Nicht vom Geben, sondern vom Behalten werden wir krank

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Bernhard Fricke mit Schafen in der Sonnenarche

Der Satz in der Überschrift ist ein afghanisches Sprichwort. Und Werner Schmidbauer dichtete: „Mia kennan nur no wachsen durchs kleana werdn, kennan reicher werdn nur no durchs gebn.“ Berhard Fricke, Begründer der Umweltinitiative „David gegen Goliath“ erzählt hier von einem konkreten Fall, der aufzeigt, wie Flüchtlingshilfe immer wieder an starren behördlichen Strukturen scheitern. Dem Flüchtling Aladdin, untergebracht in Frickes Domizil „Sonnenarche“, wurde die Arbeitserlaubnis zunächst verweigert, obwohl er eine Stelle gehabt hätte. Allgemeine Bemerkungen des Autors zur Menschlichkeit gegenüber Migranten und zur mangelnden christlichen Feindesliebe im Umgang mit dem Terror schließen sich an. (Bernhard Fricke)

Liebe Davids,

unsere Aktion „Winterhilfe für Flüchtlinge“ war ein voller Erfolg. Wir waren überrascht und gerührt, wie viele Mit-Davids unserem Aufruf gefolgt sind und uns mit der erbetenen Winterkleidung für Flüchtlinge im Chiemgau überhäuft haben. Bei dieser Gelegenheit habe ich aber ein weiteres Mal feststellen müssen, dass die bestehenden administrativen Strukturen in überhaupt keiner Weise geeignet sind, die zu uns geflohenen Menschen zu integrieren, d.h. um jeden Preis das Erlernen der deutschen Sprache zu ermöglichen, um sie so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt einzugliedern und ihnen damit eine sinnstiftende Lebensperspektive zu geben. Alt-Kanzler Schröder hatte Recht, als er seine Nachfolgerin Angela Merkel für ihre Willkommensoffensive lobte, aber kritisierte, dass kein Konzept für eine rasche Integration besteht.

In dem konkreten Fall von dem von uns betreuten Flüchtling Aladdin war es trotz intensivster Bemühungen nicht möglich, kurzfristig eine offizielle Wohnsitzverlagerung und damit behördliche Zuständigkeitsveränderung durchzusetzen, um ihm damit eine schon fest zugesagte Arbeitsaufnahme zu ermöglichen. Ich sehe eine ganz große Gefahr darin, dass aufgrund dieser offenkundigen Mängel die in vielen Fällen unrealistisch große Erwartungshaltung vieler Flüchtlinge in Resignation, Frustration oder gar in Aggression umschlagen kann. „Wir schaffen das“ – ich bin sicher, dass dies möglich sein wird, aber nur, wenn wir wirklich für diese große und schöne Aufgabe die dafür ausreichenden Mittel („Klotzen, nicht Kleckern“) zur Verfügung stellen und andere, an diese absolute Ausnahmesituation angepasste rechtliche und administrative Regeln schaffen werden. Es könnte z.B. ein ganz großartiges Projekt sein, die deutsche Sprache durch völlig neue innovative verpflichtende Lernkurse unter Einsatz von allen virtuellen Hilfsmitteln auch Menschen ohne Schulbildung zu vermitteln. Aladdin absolviert derzeit einen täglich 5-stündigen Sprachkurs und wird seine Arbeit mit 4-monatiger Verspätung im Februar antreten können, weil wir nicht locker gelassen haben.

Provokative Gedanken nach Paris: Feindesliebe, Ausweg aus der Sackgasse?

In der Berg-Predigt, dem Konzentrat der jesuanischen Botschaft, heißt es „Liebet Eure Feinde. Segnet, die Euch fluchen, tut wohl, denen, die euch hassen – denn er lässt die Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten…“ Das ist eine klare Ansage, die geradezu nach Konsequenzen ruft.

Es ist erstaunlich, dass die gut bezahlten Vertreter des amtlichen Christentums in unserer zunehmend mehr von Terrorismus und Gewalt erfüllten Zeit ängstlich in Deckung gegangen sind und kein eindeutiges Bekenntnis zu diesem Gebot ablegen und die Politik auffordern, danach zu handeln. Von keinem Kirchenvertreter ist die Forderung nach der Beachtung des Gebotes der Feindesliebe zu hören gewesen; stattdessen setzt man lieber auf Säbelrasseln und Kriegsgeschrei. 130 Terror-Opfer in Paris haben die westliche, europäische Welt in eine Art Schockstarre versetzt. Der in Umfragen abgestürzte französische Präsident Francois Hollande hat dem Islamistischen Staat (IS) den Krieg erklärt. Damit betreibt er willentlich eine Aufwertung dieser fanatisierten, gewalthungrigen Terrorgruppe, die weder den Islam, noch einen Staat repräsentiert. Er hat in einem sinnlosen Verzweiflungsakt, mit dem er Handlungsfähigkeit demonstrieren wollte, Luftangriffe auf den IS in Syrien angeordnet, die wieder mal in erster Linie unschuldige Zivilisten treffen werden. Aus diesem Leid wird absehbar neuer Hass entstehen.

Das martialische Gehabe soll davon ablenken, dass die Terroristen aus Frankreich und aus Belgien kamen. Es soll davon ablenken, dass stündlich 4000 Kinder verhungern und bei uns die Hälfte der Lebensmittel vernichtet wird, dass die Terroristen überwiegend mit westlichen Waffen kämpfen und von unseren sogenannten Verbündeten Saudi Arabien und Katar finanziert werden. In einer strukturell derart ungerechten Welt wie der unseren, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, kann es keinen Frieden geben. Wir können unsere Feinde nicht alle töten, wir können sie aber alle als Gottes Kinder wie wir zu lieben versuchen. Wenn wir anfangen, mit ihnen unseren Reichtum ehrlich zu teilen, können wir damit der in Armut und Unterentwicklung lebenden, von ständiger staatlicher und nicht-staatlicher Gewalt bedrohten Bevölkerung, vor allem im Irak, Syrien und Afghanistan, eine Perspektive für ein friedliches und selbstbestimmtes Leben geben und sie dadurch nachhaltig verändern.

Viel Mut und Gelassenheit und differenziertes Denken! Wir können die Probleme nicht mit den gleichen Mitteln lösen, die sie verursacht haben.

Herzlicher Gruß

Ihr/Euer Bernhard Fricke

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