Planet der Schlaffen

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik

Wenn wir uns lebendig fühlen wollen, müssen wir den Kampf gegen die Müdigkeitsgesellschaft aufnehmen. Die Republik wirkt ausgebrannt — körperlich wie geistig. Die meisten Menschen schleppen sich nur noch auf Sparflamme durch ihren Alltag. Reizüberflutung, Multitasking und die immer schneller getakteten Konsumangebote haben uns alle in Verfügbarkeitszombies verwandelt. Diese allgemeine Schlappheit ist aber kein Zufall, sie ist Leitsymptom der Menschenverwertungsmaschine Kapitalismus. Wir müssen endlich den Kampf gegen die Strukturen aufnehmen, die uns auslaugen: durch Entschleunigung, Rückzugsräume und den Mut zur Pause. Roberto J. De Lapuente

Jede Zeit hat ihr progressives Aufgabenfeld. In den Sechzigern ging es um die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit. In den nächsten beiden Jahrzehnten kam es zur Anti-AKW-Bewegung oder man engagierte sich gegen das Waldsterben. Danach wurde es stiller, der Fortschritt schien vollbracht, das Ende der Geschichte verlesen. Es wirkte fast so, als sei da kein Auftrag mehr für einen progressiven Aufbruch auffindbar. Den Gewerkschaften brach in jener Zeit die Klientel weg, die Linken haben seither Schwierigkeiten damit, massenkompatibel anzusprechen: Ein Proletariat gibt es ja nicht mehr. Die Arbeiterklasse ist zerrissen. Zwischen Fach- und Leiharbeitern klafft eine Versorgungslücke, Arbeitnehmer von heute sind eben nicht mehr die klassische Arbeiterklasse von einst.

Die chronische Müdigkeit, in der wir uns gesamtgesellschaftlich zu befinden scheinen, böte jedoch einen Auftrag für den progressiven Elan an. Obgleich sich so gut wie niemand mehr durch 60-Stunden-Wochen über Wasser halten muss, hat man den Eindruck, dass es zwei Ressourcen in rauen Mengen gibt: Die Müdigkeit und die Schlappheit. Sie sind zum Naturgesetz unseres modernen Gemeinwesens geworden.

Stress, Hochfrequenzalltage, Multitasking und die strikte Taktung täglicher Verrichtungen ermüden. Eilmeldungen am laufenden Band, Breaking News, Sensationsmeldungen im Dauerticker stumpfen ab, machen uns mürbe. Die Schlappheit ist das Prinzip der Stunde, die Konstante, die jeden erfasst. Ob nun physisch als Pendler oder eher psychisch als Langzeitarbeitsloser: Gähnen ist die Präambel der Alternativlosigkeit, die man nun seit Jahren predigt. Wer einen Wechsel anstrebt, emanzipative und progressive Politik möchte, eine Abkehr vom TINA-Prinzip — „There is no alternative“ —, der muss als ersten Schritt den Kampf gegen die allseitige Müdigkeit aufnehmen.

1989 — die relaxte Revolution

Es braucht einen wachen Geist, mentale Reserven, um gegen den alternativen Zeitgeist aufzustehen. Mit einem Modewort zeitgenössischer Soziologie gesagt: Resilienz, also die psychische Zähigkeit, auch noch die Kraft aufzubringen, um über die Alternativlosigkeit nachzudenken. Die Schaffung solcher Ressourcen ist die Grundvoraussetzung dafür, einen progressiven Kurs einzuleiten. Immense Zeitblöcke für Arbeit sowie An- und Abreise — nie zuvor pendelten Arbeitnehmer so viel wie heute — stehen kleinen Zeitpolstern für freizeitliche Gestaltungen gegenüber. Menschen, deren Work-Life-Balance darin besteht, diese Umstände in Einklang zu bringen, sind körperlich wie geistig keine „revolutionäre Masse“ in dem Sinne, den Status quo auch nur für einen Moment überdenken zu wollen.

