Tödliches Spiel

 In FEATURED, Politik

Auch Jahre nach den Maidan-Protesten besteht die Gefahr einer Eskalation des Ukraine-Konflikts. Auszug aus „Wir sind immer die Guten“. Ein gescheitertes Abkommen mit der EU führte vor genau fünf Jahren zu den Maidan-Protesten in der Ukraine und Europa – und damit in eine der gefährlichsten Krisen der vergangenen Jahrzehnte. In dem internationalen Bestseller „Wir sind immer die Guten“ schauten Mathias Bröckers und Paul Schreyer hinter die Kulissen eines politischen Spiels, das tödlicher Ernst geworden ist. Denn seit der Westen sich im Kampf mit Putins Russland um die Ukraine wähnt, werden auch in Deutschland längst vergessene Kriegsängste wieder wach. Fünf Jahre später analysieren Bröckers und Schreyer in der komplett überarbeiteten und erweiterten Neuauflage den historischen Hintergrund des Ukraine-Konflikts, die Rolle der Geopolitik und gehen der Frage nach, wer die wirklichen Akteure in diesem tödlichen Spiel sind und welche Interessen sie verfolgen. Hier ein Auszug aus der Neuauflage.  Mathias Bröckers, Paul Schreyer

Dass wir uns im Herbst 2014 mit dem Untertitel dieses Buchs der Fraktion der „Putinversteher“ zuordneten, war nicht einer besonderen Sympathie für den russischen Präsidenten geschuldet, sondern geschah als ironische und provokative Antwort auf die propagandistische Diskreditierung dieses Begriffs.

Ähnlich wie einst beim Erstarken der Frauenbewegung mit mackerhafter Attitüde als „Frauenversteher“ abgekanzelt wurde, wer die feministischen Argumente akzeptierte, so wurde im Zuge des Ukraine-Konflikts als „Putin-„ oder „Russland-Versteher“ abgemeiert, wer die Ansichten der russischen Seite ernst nahm.

Dieser dumpfen Einseitigkeit entgegenzuwirken, von der wir auch große Teile der etablierten Medien erfasst sahen, war der Anlass für dieses Buch. Und unser Outing als „Putinversteher“ die Antwort auf die Reduzierung dieses Konflikts auf den Kampf gegen einen gefährlichen, aggressiven, skrupellosen Mann – Wladimir Putin – und einen gegen dieses personifizierte Böse kämpfenden Westen, der nur hehre Ziele verfolgt.

Gegen diese des-informierende, anti-aufklärerische Vereinfachung richtete sich unser Buch – mit Informationen und Hintergrundanalysen, die uns für eine objektive sachliche Beurteilung unverzichtbar schienen, von der allgemeinen Berichterstattung aber ignoriert oder ausgespart wurden. Dass diese Leerstelle tatsächlich existierte – auch wenn sich die etablierten Medien von ARD und ZDF abwärts bis heute keiner Schuld bewusst sind –, bescherte „Wir sind die Guten“ den unerwarteten Erfolg von 20 Wochen in der Bestsellerliste und zehn Auflagen innerhalb eines Jahres. Und dies, obwohl sich diese etablierten Medien mit den Thesen und Analysen des Buchs kaum auseinandersetzten.

Dass der Widerspruch gegen unsere Analysen entweder ausblieb oder sehr oft unsachlich und unklar ausfiel – auf der Website zum Buch haben wir viele Rezensionen dokumentiert und kommentiert –, könnte als Beleg dafür betrachtet werden, dass unsere Argumente eben nicht so einfach zu widerlegen und damit vom Tisch zu wischen sind. Auch deshalb ist ein Update dieses Buchs zum fünften Jahrestag des regime change in der Ukraine sehr sinnvoll, denn die Argumente sind nach wie vor aktuell.

Außer mit den mittlerweile bekannt gewordenen neuen Informationen über die Scharfschützen auf dem Maidan und die Untersuchungen des MH17-Absturzes haben wir diese Neuauflage auch mit zusätzlichen Kapiteln über zwei Ereignisse erweitert, die seit dem ersten Erscheinen des Buchs den Konflikt des Westens mit Russland weiter angeheizt haben. Eines davon ist „Russiagate“ – also der Vorwurf, dass die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im November 2016 russischen Manipulationen zu verdanken wäre und Trump nichts anderes als eine „Marionette Putins“ (Hillary Clinton) sei.

Auch wenn bis heute trotz zweijähriger Untersuchung durch einen Sonderermittler des Kongresses keinerlei Beweise für solche Manipulationen oder irgendwelche Absprachen zwischen Trump und Putin vorliegen, kann die unterlegene demokratische Partei im Verein mit den US-Leitmedien von dieser stumpfen Speerspitze gegen Trump nicht ablassen. Der Schock über den unerwarteten Wahlsieg des Außenseiters sitzt offenbar so tief, dass eigenes Versagen als Ursache nicht zumutbar ist und ein Sündenbock gebraucht wird, dem man die Schuld zuschieben kann.

