Liturgie ohne Warum 2/2

 in Kultur, Spiritualität, Thomas Quartier

Klosterpförtner im Kapuzinerkloster, Passau

„Was sucht so jemand in einem Kloster?“ Leser von Konstantin Weckers Buch „Mönch und Krieger“ können sich die Antwort auf diese Frage denken. Alle anderen staunen vielleicht schon bei Anblick des Aufmacherfotos: Konstantin mit Mönchen im Altarraum einer Klosterkirche. Warum? Die Frage lässt sich mit Blick auf die neue CD beantworten: „Ohne warum“. Damit enden allerdings nicht alle Überlegungen, sie beginnen erst. Der Benediktiner Bruder Thomas Quartier aus Holland beschreibt, welche Ähnlichkeiten er zwischen der Regel des Heiligen Benedikt von Nursia und dem Werk des oft eher regel- und zügellos lebenden Wecker gefunden hat. (Thomas Quartier, 1. Teil dieses Artikels hier)

Das knüpft nahtlos bei der zitierten Passage der Benediktsregel an: die Offenheit bezieht sich auf die “Brüder im Glauben und die Pilger”. Unter Pilgern können ausdrücklich auch “Fremde” verstanden werden. Durch diese Konkretisierung kann man auch leichter mit dem Unterschied zwischen Künstler und Mönchen, was den Gottesglauben betrifft, umgehen. Für Wecker ist das Wort „Gott“ ein symbolischer Begriff, für die Mönche handelt es sich um eine Person. Der gastfreundliche Raum, in dem sie gemeinsam singen, machte es möglich, sich auch gemeinsam dem Geheimnis zu nähern, in dem sich Gott verbirgt – in beiden Annäherungen, als Person oder symbolisch. Die Gastfreundschaft in Gemeinschaft mit dem Fremden wurde durch die Performance in der Klosterkapelle nicht nur ins Gedächtnis gerufen oder angeregt, sondern auch gegenseitig erlebt. Konstantin Wecker war an diesem Tag Gast der Mönche in ihrem Kloster, vor allem in ihrem liturgischen Raum. Aber die Mönche waren auch bei ihm zu Gast, in seinem poetischen, kreativen Raum. Und sie alle hatten einen Traum: Wie gut und schön ist es, mit jedem zusammen zu sein, auch mit den Fremden, die heute auf unsere Grenzen stoßen.

Kontemplation

„Das Oratorium sei, was sein Name besagt, Haus des Gebets. Nichts anderes werde dort getan oder aufbewahrt“ (RB 52,1). Was wie eine Platzverschwendung sondergleichen klingen könnte, bedeutet bei Benedikt in Wahrheit die Gewährleistung kontemplativer Freiheit im Kloster. Man reserviert einen eigenen Raum, einen kostbaren Raum, den die Gemeinschaft rein funktional gesehen sicher besser für etwas anderes gebrauchen könnte. Und gerade in diesem scheinbar sinnlosesten Raum offenbart sich ein tiefer Sinn – vielleicht, für einen kurzen Moment. Die Assoziation mit dem Gedicht “Ohne warum” von Konstantin Wecker liegt nahe: das Haus des Gebets bei Benedikt ist ein Raum ohne warum. Was hier in der monastischen Praxis räumlich Gestalt annimmt, entlehnt Wecker wie gesagt der mystischen Tradition. Meister Eckhart sieht das menschliche Mühen immer “sunder warumbe”. Weckers poetische Umsetzung, die er auch in der Klosterkapelle einfühlsam vortrug, klingt wie folgt:

Ist es nicht so, dass die Rose erblüht,
sunder warumbe, ohne Warum,
dass sie nicht fragt danach, ob man sie sieht,
sunder warumbe, ohne Warum,

dass sich die Verse von selber erträumen,
sunder warumbe, ohne Warum,
wie sich die Wellen zum Strande hin schäumen,
sunder warumbe, ohne Warum,

ohne Berechnung, vielleicht ohne Sinn,
ohne Verdienst und ohne Gewinn,
wie all die Klänge um uns herum,
sunder warumbe, ohne Warum.