Sie stecken in der Tretmühle fest. Wenn sie gerade mal nicht treten müssen, wollen sie eher nicht mit komplizierten Themen belästigt werden. Das ist nachvollziehbar. Niemand ist grenzenlos belastbar. Körper und Geist, wie es uns das christliche und vormals das platonische Weltbild übermittelte, sind eben nicht voneinander geschieden. Beides bedingt sich. In einem müden Körper denkt es sich nicht gut.

Obgleich die Mehrheit der Bürger sicher ein Gespür dafür hat, dass dieser Lebenswandel Raubbau an der Gesundheit und Beschneidung von Lebensqualität ist, geschieht nichts. „Im Osten war das bei uns damals anders“, sagte mir vor einiger Zeit ein befreundeter Ostdeutscher, „wir gingen zur Arbeit, erfüllten die Quote und dann hatten wir auch mal zwei Stunden Luft und taten nichts.“ Das sei für ihn mit ein Grund gewesen, warum die DDR letztlich gefallen sei. „Wenn wir so tayloristisch geschuftet hätten, um danach auch noch lange Pendelwege in Kauf nehmen zu müssen, die DDR wäre nicht auf diese Weise beendet worden.“

Viele DDR-Bürger kamen demnach relativ ausgeruht nach Hause: Sie hatten also die geistige Aufgewecktheit, um der verordneten ZK-Alternativlosigkeit etwas entgegenzusetzen. Nun kann man das als steile These abtun, aber von der Hand zu weisen ist es wohl nicht: Die DDR-Bürger waren aufgeweckt und nicht Teil einer Müdigkeitsgesellschaft — auch deshalb konnten sie einen Wandel einleiten.

Die Zeitkrise: Der gesellschaftliche Burnout

Glaubt man dem deutsch-koreanischen Philosophen Byung-Chul Han, so ist diese Form der Müdigkeitsgesellschaft, die er in seinem gleichnamigen Werk von 2010 analysierte, ein singuläres Ereignis in der menschlichen Historie. Nie zuvor war eine Gesellschaft so ausgebrannt und zerstreut wie jene transnationale Gesellschaft der westlichen Hemisphäre. Han glaubt in der „totalen Gleichzeitigkeit von allem“ ein maßgebliches Indiz für die Beschleunigung zu erkennen. Wobei er das „Zeitalter der Beschleunigung“ schon für vergangen erachtet — das eigentliche Problem, ja die eigentliche Krankheit, nennt er die „Zeitkrise“.

In der globalisierten Gesellschaft laufen pausenlos und synchron unzählbare Dynamiken gleichzeitig und für jeden sichtbar ab, während der Zeit ein Takt, ein „ordnender Rhythmus“ fehlt. Insofern glaubt Han, dass nicht mehr alleine die beschleunigte Geschwindigkeit unserer Lebensrealität problematisch ist, sondern die Richtungslosigkeit. Die Allgegenwart verursacht, dass Ordnungskoordinaten verschwimmen und „die Erfahrung von Dauer kaum mehr möglich (ist)“. Ein Lebenstakt, der von Ritualen, aber auch Zäsuren geprägt wird, die ja in allen bisherigen Gesellschaftsformen als Struktur eines menschlichen Lebens galten, verschwinden zusehends — was bleibt ist ein episodisches Multitasking.

Han betrachtet das Phänomen wachsender Meldungen eintretender Burnout-Syndrome, bei gleichzeitig eigentlich vereinfachten Lebensbedingungen. Obwohl der Alltag moderner Menschen heute weniger Arbeit bedeutet, für den Abwasch Spülautomaten in einer zudem längeren Freizeitspanne als noch 1950 bereitstehen, scheinen Erschöpfung und Müdigkeit auf dem Vormarsch zu sein. Für Han liegt das an diesem „Zeitalter der Entgrenzung“, weil alles immer gleichzeitig, ständig, immer, überall und immer wieder stattfindet. In der globalen Welt, befeuert durch Medien und Netzwerke, lebt man wie Kaiser Karl V.: in einem Reich, in dem die Sonne nie untergeht.