In ein solches Szenario scheint auch der Fall des im britischen Salisbury angeblich mit dem Kampfstoff „Nowitschok“ vergifteten Doppelagenten Sergei Skripal und seiner Tochter Julia zu passen, der im März 2018 zur Ausweisung von mehr als 100 russischen Diplomaten aus den EU-Staaten und den USA führte. Auch hier waren es nur Behauptungen der britischen Regierung und Fake News über die Herkunft des Gifts, die ausreichten, Russland die Schuld in die Schuhe zu schieben. Von Gerichten oder internationalen Behörden anerkannte Beweise für die Herkunft der Täter liegen bis heute nicht vor, von den Medien wird der „Fall Skripal“ aber nach wie vor als Beispiel eines „aggressiven Russlands“ vorgeführt und instrumentalisiert.

Trotz dieser massiven Suggestionen durch Regierungen und Medien bleibt die Bevölkerung davon aber erfreulich unbeeindruckt: In einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts vom April 2018 wünschten 94 Prozent der Deutschen gute Beziehungen zu Russland, nur 25 Prozent sehen in Russland den Hauptschuldigen für die Verschärfung des Ost-West-Konflikts, dagegen 50 Prozent die USA. Und auch bei der Frage, wer die größere Gefahr für den Weltfrieden darstelle, Trump oder Putin, liegt der US-Präsident mit 79 Prozent in der Ungunst der Deutschen weit vorne.

Dass die von den Großmedien und der Politik veröffentlichte Meinung und die öffentliche Meinung der Bevölkerung derart auseinanderklaffen, müsste entweder zur Entlassung sämtlicher Spin-Doktoren in Ministerien, Think-Tanks und Redaktionen führen, weil ihre Storys über Russland als Reich des Bösen beim Publikum nicht zünden, das mittlerweile nicht mehr schaudert, sondern eher lacht, wenn schon wieder unsichtbare „russische Hacker“ am Start gewesen sein sollen.

Oder aber die gesamte Berichterstattung und die Außenpolitik selbst müssten sich ändern, um diese Spaltung der Gesellschaft zu überwinden.

Frieden wird es in der Ukraine nur geben, wenn der Status quo der Krim als Teil der Russischen Föderation zumindest provisorisch anerkannt wird (wie einst die DDR von der BRD) und den abtrünnigen Ost-Provinzen der Ukraine ein ebenso provisorischer Autonomie-Status zugesprochen wird. Dies bedeutet freilich, den von USA, Nato und EU betriebenen regime change und den geostrategischen Plan, der die Übernahme des russischen Marine-Stützpunkts Sewastopol und Nato-Kontrolle über das Schwarze Meer vorsieht, als gescheitert zu akzeptieren. Ebenso wie den Versuch, durch eine Assoziation mit der EU den zollfreien Handel und Wandel der Ukraine mit Russland abzuschneiden.

Wer aus dem Bürgerkrieg in der Ukraine keinen globalen Konflikt machen will, muss an solchen Lösungen arbeiten, also die Ukraine nicht als nationalistisch-faschistoide Bastion gegen ein „Reich des Bösen“ im Osten aufbauen, sondern als blockfreien Brückenstaat zwischen Russland und der EU.

 

Mathias Bröckers, Paul Schreyer: „Wir sind immer die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“, Westend Verlag, Neuauflage 2019.

Anzeige von 2 kommentaren
  • Avatar
    The Godfather
    Antworten
    @…Auch wenn bis heute trotz zweijähriger Untersuchung durch einen Sonderermittler des Kongresses keinerlei Beweise für solche Manipulationen oder
    irgendwelche Absprachen zwischen Trump und Putin vorliegen, kann die unterlegene demokratische Partei im Verein mit den US-Leitmedien von dieser
    stumpfen Speerspitze gegen Trump nicht ablassen…

    .

    .

    Und das trotz der GLOBALEN ÜBERWACHUNG fast der Weltbevölkerung durch die SPEERSPITZE des „GUTEN WESTEN“, auch seiner VASALLEN.
    Schon allein diese Tatsache gibt einem einen Grund zu zweifeln.

    .

    ICH WEIß WAS ICH NICHT WEIß UND DARUM WEIß ICH WAS ICH GLAUBE…, ZU WISSEN.

    Gut das die Vasallen alles wissen!

    .

    Der Glaube versetzt manchmal Berge, bei den Vasallen ganze Kontinente.

  • Avatar
    heike
    Antworten
    Ich möchte an dieser Stelle (augrund eines geeigneteren anderen Artikels) noch einmal auf die Strategie der AfD in Sachsen hinweisen, die darin besteht, bis zur Landtagswahl im Herbst in der bundesweiten  Öffentlichkeit durch eine entsprechende Berichterstattung in den Medien (Zeitung, Rundfunk, Internet) den Eindruck zu erwecken, Rassismus und Faschismus in ihrer Partei seien ausgemerzt bzw. ihre Partei spiele in der Gesellschaft in Sachsen keine dominierende Rolle mehr, währenddessen intern und als Netzwerk und Verflechtung von Mensch zu Mensch  ihren Einfluss und ihre hierarchischen Strukturen (unter Nutzung von Abhängigkeitsverhältnissen) mehr und mehr aufzubauen.

    Und, um mal einen Begriff meines Vorkommentators aufzugreifen, die AfD in Sachsen und ihr Abschneiden  bei der sächsischen Landtgswahl soll die Speerspitze für den Einfall des Faschismus in Deutschland werden.

    Ich finde es grauenhaft und hoffe, den Menschen hier ist es möglich, dieses Vorhaben zu vereiteln.

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