Meinungsfreiheit in Ketten

 In FEATURED, Medien, Politik

Ein Interview mit John Pilger über das Potenzial des Journalismus – und seinen Missbrauch durch Machtinteressen. John Pilger ist ein australischer Dokumentarfilmer und Investigativjournalist, der besonders für seine Berichterstattung über den Befreiungskrieg in Bangladesch Anerkennung erfahren hat. Außerdem gilt sein Film „Cambodia Year Zero“ über den Kambodschanischen Krieg als eine der wichtigsten Dokumentationen des 20. Jahrhunderts. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Friedenspreis der United Nations Association. In einem Exklusivinterview mit Eresh Omar Jamal vom Daily Star spricht Pilger unter anderem über den heutigen Zustand des Journalismus und den derzeitigen politischen Wandel im Westen.   John Pilger, Eresh Omar Jamal

„Echte Journalisten handeln als Vertreter der Menschen, nicht der Macht.“

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Eresh Omar Jamal: Sie haben nicht nur über den Befreiungskrieg in Bangladesch berichtet, sondern auch über Kriege in Vietnam, Kambodscha und Nigeria. Welche Rolle können Journalisten und die Medien einnehmen, um Menschen zu helfen, die aufgrund von Kriegen leiden?

John Pilger: Journalisten können den Menschen helfen, indem sie die Wahrheit erzählen — oder so viel von der Wahrheit, wie sie finden können — und indem sie nicht als Vertreter der Regierung, der Macht, sondern als Vertreter von Menschen handeln. Das ist echter Journalismus. Der Rest ist hohl und falsch.

Sie sind nun seit vielen Jahrzehnten als Journalist tätig. Wie hat sich der Journalismus in dieser Zeit Ihrer Meinung nach verändert?

Als ich als Journalist anfing, insbesondere als Auslandskorrespondent, war die Presse in Großbritannien konservativ ausgerichtet und im Besitz mächtiger Akteure des Establishments, so wie jetzt auch. Doch der Unterschied zu heute ist, dass es Raum für unabhängigen Journalismus gab, der von den herkömmlichen Denkweisen der Autoritäten abwich. Dieser Raum ist nun so gut wie verschwunden, und unabhängige Journalisten haben sich ins Internet verlegt oder in einen metaphorischen Untergrund. Bangladesch hat einen traditionsreichen unabhängigen Journalismus; diesen sollte man schützen.

Was sind einige der größten Herausforderungen und Probleme, die zurzeit in diesem Beruf existieren, und was sind aus Ihrer Sicht die besten Lösungen dafür?

Die größte Herausforderung ist eindeutig die Befreiung des Journalismus aus seiner unterwürfigen Rolle als Stenograph großer Macht.

Ihrer Verfassung nach haben die USA die freieste Presse der Welt, doch in der Praxis haben sie eine Presse, die sich den Vorschriften und Täuschungen der Macht unterwirft. Darin liegt der Grund, weshalb die USA tatsächlich die Zustimmung der Medien bei der Invasion des Irak, Libyens und Syriens und Dutzender weiterer Länder erhalten haben.

Sie sind seit vielen Jahren ein großer Unterstützer von Julian Assange und WikiLeaks. Wie passen diese Ihrer Meinung nach in das derzeitige globale Mediengefüge?

WikiLeaks ist möglicherweise die aufregendste Entwicklung des Journalismus, die sich zu meinen Lebzeiten zugetragen hat. Als Investigativjournalist musste ich mich oft auf das mutige, prinzipientreue Handeln von Whistleblowern verlassen. Die Wahrheit über den Vietnamkrieg kam ans Licht, als Daniel Ellsberg die Pentagon-Papiere veröffentlichte. Die Wahrheit über den Irak und Afghanistan und Saudi-Arabien und viele weitere Krisengebiete wurde erzählt, als WikiLeaks die Enthüllungen von Whistleblowern veröffentlichte.

Wenn man bedenkt, dass die Veröffentlichungen auf WikiLeaks zu 100 Prozent authentisch und zutreffend sind, kann man ihren Effekt verstehen, ebenso wie die Wut, die sie unter geheimniskrämerischen einflussreichen Kräften ausgelöst haben. Julian Assange ist nur aus einem einzigen Grund ein politischer Flüchtling in London: WikiLeaks hat die Wahrheit über die größten Verbrechen des 21. Jahrhunderts erzählt. Das wird ihm nicht vergeben, und Journalisten und Menschen überall sollten ihn unterstützen.

Was glauben Sie, warum der Populismus in Amerika und Europa plötzlich auf dem Vormarsch ist?

Populismus ist ein abwertender Medienbegriff. Was wir sehen, ist eine Revolte des Volkes; die Menschen haben genug von der Armut, der Beschneidung ihrer Arbeitnehmerrechte und der Unsicherheit, die ihr Leben zu verschlingen drohen, ausgelöst durch die extreme Wirtschaftspolitik ihrer Regierungen.

Natürlich gibt es noch weitere Gründe, die zu der Entwicklung beitragen, doch im Grunde sehen die normalen Leute im Westen — besonders in den USA, Großbritannien, Frankreich, Griechenland und Italien — ihre wertvollen Errungenschaften schwinden. Das ist der Grund, warum die Gelbwesten in Frankreich so eine breite Unterstützung erfahren. Zudem stellt ein Ansturm von Flüchtlingen aus Ländern, die durch die räuberische Politik des Westens zerstört wurden — wie etwa Libyen oder Syrien —, die Sündenböcke.

Was glauben Sie, warum die liberalen Kräfte in diesen Ländern durch jene ersetzt werden, die als rechtsextrem bezeichnet werden?

Liberale Kräfte sind oft für die Bedingungen verantwortlich, die zum Aufstieg der Rechtsextremen geführt haben. Sie haben die Spaltung ermöglicht. In den USA betrügt die Demokratische Partei seit langem die normalen Leute — die Hillary Clinton als „bedauernswert“ beleidigt hat. Westliche Liberale sind heutzutage oft klassenbesessen, was sie hinter einer Fassade sogenannter Identitätspolitik verbergen. Die normalen Leute beginnen, sich dessen bewusst zu werden — oder zumindest versuchen sie es.

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