Ein anderer Aspekt ist laut Han, dass diese Strukturen das Affirmative begünstigen. Nein zu sagen, sich zu entziehen, wird schwieriger. Die Entgrenzung ist letztlich das mentale „No border!“ der liberalen Müdigkeitsgesellschaft.

Der Zeitkritiker glaubt nun, dass die nie ruhende Weltdynamik eine „Gewalt der Positivität“ verursacht, weil es schwer wird zu verneinen. Das Affirmative äußert sich darin, in einer ruhelosen Kultur des Dabei-sein-Wollens zu erschöpfen. Man kann sich immer weniger entziehen, Auswege werden verbaut, zwangsläufig ist man also „mit von der Partie“. Die Folgen daraus seien „Erschöpfung, Ermüdung und Erstickung“.

Sendeschlüsse braucht der Mensch

Nun ist Byung-Chul Hans These sicherlich kein leichter Tobak. Dass man philosophischen Analysen zuweilen skeptisch begegnet, ist nachvollziehbar — viel zu oft verbergen sich dahinter nicht mehr als eloquente Worthülsen. Hinter der Schwerfälligkeit seiner Analyse steckt jedoch ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Thema unserer Zeit. Han ist einer der wenigen Denker, die der Misere unserer Ära auf den Urgrund gehen: Er nimmt sich der allgemeinen Müdigkeit an, die wir alle mehr oder weniger in unserem Alltag, ja auch in uns selbst verspüren. Dieses seltsame Gefühl, in einem Gemeinwesen zu leben, in der die Verschlafenheitslethargie zu einer Art oberster Bürgerpflicht befördert wurde, spürt man in so vielen Lebensbereichen.

Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse sind Anlass zur Sorge, aber so richtig Schwung kommt nicht in die Veränderung. Es werden sich müde Augen gerieben. Zeitkrise, das schnelle, nie ruhende Leben, das keine Brüche, keine Pausen mehr kennt, in der niemand mehr einen Lebenslauf hat, sondern lieber eine diffizil ausgearbeitete Biographie, ein Portfolio und eine reinlich gepflegte Vita, macht schrecklich matt und müde. Das liberale Klima, in dem es zusehends an Sinn und großen Erzählungen mangelt, in der jeder seines eigenen Glückes Egomane sein soll, belastet die Aufgewecktheit eines kritischen Bürgertums außerdem.

Hier gilt es anzusetzen. Der Müdigkeitsgesellschaft den Kampf anzusagen ist das große Thema unserer Zeit. Neue Sinnstiftungsstrukturen zu schaffen, eine Rückbesinnung darauf, dass nicht immer gleichzeitig, immer und überall alles verfügbar ist, ja Entschleunigung eben: Hier schlummert ein zentrales Zukunftsthema, das man ohne Kulturpessimismus und Modernitätsverweigerung anpacken muss.

Denn der Mensch scheint nicht gemacht für Dauerreize, er braucht nicht nur für sich, sondern auch für die Gesellschaft, in der er lebt, gewisse Rückzugsräume. Das ist kein Spießerthema nach dem Motto „Sonntag soll Ruhetag bleiben!“, sondern ein Beitrag zur allgemeinen Gesundheit, zur Stärkung von Ressourcen und Widerstandsfähigkeit. Resilienz eben. Psychologen erklären seit Jahren, dass man seine eigene Resilienz fördern soll, um keinen psychischen Infarkt zu erleiden. Der Mensch benötige eben Sendeschlüsse.

Jetzt käme es darauf an, das zu einem Gesellschaftsprogramm zu gestalten, in dem um kürzere Arbeits- und Pendelzeiten, rigidere Ladenschlusszeiten, vielleicht sogar um den guten alten Sendeschluss im TV und zudem eventuell um eine — utopische — Ladenschlusszeit für soziale Netzwerke gestritten wird. Entschleunigung als Bewegung: Wenn wir mal Zeit dazu finden.

