Man muss es so nennen: Klassenkampf von oben in Griechenland

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

265. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Mehrere Korrekturen stehen heute am Anfang meines Berichts – deutliches Zeichen allerdings dafür, wie gut unsere GriechInnenhilfe funktioniert. Das neue Spendenergebnis hingegen eher mau. Erneut darf man rätseln, warum. Zum Schluss dann weitere Neu-Informationen zur Gesamtlage in Griechenland, und da muss man schon feststellen dürfen: von oben hat der Klassenkampf in Griechenland schon längst begonnen, und offen ist nur noch, wie das am Ende ausgehen wird. Holdger Platta

 

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

jawohl, auch das kann es bei uns geben: Korrekturen an Informationen, die ich Euch im vorangegangenen Bericht mitgeteilt habe. Aber Ihr werdet gleich sehen, es sind Korrekturen, die zu zeigen vermögen, wie reaktionssicher und bestinformiert wir Entscheidungen ändern können, wenn eine neue Sachlage das erfordert. Und zwar deshalb, weil wir dank unserer Griechenlandreisenden und Griechenlandkenner im Hilfsteam schnellstens neue Entscheidungen zu treffen vermögen.

Hiermit zu Korrektur Nummer eins:

Karlheinz Apel mit seiner Frau Uschi – seit etwa einer Woche wieder in Griechenland, und zwar erneut in Kyparissi an der südpeloponnesischen Küste – hatte mir mitgeteilt, dass er seine medizinischen Hilfsmittel im Wert von rund 450,- Euro beim Gesundheitszentrum im Ankunftsort abliefern wolle. Dort nun hat es aber einen Personalwechsel gegeben, der Uschi und Kalle zufolge nicht sicherstellen dürfte, dass diese Hilfsmittel zugunsten der verarmten Patienten verwendet werden. Konsequenz und Mitteilung unserer Griechenlandfahrer mithin: dieses ärztliche Material werden die beiden abliefern beim Kreiskrankenhaus in Neapolis (das ebenfalls seit langem zu unseren Hilfsempfängern zählt).

Und Korrektur Nummer zwei:

Evi und Tassos Chatzatoglou, die 1.700,- Euro von uns für die verarmten Familien in und um Korydallos erbeten hatten, für Geschenkpakete zum griechischen Osterfest am 2. Mai, erfuhren, dass unsere Hilfspartner dort den Betrag dieses Mal von anderer Seite aus gespendet bekamen. Folglich werden diese 1.700,- Euro nun anderen Menschen, die zu unserem Betreutenkreis gehören, zugutekommen. Konkret: da tatsächlich neuer Bedarf wieder ansteht, bekommt Dionysis, der an einer vielfachen Lebensmittelallergie erkrankte Junge, eine weitere Rate von 900,- Euro für seine lebenssichernde Spezialdiät zugeteilt; Alexander S., der verrentete Schauspieler aus Athen, dem immer noch die Auszahlung seiner Rente vorenthalten wird, seit langer Zeit schon, bekommt als weitere Überbrückungshilfe 200,- Euro von uns; und schließlich werden 400,- Euro für verarmte Menschen auf die Insel Andros geschickt.

Verbleiben 200,- Euro, die von unserem Kassenwart Henry Royeck pünktlich an Evi und Tassos Chatzatoglou überwiesen worden waren. Diese 200,- Euro wird Panagiota K. aus Megara mit ihren drei Töchtern erhalten, und zwar in der Gestalt von Lebensmittel-Bons. Denn auch Panagiota, die immer noch auf Arbeitssuche ist – und über die Situation der Erwerbslosen in Griechenland habe ich Euch gerade in den letzten Wochen mehrfach berichtet -, Panagiota benötigt mehr Unterstützung, als dass wir ihr nur ihre Miete bezahlen müssten! Was der griechischen Staatsregierung völlig unbekannt zu sein scheint, wissen wir HelferInnen selbstverständlich nur allzu genau: Menschen müssen nicht nur menschenwürdig wohnen „dürfen“, Menschen müssen, tatsächlich, sich auch ernähren können!

Ergänzend: Uschi und Kalle Apel haben sich in Kyparissi dafür entschieden, aus eigener Tasche auch noch einer weiteren Familie in Not Geld zu spenden, und zwar 500,- Euro. Es handelt sich um eine Frau mit mehreren schulpflichtigen Kindern, deren Ehemann mit bereits 40 Jahren gestorben ist. Um weitere Informationen zu diesem Notfall habe ich Uschi und Kalle bereits gebeten. Natürlich werde ich sie dann weitergeben an Euch.

Während der letzten Woche übrigens sind nicht sonderlich viele Neuspenden hinzugekommen. 85,- Euro, überwiesen von 4 SpenderInnen, gingen bei uns ein. Für einen Monatswechsel, bei dem zumeist zahlreiche Daueraufträge zu Buche schlagen, nicht viel, um so weniger, als in der Vorwoche die Neuspendenhöhe noch 300,- Euro betragen hatte, und dieser Betrag lediglich von 2 Spenderinnen stammte. Wir danken den 4 SpenderInnen aus der letzten Woche trotzdem sehr, hoffen aber auch, dass in der nächsten Zeit das Spendenvolumen sich wieder vergrößern wird.

