Liturgie ohne Warum 1/2

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QuartierWeckerPerformance1„Was sucht so jemand in einem Kloster?“ Leser von Konstantin Weckers Buch „Mönch und Krieger“ können sich die Antwort auf diese Frage denken. Alle anderen staunen vielleicht schon bei Anblick des Aufmacherfotos: Konstantin mit Mönchen im Altarraum einer Klosterkirche. Warum? Die Frage lässt sich mit Blick auf die neue CD beantworten: „Ohne warum“. Damit enden allerdings nicht alle Überlegungen, sie beginnen erst. Der Benediktiner Bruder Thomas Quartier aus Holland beschreibt, welche Ähnlichkeiten er zwischen der Regel des Heiligen Benedikt von Nursia und dem Werk des oft eher regel- und zügellos lebenden Wecker gefunden hat. (Thomas Quartier)

In einer kleinen Klosterkapelle spielt sich eine außergewöhnliche Szene ab: vor dem Altar stehen drei Männer und eine Frau im schwarzen Habit. Sie bilden einen Halbkreis um ein Lesepult in der Form eines mächtigen Adlers. Etwas außerhalb des Halbkreises steht ein Mann in modischem Sakko, darunter ein offenes Hemd und dazu eine rote Hose. Auch er steht hinter einem Lesepult. Sie alle verweilen still, in sichgekehrt. In den Bänken der Kapelle sitzt beinahe niemand. Nach einer Zeit der Stille stimmt die Gruppe in schwarz einen lateinischen Gesang an. Dann wieder ein Moment Stille. Daraufhin rezitiert der Mann im Sakko ein deutschsprachiges Gedicht. Sein Sprechen geht im Laufe des Gedichts in Singen über. Dieses Wechselspiel wiederholt sich: verschiedene deutsche Gedichte und lateinische Gesänge erklingen nacheinander. Schließlich stellt sich auch der anders gekleidete Mann in den Halbkreis um das adlerförmige Lesepult, nach einer knappen Stunde. Gemeinsam singen alle ein Kyrie: „Herr, erbarme dich unser“. Was ist in dieser Stunde in der kleinen Kapelle passiert? Wer sind diese Menschen, die hier gemeinsam sprechen, singen oder still verweilen? Und warum bitten sie am Ende um Erbarmen vom Herrn, der in diesem sakralen Raum zwar allgegenwärtig zu sein scheint, in den deutschen Gedichten aber kaum zur Sprache zu kommen schien?

Es klingt wie eine Performance mit mysteriösem Gehalt, eigentlich eine Liturgie. Es war ein Moment zwischen Kultur und Spiritualität, reizvoll für Künstler, Mönche und jeden, der für unerwartete Begegnungen offen ist.

Das ganze vollzog sich am 24. Juni 2015 in der Benediktinerabtei St. Willibrord in Doetinchem (NL). Die Gruppe im schwarzen Habit war die Schola der Klostergemeinschaft, drei Brüder und eine Schwester. Der Mann im Sakko war Komponist, Dichter und Sänger Konstantin Wecker. Der künstlerische Tausendsassa war an diesem Tag zu Gast in der Abtei. Auf den ersten Blick eine merkwürdige Kombination. Wecker ist ein streitbarer Geist, der sich seit mehr als vierzig Jahren für Pazifismus engagiert und kapitalistische Ungerechtigkeit anprangert. Auch religiöse Institutionen bleiben von seiner poetischen Kritik zuweilen nicht verschont. Was sucht so jemand in einem Kloster? Eine Abtei steht doch eher für einen introvertierten Lebensstil: Askese, Stille, Gleichgewicht. Warum laden die Mönche ihrerseits einen Mann ein, der eher für Expressivität und Extreme steht? Wecker hat jahrzehntelang Hedonismus vorgelebt. Was erwartete man im Kloster von einem solchen Besuch, was suchte der berühmte Künstler? Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach: nichts. Dem Moment gingen keine Zielsetzung und kein Motiv voraus. Man begab sich lediglich auf den Weg für einen Moment in einer zugegebenermaßen ungewohnten liturgischen Kombination.

