Mystik ist transkonfessionell ‒ Willigis Jäger

 In FEATURED, Spiritualität

Willigis Jäger, Bildquelle: Benediktushof, Lizenz Creative Commons

Willigis Jäger ist ein Brückenbauer. Der Benediktinerpater reiste nach Japan und ließ sich zum ZEN-Meister ausbilden. In seinen Schriften deutete er christliche Glaubenssätze vor dem Hintergrund erlebter Mystik. Das wurden den Kirchenoberen zu viel, und der spätere Papst Josef Ratzinger erteilte Jäger im Jahr 2002 ein Redeverbot. Zum Schweigen gebracht hat ihn das nicht. Er wurde zu einem der einflussreichsten spirituellen Sachbuchautoren und Lehrer des deutschsprachigen Raums. Für Willigis Jäger sind die Religionen nur bunte Glasscheiben eines Kirchenfensters, durch die das gleiche, das eine und farblose Licht scheint. Gott ist für ihn nicht der Komponist einer Symphonie, sondern die Symphonie selbst – in der jedes Lebewesen eine Note repräsentiert. Poetisch, warmherzig und aus einem weiten Geist heraus, hatt Willigis Jäger viele Menschen inspiriert.  Roland Ropers

 

In seinem Buch „Mystiker unserer Zeit im Porträt“ – erhältlich im Sturm-und-Klang-Shop – beschreibt Roland Ropers 75 spirituelle Persönlichkeiten. Er skizziert ihre Lebensläufe und zitiert zentrale Aussagen aus ihren Werken. Dabei überwindet der Autor nicht nur die Grenzen zwischen den Religionen, indem er z.B. Mystiker mit christlichem, buddhistischem und hinduistischem Hintergrund porträtiert – er beleuchtet auch u.a. den Weg eines Rainer Maria Rilke, Leonard Bernstein, Martin Luther King oder des Physikers Hans-Peter Dürr. Es entsteht der Eindruck, dass Gottberührung überall und auf sehr verschiedenen Wegen geschehen kann.

Am 7. März 2010 feierte der Benediktinermönch und ZEN-Meister Willigis Jäger seinen 85. Geburtstag. Er gehört zu den kompetentesten spirituellen Meistern unserer Zeit, der trotz aller Vernichtungsversuche der römisch-katholischen Glaubensinstitution „Vatikan“ immer noch lebt und segensreich wirkt. 55 Jahre gehörte er der Ordensgemeinschaft der Benediktinerabtei von Münsterschwarzach an; am 2. Juni 2002, dem Tage seines 50. Priester-jubiläums, bot er seinem damaligen Abt, Dr. Fidelis Ruppert, den Rücktritt an, um seinem Vorgesetzten die Peinlichkeit des Rausschmisses zu ersparen. Folgendermaßen beschreibt er selbst das in der Meditation Erfahrene:

Wir sind Kinder des Kosmos. In der Erfahrung des kosmischen Bewusstseins wissen wir uns mit allem vernetzt und erleben die Zusammengehörigkeit aller Wesen. […] Für viele reicht es aus, dass sie einen personalen Gott haben. Wer glauben kann, wer sich da einfügen kann, in ein Gebäude, das ihm seine Gegenwart, seine Vergangenheit und Zukunft erklärt, der ist eben religiös und hat auch Lebenshilfe. Aber für mich ist das nicht die letzte Erkenntnis. Für mich ist das, was ich Gott nenne, eine Wirklichkeit, die sich vollzieht als das, was ist. Er ist nicht abgehoben. Er ist nicht irgendwo, hat es kreiert und lenkt und leitet. Er vollzieht sich als das, was ist, es ist das Innerste der Evolution. Ich vergleiche das gerne mit einer Sinfonie. Da ist nicht einer, der die Sinfonie komponiert hat und sie sich jetzt vorspielt oder sie dirigiert, sondern er ist die Musik dieser Sinfonie. Er vollzieht sich als diese Sinfonie, und ich bin eine Note dieser Sinfonie, ich klinge, und nicht die Note auf dem Papier ist das Wichtigste, sondern die Musik, die durch diese personale Struktur erklingt. Das ist also etwas ganz anderes als ein personales Gegenüber.

