Tödliche Geschäfte

 In FEATURED, Friedenspolitik
Erfolge nach 35 Jahren Protest: Jürgen Grässlin und der Waffenbauer Heckler und Koch.  Waffenexporte sind in Deutschland zu einem öffentlichen Thema geworden. Der Freiburger Friedensaktivist Jürgen Grässlin sorgt seit Jahrzehnten für Negativschlagzeilen über den Waffenhersteller Heckler und Koch. Durch eine Anzeige hat er dem Oberndorfer Unternehmen auch noch eine Strafe von 3,7 Millionen Euro beschert. Dennoch lädt der neue Chef den Freiburger auf ein Bier ein. Was ist da passiert?

Unter den Füßen knackte es. „Ein ekelhafter Ton. Das lässt mich nicht mehr los“, sagt Jürgen Grässlin und schaut für einen Augenblick betroffen. Dann lacht er. Die Erinnerung behält er – von ihr zermürben lässt er sich aber nicht. Was da 2002 unter einer dünnen Sandschicht im Norden Somalias knackte, waren Knochen und Schädel von Opfern einer Exekutionsstätte.
Grässlin hat schon einige dieser Orte aufgesucht. Dreierlei Munition finde man dort hauptsächlich im Boden: von russischen Kalaschnikows, von US-amerikanischen M 16 und von G 3- und G 36-Gewehren aus Oberndorf – von Heckler und Koch. Zu dem Platz führte ihn damals Samiira Jama Elmi. Die traumatisierte Frau suchte nach den sterblichen Überresten ihrer hingerichteten Mutter, Grässlin nach Hinweisen auf die Waffen der Täter. „Fast alle Menschen dort sind vom Bürgerkrieg traumatisiert“, sagt der Friedensaktivist, der damals 7,62-Millimeter-Munition fand. „Ein deutlicher Hinweis auf das G 3.“
Solche Berichte, diesen Eindruck hat Grässlin gewonnen, treffen inzwischen auch den Waffenhersteller in Oberndorf. Im Februar musste das hochverschuldete Unternehmen feststellen, dass es auch an anderer Stelle verwundbar ist: Eine Strafanzeige Grässlins aus dem Jahr 2010 wegen illegaler Gewehrverkäufe nach Mexiko führte zu einer saftigen 3,7-Millionen-Euro-Strafe. Die Berichte über solche Geschäfte haben Folgen: Über 80 Prozent der Deutschen sprechen sich in Umfragen gegen Waffenexporte in Krisenregionen aus. „Das ist weltweit einmalig“, sagt Grässlin.

Bislang galt der 61-jährige Freiburger Realschullehrer als unerwünschte Person in Oberndorf. Doch der Waffenhersteller hat zur Überraschung seiner Kritiker seinen Kurs geändert. Eine neue Unternehmensleitung führte 2016 die sogenannte Grüne-Länder-Liste ein: Waffen werden nur noch an Nato- und an mit der Nato verbundene Staaten sowie an EU-Länder geliefert. 2018 wurde diese Liste zwar um acht aus Sicht Grässlins teils problematische Staaten erweitert, doch Exporte nach Brasilien nach der Wahl des rechtsnationalen Präsidenten Jair Bolsonaro und in das Nato-Land Türkei wurden ausgesetzt. „Bei den Kleinwaffen kommen wir voran“, bilanziert Grässlin, der seit 35 Jahren gegen Rüstungsexporte kämpft und früher auch schon mal von einem Mitarbeiter von Heckler und Koch gewarnt wurde, dass sein Telefon abgehört werde.

Weil Heckler und Koch inzwischen eine Aktiengesellschaft ist, haben Kritiker mit dem Besitz mindestens einer Aktie Zugang zu Hauptversammlungen. Mit dieser Methode hat sich Grässlin vor Jahren beim Daimler-Konzern Gehör und Respekt mit seinen Fragen verschafft, vergangene Woche saßen er und seine Mitstreiter in der Aktionärsversammlung von Heckler und Koch in Rottweil und ließen sich 120 Fragen etwa zu Waffenexporten beantworten.
Erstmals waren sogar Journalisten zugelassen. Grässlin attestiert dem Hausherrn einen fairen und höflichen Umgang. Vorstandschef Jens Bodo Koch lud seinen hartnäckigsten Kritiker sogar zu einem Bier ein. Er werde die Einladung nicht ausschlagen, sagt Grässlin. Seinen Kampf will der Freiburger aber unvermindert weiterführen, bis das Unternehmen auf friedliche Produkte umstellt. In der Versammlung forderten die Kritiker auch einen Opferfonds für durch G 3- und G 36-Gewehre Verstümmelte und Angehörige von Opfern wie Samiira Jama Elmi in Somalia. Eines will Grässlin aber nicht: den Ruin des Unternehmens. Denn der könnte dazu führen, dass sich US-Konzerne Teile der Produktion herauspicken. Damit wären alle Fortschritte beim Waffenexport zunichte gemacht.

Erfolge wie in Oberndorf erhofft sich das von Grässlin mitinitiierte Bündnis Aktion Aufschrei mit 152 Mitgliedsorganisationen langfristig auch gegen den weltweiten Waffenhandel. Auf der Internetseite http://www.gn-stat.org will das Bündnis Waffengeschäfte und ihre Folgen öffentlich machen. Die Seite richtet sich insbesondere an Journalisten, Whistleblower, Menschenrechts- und Friedensaktivisten. Zu lesen sind die Texte in sieben Sprachen.

Jürgen Grässlin, Bildquelle: www.friedenskooperative.de

Zuerst veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe von „Der Sonntag“ vom So, 21. Juli 2019

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