. Ich erkenne, was du sagst, sofort wieder: ich bin selber ein eher maßloser Typ und habe mir dadurch schon mehr als einmal selber im Wege gestanden. Auch darum lebe ich im Kloster, als Kontrapunkt. Mir geht es in meiner Arbeit als Mönch um eine gesunde Selbstfindung. Das kann aber zuweilen auch einen ganz schönen Frust bedeuten. Wie ist das bei dir, Selbstfindung oder Frust?

HRK: Es gibt bei mir den Frust darüber, dass die Selbstfindung qua Arbeit nie lange hält. Man macht einen Text, dann freut man sich, weil man etwas Gelungenes geschaffen hat, ist einen Moment lang stolz. Aber das hilft nicht, um eigene Spannungszustände oder Probleme wirklich zu beseitigen. Es ist nur eine Art Linderung, und am nächsten Tag muss man weitermachen. Es ist keine dauerhafte Medizin. Insofern gibst den Frust über die ausbleibende Selbstfindung durch Arbeit.

TQ: Das klingt nach einer Monotonie voraus, die man fast als „Mönchsarbeit“ auffassen könnte. Bist du darum auch eine Art „Vielschreiber“…

HRK: Das klingt ein bisschen böse. Aber ich schreibe in der Tat fast jeden Tag. Ich weiß, dass ich viele hundert Songtexte hinterlassen werde. Es ist nur schade, dass der liebe Gott mir nicht mehr genügend Zeit geben wird, all das selber zu verarbeiten. Ich habe, schon seit ich vierzig bin, ein Stadium des Schreibens erreicht, in dem ich weiß, dass ich das, was ich in meinen Archiven anhäufe, nicht abarbeiten kann.

 

Wollen und glauben – Ars credendi

TQ: Apropos „lieber Gott“. Aus den kontemplativen Momenten wächst in der monastischen Tradition Glauben. Wie verhält es sich bei dir denn nun mit Gott?

HRK: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht und es schon in vielen Interviews zugegeben, zuweilen vor sehr ungläubigen Gesichtern, dass ich an meinem alten Kinderglauben insofern festgehalten habe, dass ich jeden Tag einmal bete.

TQ: Tatsächlich? Als Benediktiner bete ich sogar sieben Mal am Tag. Weil es für mich zur Kunst des Glaubens gehört, was immer man darunter verstehen mag.

HRK: Da kann ich nicht mithalten. Aber ich bete, weil ich will, dass es einen Gott gibt. Ich unterstelle das einfach. Ich würde es wegen der gewissen Portion subjektiver Arroganz meinerseits nicht unbedingt „Glauben“ nennen. Ich habe auch nie gesagt: „Ich glaube an Gott“. Ich sage in Interviews immer: „Ich sympathisiere mit dem lieben Gott“. Ich bin mir natürlich nicht sicher.  Nun weiß ich auch, dass Zweifeln zum Glauben gehört, aber wenn ich mit Gott spreche, dann tue ich das, weil ich hoffe, dass da jemand zuhört und weil ich das möchte. Weil ich einfach nicht mit der Vorstellung leben möchte, dass das Weltall nur blinder Zufall ist. Das führt mich dazu, ein so einseitiges Gespräch zu führen.

TQ: Der hl. Benedikt sagt in seiner Mönchsregel aus dem sechsten Jahrhundert, dass Mönche „Gott suchen müssen“ (RB 58,7).  Aus einem mehr immanent, anthropologisch orientierten Gottesbild heraus könnte ich sagen: Sobald Du diesen Gott suchst, gibt es ihn ja auch.

HRK: Weil ich ihn gesetzt habe, ja. Das würde mir aber nicht reichen. Die Wende zum Anthropologischen gehe ich nicht mit.  Für mich muss Gott nach wie vor das „Ganz Andere“ bleiben. Ich habe mich sehr mit Theologie beschäftigt, zwei meiner besten Freunde sind evangelische Pastoren, ich selber habe mal angefangen, Theologie zu studieren, als Hobby, als Flirt, was ich dann durch die Musik nicht weitermachen konnte.

