Meister der Dankbarkeit ‒ David Steindl-Rast

 In FEATURED, Spiritualität

David Steindl-Rast

„Tag und Nacht wird uns in jedem Augenblick Unzähliges geschenkt. Wir brauchen nur darauf zu achten, und Dankbarkeit wird uns beinahe überwältigen.“ Dankbarkeit als spirituelle Übung erscheint vielen vielleicht als allzu einfach. Der aus Österreich stammende Benediktinermönch David Steindl-Rast entwickelte seine Philosophie jedoch vor dem Hintergrund eines Lebens, das keineswegs immer leicht gewesen ist. Steindl-Rast entfloh aus Hitlers Wehrmacht, war Tellerwäscher, Flüchtlingshelfer und Eremit. Er erlernte die ZEN-Meditation und  respektierte alle Religionen, weil diese nach seiner Auffassung auf das „Eine“ verweisen. Heute ist er ein gefragter Vortragsredner, Autor und spiritueller Lehrer.  Roland Ropers

In seinem Buch „Mystiker unserer Zeit im Porträt“ – erhältlich im Sturm-und-Klang-Snop – beschreibt Roland Ropers 75 spirituelle Persönlichkeiten. Er skizziert ihre Lebensläufe und zitiert zentrale Aussagen aus ihren Werken. Dabei überwindet der Autor nicht nur die Grenzen zwischen den Religionen, indem er z.B. Mystiker mit christlichem, buddhistischem und hinduistischem Hintergrund porträtiert – er beleuchtet auch u.a. den Weg eines Rainer Maria Rilke, Leonard Bernstein, Martin Luther King oder des Physikers Hans-Peter Dürr. Es entsteht der Eindruck, dass Gottberührung überall und auf sehr verschiedenen Wegen geschehen kann.

Tag und Nacht wird uns in jedem Augenblick Unzähliges geschenkt. Wir brauchen nur darauf zu achten, und Dankbarkeit wird uns beinahe überwältigen. Aber achten wir darauf? Seit Jahren schreibe ich täglich in meinen Taschenkalender zumindest eine Sache, für die dankbar zu sein mir vorher noch nie in den Sinn kam. Oft kommen mir vier oder fünf Gründe in den Sinn. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie alt ich werden müsste, um den Vorrat merklich zu vermindern …

Der weltbekannte Benediktinermönch David Steindl-Rast wurde am 12. Juli 1926 in Wien als ältester von drei Söhnen geboren und auf den Namen Franz Kuno getauft.  In seiner Kindheit erlebte er in der Umgebung des Preinertals in den österreichischen Alpen sehr intensiv den Reichtum der wunderschönen Natur. Seine „Löwenmutter“, wie man sie nannte, zog nach der Ehescheidung im Jahr 1933 ihn und seine Brüder Hans und Max allein groß.

Wenn ich von Frauen spreche, die ihre Stärke zurückgewinnen, möchte ich betonen, dass es ihre Stärke ist, denn ich bin überzeugt, dass der eigentliche Begriff der weiblichen Stärke sich unterscheidet von der Stärke der Männer. Weibliche Stärke ist die Stärke, neues Leben und Wachstum zu fördern. Wenn mehr Leute verstehen würden, wie diese Leben spendende Stärke sich von der Macht über andere unterscheidet, würde die Welt ein friedlicherer, gesünderer, auch ein geistig gesünderer Ort sein.

 Die ganze Jugendzeit verbrachte Franz unter den Nazis. Er war zwölf, als Adolf Hitler in Österreich einmarschierte, und 19, als die Besetzung zu Ende war. Als Br. David von Michael Toms in einem Radiointerview gefragt wurde, ob diese Erfahrung seiner Jugend in einem besetzten Land etwas zu tun hätte mit seiner Neigung zu einem kontemplativen oder spirituellen Leben, bejahte er dies und  erklärte:

