Schwierige Haltung

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Gibt es „rechte“ Tendenzen in der spirituellen Szene? Ganz gewiss, auch wenn man das nicht verallgemeinern sollte. Aber wie halten es die Vertreter spiritueller Schulen mit den Corona-Maßnahmen? Auch hier ergibt sich kein einheitliches Bild. Es gibt offenbar gerade in der Yoga-Szene Widerstand gegen die Politik der Bundesregierung, was interessant ist, da es sich ja bei den Akteuren um sehr kompetente und bewusste Menschen handelt, was Gesundheitsfragen betrifft. Es gibt aber auch Personen, die Corona-Skeptiker innerhalb der Szene „jagen“ – die „Shantifa“. Dabei ginge es, so Autor Wolf Schneider, um etwas ganz anderes: die absolut unerleuchtete Art und Weise, wie Ressourcen der Gesundheitsfürsorge in unserer Gesellschaft – und auch international – verteilt sind.

In der SZ von vorgestern (9.4.21) schrieb Jan Stremmel unter der Überschrift „Schwierige Haltung“ über „Corona und die Yoga-Szene“ in Deutschland. Er verweist in diesem Artikel auf das Zoom-Meeting von „Shantifa“ – von shanti (Sanskrit für Frieden) und Antifa – des neu gegründeten Netzwerks von „Yoga gegen rechts“. Stremmel spricht von 3,4 Millionen Yoga-Praktizierenden in Deutschland und porträtiert in seinem Artikel insbesondere auch die Haltung von Volker Bretz, dem Leiter von Yoga Vidya in Bad Meinberg, der größten Yoga-Schule (+ Ashram) in Europa. In Bretz’ lavierendem Verhalten sieht Stremmel eine Salamitaktik: Mal sei Bretz ganz gegen rechts, dann wieder toleriere er Yogalehrer, die offen rechte Verschwörungstheorien verkünden.

Stremmel verweist auf eine Studie von Simon Schindler von der Uni Kassel, die den Zusammenhang zwischen Achtsamkeitspraxis und Narzissmus belegt habe, wobei aber noch unklar sei, ob es Selbstverliebte zur Spiritualität hinziehe oder Spiritualität narzisstisch mache.

Ich bin in diese Studie bisher nur flüchtig eingetaucht, sie scheint mir aber so ergiebig zu sein, dass ich Lust habe, den Autoren bald mal zu treffen, anscheinend wohnt er hier bei uns in Kassel. Obwohl ich weiß, dass unter Fachleuten bekannt ist, dass nur höchstenss 50 % der psychologischen und sozialpsychologischen Studien wiederholbar ist, würde ich aus meiner Erfahrung mit dieser Zielgruppe sagen: Einerseits ja, es gibt diese Narzissten. Dem hatte ich einst in meiner Zeitschrift den Schwerpunkt „Spirituelle Arroganz“ gewidmet, und bis heute spotte ich gerne über die Verehrer des „höheren Selbst“, weil ich darin bereits eine verführerische Nähe zum Narzissmus sehe. Andererseits ist die Achtsamkeitspraxis geeignet, jedwedes Ego gnadenlos in seine Einzelteile zu zerlegen, und das macht demütig, wie man an Beispielen wie Thich Nhat Hanh und Yuval Harari sehen kann. Wer nach Jahren der spirituellen Praxis immer noch arrogant und narzisstisch ist, und das nicht nur aus Spaß oder um zu provozieren, hat nicht richtig meditiert.

Covidioten versus Schlafschafe

Jan Stremmel hat vieles an der Yoga-Szene, stellvertretend für die spirituelle Szene als Ganzes, dankenswert genau und unparteiisch analysiert. An einem Punkt aber wiederholt er einen Vorwurf der Mainstreammedien an die „Achtsamen“, die Meditierer und transpersonal Orientierten. Deshalb gebe ich dem nun die Ehre meiner besonderen Aufmerksamkeit:

„Wer noch die Leichentransporter von Bergamo in Erinnerung hat, dem kommen natürlich Fragen. Warum leisten ausgerechnet Menschen, die sich täglich in Gelassenheit und Gewaltlosigkeit üben, solch hartnäckigen Widerstand gegen Maßnahmen für die Gesundheit der Schwachen?“

Klar kommen dem Fragen! Ich halte es für eine gute Idee, denen mal tiefer nachzugehen. Das würde einem Journalisten, der selbst recherchiert und auch mal mehr als die typischen Vergleiche seiner Berufskollegen zieht, gut anstehen. Meines Erachtens handelt es sich hier um ein Stereotyp der Medien, die sich für seriös und vernünftig halten und von dieser Position aus meist fassungslos staunend, oft aber auch verächtlich auf die „Covidioten“ schauen. Während diese sich revanchieren, indem sie die vermeintlich Vernünftigen als „Schlafschafe“ bezeichnen.