Jäger ist für die vom dogmatischen Lehrgebäude lebenden Kirchenfürsten seit Jahren ein Dorn im Auge. 1991 erschien die erste Auflage von seinem Buch Suche nach dem Sinn des Lebens ‒ Bewusstseinswandel durch den Weg nach innen – inzwischen ein Longseller in mehreren Auflagen. Jäger wurde aufgefordert, dafür zu sorgen, dass keine weitere Auflage dieses Buches auf den Markt kommt; alles „zum Schutz der Gläubigen“, wie das im Jahr 2002 von Kardinal Joseph Ratzinger erteilte Redeverbot aus dem Vatikan betitelt war.

Der personale Gottesbegriff ist für ZEN-Meister und Mystiker Willigis Jäger ein zentrales Hindernis auf dem Weg in den, wie er sagt, transpersonalen und transrationalen Raum. Er unterscheidet explizit zwischen Glaube und Erfahrung. Glaube bedeutet stets: Ich weiß es nicht genau, ich vermute, und obwohl ich nicht weiß, ob es beispielsweise einen persönlichen Gott gibt, glaube ich eben daran.

Unbestreitbar ist aus der spirituellen Erfahrung, dass die Erkenntnis den Glauben übersteigt, aber keinesfalls ersetzt. Der Glaube wird immer integrierender Bestandteil der Erfahrung der absoluten Wirklichkeit bleiben.

Erfahrungswissen bedarf keines Beweises. Es ist ein subjektiver Erkennt-nisakt, der für jeden Einzelnen das Attribut der Wahrheit hat.

Letztlich ist jede mystische Bewegung transkonfessionell. Sie beginnt eigentlich dort, wo die Konfession, das feste Glaubensgehäuse, aufhört. In einer mystischen Erfahrung fallen immer die personalen und rationalen Grenzen, weil die eigentliche Erfahrung in einem anderen Raum liegt, der in uns angelegt ist, der sich aber normalerweise nicht zeigen kann, weil er abgedeckt ist mit einem Vorhang, den wir Personalität nennen, der immer Abgrenzung ist und verhindert, dass wir in die Weite der Erfahrung vorstoßen können. Der Kern der Mystik ist das Überschreiten des engen begrifflichen Denkens zugunsten einer umfassenderen Erfahrung und Erkenntnis, die als Potenz in jedem Menschen vorhanden ist, die wir aber nicht entfaltet haben.

Willigis Jäger gehört in die Reihe der mutigen spirituellen Sucher und Lehrer wie u. a. Jesuitenpater und ZEN-Meister H.M. Enomiya-Lassalle, der Trappistenmönch Thomas Merton, der Benediktinermönch Bede Griffiths. Der Deutsch-Japaner Enomiya-Lassalle, der Pionier der Zen-Meditation für Christen und Brückenbauer zwischen östlicher und westlicher Spiritualität, erhielt aufgrund der Veröffentlichung seines Buches ZEN-Weg zur Erleuchtung (1959) zwei Jahre Rede- und Schreibverbot und wurde von Rom bis zu seinem Lebensende äußerst misstrauisch beobachtet. Thomas Merton musste zwei Äbte überleben, bevor ihm die Erlaubnis erteilt wurde, seine sehnsüchtige Asienreise anzutreten. Bede Griffiths ‒ der Mystiker und Poet ‒ war im entfernten Südindien glücklicherweise weit weg vom direkten Zugriff des vatikanischen Großinquisitors; sein literarisches und spirituelles Erbe wird für die in der Tiefe suchenden Menschen des 21. Jahrhunderts eine große Befreiung bringen.

Willigis Jäger begleitet seine Schüler auf dem Weg nach innen.

Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, unser wahres Wesen zu erfahren. Man kann dieses wahre Wesen göttliches Leben nennen, man kann es Allah oder Brahman nennen, aber das ist unsere eigentliche Identität, und diese Identität zu erfahren, das ist die Sinndeutung für unser Leben. Ob ich etwas sinnvoll nenne, ob ich es absurd nenne, das ist wieder auf der rationalen Ebene. Aber auf der Seinsebene gibt es absurd, richtig, flach, oben, unten nicht. Die Blume ist diese Blume und der Berg ist dieser Berg. Es gibt im Grunde genommen auch keinen Vergleich. Es ist immer der Vollzug dieser Wirklichkeit. Ob ich das als Mensch gut oder böse, richtig oder falsch nenne, hat auf dieser Ebene keine Bedeutung.

Roland R. Ropers:

Mystiker und Weise unserer Zeit

Verlag topos premium

304 Seiten, € 20

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