Lügner Waldheim und der verfolgte Journalist

 In FEATURED, Politik

Kurt Waldheim, Bildquelle: youtube

Die Kriegsverbrecherlatte wurde nach dem Zweiten Weltkrieg so hoch gelegt, dass Kurt Waldheim locker drunter durchschlüpfen konnte. Ein Blick zurück auf die anstrengende Aufdeckung der NS-Involvierung des ehemaligen »Jetzt-Erst-Recht«-Bundespräsidenten.  Kerstin Kellermann, skug.at

Das nationalsozialistische »Sichern und Säubern im Kampfgebiet« galt nie als Kriegsverbrechen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht. Partisan*innen galten nie als »reguläre Truppen«. Deswegen wurden Ermordungen von Partisan*innen bis heute nie als Kriegsverbrechen eingestuft. Man fragt sich schon, wer solche Einstufungen erstellt und warum die nicht hinterfragt werden. Bis heute.

Der ehemalige ORF-Aufklärungsjournalist Georg Tidl bekam viel Ärger ob seiner Recherchen im Jahre 1986 in Hinsicht auf Waldheims Kriegsvergangenheit. Tidl studierte Militärgeschichte, sonst wäre er bei den ganzen Kompanieangaben und der Heeresgeheimsprache wohl nie durchgestiegen. So aber hatte er es gelernt, die ganzen Abkürzungen zu durchschauen und wie man bestimmten Bataillonen in den Nazi-Unterlagen folgt. Bei seiner Veranstaltung im Republikanischen Klub zeigt sich Tidl noch bis heute leicht gekränkt ob seiner Behandlung. Immer noch suchend und sich rechtfertigend, obwohl er nicht müsste: Seine These war es nie, Waldheim als Kriegsverbrecher zu bezeichnen, sagt er, »wegen der Prozesse gegen echte Kriegsverbrecher, die frei gingen«. Schlimm genug. Kennt man die jugoslawische Forschung zum »slawischen Untermenschen« und die Verfolgung dieses »Typus« durch die Nazis mit daraus resultierenden Millionen Toten, sieht die allgemeine geschichtspolitische Lage noch einmal verschärft aus.

Hoch gelegte Latte


Tidl wollte Waldheim als Bundespräsident verhindern, weil dieser log und dermaßen locker mit seiner Vergangenheit umging. Dabei passierten aber Übertreibungen von allen Seiten, die noch einige Medien anfeuerten und schlussendlich lag »die Latte so hoch, dass Waldheim locker drunter durchschlüpfen konnte«, wie Moderator Fritz Hausjell ausführt. Damals gab es noch nicht viel über die Verbrechen der Wehrmacht, die berühmte Ausstellung kam erst später. Die Biografien über Kurt Waldheim passten nicht zusammen.

Doch Waldheim war 1941 bei den Gefechten in den russischen Prypjat-Sümpfen dabei. »Das war Brutalität pur«, erklärt Tidl. »Vor dem Krieg war Waldheim in Stockerau in der 4. Schwadron des Kavallerieregiments 11. Diese seine 4. Schwadron ist nach Kriegsbeginn in die Aufklärungsabteilung 45 eingegliedert worden. Und diese Einheit kämpfte am 6. August 1941 unter SS-Kommando – in den Prypjat-Sümpfen. Die Reiter waren an der Ostfront wichtig, in den Sümpfen sowieso.« 13.788 erschossene »Plünderer« und 714 Gefangene standen zwei verlorenen Wehrmachtssoldaten gegenüber!

Schon diese Zahlen zeigen das enorme Ungleichgewicht der Macht. »Jemand, der in den Prypjat- Sümpfen dabei war, hat nicht das Recht, zu sagen, er wusste von nichts«, kommentiert Georg Tidl. Auch am Ende des Zweiten Weltkriegs war Waldheim wieder Teil einer Anti-Partisanen-Einheit. Er diente in der Division 438 »zur besonderen Verwendung«. Mit dabei in der Division 438 war ebenfalls die Polizeieinheit SS 13, die am Kärntner Peršmanhof die slowenischen Kinder ermordete! Der Kärntner Wissenschaftler Stuhlpfarrer wies nach, dass die Division 438 einen zentralen Personenanteil zur Partisanenbekämpfung stellte. »Die 438 führte ein besonders brutales Militärgericht, die hängten noch im Mai 1945 auf«, ergänzt Tidl.