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Dank an den Rubikon, www.rubikon.news, wo dieser Artikel zuvor erschienen ist.

Anzeige von 18 kommentaren
  • Volker
    Antworten
    Neulich sagte ich zu meiner Vermieterin, ich hätte seit Jahren keinen Fernseher mehr, worauf sie antwortete:„Sie glücklicher.“
    Ich besitze kein Handy/Smartphone, wozu auch, habe ein Festnetztelefon und Internet; mehr benötige ich nicht und würde meine Einstellung dazu auch nicht ändern, könnte ich unnütze Dinge finanzieren, die allgemein als erstrebenswert angesehen- sowie als Lebensglück vermarktet werden. Warum auch. Um mich selbst daran zu hindern – oder mich abhalten zu lassen – mich auf das Wesentliche meines vorbeiziehenden Lebens zu konzentrieren, das immerhin endlich ist, und nicht gelebte Zeit verloren geht – für immer.

    Nachdem ich verarmte, wurde Zeit für mich zu einem kostbares Gut, fing an zu malen, halte Momente des Gücks fest in meinen Händen, reiche sie weiter zu durstigen Seele, deren Quelle fast versiegte.

    Mehr bleibt mir nicht, als das zu schützen, was wir alle als lebenswert ansehen.

  • Steffi
    Antworten
    Ich glaube, man müsste bei den Kindern ansetzen. Meditation als Schulfach fände ich z.b. klasse. Es braucht ne neue Gesellschaft mit neuem Bewusstsein. Bei den alten ist nicht mehr so viel zu holen
  • Imago
    Antworten
    Ein sehr guter und auch sehr wichtiger Text, der aber leider – wohl nur selten in die Hände derjenigen gerät, die ihn eigentlich lesen sollten: die Hände der Normalbürger, die sich nahezu stets weiter widerspruchslos hetzen lassen (und zum Teil längst auch schon auch selber hetzen).

    Ein oft ganztägig gehetztes Leben zwischen Arbeit und Freizeit; nein falsch, nicht ein Leben – sondern KEIN LEBEN muß es heißen! Was wirkliche Erholung bedeutet, wissen inzwischen wohl auch nur noch recht wenige Menschen. Einen Fernsehabend halten sie z. B. schon für Erholung! Sind wir womöglich bald soweit, daß uns Menschen nur noch ein massenweiser Burnout retten kann?

    Schon lange gibt es warnende Stimmen, sowohl in den betroffenen Menschen selbst, wie auch in der Außenwelt. Wann werden sie alle endlich gehört?

    Das Problem scheint mir nicht nur die zunehmende Hektik und Ausgebranntheit zu sein, sondern oft auch mangelndes Verstehen des gesamten Problemkreislaufs.

    • Volker
      Antworten
      Eh, echt nun … „Normalbürger??“ Doppeltes Fragezeichen in An- und Abführung setze. Soso, mangelndes Verstehen eines Problemkreislaufs, weil Normalbürger eh nix versteht und nicht lesen kann ++glucks++.

      Es grüßt Volker der Normalbürgerliche 08/15

      • Imago
        Antworten
        @ Volker: Ja, ich „wage“ es sogar nach wie vor zu behaupten, daß der sogenannte „Normalbürger“ (meinen mittlerweile unzähligen Beobachtungen nach) den gesamten Problemkreislauf zumeist nicht versteht. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß er zu dumm ist, ich mich über ihn stelle und ihn so herabwürdige, sondern weist nur darauf hin, daß er – kaum je dazu angeregt darüber genauer nachzudenken – die Sachlage daher auch meist ziemlich falsch einschätzt.

        Was Du da oben schreibst, nenne ich absichtliches Mißverstehen bzw. Entstellen, sowie auch in den Dreck ziehen dessen, was ich oben gesagt habe; magst Du das nun ganz bewußt tun oder aber eher unbewußt. – Und – es ist auch längst nicht das erste Mal, daß ich das bei Dir erlebe!

