Regierungstreue Spalter

 in FEATURED, Politik (Inland), Wirtschaft

Ein Musiker und Schauspieler wirft der Gewerkschaft Verdi vor, die Hand, die sie füttert, nicht beißen zu wollen. Er erklärt seinen Austritt aus der Organisation, weil Verdi sich an der pauschalen Diffamierung der Corona-Protestbewegung beteiligt hat und die Realität auf unerträgliche Weise verleugnete. Ein Abschiedsbrief. Nadim Helow

 

Hallo liebe Tarifkommissionen und Kollegen,

ich bin es, Nadim, langjähriger Mitstreiter einer Tarifkommission, Musiker, Schauspieler, künstlerischer Leiter eines Berliner Theaters;

Ich bin aus der Verdi ausgetreten.

Ich trete vor allem aus Gründen aus, die mit der Rolle der Verdi in der Pandemiepolitik zu tun haben. Meine Enttäuschung, dass diese Gewerkschaft den Widerstand auf den Straßen als inhärent rechtsradikal, nationalsozialistisch, verschwörerisch und gewalttätig verleumdet, ist sehr groß. Hier z.B. ein Aufruf der Verdi, den ich falsch finde.

Was ist mit der Arbeiterschaft los?

Seit dem Bestehen dieses Staates hat es noch nie solche Eingriffe in ihre Grundrechte gegeben. Grundrechte sind Abwehrrechte des Bürgers gegen Übergriffe des Staates, und wenngleich eine Abwägung dieser Werte stattfinden muss, bin ich der Meinung, dass die Verhältnismäßigkeit völlig außer Kontrolle geraten ist. Das Motiv, die Prävention von Krankheit, ist fadenscheinig. Nach dieser Logik könnte man in Zukunft immer zu laxe staatlichen Regeln und Verordnungen dafür verantwortlich machen, weil sich jemand infiziert hat.

Das Ergebnis sehen wir ja: Freiheiten bleiben auf der Strecke, die gesellschaftliche Spaltung geht durch alle Familien und Freundeskreise, und das Leben der Gesunden wird quasi angehalten. Von den Ungeimpften ganz zu Schweigen. Dass die Gesunden davon psychisch krank werden, ist eine schreckliche Ironie, die kaum jemanden mehr auffällt. Nach eineinhalb Jahren stehen genügend Informationen zur Verfügung, so dass die ausgebliebene Katastrophe an Krankenhäusern auch nicht mehr mit dem Präventionsdilemma zu erklären ist. Es ist eine doppelte politische Katastrophe, dass dies nach der Wahl nicht aufgearbeitet wird.

Damit jetzt keiner Luftnot bekommt: Es ist das natürlichste der Welt, dass Menschen sich vor Krankheit schützen wollen. Aber wie alles im Leben, muss es verhältnismäßig sein. Es ist genauso natürlich, dass ein Staat und Politiker immer nach mehr Macht streben. Aber die Macht muss unbedingt verhältnismäßig verteilt sein.

Ich war auf vielen Demonstrationen, unter anderem auch, weil ich mit eigenen Augen sehen wollte, was sich dort abspielt. Meine Erlebnisse hatten nichts mit dem medialen Zerrbild zu tun. Ich habe meist einen ziemlich bunten Querschnitt der deutschen Gesellschaft dort gesehen, viele bodenständige, einfache Menschen und Familien. Aber auch Ärzte und Anwälte, Krankenpfleger, Künstler und Lehrer. Ich würde sagen, am Anfang waren die meisten eher unpolitisch und selten Aktivisten. Es waren Menschen, die das Narrativ hinterfragten und von den Maßnahmen hart betroffen waren. Sicherlich sah ich in diesem Querschnitt auch solche, mit denen ich sonst nicht auf die Straße gegangen wäre: AFD-Anhänger. Oder gar völkische Nationalisten und Reichsbürger. Letztere waren allerdings, wie vorher auch in der deutschen Gesellschaft, marginale Randerscheinungen. Die Frage nach politischer Abgrenzung von diesen Gruppen wurde auf der Straße viel diskutiert.

Kurz: Mir war klar, dass man die gesamte Protestbewegung nicht pauschal diffamieren kann, nur weil dort auch politische Bewegungen Anschluss suchen, die man ablehnt. Als Demokrat schon gar nicht. Doch die Verdi beteiligt sich aktiv an der regierungstreuen Verleumdungskampagne, indem sie alles über einen Kamm schert: alles Nazis. So hat sie sich aus meiner Sicht an der Spaltung der Gesellschaft beteiligt und gefährdet damit die Demokratie.

