Mitmenschlichkeit als Mummenschanz

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

95. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Die Gnadenbringende Weihnachtszeit naht, und da schüttet seine Gnaden, der griechische Ministerpräsident, wieder einmal aus seinem Füllhorn Wohltaten über die geplagten Griechinnen und Griechen aus. Von einer Art Weihnachtsgeld ist die Rede und von einer Geldgabe an einen Not leidenden staatlichen Energieerzeuger. Autor Holdger Platta zeigt sich jedoch unbeeindruckt von einer derartigen „Sozialpolitik“. Nicht nur dass das Geld hinten und vorn nicht reicht, um die soziale Lage der Menschen auch nur minimal zu lindern – im Gegenzug soll den Ärmsten auch noch durch horrende Strafen bei Nichtbezahlung von Stromrechnungen Geld aus der (leeren) Tasche gezogen werden. Durch Armenbestrafung aber schafft man Verzweiflung und die Eskalation des Elends. Kein Wunder, dass Holdgers Resümee lautet: Man kann ein Land nicht durch Sozialstaatsvernichtung aus einer Krise „heraussparen“. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

nun ja: dass in der zweiten Monatshälfte die Spenden für unsere GriechInnenhilfe fast immer zurückzugehen pflegen, ist wahrlich keine Neuigkeit mehr. Auch wenn die Ergebnisse für die beiden Vorwochen ausgesprochen gut aussahen – 505,- Euro in der Woche vom 7. bis 14. November, 1.345,50 Euro sogar in den sieben Tagen davor –, durften wir nicht ohne weiteres mit Fortsetzung dieses positiven Trends rechnen. Indes: der Spendenrückgang in der letzten Woche fiel dann doch stärker aus, als wir anzunehmen hofften: lediglich 3 SpenderInnen überwiesen Gelder an uns – um so größer unser herzlicher Dank an sie! Der Gesamtbetrag belief sich auf 60,- Euro. Damit ist keines unserer derzeitigen Hilfsprojekte gefährdet. Der im letzten Bericht erwähnte „Pegelstand“ von rund 6.000,- Euro angesammelter Hilfsgelder wird das sicherstellen, doch ein bißchen Sorgen machen wir uns schon.

Vor allem aber: Wir vom Organisationsteam fragen uns, worin wir, die Aktiven, besser werden müssen. Durchaus selbstkritisch frage ich mich dabei, ob der Titel für den letzten Hilfsbericht falsch gewählt war. „Das Grinsen eines Monsters in einem Horrorfilm“ – vielleicht eine zu abschreckende Überschrift? Vielleicht als zu übertrieben empfunden von unseren SpenderInnen unter Euch? Wir hören nichts dergleichen, aber dürfen wir das Schweigen, das ganz generell die Reaktion auf unsere Berichte ist, als neutrales Zeichen werten, als schweigsames Einverständnis sogar? Unsicherheiten!

Keinesfalls unsicher hingegen ist, dass die Not in Griechenland sich weiter verschärft, dass auch die Syriza-Regierung keine Auswege findet (sucht sie überhaupt noch?), sich der Kaputtmacherpolitik der Euro-Staaten gegenüber Griechenland zu entziehen, geschweige denn, dieser Politik ein überzeugendes Konzept entgegenzusetzen. Griechenland kommt aus dem Schuldenterror nicht heraus. Eine soziale Politik, eine endlich wieder auch wachstumsgenerierende Politik lässt auf sich warten, nach wie vor, und diese Kritik hat vor einigen Tagen sogar der Europäische Rechnungshof – nicht zum erstenmal übrigens – gegenüber der EU-Kommission geäußert. „Schwere Fehler“ hat sie diesem Entscheidergremium vorgeworfen, „deutliche Nachbesserungen bei künftigen Kreditprogrammen“ gefordert, so zum Beispiel nachzulesen in „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ vom 18. November dieses Jahres.

Spezifiziert hat der Europäische Rechnungshof seine Kritik vor allem mit der Forderung, dass die „Spar- und Reformmaßnahmen“ in Griechenland endlich verbunden werden müssten mit einer „wirtschaftlichen Wachstumsstrategie“ für das betroffene Land. Nebenbei: genau jenes also, worum Yanis Varoufakis, der erste Finanzminister der Syriza, während seiner gesamten Amtszeit ab Anfang 2015 gekämpft hatte. Dass man ein Land nicht aus einer Krise durch Sozialstaatsvernichtung „heraussparen“ kann, schon deshalb nicht, weil diese Sozialstaatsvernichtung – durch Kürzen etwa von Gehältern, Löhnen, Renten – gleichzeitig und unvermeidlich auch Kaufkraftvernichtung ist, demzufolge Nachfragevernichtung, die jeden Konjunkturimpuls zum Erliegen bringt: das hätte allen Akteuren von Anfang an klar sein müssen. (Und manchen von ihnen war dies auch von Anfang an klar – freilich nur hinter verschlossenen Türen!) Es müsste nach dem völligen Scheitern dieser Politik zumindest jetzt, Ende des Jahres 2017, allen Beteiligten klar sein. Aber ganz im Gegenteil: die Eurostaaten setzten bis zum Exzess auf „Austerität“, auf die Zwangsverelendung einer ganzen Nation und geben sich dann erstaunt – nach außen hin jedenfalls –, dass Griechenland nicht herauskommt aus seiner Krisensituation.

