Schluss mit Speziesismus – Soldarität mit allen Erdlingen!

 In Daniela Böhm, FEATURED, Umwelt/Natur

Alexander Dobrinth sagte mit Blick auf die drohende Koalition mit den Grünen: „Jetzt ist uns Tofu in die Fleischsuppe gefallen“. Er wollte wohl Vegetarier (was die meisten Grünen gar nicht sind) als Weichlinge verhöhnen. Zeitgleich ging das Münchner Oktoberfest mit wieder anschwellenden Besucherzahlen zu Ende, wie Politiker befriedigt konstatierten. Die „Wies’n“ – das ist ein Ort, wo man krachledern und abgefüllt in die Ochsen- oder Hendlbraterei einfällt. Neben den „heiligen“ Festen Weihnachten und Ostern ein Jahreshöhepunkt des Tierleids. Daniela Böhm hat auf der „Veganen Wies’n“ auf dem Münchner Marienplatz diese Rede gehalten: gegen Gleichgültigkeit und menschliche Überheblichkeit.

Die Grenzen des Speziesismus sind eng gesteckt und verursachen dabei grenzenloses Leid. Er rechtfertigt Gewalt, Tod und Ausbeutung durch die von Menschenhand scharfgezogene Trennlinie zu anderen Bewohnern der Erde.

Bei Festivitäten wie dem Oktoberfest zeigt sich er besonders deutlich. 2016 waren es 109 Ochsen, 59 Kälber, eine halbe Million Hähnchen, unzählige Fische, Schweine und andere Tiere, die für das größte Volksfest der Welt sterben mussten.

Traditionen müssen infrage gestellt werden – vor allem dann, wenn sie mit Leid verbunden sind. Auch der Speziesismus ist eine Art Tradition und beruft sich auf das Recht des Stärkeren und der Überzeugung, dass das Töten anderer Lebewesen richtig und notwendig sei. Doch diese angebliche Notwendigkeit wird mittlerweile von vielen vegan lebenden Menschen widerlegt.

Die negativen Auswirkungen des massiven Fleischkonsums auf unsere Umwelt sind hinlänglich bekannt. Sämtliche Medien berichten darüber, genauso wie über die katastrophalen und leidvollen Bedingungen in der Intensivtierhaltung. Schlachthofskandale sind keine Seltenheit, sondern an der Tagesordnung.

Kaum jemand kann heutzutage noch behaupten, er habe von all dem nichts gewusst. Und wie in kaum einem anderen Bereich, liegt die Veränderung in den Händen eines jeden Einzelnen. Ein Warten auf die Politik, dass sich etwas grundlegend für die Tiere und damit auch für die Umwelt verändert, verzögert nur die so dringend notwendige Veränderung. Gerade die Politik ist oftmals nur Handlanger einer übermächtigen Wirtschaft, die alles bestimmt. Das gnadenlose System der Fleischindustrie bildet hier keine Ausnahme.

Jeder einzelne Mensch hat die Macht, das Blatt zum Guten zu wenden, indem er aufhört, Tiere zu essen. Jeder einzelne Mensch kann unglaublich viel tun. Für sich selbst, seine Gesundheit, für eine Welt ohne Tierleid, eine bessere Umwelt und letzen Endes auch für andere Menschen. Denn die Fleischindustrie tötet jedes Jahr nicht nur geschätzte hundert Milliarden von Tieren, sondern trägt einen erheblichen Anteil daran, dass immer mehr Menschen in ärmeren Ländern hungern und unterernährt sind, laut der FAO fast 900 Millionen. Während täglich 20 Milliarden sogenannter „Nutztiere“ für den Fleischkonsum mit Getreide und Soja gefüttert werden, sterben jeden Tag Zehntausende von Menschen an Hunger.

Ein Großteil der Menschheit hat über Jahrtausende hinweg Fleisch gegessen. Das ist richtig, aber kein Argument dafür, dass es so bleiben muss. Jahrtausendelang hat die anthropozentrische Herrschaft die Welt regiert und natürlich ist es bequem, in der Überzeugung zu verharren, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei und nach Belieben über sie herrschen kann. Doch dieser Sicht- und Handlungsweise fehlt etwas Entscheidendes: Das Mitgefühl.

