Singen, um Menschen milder zu stimmen

 In CD-Tipp, FEATURED, Roland Rottenfußer

Zur neuen CD des Liedermachers Carsten Langner, „Von Wegen“. Carsten Langnes Kunst ist „klassizistisch“, weil sie den Altmeistern hörbar ihre Referenz erweist. Auf der Basis von handwerklich erstklassiger Arbeit zeigen sich aber schon eigene Akzente, Sprachwitz, Einfallsreichtum und ein Gespür für die Themen, die uns heute unter den Nägeln brennen. (Roland Rottenfußer)

Wenn junge Künstler musikalisch für uns ungewohnte Wege gehen, sich etwa schnöden und sterilen Ausdrucksformen wie dem Hiphop hingeben, rümpfen wir Vergreisenden überlegen die Nase; wenn dann aber einer kommt und buchstäblich „im alten Stil“ schreibt, ist es uns auch wieder nicht recht. „Das klingt ja wie…“ monieren wir. Ja, man kann bei Carsten Langner das liedermacherische Hauptvorbild unschwer erkennen, kann sogar einzelne Lieder identifizieren, die als Vorbild gedient haben mögen: „Daddy Blue“, „Dr. Nahtlos, Dr. Sägeberg und Dr. Hein“ oder „Mein Land“.

Aber wo andere anklagend den Zeigefinger gegen den Plagiator schwingen, schlage ich vor, das Ganze einmal anders zu betrachten: Carsten Langners CD „Von Wegen“ ist solides Handwerk erster Güte. Es ist das Gesellenstück eines Liedermachers auf dem Weg zur Meisterschaft. In einer Zeit musikalischer Beliebigkeit, in der so gut wie alle Stilsperenzchen und Ego-Eitelkeiten schon ausprobiert wurden, zählt am Ende vor allem noch das, was Langner tatsächlich glänzend zu liefern vermag: gute Lieder. Anstatt auf unsicherer handwerklicher Basis die Liedermacherkunst neu erfinden zu wollen, erweist er den Großen der Zunft (vor allem einem) seine Referenz und rankt sich an ihnen empor, bis er – zumindest in einigen Momenten – gleiche Höhe erreicht. Das Innovative mag in der weiteren Karriere des noch jungen Künstlers noch kommen – oder auch nicht. Solange das Ergebnis derart gut ist, ist die Frage zweitrangig. Langner versucht jedenfalls nicht, die oberen Stockwerke genialischer Brillanz ohne handwerkliches Fundament zu errichten.

„Handwerk“, dazu gehört zunächst einmal, dass Carsten Langner tatsächlich singen kann. Klar und klangvoll ist seine Stimme bis hinauf in die Höhen, diszipliniert die Phrasierung, was der Textverständlichkeit hilft. Dann das Gitarrenspiel. Auf seiner Visitenkarte nennt sich Langner „Liedermacher, Gitarrist“. Das ist er, sein Spiel ist innerhalb der „Szene“ überdurchschnittlich und wird durch das Zusammenspiel mit dem ständigen Zweitgitarristen Adax Dörsam noch aufgewertet, so dass ein hochprofessioneller, differenzierter, über pflichtschuldiges Akkorde-Schrubben weit hinausgehender Klanghintergrund entsteht. Schon im ersten Titel „Die Wege die ich geh“ begeistern die beiden Gitarristen durch virtuose Begleitarabesken, die das schöne Lied (Melodie hier ausnahmsweise nicht von Langner, sondern von Steve Tilston) zusätzlich aufwerten.

Der Grauschopf Dörsam ist ein wahrer Barnikel oder Kälberer für den Jungspund Langner und wird von diesem auch fairerweise auf dem CD-Booklet ausgiebig präsentiert. Zwei Virtuosen auf Augenhöhe, wobei Dörsam ein ganzes Arsenal verschiedener Gitarren bedient: Bass, Akustik- und E-Gitarre, Banjo, Schwellgitarre und sogar die Maultrommel. Bei „Die Wege die ich geh“ spielt mit Jens Kommnick sogar noch ein dritter großartiger Gitarrist mit. Verena Hilger, möglicherweise des Sängers Liebste, gesellt sich in „Zeit zu Leben“ hinzu, mit Geigenspiel und Hintergrundstimme im Refrain, was dem Lied zusätzliche Wärme verleiht. „Zeit zu leben“ ist ohnehin der Hit auf der CD, man kriegt es schwer wieder aus dem Ohr, auch ein Qualität, die nicht jedem Liedermacher eigen ist – einige hangeln sich doch mit eher konstruiertem Melodiengefüge an einem ambitionierten Text entlang.