TQ: Das überrascht mich, denn in einem Lied besingst Du eine sehr immanente Jenseitsvorstellung. Der Satz „Das Paradies ist hier“ sagt doch, dass die Ewigkeit völlig im Hier und Jetzt stattfindet. Zugleich sprichst du gerade von einem Gottesbild, das an den Theologen Karl Barth erinnert.

HRK: Ja, ich bin von Barth, genau wie übrigens Martin Walser, sehr beeindruckt. Ein faszinierender Denker. Was das Zitat angeht: Ich bin einfach eine Zeilenhure. Ich habe diesen Text geschrieben, weil mich die Zeile anspringt und ich da korrumpierbar bin. Dann weiß ich an meinem Schreibtisch: jetzt geht was los. Und dann entspinnt sich binnen weniger Minuten wie ein Jazz-Saxophon-Solo ein Text. Wenn ich so einen Text mache, dann guck ich nach oben und sage „Entschuldigung Alter“…

TQ: Das ist mir als Erklärung deines Gedichts ehrlich gesagt zu billig…

HRK: Aber vielleicht bin ich so billig…

TQ: Es gibt ja auch noch so was wie Ironie. In deinem Programm trägst du einen Sprechtext vor, in dem du Gott postulierst, weil du im Leben so „vernünftig sein“ musst. Nachdem du die heute moderne selbstgewählte Askese um der Gesundheit willen aufs Korn genommen hast, sagst du: „Und deswegen Herrschaften kann ich gar nicht anders, als an einen Gott zu glauben, denn ich will nach dem Ende hier woanders eine Belohnung haben, ich finde, sie steht uns zu“. Sehr originell, würde ich mal sagen.

HRK: Nein, das ist ernst gemeint.

TQ: Nein! Das würde ja fast zu einem Mönch passen…

HRK: Ja! Jetzt habe ich dich wahrscheinlich völlig entsetzt. Es ist aber kein Widerspruch zu „Das Paradies ist hier“, wo ich mir Gedanken darüber mache, wie man aus dem Leben hier das Möglichste machen kann. Damit will ich nicht gleich das Jenseits canceln. Das mit der Belohnung finde ich eine schöne mythische, märchenhafte, wenn du so willst kindliche Vorstellung, an der ich aber festhalten möchte. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat in seinen neuen Aufzeichnungen sehr richtig gesagt, dass ein philosophisches Buch, das nicht einen gewissen Touch von Kinderbuch hat, nicht wirklich wertvoll ist.

TQ: Aber Sloterdijk ist zugleich mit seiner „Anthropotechnik“ ein Meister des Immanenten, der jede religiöse Praxis genaustens analysiert, aber den Schritt zum transzendenten Postulat nicht mitgeht. Für ihn sind es reine Selbsterhaltungsmechanismen.

HRK: Das ist mir schon klar, aber ich glaube, dass er trotzdem in den Himmel kommt, weil Gott sich geschmeichelt fühlt, wie er mit ihm umgegangen ist.

TQ: Wenn es den Himmel, seiner eigenen Theorie nach, gar nicht gibt, kann er ja auch nicht reinkommen…

HRK: Und das sagt ein Mönch! Da hast du‘s, für mich gibt’s den Himmel.

TQ: Und das sagt ein Mann, der in seinen Texten das Paradies auf Erden besingt! Aber im Ernst, der Philosoph Paul Ricoeur spricht von einer „zweiten Naivität“, die man erreichen kann, wenn man durch das „Sieb der Rationalität“ gegangen ist. Mir hilft das sehr, um mit solchen Vorstellungen, die du zurecht als mythisch, märchenhaft und kindlich beschreibst, umzugehen.

HRK: Das trifft es sehr gut. Eine zweite Naivität, aus der heraus man aber nicht mehr zur ersten zurückkehren kann.

 

Andersheit – Ars vivendi

TQ: Kommen wir auf ein Thema, das mich als Jugendlichen in deinem autobiographischen Song „Brille“ sehr angesprochen hat. Der Junge, der anders ist als alle anderen und darum seinen eigenen Weg gehen muss, „besser sein muss als der Rest“.