Heiße Zeiten

Ein Kameradschaftsbündler brachte Tidl in die Archive der Division 45. Die Identität dieses Helfers veröffentlichte der Aufklärungsjournalist erst 2015 in seinem Waldheim-Buch. Georg Tidl erhielt damals einen Drohanruf, dass er auf der Todesliste der Ustascha stehe, und aus seinem Auto wurden Akten gestohlen. Österreichische STAPOzisten vermuteten hinter dem Diebstahl eine Ustascha-Gruppe bzw. einen alten jugoslawischen Teil-Geheimdienst. Waldheim verfügte über Kontakte »zum Balkan« – doch wie und was genau, ist bis heute nicht geklärt.

Warum die Ustascha? Welches Interesse sollten die bitte an Waldheim haben? An Nichtaufklärung? Waldheim dürfte gegen Ende des Krieges in Kärnten gewesen sein, als die Engländer eine große Gruppe an Ustascha und Tschetniki den Jugoslawen auslieferten. Jörg Haider bezog sich gerne auf diese Menschenübergabe, als »Beweis«, dass die Partisanen doch »genauso schlimm« gewesen wären. In Klagenfurt steht ein »Verschleppten-Mahnmal«. Von der jugoslawischen Öffentlichkeit aus wurde noch vor dem jugoslawischen Krieg kritisiert, dass auf diese Weise auch Kinder und Frauen den Tod fanden bzw. dass die Täter vor Gericht gestellt hätten werden müssen.

Freisprüche und verhinderte Koalitionen

Warum wurden die Traditionen, die Taten und die Ideologie der österreichischen Nazis nach 1945 so wenig bis gar nicht aufgearbeitet? »800.000 NSDAPler standen 60.000 Widerständlern und ihren Nachfahren gegenüber«, rechnet Georg Tidl vor. Dann macht er sich schon wieder klein: »Ich hätte mir den Waldheim sparen können, wenn ich mir die heutige Regierung anschaue«, moniert er. »Archivsperren wurden in Folge aufgehoben, das war wichtig«, kommentiert der Moderator, Fritz Hausjell von der Universität Wien. »Alois Mock wollte damals mit Jörg Haider koalieren und angeblich sagte Mock immer wieder, der Tidl ist schuld, dass wir keine schwarz-blaue Koalition haben«, antwortet Tidl. »Na, da hast ja doch etwas erreicht«, lacht jemand aus dem Publikum im Republikanischen Club – Neues Österreich.

Kurt Waldheim erhielt zwei militärische Orden. Der Generalsekretär der ÖVP, Michael Graf, gab seine Meinung von sich, dass Waldheim kein Kriegsverbrecher sei, »solange er nicht fünf Juden mit eigener Hand erwürgt« hätte. Schrecklich. Wie kann man so etwas sagen bzw. sich überhaupt nur ausdenken?! Es wurde nicht einmal ein Mindestmaß an Nazi-Verurteilung durchgeführt. »Gegen 55 (Anm. österreichische) Beschuldigte wurde wegen Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz ermittelt. (…) Von den 55 Beschuldigten wurden vier vor Gericht gestellt. Im Frühjahr 1972 wurden alle vier freigesprochen«, schreibt Georg Tidl in seinem Buch »Waldheim. Wie es wirklich war. Die Geschichte einer Recherche« (Löcker Verlag 2015). Eigentlich könnte er stolz auf sich sein, auch wenn er durch seine Waldheim-Obsession sicher andere journalistische Möglichkeiten verpasste.

Link: http://www.repclub.at/

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