„Von Wegen“ ist ein zweideutiger Titel. Dem trotzigen Ausspruch „Von Wegen!“ steht das Erzählen „von Wegen“ gegenüber, die der Künstler ging. So gleich im Eingangslied „Die Wege die ich geh“, in dem er bekennt, was er mit seinen Liedern erreichen möchte.

„Heute ring ich mit Worten.

Such ein Lied, das die Menschen packt und berührt

Und milder stimmt an allen Orten

Auf den Wegen, die ich geh.“

„Milder stimmen“ als liedermacherische Grundabsicht – ist das angemessen in einer Zeit, die nach Stimulation, politisch gesprochen sogar nach Aufruhr verlangt? Carsten Langner lässt sich auf die Um- und Irrwege der himmelstürmenden Übererregung gar nicht erst ein, zeigt sich frühvollendet maßvoll und jugendweise. Begütigend und tröstlich könnte man seine Lieder nennen. „Und wie’s sich fügt, fügt es sich eben“ singt er. Oder: „Heut möchte ich nichts werden, einfach sein.“ Es zeigt sich sogar ein Gegenentwurf zum „Genug-ist-nicht-Genug“-Furor des jungen Konstantin Wecker, wenn Carsten Langner etwa schreibt „Ich fühl mich wohl als Unbedeutsamkeit“ oder „Jetzt und hier sehen, wie sich alles fügt/ Und im Werden und Vergeh’n nur sich selbst genügt.“ Der Genügsamkeit ist sogar ein eigenes Lied gewidmet, sinnvollerweise „Genug“ betitelt. Der Halbsatz „Du hast genug von…“ erscheint dabei in doppelter Bedeutung. Genug zu haben von den Dingen, derer man überdrüssig ist, „von Selbstvermarktung, vom Genügenwoll’n, vom Blenden…“ Und genug zu haben im Sinne von alles haben, was man zum Glück braucht. „Du hast genug – um reich zu teilen,/ Und so viel Zeit, genug, um auch mal zu verweilen.“

Statt zu agitieren, zu hadern und gegen Grenzen anzurennen offenbaren die Lieder Carsten Langners ein mildes Einverstandensein mit dem So-Sein des Lebens. Dabei ist die Grundstimmung zutiefst biophil, lebensfreundlich, was sich in vielen Naturbildern von Meer, Wind und Schmetterlingen zeigt. Indirekt offenbart sich darin auch eine Widerstandshaltung gegen die vereinnahmende Welt des Konsumismus, des Wettbewerbsdenkens, der Erfolgshetze, des ewigen egozentrierten Sich-beweisen-Müssens. Es ist dies ein Widerstand nicht des „Kampfes gegen…“, sondern ein Widerstand durch Sich-Entziehen. Die dadurch gewonnen Freiräume nutzt die Seele zum Erspüren von Nuancen, zur Selbst-Besinnung, zum Schwelgen, Lieben, Träumen, gar zur Utopie.

Dabei soll hier die andere Seite des Carsten Langner nicht unterschlagen werden, der durchaus bissige Satiriker. Ja der „Gute Mensch von Schönkirchen“ kann sogar richtig böse werden, wenn er will – auch darin einem bekannten Liedermacher-Vorbild ähnlich. So wird in „Er will’s noch mal wissen“ die Unfähigkeit von Altstars aufs Korn genommen, rechtzeitig von der Bühne abzutreten: „Jetzt stehst du dafür, wie man/ Ohne Würde altern kann.“ Das wortreiche Satire-Lied „Googlediagnostik“ zielt vor allem auf die verbreitete Krankheitsparanoia, die in einer „Community“ von Ahnungslosen grassiert. So wird ein leichter Blasendruck gleich zur tödlichen Bedrohung:

Ich wollt gleich den Notarzt rufen,

ließ jedoch schnell davon ab.

Weil mir einfiel: Klinikaufenthalte enden meist im Grab.

Weil ich zuhaus sterben wollte, wirkte ich palliativ

Meinem Unwohlsein entgegen und betrank mich intensiv.