HRK: Das haben meine Eltern mir immer als Imperativ signalisiert, wenn auch nicht verbal. „Du musst es alleine schaffen. Wir sind Flüchtlinge, wir haben kein Geld. Wir können dir nichts vererben. Wenn du was darstellen und sein möchtest auf der Welt, dann musst du einfach besser sein als der Rest und musst es dir erkämpfen“. Das war das geistige Klima, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich war dadurch immer sehr darauf aus, mich durchzusetzen und auch Leistung zu bringen. Wenn man aus einem Haushalt kommt, der aus zwei Lehrereltern besteht, und wenn man Kind war in den frühen sechziger Jahren, dann war das doch sehr prägend. Meine Eltern haben mich sehr subtil an der langen Leine geführt. Es gab keine drakonischen Strafen, manchmal reichte bei einem einigermaßen sensiblen Buben wie mir dieses enttäuschte Gesicht, wenn’s mal nur eine Zwei war.

TQ: Ich bin selber in einem Dorf mit ein paar hundert Einwohnern aufgewachsen. Mich haben die Zwänge dort sehr wütend gemacht, darum hat mich dein Lied auch so angesprochen. In deinem Song „Ich möchte anders sein“ auf dem vorletzten Album kommt der Rebell dann erneut zum Vorschein.

HRK: Da hat jemand das Gefühl, in einer doch recht bleiernen mittelgroßen deutschen Stadt aufzuwachsen. Das hat für mich mit der Atmosphäre in Osnabrück in den sechziger Jahren zu tun. Das war eine Stadt, wo die große weite Welt erst mit einiger Verspätung ankam. Ich weiß noch, als die Studentenunruhen im Fernsehen aktuell waren, in Hamburg, Berlin, Paris, London, USA. Da war das in Osnabrück noch kein Thema. Sie wurden da einige Jahre später nachgespielt. Als eine Art linkes Kasperletheater. Wenn man da dieses Gefühl hatte, man ist der einzige weit und breit, der eine bestimmte Musik gerne hört und auf bestimmte Bücher abfährt, war man alleine. Ich hatte nur wenige Kumpels, die das teilten. Ich wurde, das muss ich sagen, von meinem Vater sehr fair unterstützt. Er hatte einen Sinn fürs Höhere und hat auch meine Neigungen zur Kunst nie behindert. Im Gegenteil, er hat sie, so gut er konnte, gefördert. Aber ich war halt trotzdem ziemlich einsam damit. Und dann dieses Gefühl: Ich muss hier raus, ich ersticke hier. „We gotta get out of this place“, wie die Animals, Eric Burdon, sangen. Es ist ja ein klassischer Topos im Rock-Song. Und insofern habe ich den dann irgendwann einfach mal nachvollzogen, wie schon so viele Kollegen vor mir.

TQ: Was meinst du, wie es erst ist, wenn man in einer Kleinstadt wie Kleve aufwächst. Wenn du nicht in dieses Modell passt, kannst du leicht untergehen. Für mich persönlich war der Weg ins Kloster dann wohl die Konkretisierung jenes Rock-Topos, den du beschreibst, so paradox es klingen mag.

HRK: Kleve ist dann ja auch noch mal hundert Prozent katholisch. Bei uns in Osnabrück war es genau fifty-fifty. Als ich Kind war, war es noch nicht egal, welcher Konfession man angehörte. Da wurde von meinen protestantischen Eltern aus dem Osten immer sehr misstrauisch beobachtet, wenn ich mich mit irgendwelchen katholischen Kumpels eingelassen habe. Das war nicht selbstverständlich…

TQ: Die Andersheit kann dann zur Lebensform werden, die auch die eigene Haltung der Wirklichkeit gegenüber bestimmt, so habe ich gemerkt. Und das habe ich auch immer bei dir gespürt, ein gewisser Zynismus.

