Tierrechte und Empathie

 in Daniela Böhm, Umwelt/Natur, Wirtschaft

Gefühllos?

Gerade in unseren aufgeklärten, sozial und humanistisch denkenden Kreisen ist der Abscheu vor Rassismus und Sexismus groß. Auch von Homophobie wird oft gesprochen – der Diskriminierung „anderer“ sexueller Ausrichtungen. Gelegentlich hört man sogar von „Ageismus“ – Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Alters. Warum bekämpfen wir nicht gleichermaßen den Speziesmus, die Abwertung von Lebewesen wegen der Zugehörigkeit zu einer Spezies? Meistens kommt als Antwort: „Das ist doch etwas ganz Anderes. Tiere sind mit Menschen nicht zu vergleichen. Sie sind weitaus primitiver, dümmer, unempfindlicher usw.“ Vielleicht flüchten sich viele aber auch nur deshalb in die Annahme, Tiere wären „ganz anders“, weil sie unfassbare Grausamkeit der Realität sonst nicht ertragen könnten. Und weil sie sonst etwas an ihrem Leben ändern müssten. Für Daniela Böhm ist Mitgefühl unteilbar; das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit steht allen Lebewesen zu. Redebeitrag der Autorin beim Augsburger Earth Peace Day 2016.

Empathie ist ein Wort, das wir in unserem heutigen Sprachgebrauch gerne und häufig verwenden. Es ist ein schönes Wort, denn es bedeutet, dass man sich einfühlen und mitfühlen kann, es bedeutet Offenheit und Anteilnahme für die Belange unseres Gegenübers. Empathie ist per Definition auch nicht nur auf den mitmenschlichen Umgang begrenzt. Und dennoch werden viele Tiere von der Empathie der Menschen ausgeschlossen. Warum? Warum haben wir Empathie für einen Hund, aber keine Empathie für ein Schwein? Wieso hört die Empathie vor den Toren der Mastbetriebe und der Schlachthöfe auf? Weshalb sollte sich Empathie selektiv auf bestimmte Lebewesen beziehen und auf andere wiederum nicht?

Der Mensch hat den Tieren einen Rassismus auferlegt; von selbst wären sie sicher nicht auf diese Idee gekommen. Tiere werden in Klassen unterteilt, an erster Stelle stehen die Haustiere, dazwischen gibt es Abstufungen, wie z.B. bedrohte Arten von Tieren, Delfine oder Singvögel, und in der untersten Klasse sind die ganz großen Verlierer dieser diskriminierenden Ideologie zu finden: die sogenannten Nutztiere.

Und mit diesem Rassismus des Menschen gegenüber den Tieren werden nicht nur die Massengräber von Milliarden von Tieren geschaufelt, nein, das Ende der Fahnenstange ist damit noch nicht erreicht. Der Hunger in den ärmeren Ländern und die Zerstörung unseres Planeten sind die anderen Gräber, die durch den immensen Fleischkonsum ausgehoben werden. Auf dieser Erde hungern ca. 800 Millionen Menschen, gleichzeitig wird ein Drittel der weltweiten Ackerbaufläche zum Anbau von Futter für die sogenannten Nutztiere verwendet, das sind jährlich rund zwei Milliarden Tonnen, hinzu kommen ca. neunzig Prozent der Sojaproduktion.

„Wo ein Jäger lebt, können zehn Hirten leben, hundert Ackerbauern und tausend Gärtner.“ Alexander von Humboldt hat es bereits vor über hundertfünfzig Jahren treffend auf den Punkt gebracht. Dieser Satz verdeutlicht auf einfache Weise, dass mit demselben Stück Land eine viel größere Anzahl an Menschen ernährt werden kann als mit Viehzucht.

Rassismus und Sexismus sind zwei Themen, mit denen sich viele Menschen und die Politik insbesondere seit dem vergangenen Jahrhundert auseinandersetzen und versuchen, diese diskriminierenden Einstellungen zu überwinden. Eine wirkliche Auseinandersetzung auf breiterer Ebene mit dem Begriff des Speziesismus steckt dabei immer noch in den Kinderschuhen. Diese Art der Diskriminierung bedeutet nichts anderes, als dass sich der Mensch über andere Lebewesen dieses Planeten stellt und ihnen ihre naturgegebene Rechte abspricht.