        Wie Du schon längst wissen kannst, bin auch ich Hartz4-Empfänger und in den Augen Vieler somit genauso wie Du – „ganz unten“ und weiß daher genau, wie kränkend das immer wieder sein kann. Das Leben in diesem zähen Sumpf kann man entweder auch dann noch mit Würde ertragen, oder beginnen, dann auch Andere noch mit herabwürdigendem Dreck zu bewerfen, doch im Gegensatz zu mir, scheinst Du Dich von Zeit zu Zeit jedoch offenbar immer wieder für die zweite Variante zu entscheiden. Das ist jedoch für niemanden hilfreich, sondern einfach nur äußerst ekelhaft, ätzend und – menschenunwürdig! 

         

         

    • Piranha
      Antworten
      Hallo imago,

      definiere doch bitte mal „Normalbürger“ und im Abgleich den „Un-normalbürger“

      Das könnte vielleicht zu einer Diskussion führen, statt zu Beschimpfungen.

  • Volker
    Antworten
    @Imago, ich werde demnächst eine Verstehanleitung zu meinen Kommentaren anhängen, mit prophylaktischer Entschuldigung versehen, für den Fall subjektiv- empfundener Fehlinterpretations-Reaktionen.

    Dachte, du würdest – mit einem Augenzwinkern – meinen ekelhaft-ätzenden Einwand bezüglich der Bezeichnung Normalbürger verstehen, sicherlich berechtigt, zumal ich mich selbst, humorvoll, als normalbürgerlich 08/15 verabschiedete.

    • Imago
      Antworten
      @Imago: Deine sarkastischen Anmerkungen wie gerade oben solltest Du Dir endlich mal etwas abgewöhnen! – Und im Übrigen: Für mich ist die Art von „Humor“ die Du von Zeit zu Zeit immer wieder an den Tag legst – äußerst grenzwertig (und dabei habe ich ansonsten sogar sehr sehr viel Humor; allerdings ganz bewußt keinen, der sich über Andere lustig macht).
      • Imago
        Antworten
        Falsch geantwortet; mein Text (die Anrede) muß natürlich lauten:

        @Volker: Deine sarkastischen Anmerkungen wie gerade oben solltest Du Dir endlich mal etwas abgewöhnen! – Und im Übrigen: Für mich ist die Art von „Humor“ die Du von Zeit zu Zeit immer wieder an den Tag legst – äußerst grenzwertig (und dabei habe ich ansonsten sogar sehr sehr viel Humor; allerdings ganz bewußt keinen, der sich über Andere lustig macht).
         
        Ihr Kommentar wartet auf Moderation.
         

  • heike
    Antworten
    Imago hat recht – der Normalbürger versteht viele Zusammenhänge tatsächlich nicht – weil er sie erstens nicht verstehen soll und zweitens leider oft auch nicht verstehen will.

    Beispiel Tagesschau von heute:

    Lehrstück: Wie bereite ich langfristig die Intervention des Westens im Iran vor? Zuerst eine kurze Zusammenfassung der Geschichte des Landes, dann das Zeigen einer Militärparade (der Zuschauer denkt sich: mann, sind die aber militaristisch eingestellt), zum Schluss die Bilder von verarmten Menschen auf der Straße – ist doch klar, dass der Westen dort endlich mal Wohlstand hinbringen muss und sich selbst vor dieser Kriegsmacht schützen… Das alte Schema – weil es immer wieder so gut wirkt.

    (Ich habe ein Buch einer jungen Engländerin, die das Land bereist hat, gelesen und hatte dort einen völlig anderen Eindruck von den Zuständen als sie in den kurzen Zusammenschnitten der Tagesschau vermittelt wurden.)

    Im Anschluss daran das bekannte Bild von dem fliehenden nackten Mädchen aus dem Vietnamkrieg, Betroffenheit darüber, ich glaube ein kurzer Bericht über eine Ausstellungseröffnung dazu.