Weil Hitler wirklich die Kirche verfolgte [] einige unserer Priester und Pfarrer waren im Gefängnis und einige wurden sogar hingerichtet. Wir wussten dies [] und auch, dass wir in einer gewissen Gefahr waren, wenn wir zur Kirche gingen []. Doch diese Gefahr fanden wir als Teenager auch spannend [] es führte uns auch immer tiefer in eine Hingabe an den Glauben und an die Kirche. Mit all den Problemen, die ich heute in der Kirche antreffe, damals in den Vierzigerjahren, da war das wirkliche Leben. Es war das Einzige, worauf man sich verlassen konnte. Ich erinnere mich zum Beispiel, während den Bombardierungen von Wien, als alles in Trümmern lag, das Haus, die Räume, in denen wir wohnten, hatten mit Bretter vernagelte Fenster, weil es kein Gas mehr gab, und die Wände hatten fingerdicke Risse, und es gab keine Züge mehr und keine Straßenbahnen, und am Ende gab es kein Wasser, keine Elektrizität mehr[]. Das Einzige, worauf man sich verlassen konnte, war der Priester, der jeden Tag zur genau gleichen Zeit kommen würde, um die Kommunion zu bringen, und der durch diese zerstörten Häuser ging. Das bedeutete etwas. Und es bedeutet mir immer noch etwas [] bei all den Problemen, die ich mit der Institution habe []. Da zeigte sich die Institution von ihrer besten Seite.

 1944 wurde Bruder David von den Deutschen zum Wehrdienst gezwungen, konnte aber nach einem Jahr entfliehen und lebte bis Kriegsende im Untergrund Er  begann sein Studium an der Akademie der Schönen Künste in Wien und restaurierte im Krieg beschädigte Kunstgegenstände.

Nachdem der Krieg offiziell beendet war, aber noch bevor wieder Normalität in das Leben in Wien eingekehrt war, begann Franz an der tschechischen Grenze, etwa 50 km nördlich von Wien, Flüchtlingen zu helfen. Während eines Besuches bei seinem Onkel Hans erfuhr er, dass Kardinal Theodor Innitzer, Erzbischof von Wien, junge Menschen aufrief, als Freiwillige den Tausenden von Flüchtlingen zu helfen, die in der Gegend von Laa nach Österreich strömten. Das Elend muss grauenvoll gewesen sein. In seinen Erinnerungen an diese Zeit notierte Bruder David:

Wir waren aufs Betteln angewiesen. Auf einer solchen Betteltour konnte ich von Glück reden, wenn ich einige Stücke Brot und ein wenig Milch für meine Mutter bekam []. Langsam ging die Zahl der Menschen im Lager zurück. Es wurde leichter, sich um die Zurückgebliebenen zu kümmern. Ich war natürlich äußerst glücklich, jemanden zu treffen, der mit mir über Musik sprach, der verstand, über die spirituellsten Themen zu sprechen, und der mir vorsichtig und sanft half, mich führte, aufs Neue an das Leben, an das wahre Leben zu glauben.

 Inspiriert durch die schöpferischen Arbeiten von Kindern und Naturvölkern, studierte er Psychologie und Anthropologie mit abschließender Promotion zum Dr. phil. im Jahre 1952.

Unmittelbar nach dem Krieg gingen seine zwei Brüder nach Amerika, und seine Mutter folgte ihnen wenig später.

Auch ich reiste in dieser Zeit zweimal in die Vereinigten Staaten: das erste Mal 1948 zu einem internationalen Kongress in River Forest (Jllinois) als Delegierter der „Jungen christlichen Studenten“. Das zweite Mal, 1950 oder 1951, begleitete ich die Wiener Sängerknaben als Präfekt auf ihrer USA-Tournee. Danach blieb ich noch eine Weile in Palm Beach als Präfekt des „Apollo Boys Choir“, wo ich an Studien für meine Doktorarbeit über den Ausdruck der Stimme arbeiten konnte. Ich lebte jedoch bis zu meiner Promotion 1952 in Wien. Erst dann folgte ich meiner Familie nach New York, zum Teil, weil ich vor meiner monastischen Berufung davonrannte, aber eigentlich  geradewegs in ihre Arme hineinrannte, als ich im Mai 1953 das Kloster Mount Saviour in Elmira besuchte und dort am 20. August desselben Jahres eintrat.