Der Mensch rühmt sich gerne all seiner Errungenschaften und auch seines moralischen Fortschritts. Was wir dringend brauchen, ist ein Fortschritt in der Empathie, wir brauchen eine Grenzenlosigkeit des Mitgefühls, welches die eng gesteckten Grenzen des Speziesismus überwindet. Es sind die Begrenzungen in unseren Köpfen, die Leid verursachen oder es nicht sehen wollen. Sie sind es, die fallen müssen, denn es ist ein Irrglaube, dass uns das Leid anderer nichts anginge, ob es die verzweifelten Flüchtlinge sind oder die verzweifelten Tiere. Alles ist mit allem verbunden.

Heute geht der 11. Mahnwachenaktionstag mit Mahnwachen vor Schlachthöfen in ganz Deutschland zu Ende. Ich selbst war in der vergangenen Woche in Buchloe und München vor Ort. Der Schlachthof in München liegt mitten in der Stadt und die Mahnwache um diese Zeit hat immer einen speziellen Fokus auf das Oktoberfest, denn die Ochsen, die sich in der Ochsenbraterei am Spieß drehen, werden dort geschlachtet.

Am Eingang zum Münchner Schlachthof liegt das Atlantik Fischrestaurant und auch dort finden die sogenannten After-Wiesn-Partys statt. Das Szenario ist traurig-absurd und trägt den kaltherzigen Stempel des Speziesisums: Während Menschen feiern, singen und lachen, fahren an ihnen die Transporter mit den Schweinen ein, die einige hundert Meter weiter bis zum Morgengrauen geschlachtet werden.

Auch in dieser Nacht habe ich viele Gespräche geführt. Ich habe Fragen beantwortet und diskutiert – von Verständnislosigkeit bis hin zu Ablehnung oder Wut, manchmal auch Zustimmung, war alles dabei.

Als ich an diesem kalten Morgen nach einer fast durchwachten Nacht mit meinem Schild an der Einfahrt stehe und einer der ersten Transporter mit Rindern vorbeifährt, erhasche ich einen Blick. Einen einzigen, verständnislosen und angstvollen Blick. Wen dieser Blick ins Herz trifft, der braucht keine Argumente mehr, warum er aufhören sollte, Tiere zu essen. Keine triftigen Gründe, Erklärungen oder schlagende Beweise.

Ich wünschte mir, dass jeder Mensch in die Augen derer sieht, die für seinen Fleischkonsums sterben müssen. Kurz vor ihrem Tod, wenn sich Angst, Hoffnungslosigkeit, Verständnislosigkeit und Panik in ihren Augen spiegeln.

Denn dieser eine Blick relativiert alles. Er öffnet das Herz und schafft einen Raum, der grenzenlos weit wird und gleichzeitig keinen Raum für alte Überzeugungen lässt. Dieser eine Blick hebt die speziesistische Welt aus den Angeln und lässt eine neue entstehen. Eine Welt des Miteinander und des Mitgefühls.

Spät in der Nacht an den Klippen fragt König Lear in dem gleichnamigen Stück von William Shakespeare den blinden Earl von Gloucester: „Wie sehen Sie die Welt?“ Und der blinde Earl von Gloucester antwortet: “Ich sehe Sie fühlend.“

Wir kommen als Fühlende auf diese Erde. Als Kinder sehen wir sie tatsächlich fühlend, bevor wir in die Welt der Begrifflichkeiten und Namen eintauchen und von Konditionierungen geprägt werden. Wir freuen uns mit Begeisterung über die unendliche Vielfalt der Erde mit ihren Ausdrucksformen und all ihren Lebewesen – wir sind Erdlinge und unsere Liebe kennt noch keine speziesistischen Grenzen.

Es ist an der Zeit, ein neues und ganzheitliches Denken und Handeln entstehen zu lassen. Wir brauchen Mitgefühl und Respekt, Achtung und Wertschätzung – für die Tiere, diese Erde und die Menschen.
Mehr denn je.

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