HRK: Zynismus ist mir zu hart, Sarkasmus lasse ich gelten. Zynismus habe ich hoffentlich, wie jeder gute Apotheker, nur sehr selten als Mittel verabreicht. Bisher habe ich es noch nie erlebt, dass einer, mit dem ich wirklich unter vier Augen gesprochen habe, hinterher auch noch behauptet hat, ich sei zynisch. Ich bin ein netter Mensch. Meine Texte bellen manchmal wie ein Hund im Dunkeln, weil er nicht weiß, was für ein Einbrecher hinterm Zaun ist. Ich bin in meiner Arbeit krasser, denn ich als Mensch bin. Als Mensch bin ich ein durchaus harmoniebedürftiger, eher konfliktvermeidender, konfliktscheuer Typ.

TQ: Uns beide hat ja John Lennon geprägt. Du singst in „Brille“ über ihn: „Im Radio John Lennon, auch so’n schräger Brillenspinner. Er zeigt, dass Noten Töne sind, ein Notausgang für’n kluges Kind, und Träumer sind Gewinner“. Lennon war durchaus ein Zyniker, der die Wirklichkeit wahrnahm und auf eine entwertete Art und Weise darüber singen konnte. Wie ein philosophischer Zyniker war er eine Art Narr.

HRK: Und dann macht er wiederum „Imagine“, das vor Naivheit nur so trieft und eine Hymne der Friedensbewegten geworden ist wie „We shall overcome“. Dann hat er das Böse aber gut verborgen. Aber ich gebe dir insofern recht: Das viele, das ich über Lennon gelesen habe, erweckt den Eindruck eines ziemlich bösartigen Menschen. Das muss kein netter Typ gewesen sein…

 

Performance und Leben – Ars celebrandi

TQ: Für mich als Mönch besteht das Leben aus einer Art performativen Einheit, man ist immer auch dasjenige, was man tut, wie Benedikt es in seiner Ordensregel sagt: beim Singen genauso wie im Umgang mit anderen Menschen (RB 7,63). Gilt das für dich auf der Bühne auch? Dir eilt ja immer wieder das Image des messerscharfen, zuweilen bitterbösen Kommentators voraus.

HRK: Auf der Bühne ist natürlich eine Seite besonders überbetont. Aber wer mich kennt, wird den großen Unterschied dessen, was ich auf der Bühne engagiert von mir gebe, und meiner privaten Existenz schon bemerkt haben.

TQ: Diese strikte Trennung wird dem Anspruch, mit dem ich deine Sachen an Scharniermomenten in meinem Leben gehört habe, ehrlich gesagt nicht gerecht. Das war für mich eine starke Performance eines Menschen, der sich ganz gibt. Du hast meine Welt als fünfzehnjähriger auf jeden Fall besser gemacht.

HRK: Das ist schön, und dann habe ich ja was zustande gebracht. Aber ich verwende selber eher einen vorsichtigen Begriff: Wenn ich die Welt ein bisschen „unterhaltsamer“ mache, dann habe ich sie schon ein bisschen besser gemacht. Und wenn ich sie ein bisschen „schöner“ gemacht habe, um den nächsthöheren Begriff zu wählen, noch ein bisschen besser. Und dann will ich auch aufhören, denn mehr würde ich mir nicht unterstellen zu können.

TQ: Ich schon! Und deswegen verwende ich das Wort „spirituell“. Die Kunst zu zelebrieren, geht doch nicht rein zur Unterhaltung? Ich konnte deinen Titel „Gute Unterhaltung“ 1990 schon nur als Ironie auffassen…

HRK: Sicher, aber trotzdem will ich auch mit den ernsthaften Liedern zunächst mal nur Leuten Freude machen. Dann kann ich hoffen, dass darüber hinaus noch was bei ihnen passiert.

TQ: Ist das nicht doch eine Trivialisierung des Anspruchs, den Menschen mit deinen Texten verbinden? In der Ritualwissenschaft, Victor Turner insbesondere, geht man vom „spontanen Niveau“ aus, das die Menschen in seinen Bann zieht. Das wäre bei Dir die Unterhaltung.  Dem folgen dann aber das „ideelle“ und das „normative“ Niveau.