Triage gibt es längst

Wer achtsam, gewaltlos und empathisch vorgeht, möchte nämlich auch die Menschen berücksichtigen, die von unserem Gesundheitssystem außer acht gelassen werden. Die gefürchtete Triage, mit der hierzulande so gern gedroht wird, gibt es nämlich längst. Was die reichen Länder für einen versicherten Patienten auf der Intensivstation pro Tag ausgeben, um diesem noch ein paar mehr Monate Lebenszeit zu geben, würde nämlich ausreichen, tausend Menschen in den ärmeren Gegenden unserer Weltgesellschaft eine medizinische Grundversorgung zu verschaffen. Reicht die Empathie der Gegner dieser Corona-Proteste vielleicht nicht weit genug über die Landesgrenzen hinaus? Ja, es ist schwer, über die eigene Haut, die eigene Familie und die eigene Gesellschaftsschicht hinaus zu denken und empathisch zu fühlen, dafür ist Homo sapiens nur bedingt ausgestattet. Den Achtsamkeit praktizierenden Gegnern der harten Coronamaßnahmen aber generell Empathielosigkeit und mangelnde Solidarität zu unterstellen ist zu kurz gedacht. Wenn Stremmel und die Mainstreammedien wirklich „die Gesundheit der Schwachen“ im Blick hätten, müssten sie auch die Gesundheit der Schwachen in Indien und Afrika im Blick haben, denen millionenfach eine medizinische Grundversorgung völlig fehlt.

Und auch innerhalb Deutschlands gilt, dass die Kosten für Hochleistungsmedizin und etliche Fälle von Lebensverlängerung in fast aussichtslosen Situationen ethisch oft kaum zu rechtfertigen sind. Koste es, was es wolle? Nein, Geld ist auch in diesem Falle nicht egal.

Helft denen, die es am meisten brauchen!

Wie eine Verschiebung des horrenden Aufwands durchzuführen wäre, den unser Gesundheitssystem zur Lebensverlängerung der Altersschwachen und vielfach gesundheitlich geschädigten Reichen bietet, hin zu den Bedürftigen in den armen Ländern (und den Bedürftigen auch bei uns und in den noch viel krasser kapitalistischen Ländern), ist rechtlich und logistisch nicht leicht. Aber auch die Abschaffung der Sklaverei hat mehr als eine Generation gedauert, um sich durchzusetzen – zumindest die legale Sklaverei und der legale Rassismus sind ja weltweit so gut wie abgeschafft. Auch die Gleichberechtigung der Frauen hat gedauert. Weltweit hat sie sich immer noch nicht durchgesetzt, und auch hierzulande noch nicht voll.

Trotz dieser Bedenken, was die Umsetzung eines hohen Ziels anbelangt, sollten wir schon mal damit anfangen, unsere Empathie auch zu denen hin auszudehnen, die pro Person mit viel geringerem Aufwand medizinisch versorgt werden könnten, als die schwerkranken Reichen auf den High-Tech-Intensivstationen in unseren Ländern. Und jetzt mal ganz persönlich: Wenn der Aufwand mein eigenes Leben im hohen Alter um ein paar Monate zu verlängern ein gewisses finanzielles Maß übersteigt, würde ich dem sofort Einhalt gebieten. Gebt das Geld woanders hin! Wäre das legal machbar? Ich würde ein Testament, welches das beinhaltet, sofort unterschreiben. Vielleicht zoomen sich ein paar Juristen mal zusammen, um dafür eine Strategie auszuarbeiten. Ethisch betrachtet scheint mir der Fall klar, politisch-strategisch enorm schwierig.

Schwarmintelligenz gegen ‚die Braunen‘

Ich kehre nochmal zurück zu Jan Stremmels Artikel über den braunen Rand der Yoga-Szene, der ja dem braunen Rand der gesamten Spiri-Szene ähnelt – und in beiden Fällen könnte es mehr sein als nur ein Rand. Wenn ich Stremmels blinde Fläche in seiner Mainstream-Sicht zu beleuchten versuche, heißt das nicht, dass ich den Common Sense dieses Mainstreams verachten würde und noch viel weniger den der Scientific Community und auch nicht die guten Absichten der Linken und Linksliberalen, denen ich mich selbst zurechne.

Die eben genannten Schwärme haben jeder für sich eine Menge Schwarmintelligenz, die nicht unterschätzt und nicht missachtet werden sollte. Aber sie haben auch blinde Flecken, Ecken und ganze Regionen, die zu wenig beleuchtet sind. Dazu gehört das Ausschütten riesiger Summen für den Kampf gegen das individuelle Altern der reichen Eliten, wozu ich mich als Angehöriger der ‚Gebildeten‘ und intellektuellen Elite eines reichen Landes selbst zähle, und das Missachten der finanziell schwachen Teile der Weltbevölkerung.

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