Standing Rock: die Kraft des indigenen Widerstands

 In FEATURED, Politik, Spiritualität

„Ich habe von klein auf gelernt, das Wasser zu respektieren.“ Landschaft in South Dakota.

Ladonna Brave Bull Allard, Good Earth Woman, war 2016 eine der Initiatorinnen des Widerstandes in Standing Rock in Nord-Dakota, USA. Viele Tausend Menschen aus aller Welt – Vertreter über 300 indigener Kulturen, Umweltaktivisten, spirituelle Sucher und Veteranen der U.S. Armee – unterstützten in einem mehrmonatigen Camp vor Ort die Bemühungen der „Oecti Sakowin Nation“ (Standing Rock Sioux Nation), ihre heiligen Stätten und den Missouri vor dem Bau der Dakota Access Pipeline zu schützen. Sie bezeichneten sich nicht als „protestors“ (Protestierende), sondern als „protectors“ (Beschützer) des Wassers und Verteidiger des Heiligen. Auch wenn der Bau der Pipeline unter Donald Trump weitergeht: Ihr Camp, ihre Gebete und ihre Gewaltfreiheit gewannen internationale Aufmerksamkeit und inspirierten Wasserschützer und Aktivisten weltweit. Auszug aus dem Buch „Defend the Sacred. Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer mehr geben“.  Ladonna Brave Bull Allard

Ich weiß nicht, was eine Aktivistin ist. Ich habe mich nie als Aktivistin bezeichnet. Ich bin einfach eine Frau, die ihr Zuhause liebt und ihren Fluss. Ich komme aus einem Land mit viel Wasser. Ich bin zwischen vier Flüssen geboren und an einem von ihnen aufgewachsen, den ihr Missouri nennt. Wenn ihr nur meinen Fluss sehen könntet! Am Morgen sehe ich Büffel, Adler, Falken, Schildkröten und Wildenten. Ich möchte, dass auch meine Urenkel noch sehen können, was ich sehe. Auf unserem Gebiet wachsen noch die letzten einheimischen Gräser und Medizin-Pflanzen. Unser Land ist noch unversehrt geblieben. Deswegen müssen wir es beschützen. Wie? Wir müssen das Wasser beschützen.

Ich habe von klein auf gelernt, das Wasser zu respektieren. Man hat uns gelehrt, dass wir Wasser nicht einfach so auf die Erde ausschütten dürfen, ohne zuvor im Gebet für das Wasser zu danken. Wenn wir einen Fluss überqueren wollen, halten wir zuvor inne, sprechen ein Gebet und bitten um Erlaubnis. Bevor wir Wasser trinken, tröpfeln wir etwas davon auf die Erde, um die Seelen zu grüßen. Ich glaube, alle Menschen auf der Welt sollten das tun.

Als wir hörten, dass die Ölfirmen kommen und die Pipeline verlegen würden, war unsere ganze Gemeinschaft dagegen. Wir wussten, eines Tages wird diese Pipeline lecken, Öl wird ins Wasser gelangen und viel Leben zerstören. Das Öl wird flussabwärts zu den anderen indigenen Gemeinschaften treiben. Es ist das einzige Wasser, das wir haben. Und niemand wird kommen, um uns zu helfen. Das kennen wir schon. Wir standen vor einer schweren Lebenskrise. Es ging nicht mehr nur um uns, nicht mehr nur um indigene Völker; es ging um die Menschen überhaupt und um das Leben. Vor allem wir Frauen wussten, dass die Zeit gekommen war, aufzustehen und uns zu wehren.

Es waren dann allerdings die jungen Leute im Alter von zehn Jahren aufwärts, welche die Bewegung eingeleitet haben. Sie haben über ihre grundlegenden Bedürfnisse gesprochen, über ihr Recht auf frisches Wasser und gute Nahrung, über ihr Recht, in sauberen Flüssen baden zu können, in der Natur zur Ruhe zu kommen und Glück zu erleben. Die Jugendlichen sagten: Wasser ist Leben. Mni wiconi.

Was geschieht, wenn die Welt kein Wasser hat? Sie stirbt. Wasser erhält unsere Familien. Wasser lässt Pflanzen wachsen. Jede Gemeinschaft braucht einen Zugang zu gutem Wasser. So standen wir auf für den Erhalt unseres Wassers. Wir hörten auf die Stimme unserer jungen Leute und folgten ihnen. Sie sagen die Wahrheit. Sie wissen, dass wir eine Veränderung brauchen. Wir erhoben uns gemeinsam mit ihnen im Gebet und in Zeremonie. Die jungen Leute haben die Nachricht über die ganze Welt verbreitet, denn sie kennen sich in den sozialen Medien aus. Wir haben jeden Tag mit Gebeten und Zeremonien begonnen. Wir hatten keinen Plan, keine Strategie. Was dann geschah, war mehr, als wir je erwartet hatten. Heute weiß ich: Es war die Erfüllung einer Prophezeiung.