HRK: Die können folgen, aber dann muss ich die Menschen erstmal auf meiner Seite haben. Wenn ich sie vor den Kopf stoße, wenn ich sie langweile – das ist das allerschlimmste –, dann werde ich zu den anderen Ebenen nie vorstoßen. Zuweilen können dann aber durchaus auch Dinge passieren, die ich gar nicht implantieren wollte, die ich nicht geahnt habe, die mich dann überraschen.

TQ: Du hast ja von Anfang an auch dein gesellschaftliches Engagement, durchaus „ideell“, in deine Songs gebracht, wenn ich z.B. an die Zeile „Ich pflanze einen Baum in meine Wut. Mein Lebensmittel ist der schwere Mut“ aus deiner frühen Phase denke. Heute klingst du zuweilen versöhnlicher. Auf deinem neuen Album singst du: „Schäme dich nicht deiner Tränen, sie sind salzig und bitter und gut“. Ich selber stehe als Mönch immer wieder vor der Herausforderung, Engagement und Milde miteinander in Einklang zu bringen. Gibt es in dir noch beide Seiten?

HRK: Die aktuellen Bezüge, die deutlichen Äußerungen, sind in den Sprechtexten, die ich bei Konzerten vortrage, nach wie vor vorhanden. Aber ich habe vielleicht die Konsequenz gezogen, dass das weniger in Lieder passt. Es bindet sie zu sehr an Zeitereignisse, momentane Affären oder schreckliche Figuren aus der Politik, die einen gerade besonders ärgern. Hans Dieter Hüsch hat mal sehr vernünftig gesagt: „Mein Kabarett ist mir für die bösen Buben zu schade“. Deswegen mach ich auch kein Lied über Trump, sondern er kommt in Sprechtexten vor. Mein Freund und Kollege Randy Newman sagte vor einem halben Jahr: „Weil es so oft von mir erwartet wurde, habe ich mich bemüht, ein Lied über Trump zu schreiben, aber es geht nicht“. Der ist nicht Lied-fähig. Und vieles, was auf der Welt passiert, ist zwar Sprechtext-fähig, aber nicht Lied-fähig. Man sollte ein Lied damit nicht besudeln. Vorhin wurde im Fernsehen ein Beitrag angekündigt: „Die Sphinx im Weißen Haus“. Wie kann man ein solches Monstrum Sphinx nennen, der selber nicht weiß, was eine Sphinx ist?

TQ: Sind es in den Liedern dann vielleicht Utopien, die du herbeisingst? Für einen Mönch ist ein Gesang von einer Welt, die es noch nicht gibt, die man aber doch anklingen lässt, ein ganz wichtiges Motiv.

HRK: Eher erschaffe ich wohl Dystopien, also Zusammenhänge, die sehr beklemmend wirken, weil ich möchte, dass sie nicht eintreten. Fast so, wie man etwas über den Eingang zum Gral hängt, damit der Dämon nicht reinkommt. Das ist jedenfalls, was ich damit in der Öffentlichkeit anrichten möchte. Manche Lieder mach ich wirklich mit Hoffnung, dass Leute mir sagen: „Ach komm, so schlimm wird’s nicht werden“. Dass ich das irgendwie bannen kann.

TQ: Es gibt aber auch die andere, die schöne Seite des Gesangs. Du hast auch mal gesagt, jedes gelungene Lied…

HRK … ist an sich eine Utopie, egal wovon es handelt. Alles, was man zustande bringt und was irgendwie gelungen ist, ist ein Stückchen Utopie. Es muss gar nicht um Staatsformen gehen oder sich mit Thomas Morus messen wollen. Es reicht schon, wenn man etwas Kleines hinkriegt, was ein bisschen funkelt und was Leuten etwas gibt. Das ist für mich Utopie genug.