Natürlich gibt es Anknüpfungspunkte zwischen den beteiligten Sängern: Mönche und Künstler. Der Titel des Albums von Konstantin Wecker, das einige Tage vor seinem Besuch erschienen war, lautet: “Ohne Warum”. Das hätte das Motto des Moments in der Abteikirche sein können. Wecker entlehnt die Inspiration zu diesem Titel seiner CD nicht zufällig einer alten Quelle. Bemerkenswert, dass es sich um die mystische Tradition handelt. Es ist eine der wichtigsten Erkenntnisse jeder mystischen Suche, dass eben nicht alles begründet werden kann. Man muss zulassen können, dass die schönsten Dinge eben keinen evidenten Grund haben und im guten Sinne des Wortes Selbstzweck sind. Im Kloster dreht sich alles um diese Suche. Ist das jedoch nicht viel zu idealistisch? Wird nicht auch Spiritualität zuweilen von zweckmäßigen Strategien geregelt? Auch die Kunst begibt sich auf die Suche. Aber ist auch das nicht vor allem ein schöner Gedanke, ein Kunstwerk als Selbstzweck, als zwecklose Schönheit? Ist die Effektivität nicht doch ein ständiges Risiko auf dem künstlerischen Markt?

Sowohl die Brüder und die Schwester, die mitsangen, als auch der prominente Klostergast haben sich jedenfalls für den Moment ohne warum in der Klosterkapelle jeglichem Zwang entzogen, begründen oder argumentieren zu müssen. Auf assoziative Art und Weise waren Texte und Melodien aus dem gregorianischen Repertoire ausgewählt worden, allesamt Psalm-Zitate, biblische Poesie, und Gedichte von Konstantin Wecker. Niemand wusste vorher, wie die Begegnung der beiden sehr unterschiedlichen musikalischen und poetischen Genres verlaufen würde. Für einen solchen Moment ist die Abteikirche der geeignete Ort: ein kontemplativer Raum, der eben die Betrachtung des Unerwarteten ermöglicht. Ohne bereits allzu sehr vorzugreifen, kann man sagen: die experimentelle Performance wurde zu einer Liturgie im vollsten Sinne des Wortes, die bei allen, die dabei waren, noch lange nachklingt.

Das bringt uns zu einem weiteren wichtigen Detail jenes Tages: es war kein Publikum zugegen. DerRaum der Klosterkirche wurde von einigen Weggefährten der Mönche und Weckers gesäumt. Der Halbkreis, das adlerförmige Lesepult: das alles brachte zum Ausdruck, dass man dort gemeinsam um ein großes Mysterium herum beisammen war, in einem Moment, der nicht einzufangen war. Jegliches Publikum wäre fehl am Platze gewesen, der Moment war nur jenen, die ihre Stimmen und Körper in den Dienst der Performance stellten, zugänglich. Der Sänger, der normalerweise vor tausenden von Zuhörern auftritt, trat zurück in den Kreis der Sänger. Die Mönche, die normalerweise betend ihr festes Repertoire singen, erweiterten ihren Horizont durch die Begegnung mit heutiger Poesie und Musik. Das war nicht zu planen, sondern nur performativ zu erleben. Warum berichten wir in diesem Beitrag dann davon? Weil es sich um eine einzigartige Form liturgisch-künstlerischer Begegnung handelte, auf die es sich zurückzublicken lohnt. Dadurch können andere vielleicht etwas von diesem Moment erahnen, indem wir ihn räsonieren lassen, ohne den Anspruch ihn einfangen zu können.

Spirituelle Performance

Zunächst gilt es, die grundsätzliche Frage zu stellen, was Spiritualität und performative Kunst miteinander zu tun haben? Welche Sicht von Kunst und monastischem Leben verbirgt sich hinter der Stunde in der Klosterkapelle? Man kann allgemein drei parallele Dimensionen von Performance und Spiritualität unterscheiden. Erstens haben beide Phänomene eine sinnliche Qualität, zweitens kreieren sie einen Rahmen, der Menschen vollständig aufnimmt, und drittens leuchtet in ihnen eine Bedeutung auf, die das Leben verändern kann. Solche Erfahrungen können Menschen in der Liturgie und auf der Bühne miteinander verbinden. In beiden performativen Räumen ist es möglich, dass die sinnliche Qualität des Singens und die einnehmende Wirkung des Moments einen Rahmen bieten, in dem man einen Schimmer von Wahrheit auffangen kann. Diese Wahrheit, die mysteriöse Bedeutung, die Poesie des Moments, können Menschen nur auffangen, empfangen, geschenkt bekommen, niemals planen oder konstruieren. Genau das verbindet den Mönch mit dem Künstler.