    Über die vielen Toten im aktuellen Krieg in Jemen, der auch mit deutschem Kriegsgerät geführt wird, erfährt man in der Tagesschau kein Wort.

    Ich habe da auch noch nie eine Zusammenstellung über Kriegsbeteiligungen von Deutschland und daraus folgenden Toten gesehen.

    Das alles wird ausgeblendet und erfährt somit beim Normalbürger auch keine Präsenz in der Wahrnehmung. Leider.

    Trotzdem denke ich mir immer, dass es mit einer AfD-Regierung noch viel schlimmer kommen könnte.

    Aber ich weiß auch, dass andererseits viele Menschen  an mehr Informationen und Hintergrundwissen interessiert sind und sehr viele ebenfalls diese ständigen Einmischungen des Westens in andere Länder Scheiße finden (wahrscheinlich wird auch deshalb nichts in der Tagesschau darüber gebracht).

     

  • heike
    Antworten

    Ende Januar (31.01.) wurde auf diesen Seiten ein Interview mit Mohssen Massarrat über die Hintergründe der Destabilisierung des Irans durch eine Allianz aus den USA, Saudi-Arabien und Israel veröffentlicht.

    Das, im Zusammenhang mit der Tagesschau-Berichterstattung und gelegentlichen Berichten in der BILD-Zeitung, entblößt die Strategie der Medien, das Unterbewusstsein der Bevölkerung für einen erneuten Interventionskrieg im Nahen Osten bereit zu machen.

    Und es wirkt, leider. (Mittlerweile gibt es ja schon Studiengänge, in denen den Leuten beigebracht wird, wie man Vorhaben massentauglich verpackt. Zum Beispiel beobachte ich auch in der Freien Presse, dass man sich lange Zeit um die klare Benennung des Klimawandels herumgedrückt hat und auch immer noch drückt….

    Warum? Will man es sich mit der AfD nicht verderben? Um Sachsen macht der Klimawandel einen Bogen, weil : es schneit ja gerade?

  • heike
    Antworten
    Volkers Sarkasmus soll sich wahrscheinlich tatsächlich nicht gegen seine gelegentlichen Auslöser richten, sondern ist Ausdruck einer tiefgehenden Resignation.
  • heike
    Antworten
    Ich will damit Volker nicht beleidigen, weil die Umstände, die zu seiner Resignation geführt haben, nicht sein Verschulden sind (sondern auf dem Mist anderer gewachsen).

    Sarkasmus ist immer noch nicht aufgegebener Widerstand.

    Leider richtet er sich hier gegen die Falschen, nämlich gegen Menschen, die ebenfalls helfen wollen und helfen.

    Resignation wird in unserer Gesellschaft immer mit Schwäche gleichgesetzt. Das ist ein Fehler – der allerdings dabei hilft, das System der Ausbeutung weiter und weiter fortzuführen.

    Mir geht das oft auch so – gerade dann, wenn ein Lichtstrahl in mein Leben fällt, bemerke ich wieder die schmerzhaften Wunden in mir, was dann ein Unterlegenheitsgefühl in mir hervorruft.

  • heike
    Antworten
    Noch ein Nachtrag zur von mir erwähnten gestrigen Taesschau.

    Das „Napalm-Mädchen“ Kim Phuc Phan Thi, welches auf dem Bild zu sehen ist (und noch immer an den Folgen der ihr zugefügten Verbrennungen tragen muss) wurde mit dem Dresdner Friedenspreis, überreicht von Prinz Edward, Herzog von Kent.

    Natürlich ist es gut und richtig, wenn sich eine Gesellschaft öffentlich gegen Krieg ausspricht. Aber es gehört eben auch dazu, über die aktuellen Kriege und ihre Kriegstreiber zu berichten und vor allem, diese Kriege nicht mitzutragen.