Wer kennt sie nicht, die traurigen Bilder oder Filme der Südstaaten aus einer zum Glück vergangenen Zeit, in der Menschen aufgrund ihrer dunkleren Hautfarbe als Sklaven gehalten wurden. Die sogenannten Nutztiere sind die Sklaven unserer heutigen Zeit! Wer einmal die Bilder von den Massenbetrieben der Mastkälber in Amerika gesehen hat, in denen diese Tiere in Einzelhaft in winzigen Iglus auf riesigen Landflächen gehalten werden, dem zieht sich das Herz zusammen – vor Entsetzen. Isaac Bashevis Singer, Nobelpreisträger für Literatur, der im Jahre 1935 aus Polen in die USA  emigrierte, sagte einmal: „Für die Tiere ist jeder Mensch ein Nazi, für die Tiere ist jeder Tag Treblinka.“

Allein in Deutschland werden jährlich ca. vierzig Millionen männliche Küken an ihrem ersten Lebenstag vergast oder bei lebendigem Leib in eine Schreddermaschine geworfen, weil sie für die Eier oder Hühnchenindustrie wertlos sind. Die deutsche Justiz hat diesen Massenmord vor kurzem auch noch rechtlich abgesegnet. Dass sich das Wort Mord nur auf den Menschen beziehen soll, bzw. darf, ist ein Ausdruck des Speziesismus.

Was der Mensch heutzutage den Tieren antut, kann mit keinerlei Argumenten mehr gerechtfertigt werden! Es gibt keine Rechtfertigung für Qual, Folter, Missbrauch und Mord, ganz gleich an welchen Lebewesen sie verübt werden.

Doch das Elend und die Qualen von Milliarden von Tieren werden verdrängt und ignoriert, von Verbrauchern ebenso wie von Politikern und von der staatlich subventionierten Fleischindustrie sowieso. Was die Tiere betrifft, so haben wir heute eine Ideologie der Ignoranz In der EU wird von einer 12,5-prozentigen Fehlbetäubungsrate in Schlachthäusern ausgegangen – mit einer noch viel höherliegenden Dunkelziffer. Allein in Deutschland werden jährlich schätzungsweise hundertachtzigtausend trächtige Kühe geschlachtet, auch hier ist die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher. Es ist ein unfassbares Grauen und unser Staat sieht sich dabei nicht einmal gezwungen, Gesetze zu schaffen, die dieses Grauen verhindern. Das ungeborene Kalb erlebt die Tötung seiner Mutter in ihrem Leib und muss qualvoll ersticken – dieses Ersticken kann bis zu einer halben Stunde dauern. Jeder, wirklich jeder, der noch Fleisch oder Milchprodukte konsumiert, trägt Verantwortung für diese Tragödie. Da gibt es nichts zu beschönigen oder zu relativieren und keinerlei Thesen oder Begründungen, die dies entschuldigen könnten.

„Der Mensch hat schon immer Fleisch gegessen“, ist ein Satz, den man oft hört. Doch nur, weil etwas immer schon so war, heißt es noch lange nicht, dass es richtig war oder ist und fortdauern muss. Hätte sich die Menschheit den Satz „Das war schon immer so“ als Leitspruch auf ihre Fahne geschrieben, so würden wir heute noch in den Wäldern leben, es gäbe keine Elektrizität, keine Wasserversorgung, wir würden noch Sklaven halten und wir hätten auch kein Frauenwahlrecht. All diese Beispiele könnte man endlos fortsetzen. Es ist freilich bequem, sich auf diesem Satz auszuruhen, denn es geht ja um das Essen, ein Grundbedürfnis und darum, vielleicht auf etwas verzichten zu müssen? Doch ich frage mich: Was ist das für ein Verzicht, wenn man keine Tiere mehr isst und damit die Qualen und die Tötung von fühlenden Lebewesen vermeidet?

Die vegane Lebensweise ist kein religiöses Glaubensbekenntnis, kein Sektierertum, sie ist kein neues Gutmenschentum und sie ist auch keine Modeerscheinung, die einfach wieder vergeht. Nein, sie ist eine Notwendigkeit und ein Appell an das Mitgefühl! Ganz abgesehen davon, dass man bei dieser Art von Ernährung auf nichts verzichten muss und nur unglaublich viel dazu gewinnt an Wohlbefinden und Gesundheit, ist es längst nicht mehr angebracht zu sagen: Ich möchte nicht darauf verzichten. Diese Welt, in der wir leben, dieser Planet mit all seinen Bewohnern ist ein lebendiges Ganzes und alles ist miteinander verbunden. Wir können und dürfen nicht länger gleichgültig sein gegenüber den Leiden der Tiere, unseren Brüdern und Schwestern.

Wahre Tierliebe erfordert Konsequenz im Handeln und sie fordert Empathie von uns, die sich nicht nur auf bestimmte Lebewesen beschränkt. Eine Empathie, die allen Bewohnern dieses Planeten gilt und die nicht vor dem eigenen Tellerrand mit einem toten Stück Tier aufhört. Echte Empathie begrenzt sich nicht auf ein Einzelnes und ist der Schlüssel für eine tierleidfreie Welt, den wir alle in unseren Herzen tragen.

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