Plädoyer für die Nähe zu den Menschen auf beiden Seiten eines furchtbaren Konflikts

 in FEATURED, Friedenspolitik

Aula der Georg-August-Universität, Göttingen, Bildquelle: www.blog-ein.de

Ein Brief unseres HdS-Mitarbeiters Holdger Platta an die Präsidentin der Universität Göttingen – Zum Streit um den Göttinger Friedenspreis 2019. Der Kampf um die Vergabe des Göttinger Friedenspreises an die „Juden für einen gerechten Frieden in Nahost“ geht weiter: Andreas Zumach, Jury-Vorsitzender der Preisverleiher, teilte mir vor einer knappen Stunde mit, dass dieser Preis auf jeden Fall am übernächsten Samstag, den 9. März, verliehen werden soll. Wie vorgesehen mithin. Lediglich der Veranstaltungsort stehe noch nicht fest. Und inzwischen sind auch zahlreiche weitere Solidaritätsbriefe bei der Stiftung eingegangen. So hat der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Professor Micha Brumlik (selbst jüdischer Herkunft) mitgeteilt, dass er es „erstaunlich“ fände, dass sich Oberbürgermeister Georg Köhler (SPD) und Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel von den „demagogischen Einwürfen“ hätten beeindrucken lassen, dass „die Forderung nach einem gerechten Frieden in Nahost als antisemitisch“ zu bezeichnen sei. Konstantin Weckers Mitpreisträger aus dem letzten Jahr, die Redaktion der Zeitschrift „Wissenschaft und Frieden“, teilte der Göttinger Öffentlichkeit mit: „Aus unserer Sicht gibt es keine stichhaltigen Belege für die Antisemitismusvorwürfe gegen die Organisation von Jüdinnen und Juden in Deutschland…“. Und nachfolgend findet Ihr, in vollständiger Fassung, meinen Brief an die Universitätspräsidentin Beisiegel, der am letzten Wochenende rausging (und bislang unbeantwortet geblieben ist). Ich habe dabei – gründend auf meinen Eindrücken von Frau Professorin Beisiegel im letzten Jahr, als ich für Konstantin Wecker den Göttinger Friedenspreis entgegennehmen durfte – ganz auf ihre menschliche Erreichbarkeit gesetzt. Ihre Unabhängigkeit und Klugheit, ihre Mitmenschlichkeit und Sensibilität schienen mir außer Frage zu stehen. Es handelte sich um den Versuch, fernab aller politischen Argumente, die längst schon alle vorgetragen worden sind, den Mitmenschen Beisiegel anzusprechen, nicht nur die Amtsträgerin. Aber lest selbst! Und wer diesen Versuch, Frau Beisiegel doch noch umzustimmen, mitunterstützen will, kann das tun, indem er selber der Universitätspräsidentin aufs freundlichste schreibt, unter der Mailanschrift praesidentin@uni-goettingen.deHoldger Platta

Sehr geehrte Frau Professorin Dr. Beisiegel,

zur Erinnerung vorweg: Sie und ich haben uns im letzten Jahr kurz kennenlernen können, als ich für Konstantin Wecker den Göttinger Friedenspreis entgegennahm. Mein Eindruck war, dass mit Ihnen und uns allen Menschen in der überfüllten Aula versammelt waren, denen sehr viel an einer Beförderung der Friedensprozesse auf diesem Erdball liegt. Um so besorgter war ich – und um so fassungsloser auch –, als ich während der letzten Tage von der Kontroverse erfahren musste, die um die Verleihung des diesjährigen Friedenspreises an die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ entstanden ist. Und bis zur Stunde unbegreiflich ist für mich auch, dass Sie in diesem Jahr die Universitäts-Aula am Göttinger Wilhelmsplatz nicht für diese Friedenpreisverleihung zur Verfügung stellen wollen. Warum nicht?

Ganz bestimmt wird Ihnen wie mir bewusst sein, dass die Begründung, die dazu von der Pressestelle der Göttinger Universität veröffentlicht worden ist, nicht den Tatsachen entspricht. Um sich aus einer Kontroverse herauszuhalten, sei die Universität genötigt gewesen, für dieses Jahr den Ausrichtern des Göttinger Friedenspreises die Universitäts-Aula nicht zur Verfügung zu stellen. Sicherlich werden wir beide nicht darüber streiten müssen, dass sich damit die Universität Göttingen gerade nicht herausgehalten hat aus dem Konflikt, dass sie damit trotz gegenteiliger Absicht Partei ergriffen hat bei diesem Streit, und zwar gegen die Preisträger-Organisation und gegen die Preisverleiher! Die Neutralität steht auf dem Papier,  das wohl, sie existiert aber nicht in der Realität. Was ich gewiss nicht erläutern muss.

Eigentlich bestürzt hat mich aber etwas anderes bei Ihrer Entscheidung, und ich bitte Sie sehr herzlich, jedenfalls „probeweise“ einmal meinen Bedenken folgen zu wollen:

Ihre Entscheidung, sich aus einem Parteienstreit herauszuhalten (mit genau gegenteiliger Wirkung) trifft de facto eine Organisation, die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“, die ihrerseits darum bemüht ist, seit ihrer Gründung im Jahre 2002, einen furchtbaren Parteienstreit überwinden zu helfen, und zwar den Entsetzen und Tod verbreitenden Konflikt zwischen den Israelis – genauer: der israelischen Regierung – und den Palästinensern.