Für Konstantin Wecker ist Kunst ausdrücklich spirituelle Praxis, in der die drei genannten Dimensionen der Sinnlichkeit, des Rahmens und der Transformation eine Rolle spielen. Er ist ein begnadeter Performer, strahlt seine Poesie und Musik leiblich und sinnlich aus. Dabei geht er mit großer Intensität zu Werke: “Ich habe immer die Ektase gesucht, mit meinem ganzen Körper. Manchmal frage ich mich, warum. War es nötig, um mich selbst finden zu können? Vielleicht”. Kunst ist für ihn auch der geeignete Rahmen, um sich auf den Moment zu richten, ganz im Jetzt zu sein, wie er in seinem Buch über Spiritualität und Engagement schreibt: „Für mich ist Musizieren die stärkste Möglichkeit um im Nu zu verweilen“. Eine weitere Eigenschaft der Kunst ist bei Wecker, dass sie sein Leben existenziell verändert, wie sich in einem seiner Romane zeigt: „Die Musik sollte nicht da sein, um Leidenschaften zu schüren. Sie muss der Wegweiser sein, die Todesnatur des Menschen, seine Selbstsucht zu überwinden“. Natürlich ist dies eine Vision, ein künstlerisches und intellektuelles Ideal. Man tut das scheinbare Sinnlose, aber gewinnt dadurch das Leben. Das Unerwartete geschieht, die Transformation. Das ist für den Künstler Wecker die Brücke:“ Spiritualität,wie ich sie verstehe, ist Anarchieform der Religion.” In diesem „anarchistischen Spiel“ ereignet sich das Wunderbare, so der Künstler.

Weckers Betonung von Ekstase und Anarchie scheint dem monastischen Stil des meditativen Rezitierens und Singens zu widersprechen. Wenn wir die Regel Benedikts diesbezüglich jedoch näher betrachten, so ist der Künstler der Triebfeder des monastischen Singens näher, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sucht der Mönch nicht die Ekstase, um sich selber zu finden, aber er bringt das “Suchen Gottes” (RB 58,9) mit seinem ganzen Körper zum Ausdruck. Auch wenn der Akzent sich unterscheidet, können Künstler und Mönch sich vielleicht in eben diesem körperlichen Suchen finden.Was die zweite Dimension betrifft, den Rahmen für den Moment, geht es für Benediktiner vor allem darum, “dass wir beim Psalmensingen so stehen, dass Herz und Stimme in Einklang sind” (RB 20,7). Der Ausgangspunkt des Singens ist bei Benedikt durch die Stimme ausdrücklich körperlich. Jede Vision, jede Bedeutung, entsteht erst in der stimmlichen Praxis des Singens. Genau darin besteht das Nu, von dem Wecker im Zusammenhang mit seiner musikalischen Praxis spricht. Schließlich die dritte Dimension, die Veränderung des Lebens. Wecker wurde oft eine egozentrische Weltsicht angelastet, die zu seiner künstlerischen Persönlichkeit gehöre. Dem steht die benediktinische Kunstauffassung entgegen: „Sind Handwerker [oder Künstler] im Kloster, können sie in aller Demut ihre Tätigkeit ausüben, wenn der Abt es erlaubt” (RB 57, 1). Mönche bekommen alle Freiheiten, wenn nur die nötige Demut, jene wichtige monastische Tugend, sichergestellt ist. Demut scheint aber so gar nicht zur großen Bühne zu passen. Oder doch? Im bereits zitierten Roman Weckers ist die Kunst, die eigene Selbstsucht zu überwinden, eine Haltung, die von der Bühne unabhängig ist. Die Bühne könnte dann symbolisch zum Chorgestühl werden. Transformation bedeutet, sich in den Dienst von etwas anderem, größeren zu stellen.

Könnte die Offenheit von Weckers Kunstauffassung – körperlich, ganz im Moment, frei von Selbstsucht – einen performativen Raum für die Mönche öffnen? Und könnte nicht umgekehrt die verinnerlichte Leiblichkeit, das Gleichgewicht und die Mystik der Mönche ein neues Licht auf die Poesie und Musik Weckers werfen? Diese Art von Fragen nach spiritueller Performance führten Künstler und Mönche an jenem Sommertag zusammen. Im Folgenden werden wir anhand der Themen Gastfreundschaft und Kontemplation sehen, wie in der performativen Stunde in der Klosterkapelle tatsächlich ein Schimmer von Wahrheit aufleuchtete.