 Im Rahmen seiner weiteren Studien bekam Franz Kuno, der fortan den Mönchsnamen David trug, von 1958 bis 1959 ein Post-Doktoranden-Stipendium an der renommierten Cornell Universität (City of Ithaca, N.Y.) und wurde hier zum ersten katholischen Dozenten, der in der Nachfolge von Paul Tillich und Bischof  J. D. R. Robinson die Thorpe-Dozentur innehatte. Nach zwölf Jahren monastischer Ausbildung sowie philosophischer und theologischer Studien begann Br. David auf Bitten seines Abtes in den 1960er-Jahren an Universitäten und anderen Orten Vorträge über das monastische Leben zu halten. Weiter forderte der Abt ihn auf, den neu entstehenden buddhistisch–christlichen Dialog zu erforschen. Denselben Auftrag erhielt er 1966 auch von der römischen Glaubenskongregation. In dieser Zeit traf Br. David auch den vietnamesischen Buddhisten und ZEN-Meister Thich Nhât Hanh, der inzwischen über neunzig Jahre alt ist, und den legendären Trappistenmönch Thomas Merton.

Vielleicht weniger dramatisch und intellektuell, aber sicher physisch sehr fordernd war seine Teilnahme an zahlreichen ZEN-Retreats. Br. David half auch mit, das ZEN-Mountain-Center in Tassajara Springs in den Hügeln des Carmel Valley (Kalifornien) zu gründen. Nachdem dieser Ort während mehr als hundert Jahren ein Thermalbad gewesen war, wurde er 1966 vom San Francisco ZEN-Center gekauft.

Während einer der ersten Probezeiten in Tassajara in der kalifornischen Wildnis Los Padres war ich Tellerwäscher. Es war die Zeit, wo wir immer noch ausprobierten, wie dieses ZEN Mountain Center praktisch zu führen sei. Die Teller von vielen Studenten mussten draußen an der heißen Quelle von Hand abgewaschen werden und wurden dann in improvisierten Gestellen aufbewahrt. Als ich gebeten wurde, Anweisungen für meinen Nachfolger aufzuschreiben, tat ich dies und fügte hinzu: Bodhidharmas Zeitgenosse, der hl. Benedikt, der Vater des abendländischen Mönchstums, schreibt in seiner Regel, nach der wir leben, dass in einem Kloster Töpfe und Pfannen genauso ehrfürchtig behandelt werden sollen wie die sakralen Altargefäße. Als ich einige Monate später einen Hindu Ashram im Staate New York besuchte, wurde ich gefragt: „Bist du Bruder David der Tellerwäscher? Wir haben dein Zitat aus der Benediktsregel über dem Abwaschbecken in unserer Küche aufgehängt.“ So war also ein kleiner Abschnitt, welcher auf den heiligen Boden hinwies, den wir teilen, in kürzester Zeit quer durch den Kontinent und von Buddhisten zu Hindus gereist.

Über die Jahre hatte Br. David viele ZEN-Lehrer, darunter Hakuun Yasutani Roshi, Soen Nakagawa Roshi, Shunryu Suzuki Roshi und Eido Shimano Roshi. 1968 gehörte Br. David zu den Mitbegründern des Center for Spiritual Studies und 1975 wurde er für die Brücken, welche er zwischen den verschiedenen Religionen gebaut hatte, mit dem Martin-Buber-Preis ausgezeichnet.  Der XIV. Dalai Lama gehört seit vielen Jahren zu seinen engeren Freunden.

Brother David ist auf allen Kontinenten der Erde ein gefragter Redner und spiritueller Lehrer bei Konferenzen, Tagungen und interreligiösen Begegnungen. Viele Jahre lebte er im kalifornischen Big Sur und war für die spirituelle Führung des berühmten ESALEN-Institutes verantwortlich. Brother David spricht in kaum vergleichbarer Schönheit die Sprache des Herzens und erreicht die Menschen auf der tiefsten Ebene ihres Daseins. Seine Publikationen haben Millionen von Menschen in vielen Ländern der Erde erreicht. 1992 wurde er zusammen mit dem 1939 in Wien geborenen Physiker Fritjof Capra mit dem American Book Award für das Buch Belonging to the Universe ausgezeichnet.  Die deutsche Ausgabe Wendezeit im Christentum wurde im Oktober 1991 in Anwesenheit des Benediktinermönchs Bede Griffiths bei dessen Besuch am oberbayerischen Tegernsee erstmalig vorgestellt.