Natur und Poesie greifen in diesem Gedicht ineinander. Beide sind ein Selbstzweck, ein Zweck an sich, der keiner Begründung bedarf, sie nicht einmal verträgt. Bei Wecker entziehen die wirklich wesentlichen Dinge sich der Funktionalität, der Gewinnmaximierung, sogar der Notwendigkeit unbedingt einen expliziten Sinn zu haben. Das kulminiert in der Poesie und der Musik, den Versen und Klängen, die die Menschen näher zum Kern ihrer Existenz bringen. Auch dieser Text hat bei Wecker neben der poetischen auch eine sozialkritische Bedeutung. Seit langem kritisiert er eine ungebremste Marktökonomie, in der nur jener Wert hat, der gut funktioniert. In seinem Gedicht ist das Leben als solches schön und damit von Bedeutung, auch wenn es manchmal keinen Sinn zu machen scheint. Jeder Mensch kann selbstbewusst ein Loblied auf die Ziellosigkeit singen. Und genau das tat Wecker in jenem Moment in der Abtei. Schnell war klar, dass ein poetisches Band mit Psalm 27 bestand, in dem auf den ersten Blick eine andere Perspektive aufleuchtet, nämlich eine göttliche. Der Mensch soll seinem Verlangen folgen, nämlich im “Haus des Herrn” zu wohnen:

„Nur eines erbitte ich vom Herrn,
danach verlangt mich:
Im Haus des Herrn zu wohnen
Alle Tage meines Lebens,
die Freundlichkeit des Herrn zu schauen,
und nachzusinnen in seinem Tempel” (Psalm 27,4).

Zeigt sich hier nicht die kultische Zielstrebigkeit, die dem unbefangenen Moment ohne warum entgegensteht? Man könnte sein liturgisches Engagement mit dem klaren Ziel des Tempels vor Augen doch wieder abmessen. Das ist aber sicher nicht die Vision des Psalm-Dichters. Es geht hier nicht darum, sich einen Platz in der ersten Reihe des Tempels oder Kirche zu sichern. Eher ist gemeint, dass die Liturgie als solche ein sicherer Raum ist, eine Dimension des Lebens, die den Menschen frei und unabhängig macht und ihn von jeder zeremoniellen Ordnung befreit. Freiheit entsteht nicht durch Allmacht, sondern gerade indem man sich im liturgischen Raum von jedem Machtstreben distanziert, alles hinter sich zurücklässt, was kein Selbstzweck, kein heiliges Spiel ist. Das kann zu einer Lebenshaltung werden. Das kontemplative Leben unterliegt keinen Kriterien, es ist einfach vorhanden, jetzt und hier, ohne warum. Für das Haus des Herrn braucht man keine Eintrittskarte, man muss nur da sein, und jede Liturgie hilft einem dabei.

Während der Performance entstand ein von allen geteilter Moment ohne warum, in jenem Halbkreis um das adlerförmige Lesepult. Dieses Symbol steht sowohl für Standhaftigkeit als auch für Beweglichkeit. War diese Stunde eine symbolische Begegnung des Sängers, der das ganze Jahr auf Tournee ist, und den Brüdern und der Schwester, die versuchen Stabilität zu leben? Wer befand sich nun im Haus des Herrn, ohne warum? Erneut klingt dies wie ein Kontrapunkt: der Reisende und die Sesshaften treffen sich. Aber in welchem symbolischen Raum nun genau? Das bereits zitierte Bild des Pilgers kann hier weiterhelfen. Ob man nun Reisender oder stabil lebender Mönch ist, jeder Mensch sucht einen wertfreien Raum. Barde und Mönche symbolisieren jeweils eine Lebensform, die dasselbe anstrebt: zum Kern des Lebens vorzudringen und dort zu verweilen. Dazu gehört ein Geheimnis, das die Menschen ihre eigenen Grenzen übersteigen lässt. In bestimmten Momenten kann man das erfahren. In der Kapelle und auf der Bühne gibt es magische Momente. Dass Wecker in seiner Poesie den Kern des Lebens ohne Warum besingt, passt zu den Mönchen, die gleiches tun, auf der Suche nach Gott. Sie begegnen sich erneut im gemeinsamen Singen, im Suchen des einen Moments auf dem Weg zu Gott, auch wenn sich ihr Gottesbild unterscheidet.