 

Grenzerfahrung des Künstlers – Ars spiritualis

TQ: Bei allen Unterschieden spüre ich doch eine Verwandtschaft zwischen Künstler und Mönch: spirituelle Kunst. Schön, das mit dir teilen zu können. Abschließend würde ich aber doch gerne noch von dir wissen, was für dich die Spiritualität des Künstlers ist.

HRK: Jeder Künstler, den ich kenne und den ich ernstnehme, also der es wirklich der Sache wegen macht und nicht erst auf seinen Kontostand guckt und wegen des Kontostandes alles tut, jeder der diesen Beruf liebt und ihn deswegen ausübt, ist für mich, ob er es nun zugibt oder durch barsches Benehmen konterkariert, ein Romantiker. Das heißt, er ist in Kontakt mit Dingen, die man nicht sehen und nicht anfassen kann. Irgendwie hat er doch eine Liebesaffäre mit der Transzendenz, wie immer sich das auch gestaltet.

TQ: Genau diese Beziehung muss ja auch gepflegt, zur erfahrenen Wirklichkeit werden. Im Kloster macht man das im Chor. Welche Rolle spielt für dich dabei die Bühne?

HRK: Auf der Bühne ist das schönste Erlebnis, dass ich mich, wenn es gut läuft, völlig vergessen kann. Das ist beinahe etwas, wie ich es aus Buddha-Beschreibungen kenne. Das Wunder geschieht jeden Abend um drei Minuten nach Acht. Um zwei Minuten vor Acht stehe ich noch da und denke: “Das schaffe ich doch nicht, ich geh jetzt gleich wieder raus und bin fast drei Stunden ohne Pause auf der Bühne, das geht doch über meine Kräfte“. Nach ein paar Minuten habe ich das vergessen, und ich merke nicht wie diese Zeit vergeht. Dann ist sie plötzlich um.

TQ: Der schon erwähnte Victor Turner nennt das „liminal“, das heißt eine Art selbst-transzendierender Zustand der Zeitlosigkeit,

HRK: Genau, oder mit Dalí eine „weiche Zeit“. Ein Geschenk, das für mich alleine auf der Bühne beinahe weniger anstrengend ist als mit Band.

 

Als Heinz Rudolf Kunze schließlich um Punkt acht die Bühne der Gladbecker Stadthalle betritt, merkt man als Zuschauer von seinen Zweifeln nichts. Aber die Zeitlosigkeit ergreift schnell den ganzen Saal. Es ist bemerkenswert, wie die Themen, die wir miteinander besprochen haben, für mich im Hintergrund räsonieren, und ich doch ganz in seine grandiose Performance eintauchen kann. Wandermönche überwinden letztlich ihre scheinbaren Gegensätze im Moment des Wiedererkennens. Das ist im Chorgestühl meiner Abtei nicht anders. Kontemplation und Ausdruck setzten sich voraus, genau wie Rückzug und Engagement. Die Begegnung hilft mir, meine eigene Kunst als Wandermönch zu entwickeln, als Suchender in der Doppeldeutigkeit der eigenen Arbeit und Identität, die doch immer nach Einheit strebt. Danke Heinz, bis bald, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen – Deo volente!

 

Autor: Prof. Dr. Thomas Quartier osb (1972) wurde in Kranenburg am Niederrhein geboren. Er ist heute Mönch der niederländischen Abtei St. Willibrord in Doetinchem. An der Universität Nijmegen (NL) ist er Direktor des Benediktinischen Zentrums für Liturgische Studien (BCL), an der Universität Leuven (BE) Professor für Monastische Spiritualität und an der Universität Sant Anselmo in Rom Gastprofessor für Ritual und Performance. Email: T.Quartier@ftr.ru.nl

 

Kommentare
  • Avatar
    eulenfeder
    Antworten
    Na prima – Bruder !

    “ ois is blues “ ( Stadtindianer Willy Michel ) – ist ja durchaus eine bodenständige, also auch auf dem Boden gebliebene Lebensweisheit !

    Aber : “ ois is Mönch “ ?? – die Rockmusiker nun abklappern um deinem eigenen Mönchsein auch dort mehr Bedeutung zu geben, letztendlich ?

    “ i woass ned “

     

     

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