„Erben“ ist eine schonungslose Abrechnung mit den Leichenfledderern aus dem Verwandtenkreis: „Mancher baut sein Leben auf Greises Kurvekratzen“. Woraus sich für Sterbliche (und das sind wir alle) der Rat ableitet: „Dann solltest du, was erbbar ist, besser selbst verprassen.“

Ein großes Kompliment sei schließlich den beiden politischen Liedern Carsten Langners ausgesprochen, beide deutlichst dem momentan grassierenden Rechtsruck in Deutschland gewidmet. Sie zeigen, dass der Sonnenjüngling mit Weltfluchtendenz Richtung Meer auch ein kritischer und verantwortungsbewusster Beobachter des Zeitgeschehens ist. In „Keine Wahl“ endet jede seiner, der neuerdings wieder explodierenden Dummheit gewidmeten Strophen mit der Pointe „Das passiert, weil wir es dulden“. Diese verweist sinnvollerweise auf die Mitverantwortung der „Guten“, der Nicht-Faschisten. Auch lyrisch ist das Lied, das musikalisch in Country-Fahrwasser schwimmt, überaus kreativ, wenn es etwa heißt: „Schmales Denken macht sich wieder breit“ oder „Wo die untoten Chaoten/ Sich gerier’n als Patrioten./ Wo wir schweigend dulden soll’n. Lass uns schreien, giften, groll’n!“ An dieser Stelle meint man, dem Künstler seien nicht nur Lieder seines berühmten Hauptvorbilds bekannt, sondern auch Konstantin Weckers „Sage nein!“

Vielleicht das beste Lied überhaupt auf der CD ist „Mein Heimatland“, das mit einer wunderbaren Melodienwendung in moll beginnt und gegen Ende mit Adax Dörsams E-Gitarre zusätzliche treibende Intensität gewinnt. Es zeigt sich hier auch ein Generationswechsel, was den Umgang mit dem Heimatbegriff betrifft. Wo „Alt-68er“, geprägt noch durch die unmittelbare historische Nachbarschaft zur Hitler-Diktatur, ihr „Vaterland“ von vornherein verworfen haben, gesteht der „Jung-2017er“ Langner Deutschland eine positive Grundsubstanz zu – wohl die biografische Erfahrung eines in den 90ern und 2000ern sozialisierten jungen Mannes. „Freundlichkeit“, „Mut“, gar Gastfreundschaft bescheinigt er seinem Land. Diese Werte sind jedoch durch den neuen Rechtstrend, vor allem den Umgang mit Flüchtlingen, gefährdet: „Nun suchen Gäste Zuflucht bei Dir, aber was/ So mancher zu erwidern weiß, das sind/ Nur wieder Ausgrenzung und Hass.“ Deutschland müsse sich, so Langner nur darauf besinnen, was das Land „eigentlich“ ausmache – eine vielleicht sehr optimistische Deutung, aber eine, die den Hörer nicht in einer Stimmung schwärzester Aussichtslosigkeit zurücklässt, wie sie vielen linken Diskursen eigen ist. Der folgende Textauszug zeigt nicht nur eine scharfe Beobachtungsgabe und das ganz unironische Bekenntnis zu Menschlichkeit, es spricht auch für die Sprachkunst des Lyrikers Langner, der nebensatzfähig ist und genug poetischen Atem hat, um längere Gedankenverläufe zu gestalten:

Gewiss: Es packt, mein Heimatland,

Auch mancher an mit Herz und Hand,

Der mehr ist als nur ein Bekennungschrist.

Für Brüderlichkeit immerzu

Hier einsteht, weil er weiß: Wie Du

Zu den Geringsten Deiner Brüder bist,

Verrät am Ende über Dich mehr als ein Lied,

Das Du mit Inbrunst singst, bei jedem Fest,

in Reih und Glied.

Das überragt nicht nur das Gestammel mancher Rap- und Pop-Heroen der Gegenwart, es zeugt von einer gleichsam post-postmodernen Neuen Ernsthaftigkeit, einem nicht-gleichgültigen Einstehen für Werte, die zeitlos notwendig sind, weil sie die Not einer in die Unmenschlichkeit abgleitenden Zeit wenden könnten.

Wird auch dieser Jung-Liedermacher nach kurzem Höhenflug wieder abstürzen und unter der Kategorie „Netter Versuch“ nur im Langzeitgedächtnis einer begrenzten Anhängerschar weiterleben? Von wegen! Für Carsten Langner wage ich die Prognose, dass wir noch eine Menge von ihm hören werden.

Carsten Langer: Von Wegen, Label: Clabauter Musik
http://www.carsten-langner.de/

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