Abschließend noch einige Informationen zur sozialen und ökonomischen Gesamtsituation in Griechenland jetzt:

• In diesen Tagen demonstrieren gleich mehrere Gewerkschaften in Griechenland gegen die Politik der ultrakonservativen Mitsotakis-Regierung (es handelt sich „eigentlich“ um 1. Mai-Demonstrationen, die aber auf die Tage nach dem griechischen Osterfest am 2. Mai verschoben worden sind). Leider demonstrieren diese Gewerkschaften getrennt, aber – wie ich der vorletzten Ausgabe der „Griechenland Zeitung“ entnahm, zum Teil jedenfalls – mit gleichlautenden Forderungen. Am heutigen Dienstag, den 4. Mai, wird dies die Gewerkschaft der Privatangestellten gewesen sein (GSEE), übermorgen, am Donnerstag, den 6. Mai, dann die ADEDY, die Gewerkschaft öffentlicher Dienste. Protestziel vor allem: die von den „Neudemokraten“ des Herrn Kyriakos Mitsotakis geplante Abschaffung des Achtstundentags, die Abschaffung auch der Fünf-Tage-Arbeitswoche, die Abschaffung nicht zuletzt von Rahmentarifverträgen und die Absicht hingegen, in Griechenland wieder den Zehn-Stunden-Arbeitstag einzuführen. Unterstützt werden diese Proteste am Donnerstag auch von einem landesweiten Generalstreik der Seeleute in Griechenland. Allein diese Planungen der Regierenden signalisieren aufs deutlichste, wohin in diesem Land die Reise geht. Kann da jemand noch Anstoß nehmen an der Feststellung, daß in diesem Mittelmeerstaat der Klassenkampf von oben schon längst im Gange ist?

• Beunruhigend ist zum anderen auch – obwohl das auf dem ersten Blick durchaus positiv erscheinen mag -, dass im Bereich der Verbraucherpreise die Kosten, etwa für Kleider und Schuhe, seit dem März dieses Jahres um 17 Prozent gesunken sind. Dahinter steckt allerdings eine Deflationskrise, die in immer stärkerem Maße ganz Griechenland erfaßt hat und im Klartext bedeutet, daß den Menschen immer mehr Kaufkraft verlorengeht!

• Das ist eine Einschätzung, die sogar Oppositionsführer Alexis Tsipras von der SYRIZA vor vierzehn Tagen der Öffentlichkeit mitgeteilt hat: ihm zufolge droht mittlerweile einem Drittel aller Unternehmen in Griechenland der Bankrott. Und außerdem sei für 70 Prozent aller Privathaushalte in Griechenland während der letzten zwölf Monate das Monatseinkommen um ein Viertel geschrumpft. Heißt: der Verteilungskampf des obersten Bevölkerungsdrittels in Griechenland richtet sich längst nicht mehr nur gegen die Menschen „ganz unten“, gegen Erwerbslose und „Entmietete“, gegen Niedriglöhner und Verelendete schlechthin. Nein, dieser Verteilungskampf hat inzwischen auch die sogenannten „Mittelschichten“ erreicht und bedroht erheblich mehr Menschen auch dort als zu Beginn der Mitsotakis-Zeit. Inzwischen wird in Griechenland Politik betrieben gegen die Mehrheit der Bevölkerung! Nichts Neues für den, der den Kapitalismus wenigstens ein bisschen kennt. Durchaus aber von – relativ – neuer Qualität, was die enorme Verrohung dieser Politik betrifft. Wir von außen können nur hoffen, dass dieses von immer mehr Griechinnen und Griechen durchschaut wird. Erste Anzeichen deuten bereits darauf hin. Die Zuspruchszahlen für die „Nea Dimokratia“, für Mitsotakis, scheinen inzwischen ihren Zenit überschritten zu haben. Offen allerdings ist nach wie vor, wem dann dieser WählerInnenumschwung zugutekommt. Und: ob eine SYRIZA dieses Mal dann ihre Sache besser machen wird!

Mein Fazit jedenfalls ist: noch ist eine Kehrtwende in Griechenland nicht absehbar. Und unserer Hilfe bedürfen die in Not geratenen Griechinnen und Griechen mehr und mehr. Bitte unterstützt uns, im Namen der Menschlichkeit, auch weiterhin dabei!

Deswegen wie immer zum Schluss auch mein Spendenaufruf:

Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE
Inhaber: IHW

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

Comments
  • Volker
    Antworten
    Alles schrecklich, alles Wahnsinn, kaum mehr zu ertragen.

    Würde liebend gerne Erfreuliches lesen, ob über Griechenland oder überhaupt weltweit, weil es langsam eng wird mit dem Nachdenken sowie verkraften der Weltgeschehnisse. Es sei, ich würde mich abgrenzen, wegtauchen und von nichts mehr wissen wollen, was mir allerdings nicht möglich ist – gottseidank. So geht es wohl vielen Menschen, aber meistens duckt man sich lieber weg, als seine Verzweiflung offen auszusprechen, was ich durchaus verstehen kann.

    Wer dazu noch am Existenzminimum hängt, hat’s gleich doppelt beschissen, fühlt sich an wie Wolkenbruch mit Hagel und Überschwemmung. Gut, mein Kommentar passt irgendwie nicht zu Deinem Bericht, lieber Holdger, hab ihn passend hingebogen, aber genauer betrachtet passt er schon dazu.

    Meine Sonderzuzahlung zur Almosengrundsicherung habe ich schon verbraten, wird also nix mit einer kleinen Unterstützung für euch, aber dafür erfüllte ich mir einen Herzenswunsch als zwingende Überlebenstaktik: Harley Benton TE-52 NA Vintage Serie, E-Gitarre mit AMP und Kopfhörer. Geil, hüpfe schon aufgeregt in meiner Wohnung herum, auch wenn ich für den Rest des Jahres völlig Pleite sein werde, da letzte Reserven dazu investiert – was soll’s.

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