Wie kann man das ungewürdigt lassen bei dem Konflikt, der nunmehr um diese Preisvergabe entstanden ist? Wie kann man dieser jüdische Bewegung, die weit über die eigenen Interessensgrenzen hinauszudenken wagt und das Existenzrecht der Palästinenser  glaubhaft  miteinzubeziehen vermag in ihre Bemühungen um einen Frieden in Nahost, sogar Antisemitismus vorwerfen – und dieses sogar von deutscher Seite aus?

Ihnen wie mir werden die UNO-Resolutionen bekannt sein, die seit dem Jahre 1947 (Resolution 181) das – auch staatliche! – Existenzrecht der Palästinenser als Völkerrecht anerkannt haben.  Als weitere Resolution nenne ich hier nur noch Nr. 242 aus dem Jahre 1967, unmittelbar verabschiedet vom Sicherheitsrat der Weltgemeinschaft nach dem 6-Tage-Krieg einiger arabischer Staaten gegen Israel. Kurz also nochmal: wie kann man Kritik an der friedensverhindernden, an der völkerrechtswidrigen und destruktiven Netanjahu-Politik mit Antisemitismus verwechseln oder gar gleich gleichsetzen wollen?

Sehr geehrte Frau Professorin Dr. Beisiegel, das kann doch unmöglich Ihre Position sein, unmöglich  Ihrer Sensibilität und Klugheit entsprechen, unmöglich  in Übereinstimmung stehen mit Ihrem Wissenschaftsethos, das – jenseits allen Parteienstreits – einzig und allein der Wahrheit verpflichtet ist!?

Bitte missverstehen Sie mich nicht: meine Parteinahme für eine jüdische Organisation, die einen friedlichen Ausweg aus den oft tödlichen Konflikten mit den Palästinensern sucht, bedeutet keineswegs, mich einseitig auf die Seite der Palästinenser zu schlagen oder gar alles gutzuheißen, was von dieser Seite aus während vieler Jahrzehnte den Israelis angetan worden ist.

Meine Antwort ist auch diesen Akteuren gegenüber klar: es darf keine aggressiv-eskalierende Politik geben, auch nicht von dieser, von der anderen Seite aus! Gerade, indem wir diese doppelte Distanz zu einer Unrechts-Politik auf beiden Seiten wahren, bekunden wir unsere Nähe zu den Menschen auf beiden Seiten dieses furchtbaren Konflikts.

Sie wissen es wie ich: von Beginn an lebte der Staat Israel in Angst vor seinen arabischen Nachbarn, und es hat wahrlich Gründe gegeben für diese Angst. Doch die daraus erwachsene aggressive – oft auch präventiv-aggressive – Politik hat aufgrund der darauffolgenden Gegenaggressionen diese Angst objektiv wie subjektiv nur noch verstärkt. Die Angst-Aggressions-Spirale im Nahen Osten ist unverkennbar. Und die Juden und Palästinenser – beides „semitische“ Völker übrigens! –, diese beiden Parteien gleichen eigentlich einem einzigen Heer, das sich selber umbringt. Das bedeutet für mich:

Auf beiden Seiten und von beiden Seiten aus sind furchtbare Wunden geschlagen worden, furchtbare Verluste an Menschenleben zu beklagen. Demütigungen und Kränkungen und Verletzungen und traumatische Erfahrungen sind eingegangen in die Geschichte der Familien auf beiden Seiten dieses entsetzlichen Konflikts. Auf beiden Seiten haben es demzufolge die Verständigungsbereiten und Friedfertigen ungeheuer schwer. Der Schmerz setzt noch dem Friedfertigsten zu. Doch umso mehr gilt deshalb der Satz:

Es geht um Rückkehr zu einer menschenrechtsorientierten und friedensstiftenden Politik auf beiden Seiten der Konfliktparteien. Und die „Stimme der Juden für einen gerechten Frieden in Nahost“ leistet einen zutiefst menschlichen Beitrag dazu. Parteienübergreifend und parteienüberwindend vertritt diese Organisation genau dieses: eine Position der Menschlichkeit über die eigenen nationalen Grenzen hinaus, eine Politik glaubhaft gelebter Empathie! Diese ethische Kraft wäre keines Friedenspreises wert?  Nun, ich meine:

Humanität ist nicht teilbar und keine Lotterie. Die Maßstäbe der Humanität gelten für alle Beteiligte an diesem Konflikt, für die Palästinenser und die Israelis, sie gelten auch für uns, für die Außenstehenden, sie gelten auch für Sie, Frau Professor Dr. Beisiegel, und für mich.

Ich bitte Sie aus all den genannten Gründen sehr herzlich: stellen Sie, wie in all den Jahren davor, auch diesesmal die alte Aula der Universität für die Preisverleihung am 9. März zur Verfügung! Bringen Sie die menschliche Größe auf, Ihre Entscheidung, wie sie von der Pressestelle der Göttinger Universität am 19. Februar verkündet worden ist, zu überprüfen und rückgängig zu machen!

Ich bitte Sie von ganzem Herzen darum.

Mit freundlichen Grüßen

H o l d g e r   P l a t t a

Sudershausen, den 23.02.2019

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