In Standing Rock ist etwas geschehen, was ich nie zuvor erlebt habe. Es kamen Menschen aus den verschiedensten Richtungen zusammen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Die Religionen, verschiedene spirituelle Richtungen, die Kulturen der Welt standen Seite an Seite in einem starken Gebet. Indigene aus aller Welt kamen zu uns, um mit uns das Wasser zu verteidigen. Ich habe gesehen, wie unsere Verbündeten uns halfen. Das kann mir niemand mehr nehmen.

Ich glaube, Standing Rock war ein Samen, um den Menschen zu zeigen, wie wir wieder auf der Erde leben sollen. Wir wollen diese Saat überall hintragen. Standing Rock hat das Gute im Menschen hervorgebracht. Wir haben die Liebe gesehen, die Unterstützung füreinander, den Mut. Ich wusste, was wir taten, war richtig.

Als die Konzerne reagierten, waren wir darauf vorbereitet. Sie haben nicht geglaubt, dass wir weiter kämpfen würden. Das Schlimmste für sie war, dass wir keine Angst hatten. Wir kämpfen auch heute noch. Sie wissen nicht, was sie mit uns tun sollen. Wir agieren mit Macht, gewaltfrei und immer in Zeremonie. Das macht uns stark.

Ich habe eines gelernt: Wir können nicht nur gegen bestehendes Unrecht kämpfen, wir müssen auch wissen, für welche Alternativen wir eintreten. Deshalb haben wir viel aufgebaut. Unser Stamm arbeitet an solaren Systemen, damit wir ohne fossile Brennstoffe auskommen. Wir haben biologische Gärten angelegt, Bäume gepflanzt, Häuser aus Strohballen gebaut. Wir geben unseren Leuten Unterricht darin, wie wir unsere Geschichte, unsere Sprache, unsere Kultur und Tradition wieder beleben und aktivieren. Wir müssen in der Lage sein, unsere eigene Geschichte zu erzählen. Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert die Welt. Wir müssen einen eigenen Medienkanal aufbauen, um die Welt zu verändern. Wenn wir Hoffnung säen, können wir alles ändern. Wir können die Menschen in den Konzernen erreichen und beeinflussen, was in unseren Regierungen geschieht.

Wir sind zur Weltbank gegangen und haben gesagt, dass sie in erneuerbare Energie statt in fossile Brennstoffe investieren sollen. Wir sind zu den Versicherungsgesellschaften gegangen und haben gesagt, sie sollen keine Firmen mehr versichern, die die Welt zerstören. Wir sind zu den Institutionen gegangen, die die Kredite vergeben, und haben ihnen gesagt, sie sollen aufhören, günstige Kredite an Firmen zu vergeben, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Wir arbeiten auf allen Ebenen.

Wir brauchen auch eine neue Definition für „Familie“. Ich sage: Alle, die kommen und mit mir zusammen Widerstand leisten, gehören zu meiner Familie. Ich heiße sie willkommen, nicht nur in meinem Haus, sondern in meiner Familie. Danach sehnen sie sich. Die Menschen haben heute keine Familien mehr. Sie fühlen sich getrennt voneinander. Familie heißt, füreinander da zu sein. Mein Mann hatte 40 Jungen adoptiert. Er hat ihnen unsere Werte und Kultur beigebracht. Jetzt bin ich Witwe, und diese jungen Männer helfen mir im täglichen Leben.

Ich glaube nicht, dass es schlechte Menschen auf der Welt gibt. Ich glaube, es gibt nur traumatisierte Menschen. Aber die Erde bietet immer eine Heilungsmöglichkeit. Ich glaube, ein Mensch wird nicht als „Mensch“ geboren, er muss sich erst zu einem wirklichen Menschen entwickeln. Ein Mensch im eigentlichen Sinn empfindet Mitgefühl mit anderen. Mitgefühl für die Mitmenschen zu entwickeln – das ist der Schlüssel.

Defend the Sacred. Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer mehr geben.

Das Buch, herausgegeben von der Grace Foundation, Schweiz, erscheint am 1. März im Verlag Meiga. 148 Seiten, viele Fotos, 22,- Euro, ISBN Nr: 978-3-927266-65-0

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