Ludwig Schumann: Hennekens Tiraden

 In FEATURED, Kurzgeschichte/Satire, Politik

Allgemeine Verunsicherung in Deutschland

Die Russen sind eigentlich ein beneidenswertes Volk. Geht es nach dem Volksmund und den Reden mancher Politiker, liegt ihr hauptsächlicher Zeitvertreib darin, zu „kommen“. Schon seit dem ersten Kalten Krieg gärt die Angst davor: Die Russen könnten „kommen“. Die Angst erlebt heute natürlich eine Renaissance. Nach der Annexion der Krim scheint die Wiedereroberung der DDR durch Putin nur noch eine Frage der Zeit. Unser Autor hat den Wirtshausgesprächen unserer Mitbürger hier auf vergnügliche Weise auf’s Maul geschaut. (Ludwig Schumann)

„Was machst du eigentlich mit Deiner Fußhupe, wenn die Russen kommen?“ Henneken beugt sich, gespannt auf Lustmeiers Antwort, über den halben Stammtisch, um kein Wort zu verpassen. „Wie jetzt?“, fragt Lustmeier. „Junge, die Russen stehen vor der Tür, hast du das noch nicht kapiert? Die Nato hat ihnen gerade 18 000 Mann entgegengeschmissen. Die Amerikaner mit mehr als 2000 Autos, die alle durch die BRD gerollt sind. Und durch Polen. Die hat das sogar so beeindruckt, dass sie jetzt eine amerikanische Panzer-Division kaufen wollen. Mit Panzern, mit Soldaten, mit allem. Und uns sollte das auch beeindrucken, weil die Amis gezeigt haben, dass sie jede Menge Fahrzeuge haben, die gen Osten rollen können. Bei der Bundeswehr können sie ja nur die Lkw aus der Garage schieben, die noch einen Motor intus haben. Da kann sich der Russe nicht fürchten.“

Henneken, hat er einmal angefangen, redet sich leicht in Rage. „Wolfgang, bring doch nochmal ne Molle für uns zwei. Das kämpft sich ja heute abend bei dir wie bei Rommel in der Wüste. Durstig kann man nicht siegen.“ Wolfgang winkt ab. „Ich brems den Ausschank bei euch absichtlich“, meint er, „sonst sabbelst du so viel dummes Zeug, Henneken, dass ich hinter dem Zapfhahn besoffen werde.“ „Ja, kaum gibt man einem kleinen Menschen auch nur ein winzig bisschen Macht, schon schlägt er damit um sich. Sinn alle gleich. Wie mein Vater schon sagte: „Die Menschheit insgesamt ist blöde. Erweist sich immer wieder als ein richtiges Wort, will ich mal sagen.“

„Und was is nu mit die Russen?“ Lustmeier ist unruhig geworden. „Iss doch klar, Putin hat sich die Krim geholt. Jetzt will er sich die DDR zurückholen.“ „Un was is daran so verkehrt?“, fragt Lustmeier. „Mensch, Lustmeier, die DDR ist doch jetzt ein Teil der BRD. verstehste? Un die BRD is in der Nato. Dann tritt der Bündnisfall ein. Da müssen die anderen Nato-Staaten Deutschland retten, obwohl das eigentlich keiner will.“ „Un was hat das mit meinem Stoffel zu tun?“ „Na, wenn die Russen kommen, das iss doch ganz klar, dann vergewaltigen die auch deine Lusthupe.“ „Henneken, du spinnst“, erklärt Lustmeier. „Da hast du ausnahmsweise mal recht“, ruft Wolfgang vom Tresen her.

„Was mich ja mal interessieren würde: Der Stoltenberg, ne, der Oberheini von der Nato, wenn der nun die Russen in jedem Mauseloch sieht, wenn der sich unablässig bedroht sieht, ist das jetzt sein Problem oder schafft er das tatsächlich, das zu unserem zu machen? Ich meine, der Stoltenberg, ne, wenn der sein Bedrohungsgefasel abspult, grenzt das doch an Kriegshetze. Kriegshetze ist aber doch strafbar. Gilt das auch für den Nato-Oberheini, dass man den stille kriegt?“ „Wenn aber nun der Russe kommt?“ Lustmeier bringt das Thema wieder auf den Tisch.

Henneken lehnt sich zurück. Ach, denkt Wolfgang am Thresen, gleich doziert er. Und richtig, fängt Henneken zu reden an. „Lustmeier, nu halte mal die Luft an. Dieses ganze Bedrohungsgefasel hat er seinerzeit begründet mit der Skripal-Affäre. Ne, der Vergiftungsgeschichte. Da gibt es bis heute – iss gerade von der Tagesschau bestätigt worden – keinen Beweis für eine russische Beteiligung. Die Briten meinen, es sei ‚plausibel’. Sprich: Wir wissen es nicht, wir halten es aber für möglich. Wir brauchen in unserer ‚Wertegemeinschaft’ keine Beweise mehr, wir haben eine Plausibilitätskurve. Das iss doch n Witz.“

Schweigen. „Un du meinst, der Russe kommt nicht?“ „Ich habe kürzlich ein Interview mit einem Historiker gelesen, der hat gesagt: ‚Seid froh, dass ihr den Putin habt. Der iss berechenbar. Der hält den Laden zusammen. Un vor allem, der iss besonnen. Das fehlt unsern gerade, die dringend ein Feindbild suchen, dass sie ein überzeugendes Argument hat, um Trump bei der Stange zu halten. Da müssen die Russen schon mal herhalten. Un die Panzer-Uschi mit dem Rommelblick iss stolz auf ihren Coup mit dem neuen Nato-Kommandozentrum in Ulm.“ „Naja, schafft ja auch Arbeitsplätze.“

„Lustmeier, bist du blöde? Das schafft uns, wenns wirklich mal soweit ist, die Bombe auf den Hals. Un ihr alle, ich meine dieses deutsche Volk, guckt hin, zuckt mit den Schultern und meint: ‚So schlimm wird es schon nich kommen.’ Anstatt endlich aufzuwachen und auf die Straßen zu gehen. Mensch, Lustmeier, das geht uns ans Leben. Kapierst du das mal? Die sollen endlich den Putin aus der Ecke holen, in die sie ihn über die letzten Jahre gestellt haben. „Wenn der aber uns dann annektiert, also die DDR, macht der da vorher auch so eine Abstimmung wie auf der Krim, die mehrheitlich für ihn endet und deshalb undemokratisch iss?“

„Lustmeier, ich gebs auf.“

Kommentare
  • Volker
    Antworten
    Da hilft nur Verdunkelung, und ab in den Luftschutzbunker. Ne, nicht wegen den Russen, wegen unseren Freunden, die kennen sich mit ausbomben gut aus, hinterliesen uns Tonnen von Bombenmüll, der dazu noch entschärft werden muß, im Jahre Achtzehn nach WK 2 – von lebendigen Steuerzahler*innen sowie Kampfmittelentsorger*innen. Kannst dich ja nicht einmal in einer ausgebombten Sozialwohnung wohlfühlen mehr, weil a) nicht hartz4sicher und b) nicht bombensicher.

    Gibt’s im Putinland Hartz 4? Wenn nicht, packe ich sofort einen Koffer, schiebe mich ab, züchte Tauben für ein friedliches Miteinander ohne Natodraht, wenn auch schon irgendwie aufgerüstet, weils ja ohne – ich haue dir auf die Fresse – gar nich mehrt geht.

    Kleinbonum lebt…

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