Die Folge: Griechenland steht – selbst der europäische „Sozialgipfel“ am letzten Freitag kam an dieser Tatsache nicht vorbei – bei der Jugendarbeitslosigkeit nach wie vor an erster Stelle im gesamten Europa (neueste Zahl: 47,3 Prozent). Und selbst der Sozial-Index der Stiftung Bertelsmann kam nicht umhin, festzustellen, dass mittlerweile, was „Armut und Perspektivlosigkeit“ angeht, Griechenland die furchtbare „Führungsposition“ einnimmt beim europäischen Ranking, noch vor Rumänien und Bulgarien zum Beispiel.

Verwundert es von daher, dass vier von zehn GriechInnen befürchten, dass sie ihren Job verlieren könnten – so eine aktuelle Erhebung des Internationalen Personaldienstleisters Randstad Holding mit Sitz in Amsterdam (hier zitiert aus der „Griechenland Zeitung“ vom 15. November des Jahres)? Verwundert es, dass bei der Altersgruppe der 55- bis 67jährigen GriechInnen sogar 51 Prozent um den eigenen Arbeitsplatz bangen, mehr als die Hälfte mithin, und dass selbst von 42 Prozent der 25- bis 34jährigen GriechInnen diese Befürchtung geäußert wird? Griechenland, das ist ein Land in Not und Angst zugleich! Und ich räume gerne ein, dass mir das, was Syriza seinen Bürgern als „Soziale Dividende“ für dieses Weihnachtsfest angekündigt hat, die Ausgabe von 1,4 Milliarden Euro für Geldgeschenke (angeblich) für die Armen und die Ärmsten der Armen im Land, nachgerade lächerlich erscheint. An zwei Beispielen erläutere ich dies:

3,4 Millionen Bürgerinnen und Bürger sollen zu diesem Weihnachtsfest 720 Millionen Euro bekommen, extra sozusagen, als Weihnachtsgeld, wenn man so will. Aber entgeht der griechischen Regierung nicht, dass mit diesen durchschnittlich 212,- Euro pro Person, so erfreulich das als Einzelzahlung ist, kein in Existenznot befindlicher Grieche herausgeholt wird aus seiner Lebenskrise in Permanenz?

Noch „abenteuerlicher“ der zweite Plan der gnadenreichen Regierung in Griechenland: Dem staatlichen Elektrizitätserzeuger DEI soll mit 360 Millionen Euro „unter die Arme gegriffen werden“, so die „Griechenland Zeitung“, „um damit die Mehrkosten für die Versorgung entfernter Regionen und Inseln abzudecken“. Selbstverständlich ist auch eine solche Maßnahme nicht prinzipiell zu kritisieren! Aber wie kläglich nimmt sich dieser Geldbetrag aus gegenüber der Tatsache, dass Not leidende Griechinnen und Griechen mit 2,4 Milliarden Euro bei DEI „in der Kreide stehen“! Und welcher Verschleierung der wahren Verhältnisse leistet dieses Weihnachtsgeschenk an die DEI Vorschub, wenn gleichzeitig die „insolventen“ Stromkunden nunmehr 7,5 Prozent Strafzinsen entrichten sollen auf die Beträge, die sie – aus Not – der DEI bislang schuldig geblieben sind (was einem Gesamtbetrag an Strafzinsen von 180 Millionen Euro entspricht).

Man kann es durchaus so formulieren: Genau die Hälfte dieser „sozialen“ Weihnachtsgabe an den staatlichen Stromkonzern DEI will dieses sozialistische Kabinett den kläglichst verarmten Stromkunden aus der leeren Tasche ziehen! Sieht so eine „soziale Dividende“ aus? Oder trifft nicht eher das Gegenteil zu: hier dividiert man auch noch die letzten Reste des Sozialen weg! Die Mitmenschlichkeit der Regierung erweist sich als Mummenschanz, das Ganze ist Sozialgetöse, sonst nichts, und die Struktur dieser „Sozialhilfe“ wäre vergleichbar damit, dass wir ab sofort Gelder bei den verarmten GriechInnen einsackten, um sie dann irgendwelchen Staatsbetrieben in den Rachen zu stopfen. Ich gestehe an dieser Stelle meine völlige Fassungslosigkeit ein.

Und kann nur versichern: Nein, liebe Freunde, so agieren wir mit unserer GriechInnenhilfe nicht, ganz im Gegenteil! Ihr, die Spenderinnen und Spender, und wir, die Aktiven der GriechInnenhilfe, reichen zum Weihnachtsfest nicht den Klingelbeutel unter den Ärmsten der Armen herum, um das zusammengeschnorrte Geld (inklusive Hosenknopf) dann feierlich dem Pfarrer zu schenken – und der nähme dann in seiner Wohlbeleibtheit die Christengabe als „soziale Dividende“ in Empfang und entließe uns am Ende mit einem Segensspruch, in dem sehr viel von Nächstenliebe die Rede wäre. Nein, liebe Gemeinde, da sei Gott vor! Amen.

Damit, wie immer, zu meinen Schlusshinweisen:
Wer uns bei unserer Hilfe für Menschen in Griechenland unterstützen will, unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“, oder wer auch uns Akteure wieder mal mit Organisationsgeldern helfen will (dann bitte unter dem Stichwort „HDS“), der überweise uns bitte Spendengelder auf das folgende Konto:
Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Und hier nochmal die Kontaktdaten von Peter Latuska, an den Ihr Euch wenden könnt, wenn Ihr Patenschaften übernehmen wollt oder eine Spendenbescheinigung benötigt (für Spendenbeträge bis 200,- Euro genügt fürs Einreichen beim Finanzamt Kopie oder Original Eurer entsprechenden Kontoauszuges):
Peter Latuska
Theodor Heuss Str. 14
37075 Göttingen
Email: latuskalatuska@web.de
Mit herzlichen Grüßen
Euer Holdger Platta

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