Musik gab Kraft in dunkler Zeit

 in Allgemein, Politik (Inland), Roland Rottenfußer
Das Endres-Quartett in jungen Jahren. Josef Rottenfußer: 2. v. links

Das Endres-Quartett in jungen Jahren. Josef Rottenfußer: 2. v. links

Roland Rottenfußer erinnert an seinen unlängst verstorbenen Vater Josef Rottenfußer. Dabei gehen seine Betrachtungen durchaus über den Einzelfall hinaus. Wie macht sich ein Kriegsschicksal des Vaters im „Familiensystem“ bemerkbar? Was trennt die Kriegs- von der Nachkriegsgeneration, und wie ist trotzdem ein Brückenschlag möglich? Welche Schlussfolgerungen kann man aus den Erzählungen von Kriegsteilnehmern für das Verständnis heutiger Politik ziehen? Josef Rottenfußers nur privat veröffentlichte Autobiografie durchzieht jedoch auch ein „lyrisches Motiv“. Sie handelt von einem jungen Mann, dem in der fast unerträglichen Situation der Kriegsgefangenschaft die Musik Kraft gegeben hat. Dieses Vorwort des Sohnes zur selbst publizierten Autobiografie „Ein Musikerleben“ entstand im vorigen Jahr. (Roland Rottenfußer)

Im Juli 1944 wurde der damals 17-jährige Josef Rottenfußer, geboren in Pasing bei München, zum Wehrdienst einberufen. Josef war ein sensibler Mensch und ein ungewöhnlich begabter junger Geiger, eine Art Wunderkind, jüngstes Mitglied des Münchener Opernorchesters. Am 10. März 1945 wurde er an die Ostfront abgestellt, auf der sich die deutschen Truppen schon damals auf dem Rückzug befanden. In seiner Autobiografie „Ein Musikerleben“ beschrieb mein Vater auf erschütternde Weise seine erstes Fronterlebnisse.

Am 2. Mai 1945 geriet Josef Rottenfußer im eingekesselten Berlin am Bahnhof Friedrichstraße in russische Kriegsgefangenschaft. Der Transport in Richtung Gomel (Weißrussland) erfolgte teils durch erbarmungslose Fußmärsche, teils mit Eisenwagenwagons, in denen die Gefangenen wie Vieh gehalten wurden, so dass sich der Boden der Wagons rasch mit Fäkalien bedeckte. Im Lager Gomel wurden sie zu harter körperlicher Arbeit abgestellt.

Im Januar 1947 jedoch erfuhr die Lage meines Vaters eine entscheidende Wende zum Besseren. Er hatte Gelegenheit, im Gefangenenlazarett auf einer Violine zu spielen und gründete eine Lagerkapelle, was ihm „Hafterleichterung“ einbrachte. Diese Wendung des Geschicks rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Er sollte 1949 körperlich gesund in die Heimat zurückkehren, eine Karriere als Geiger im Opernorchester, im „Endres Quartett“ und als Professor an der Hochschule für Musik absolvieren. Er wurde ein Familienvater und ist heute mit 88 Jahren hoch betagt (Stand: Herbst 2015).

Musik hatte für meinen Vater die Funktion, zu trösten und „Liebesschwingungen“ in eine dunkle und grausame Welt zu bringen. Mehr noch ermöglichte die Musik das Vergessen. Wer schon einmal ein Instrument gespielt hat, weiß, dass man nicht gleichzeitig perfekt spielen und denken kann. Umgekehrt ausgedrückt: Wer (aus welchem Grund auch immer) nicht denken will, tut gut daran, zu spielen. Wenn man hier nur das negative Image von „Verdrängung“ im Kopf hat, dann versteht man nicht, wie diese in extremen Fällen der psychischen Selbsterhaltung dienen kann. Die Geige, die meinem Vater das Leben rettete, wirkt im Rückblick wie ein Symbol für jenen unangreifbaren inneren Raum, in dem wir unsere Seele aufbewahren können, wenn sie in äußerster Gefahr ist.

Ich bin froh, dass wir diese schriftliche Autobiografie, die mein Vater 2006 mit fast 80 Jahren zu Papier brachte, jetzt in Händen halten. Es ist nicht selbstverständlich, dass Kriegsbeteiligte überhaupt in so offener, teilweise drastischer Weise über ihre Erlebnisse reden. Was da vor unserem inneren Auge vorbeizieht, ist nicht gerade ein „Feelgood“-Movie. Es geht an die Nieren. Letztlich ist es ein „Film“ mit vielen extrem spannenden Momenten, an denen das Leben der Hauptfigur am seidenen Faden hängt. Ein negativer Ausgang der Geschichte hätte sozusagen die Auslöschung meiner Existenz zur Folge gehabt, denn ich würde ja gar nicht existieren, hätte mein Vater eine der vielen gefährlichen Situationen nicht überlebt.

Was kann uns diese Lebensschilderung noch bringen? Es erweitert den Horizont auf jeden Fall enorm, diesen Botschaften aus einer scheinbar fernen, dunklen Welt zuzuhören. Es gibt sonst kaum Gelegenheit, aus erster Hand zu hören, wie es für die Betreffenden selbst gewesen ist. Man kann die Autobiografie meines Vaters nicht lesen, ohne im äußersten Maß abgestoßen zu sein – nicht nur vor den Menschen verachtenden Taten der Nazis, sondern vor dem Militär insgesamt: vor der Praxis, Menschen zu demütigen, ihren Willen zu brechen, sie in willfährige Werkzeug zum Töten und Sterben zu verwandeln. Und dies ist keineswegs nur eine vage Erinnerung aus ferner, finsterer Vergangenheit. So wenig man die modernen Demokratien mit der Nazizeit vergleichen kann, so ist doch systematische Erniedrigung die Praxis aller Militärausbildungen der Welt geblieben – die Bundeswehr eingeschlossen.