    Sind wir, unser Land, wirklich so abhängig vom Wohlwollen amerikanischer Rüstungsindustrieller, dass wir, d.h. unsere Regierung sich nicht öffentlich gegen diese stellen kann? Würde dann Deutschland auch mit einem Wirtschaftsboykott belegt – und würde uns das etwas ausmachen?

    Helmut Preißler, ein Schriftsteller der DDR, bereiste Vietnam nach Beendigung des Krieges und beschrieb seine Eindrücke in dem Gedichtband „Lotoskerne“.

    Eines der Gedichte daraus:

     

    Vom Essen

     

    Wisst ihr, wieso

    die Vietnamesen

    so zierlich und klein sind?

    Sie essen nicht

    wie Erwachsene, sondern

    naschen wie Kinder.

     

    Da stehn viele Schüsseln

    auf einem Tisch:

    Mit Gemüse und Reis,

    Salaten und Früchten,

    mit Fisch und mit Fleisch

    und mit mancherlei Speisen,

    die wir nicht kennen –

    zerschnitten alles

    in Streifen und Häppchen,

    schön mundgerecht –

     

    und am Tisch sitzen viele

    – die Familien sind groß! –

    und jeder hat vor sich

    eine kleine Schüssel,

    einen Porzellanlöffel

    und seine zwei Stäbchen –

    mit denen greift er

    bald hierhin, bald dorthin,

    fischt aus den Schüsseln,

    was ihm grad schmeckt.

     

    Das geht freilich nicht

    mit Kotletts und mit Kalbshaxen.

    Für Eisbein und Schnitzel

    braucht´s Messer und Gabel

    und ernsthafte Esser,

    gewichtig und groß.

     

    Doch wer nicht so ernsthaft,

    gewichtig und groß ist,

    wem gar solch unernstes

    Essen gefällt,

    ist gern gesehen

    am Tisch meiner Freunde,

    denn wer nascht wie die Kinder,

    ist fröhlich beim Essen.

    • Piranha
      Antworten
      IM Anton – soso

      Was meine Großmutter zu solcherart „Gedichten“ gesagt hätte, will ich hier lieber nicht wiederholen, denn wenn auch in Reimform abgegeben, besonders nett wäre es nicht ausgefallen.

       

      Da ist es wesentlich netter, Peter Rudl, einen dt. Aphoristiker zu zitieren

      Schizoidie: Scheinheiligkeit ex katexochen. Unfähigkeit Schuld zu empfinden. Hat bereits unzählige Päpste, Diktatoren, Manager, Arschlöcher und Pseudokünstler hervorgebracht.

       

  • Volker
    Antworten
    @Imago, endlich mal abgewöhnen … was bitteschön? … und, was wären die Folgen, wenn nicht? … Schwarze Pädagogik, Höllenfeuer, Verdammnis gar?

    Dass Du mich mit @Imago anredest, nennt man allgemein Freudscher Versprecher/Fehlleistung ++ glucks ++, hoffe auf  Deinen Humor angebrachter Selbsterkenntnis – wäre wohl nötig.

     

    • Imago
      Antworten
      @ Volker: Du möchtest Deine ätzenden Statements also weiterhin in überheblich-zynischem „Humor“ verpackt verkaufen? – Da tut sich dann freilich ein weiterer klaffender Unterschied zwischen uns auf, denn Du scheinst mich offenbar noch immer für ziemlich dumm zu halten, ich hingegen hielt Dich – (zumindest bislang) eigentlich – für deutlich gescheiter! – So kann man sich irren.

      (Dies ist für mich übrigens das Ende unserer „netten kleinen Unterhaltung“ hier; aber wenn Du magst, kannst Du gerne auch noch weiter ins Blaue hinein Deinen offenbar „ganz speziellen Humor“ und Deine Unterstellungen von „freudscher Fehlleistung, schwarzer Pädagogik, Höllenfeuer und Verdammnis“ verbreiten.)

  • Volker
    Antworten
    @Imago, The End. Danke.

    Zur Aufheiterung Willy Michel >> klick hier <<

    🙂

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