Ich möchte aus einem Artikel eines ehemaligen SPD-Politikers (Albrecht Müller) zitieren, weil es genau meine Sicht der Dinge widerspiegelt. Er schreibt:

„Ich bin Mitglied der Verdi geworden, weil ich das kollektive Handeln von lohnabhängigen Menschen für wesentlich halte. Allerdings erwarte ich von den hauptamtlichen Gewerkschaftern, dass sie erkennen, wer ihre Verbündeten sind und wer ihre politischen und wirtschaftlichen Gegner sind. Vom Berliner Landesgeschäftsführer kann man das nicht sagen, und wenn das, was er in seinem Interview vom 21. April 2021 (Telepolis) zum Besten gegeben hat, Gemeingut von Verdi werden sollte, dann lohnt sich die Unterstützung und Mitgliedschaft nicht mehr.“

Das Zitat ist aus einem Artikel, in dem er Stellung zu den Aussagen von Jörg Reichel, den DJU-Landesgeschäftsführer der Verdi Berlins, nimmt.

Jörg Reichel war vor einiger Zeit als Gegendemonstrant auf einer regierungskritischen Demo und wurde körperlich angegriffen. Natürlich ist ein körperlicher Angriff nichts, was man entschulden kann. Aber ich bin nicht bereit, mich von jemandem vertreten zu lassen, der so einen politischen Unsinn verbreitet.

Diese Pandemie ist eine Herausforderung für uns alle, jeder hat Opfer gebracht. Und nicht nur Opfer auf Grund von Covid-19. Es gibt noch Millionen anderer Opfer der Maßnahmen. Verantwortlich dafür ist in meinen Augen eine Politik, die aufgrund ihrer selbstverschuldeten Machtlosigkeit gegenüber den multinationalen Konzernen keine Möglichkeit mehr hat, als deren Spiel irgendwie mitzuspielen. Deswegen will ich nicht Teil einer Organisation sein, die das nicht begreift und wenigstens zur Sprache bringt. Es ist wahrscheinlich noch viel schlimmer: Die Verdi, wie so viele andere Gewerkschaften, zeigten in der Pandemie, dass sie die Hand, die sie füttert, niemals schlagen wird.

Ich wünsche Euch in Bezug auf die Forderungen und den evtl. anstehenden Arbeitskampf dennoch Erfolg.

Nadim Helow

 

P.S. Das tägliche Mantra, „die Wissenschaft“ sei bzgl. der Gefahr durch Corona und der Wirksamkeit der Maßnahmen eindeutig, wird durch tausendfache Wiederholung auch nicht richtiger und zeugt nach eineinhalb Jahren von einer Schulbuchnaivität, die ich nicht mehr ertragen kann.

P.P.S. Ich wünsche Euch ganz persönlich alles Gute. Bitte nehmt meine Meinung nicht als persönliche Abrechnung mit irgendjemandem. Es war immer schön Euch zu sehen, und bin mir sicher, ich werde dem einen oder anderen noch über den Weg laufen.

P.P.S. Frank, Du müsstest mich jetzt aus dem offiziellen Verteiler herausnehmen.

 

Michel de Montaigne war Jurist, Skeptiker und Philosoph, Humanist und Begründer der Essayistik. Er schrieb im 16 Jh:

„Es ist ungewiss, ob der Tod uns erwartet – erwarten wir ihn überall! Die Besinnung auf den Tod ist die Besinnung auf die Freiheit. Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt. Die Kunst zu sterben, befreit uns von aller Unterwürfigkeit und allem Zwang.“

Showing 3 comments
  • Schmitz Leonhard
    Antworten
    Waren die Menschen im 16. Jahrhundert schlauer. Ja! Sie hatten keine Propaganda Medien, die einem alles vorsetzt – und die Leute glauben das auch noch. Lieber aufs Mobilfunk schauen , als überlegen……

    Früher wurde sehr wahrscheinlich das Gehirn eingeschaltet, bevor man redete. Heute reden unsere Politiker solch ein Schwachsinn,-  dass ohne Verstand?!

  • Christliche Tarifgemeinschaft
    Antworten

    Auch mit kleine Schritte kann man sich näher kommen!
    Was nicht CHRISTLICH ist, kann ja noch CHRISTLICH werden.

  • Gabriel Müller-Huelss
    Antworten
    Was erwartet man von einer Gewerkschaft, deren langjähriger Vorsitzender (Bsirske) sich zum Ende seiner Karriere von den Bilderbergern einladen läßt? Wie Paul Schreyer im heute hier verlinkten Artikel „Der diskrete Charme des Kapitals“ schreibt, wurde Olaf Scholz während eines Karriereknicks dort hin bestellt, woraufhin es für ihn stramm bergauf ging (zu wessen Gunsten wohl?). Bei Bsirske könnte man auf die Idee kommen, daß die Einladung als Dankeschön für bis dahin geleistete Kooperation zu betrachten ist.

    Immer wieder kommen vom DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann Äußerungen, die vermuten lassen könnten, daß diese Institution eine Außenstelle der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) oder Ähnlichem ist, während eine Gewerkschaft, wie die GDL, die sich tatsächlich für ihre Mitglieder einsetzt, von DGB, VERDI & Co. dafür verteufelt wird.

    Ein folgerichtiger Schritt von Nadim Helow mit sehr guter Begründung, die allerdings bei der Gewerkschaft im Papierkorb landen und inhaltlich verpuffen dürfte.

Kommentar schreiben:

Start typing and press Enter to search