Das Gespenstische an den Schilderungen meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft ist die Tatsache, dass die kapitalistische Menschenverwertungslogik hier auf die Spitze getrieben erscheint. Wir können natürlich mit Recht argumentieren, dass es zumindest in Deutschland niemandem so schlecht geht wie einem Kriegsgefangenen in den 40er-Jahren. Aber es erschreckt doch, dass in den Medien vielfach von einem globalen Comeback der Sklaverei die Rede ist (in Mitteleuropa abgemildert in Form von Arbeitszwang zu Niedriglohnbedingungen). Der Kriegsgefangene als Prototyp des „Working Poor“ ist nicht allein ein Schatten aus ferner Vergangenheit, er erscheint mit Blick auf die Sweatshops in den Ländern des fernen Ostens geradezu als Zukunftsmodell.

All dies sind Schlussfolgerungen, die nicht mein Vater selbst gezogen hat, für die ich aber aufgrund seiner Geschichte erheblich sensibilisiert wurde. Bis heute reagiere ich extrem allergisch auf Missstände, die mit Demütigung und Ausbeutung, mit allem Militärischen, mit dem Brechen des Eigenwillens durch Autoritäten zu tun haben. Interessant ist auch die kritische Perspektive eines Kriegsteilnehmers auf die heute wieder entsetzlich selbstverständlich gewordenen Militarisierung der Außenpolitik.

Ein 51-jähriger Vater und sein 14-jähriger Sohn blicken auf einen vergleichbaren Erfahrungshorizont zurück, sie sind unter ähnlichen Umständen groß geworden, die sich nur in Nuancen unterscheiden. Der Vater wurde unter Willy Brandt groß, der Sohn unter Gerhard Schröder. Der Vater hat noch Beatles-CDs im Schrank, der Sohn Lady Gaga auf seinem iPod. Na und? Ganz anders, wenn der Vater 88 ist, der Sohn 51. Bei ebenfalls „nur“ 37 Jahren Altersunterschied trennen die beiden Welten. Ein Vater mit einem Kriegsschicksal bleibt mit einem Teil seines Wesens immer der große Unbekannte im eigenen Haus. Selbst wenn offene Kommunikation über die Kriegserlebnisse möglich ist (was nicht in jeder Familie der Fall ist), liegt im Erinnerungsdepot des Vaters etwas Dunkles, das hineinragt in die hellere Lebenswelt, die Vater und Sohn jetzt zusammen bewohnen. Eine Schwere und Tiefe, die den Charakter des Sohnes unterschwellig mit prägt.

Wer als Jugendlicher im Krieg und in Kriegsgefangenschaft war, wurde – sofern er überlebt hat – auf die brutalste mögliche Weise „initiiert“, also ins Erwachsenenleben eingeführt. Alle noch weichen, kindlichen Seelenanteile mussten um jeden Preis niedergerungen, und dem Kampf ums nackte Überleben untergeordnet werden. Verglichen mit den Vätern sind wir Söhne ungenügend initiiert, blieben mangels ernsthafter Herausforderungen lange „jugendlich“, unreif. Mit einem harten Schicksal im Hintergrund, hat jemand zwei Möglichkeiten, seinen Nachwuchs zu erziehen. Der ständige Vorwurf, dem Sohn gehe es „zu gut“, ist die eine Variante, das fürsorgliche, mitfühlende Bemühen, dem Sprössling solle es einmal besser gehen, die andere. Mein Vater wählte die zweite Lösung, und es ging mir gut damit.

Vorwürfe, dass mein Vater „unter Hitler“ gedient hat, habe ich in einem bestimmten Alter durchaus erhoben, habe aber bald davon abgelassen. Urteile verstummen immer in dem Maße, wie man beginnt zu verstehen. Sicher ist es ermutigend, z.B. in den Schriften der Widerstandsbewegung „Weißen Rose“ zu lesen, aber die Wenigsten unserer Altersgruppe sind berufen, hier aus einer vermeintlich überlegenen Warte zu urteilen. Eigentlich nur diejenigen, die guten Gewissens sagen können, dass sie bereit wären für ihren Pazifismus ihr Leben zu geben.

Unser behütetes Aufwachsen war überschattet von einer Art Johannisnacht-Melancholie, von der dumpfen Ahnung, die sich manchmal auf dem Höhepunkt der „Party“ einschleicht und die uns zuflüstert, dass wir ganz im Gegensatz zur Vätergeneration das Dunkle eher noch vor uns haben. Wir sind die Generation(en), die Umweltzerstörung, Turbokapitalismus und neue Angriffskriege mehrheitlich in einer Haltung der Duldungsstarre über uns ergehen ließen. Das Urteil der Nachwelt über uns dürfte nicht schmeichelhaft ausfallen. Auch wir selbst sind ja nichts anderes als „zukünftige Ahnen“. Unsere Väter haben Schreckliches durchlebt, in einigen Fällen auch Schreckliches getan, uns Jüngeren aber eine bessere Welt hinterlassen. Bei uns dürfte es umgekehrt sein.

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