Menschen, die sich als Christen verstehen, setzen heute keine Barriere zwischen katholisch und protestantisch. Wenn man sich aber vorstellt, dass Würdenträger das täten – das passt nicht. Die haben sich durch ihren Beruf den Weg dorthin verstellt. Sie müssen ja ihr Gebiet verteidigen. Ich hingegen habe nichts zu verteidigen. Ich bin ein Mönch.

Im Alter von 71 Jahren verließ Bruder David Big Sur und zog nach Ithaca an die Ostküste der USA, wo er sein bis heute einzigartiges spirituelles Netzwerk der Dankbarkeit (www.gratefulness.org) gründete, das heute täglich Tausende von Menschen in mehr als zweihundert Ländern der Erde erreicht.

In Br. Davids Verständnis der Spiritualität der Dankbarkeit können Echos der Freude herausgehört werden. Dieses Thema läuft wie ein roter Faden durch seine Vorträge, ob er nun bei seinen Reisen durch die fünf Kontinente vor einer kleinen Gruppe oder einer großen Zuhörerschaft spricht. Heiter gibt er von sich allen Menschen, egal ob die Zuhörer hungernde Studenten in Zaire oder von Fakultäten wie der Harvard oder Columbia Universität sind, buddhistische Mönche oder Sufis oder Papago-Indianer oder deutsche Intellektuelle, Besucher von New-Age-Kommunen oder Seekadetten in Annapolis, Missionare auf den Polynesischen Inseln oder Green Berets (Spezialeinheit der US Army) oder Teilnehmer einer internationalen Friedenskonferenz.

Uns verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft. In einem seiner vielen wunderschönen handgeschriebenen Briefe vom Advent 1997 heißt es:

 Er-innern verinnerlicht. Es ist Sammlung auf jene Herzmitte hin, wo das Wirkliche Bestand hat und das Beständige wirkt …

Im Jahr 1999 erschien das Büchlein Meister Ryokan – Alle Dinge sind im Herzen, für das David Steindl-Rast ein einfühlsames Vorwort geschrieben hat:

Er will uns helfen, unser Herz dem unnennbaren Einen zu öffnen, will uns unserem eigenen Herzen treu machen. Auch uns verspricht er mit jedem Bild, mit jeder Zeile Ewigkeit die Ewigkeit eines Herzens, das sich selbst treu bleibt. Zeit mag eine Funktion des Raumes sein; Ewigkeit ist eine Funktion des Herzens.

Der japanische ZEN-Meister Daigu Ryōkan (1758–1831) lebte als buddhistischer Bettelmönch ein einfaches, entbehrungsreiches, aber sehr freies Leben. Schon zu seinen Lebzeiten galt er als außergewöhnlicher Dichter und Kalligraf.

Gute Freunde und hervorragende Lehrer bleib ihnen nah! Reichtum und Macht sind vergängliche Träume. Aber der Duft weiser Worte währt ewig! Der Große Weg führt nirgendwo hin. Und er ist auch kein Ort. Halte daran fest, und du verfehlst ihn um eine Meile. Dies ist Illusion, jenes ist Erleuchtung. Du verstehst es, die Theorien darzulegen von Existenz und Nicht-Existenz. Doch selbst wenn du vom Mittleren Weg redest, kann dich das in die Sackgasse führen. Ich werde einfach meine wunderbaren Erfahrungen für mich behalten. Plappere über Erleuchtung, und deine Worte werden restlos zerpflückt.

 

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Mystiker und Weise unserer Zeit

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Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    Volker
    Antworten
    Spirituelle Netzwerke der Dankbarkeit, klar, der Duft weiser Worte währt ewig.
    Werde Dankbarkeit in Demut wohl noch erlernen müssen, Tag und Nacht.

    Ein Undankbarer seiner Zeit, kein Mystiker, aber weise immerhin genug, Dank und Unterwerfung zu trennen.

  • Avatar
    M. Sobol
    Antworten
    Die Gabe ist nicht jedem gegeben! Respekt und vielleicht auch etwas Dankbarkeit für solche Menschen, empfinde ich. Aber mehr Spuren hinterlassen und Wege aus der Knechtschaft haben für mich Che und Fidel…

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