Gastfreundschaft

“Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus. […] Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern” (RB 53, 1-2). Gastfreundschaft gehört zum Wesen der benediktinischen Spiritualität. Es geht dabei nicht um einen Service, den man einer Kundengruppe erweist, sondern um die Begegnung mit dem Fremden, die eine Quelle der Offenbarung ist. Dieser auf den ersten Blick recht schwere theologische Gedanke weckt Assoziationen mit einem Gedicht, das Konstantin Wecker Abteikirche rezitierte und sang:

Ich hab´ einen Traum, wir öffnen die Grenzen
und lassen alle herein,
alle die fliehen vor Hunger und Mord,
und wir lassen keinen allein.
Wir nehmen sie auf in unserem Haus
und sie essen von unserem Brot,
und wir singen und sie erzählen von sich,
und wir teilen gemeinsam die Not

und den Wein und das wenige was wir haben,
denn die Armen teilen gern,
und die Reichen sehen traurig zu,
denn zu geben ist ihnen meist fern.

Ja wir teilen und geben vom Überfluss,
es geht uns doch viel zu gut,
und was wir bekommen ist tausendmal mehr,
und es macht uns unendlich Mut.

Der Dichter träumt in diesem Gedicht von einem grenzenlosen Raum, in dem jede Begegnung eine Bereicherung ist, und zwar bedingungslos. Das bezieht sich für ihn vor allem auf Menschen, die unter der Ungerechtigkeit unserer globalen Gesellschaft zu leiden haben. Wer mit Weckers Werk vertraut ist, weiß, dass dieser Traum für ihn seit Jahrzehnten zu einem radikalen gesellschaftlichen Engagement führt. Wo ist dieser Raum bedingungsloser Gastfreundschaft für Fremde in unserer Kultur? Was immer man von seinen konkreten Standpunkten hält, aus spiritueller Sicht ist es eine wichtige Intuition, dass Teilen voraussetzt, loszulassen, woran man sich allzu sehr klammert: Brot, Wein und alles, was man hat, so das Gedicht. Das ist ein hoher, ja utopischer Anspruch. Darum reagieren viele auf dieses Gedicht mit dem Vorwurf der Naivität und Weltfremdheit. In der Klosterkapelle klingt es beinahe wie eine engagierte Paraphrase der Regel Benedikts zur Gastfreundschaft, wobei theologischer Inhalt und poetische Offenheit einen Akkord ergeben und sich gegenseitig vertiefen. Das wurde deutlich hörbar, als die Schola nach der Rezitation durch Wecker zwei Verse aus Psalm 133 sang, in denen die gastfreundliche Gemeinschaft auf biblisch-poetische Weise zum Ausdruck kam:

„Seht doch, wie gut und schön ist es,
Wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen.
Das ist wie köstliches Salböl,
Das vom Kopf hinabfließt auf den Bart,
Auf Aarons Bart” (Psalm 133, 1.2)

Zwei Aspekte von Gemeinschaft finden sich in diesem Text: ein sozialer und ein kultischer Aspekt. Der Psalm ruft Menschen dazu auf, in Gerechtigkeit zusammenzuleben (sozial). Das manifestiert sich in der großen Festliturgie auf dem Berg Zion, dem Ort der Gegenwart Gottes (kultisch). Im Zusammenklang des Psalms und des Gedichts Weckers entsteht ein erstaunlicher Kontrapunkt: das Gedicht führt durch einen Traum zur gesellschaftlichen Gastfreundschaft. Der Psalm führt umgekehrt von der gesellschaftlichen Gastfreundschaft aus zum spirituellen Traum, der in der Liturgie Gestalt annimmt. Die beiden Bewegungen öffneten für jene Stunde einen spirituell gastfreundlichen Raum, der einen kraftvollen Appell in sich trug: den Traum liturgisch zu artikulieren und zugleich gesellschaftlich mit allen Brüdern und Schwestern Wirklichkeit werden zu lassen.

 

(Morgen lesen Sie an dieser Stelle den zweiten Teil des Artikels von Thomas Quartier)

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