Liturgie

Schauen wir uns noch einmal jene Liturgie in der Klosterkapelle an. Am Ende wurde in der Kapelle, wie eingangs schon erwähnt, gemeinsam ein “Kyrie” gesungen: “Herr, erbarme dich unser”. Wie passen die verschiedenen Kontrapunkte zu diesem einen gemeinsamen Anruf von Künstler und Mönchen? Wie können sie den Herrn gemeinsam etwas fragen, wenn sie etwas gänzlich Unterschiedliches darunter verstehen? Der Adler, das Symbol des im Zentrum stehenden Lesepults, gibt die Antwort: indem sie das Heft aus der Hand geben und sich trauen zu fliegen, getragen vom Wind der Poesie, der Musik und der Spiritualität. Der Adressant der Liturgie war in jener Stunde in der kleinen Kapelle offen. Es gab kein Publikum und kein Warum. Genau dadurch konnte eine mystische Offenheit entstehen, in der sowohl der agnostische Künstler als auch die christlichen Mönche authentisch zu Gott singen konnten. Verschiedene mystische Traditionen nähern sich einander an, da sie dasselbe Geheimnis umkreisen, das auf unterschiedliche Art besungen, letztlich aber nie ganz artikuliert wird. Dann bleibt nur das Singen, und es bietet einen Moment der Fülle, der Weisheit. Eine Passage, die Wecker über einen solchen Moment schrieb, und die er ebenfalls rezitierte, lautet wie folgt:

Wenn du ihn gefunden hast – nie wieder
wirst du fremd dir sein.
Dann bist du dein Gesang.

Man nähert sich dem Kern des Lebens nicht durch ein Patentrezept. Das würde einen nur vom eigenen Innern entfernen. Nur wenn man „sein Gesang ist“, ist von einer Performance des ganzen Lebens die Rede. Der ganze Mensch einschließlich des Körpers bringt dann zum Ausdruck: alle meine ethischen, gesellschaftlichen und kulturellen Prinzipien, Werte und Normen finden ihren Ursprung in diesem einen Moment ohne warum. Auch dazu passt, abschließend, ein Psalm-Vers:

„Ich will dem Herrn singen,
solange ich lebe,
will meinem Gott spielen,
solange ich da bin“ (Psalm 104, 33).

Der Nachmittag in der Abtei war ein Moment, an dem alle “ihr Gesang waren” – durch Gedichte und Psalmen. Darum war es auch mehr als angebracht, am Ende gemeinsam „Herr, erbarme dich unser“ zu singen. Das war keine heimliche Missionierung vonseiten des Klosters und kein Sakrileg durch den agnostisch spirituellen Künstler. Es war Liturgie ohne warum! Konstantin Wecker schrieb zwei Tage nach der Performance an die Abtei St. Willibrord: “Das gemeinsame Gebet, das Singen und die Begegnung, das war ein großer Moment und etwas ganz besonderes für mich. Ich danke euch von Herzen!“ Die Abteigemeinschaft schließt sich dem gerne an. Es war eines der außergewöhnlichsten Konzerte des Jahres für den Künstler und ein denkwürdiger Moment für die Abtei.

Autor
Prof. Dr. Thomas Quartier osb (1972) doziert an den Universitäten Nijmegen (NL) und Löwen (BE). Er ist Mitarbeiter des Titus Brandsma Instituts (NL), und Gastprofessor an der Benediktinischen Universität Sant Anselmo in Rom. Er gehört zur Mönchsgemeinschaft der Abtei St. Willibrord in Doetinchem. Email: T.Quartier@ftr.ru.nl

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