Traumata heilen

 in FEATURED, Gesundheit/Psyche

Wer etwas Unerträgliches erlebt und dabei weder flüchten noch kämpfen kann, verfällt in eine Art Starre. Er spaltet die als unerträglich erlebten Gefühle ab. Vergeht dann einige Zeit, sind diese Gefühle für ihn nicht mehr zugänglich. Er geht „wie betäubt“ durchs leben, entwickelt scheinbar unerklärliche Krankheitsymptome, reagiert mit Stress und Ängsten oder flüchtet sich in tröstliche Traumwelten. Die Autorin, selbst Traumatherapeutin, zeigt einen Weg auf, um den verdrängten Schrecken zu bearbeiten. (Birgit Assel)

 

Prof. Dr. Franz Ruppert hat eine neue Form der Systemaufstellung entwickelt – die Traumaaufstellung. Im Mittelpunkt dieser Aufstellungsform stehen die traumatischen Ereignisse, die in einem Familiensystem passiert sind, ihre Auswirkungen auf das System und die sich daraus ergebenden Einzelschicksale. Mehr und mehr habe ich bemerkt, dass die Probleme, deretwegen die Menschen um therapeutische oder beraterische Hilfestellung nachsuchen, nahezu immer traumatische Ursprünge haben. Statt von Familienaufstellungen könnte man daher von Traumaaufstellungen sprechen, wenn die traumatischen Erfahrungen von Klienten in den Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit gerückt werden.“ (Ruppert 2007, S. 185 ff.)

Ich lernte die Aufstellungsmethode von Franz Ruppert das erste Mal auf dem Kongress für Systemaufstellungen 2002 in Würzburg kennen. Er arbeitete zu der Zeit mit den verschiedenen Gefühlsanteilen der Klienten, und er brauchte dafür noch sehr viele Repräsentanten. So verwirrend das Ganze damals auf mich wirkte, so blieb doch das Gefühl, hier geschieht etwas Wichtiges, etwas, was ich noch nicht kannte und auch nicht verstand.

Das war der Anfang für mich, dass ich die klassische Aufstellung, so wie ich sie gelernt hatte, immer mehr hinterfragte und ebenfalls neue Wege ging. Immer häufiger sah ich auch bei anderen Aufstellern, dass „Gefühle“ mit dazu gestellt wurden, wobei allerdings die Suche nach den richtigen „Ordnungen“ weiter im Vordergrund stand.

So sah auch meine Arbeit über 10 Jahre aus, obwohl ich in dieser Zeit immer flexibler wurde. Allmählich wurde mir bewusster, dass bei Menschen mit schlimmen Erfahrungen von Gewalt, Missbrauch und emotionaler Vernachlässigung durch das eigene Familiensystem, die Gefahr einer Retraumatisierung mit den Ritualen einer klassischen Aufstellung groß ist. Eine Retraumatisierung passiert, wenn der Aufstellungsleiter nicht erkennt, in welchem Gefühlsanteil sich der Klient befindet. Vielfach wird z. B. in einer klassischen Aufstellung davon ausgegangen, dass das „Nehmen der Eltern“ ein kraftvolles Ritual ist und den Klienten mit seinem Herkunftssystem aussöhnt. Steht der Klient jedoch mit seinen verletzten kindlichen Anteilen vor seinen „Eltern“ (Stellvertretern), die ihm Schlimmes angetan haben, so fühlt er sich häufig klein, ohnmächtig und hilflos. Wird der Klient in diesem Zustand zu seinen „Eltern“ geführt, dann werden alte Gefühlsmuster wie Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit reaktiviert, was einer typischen Trauma-Situation entspricht.

Klienten, die durch ihr Herkunftssystem traumatisiert wurden, sind nicht in Lage, ihre Eltern im Sinne einer klassischen Aufstellung „zu nehmen“. Hier gilt es, eine andere Lösung zu finden: Für sie ist es wichtig, sich aus dem System zurück zu ziehen, um sich aus den Verstrickungen in dieser Familie zu lösen. Ein Familiensystem, in dem sich die traumatischen Schicksale von Generation zu Generation in abgewandelter Form wiederholten, kann für ein traumatisiertes Kind keine Kraftressource sein, sondern ist eine permanente Quelle von Unfrieden in seiner Seele.

Ressourcen als Ausweg

Sätze wie: „Ich achte das Leben, das ich von Euch bekommen habe, und den Rest mache ich selbst“ oder der Satz von Robert Langlotz: „Ich achte das Leben, das ich von Euch bekommen habe, indem ich es vor Euch schütze“ (Langlotz R. 2006), brachten dem Klienten zwar eine gewisse Entlastung, ließen ihn aber zugleich erkennen, dass er aus seinem Herkunftssystem keine Kraft bekommen kann. Er fühlte sich in der Regel verlassen, einsam und ohne Halt. Als Aufstellerin bestand die Lösung für mich dann darin, Ressourcen für den Klienten aufzustellen. Das konnten  „Schutzengel“, die „Zukunft“, die „Liebe“, das „Leben“, die „Ahnen“, die „weibliche Kraft“, die „männliche Kraft“ usw. sein. Das funktionierte auch wunderbar – es ergaben sich kraftvolle und lösungsorientierte Aufstellungen. Der Klient war glücklich, nahm die Ressourcen mit in sein Leben, und es ging ihm eine Zeitlang gut. Kamen diese Klienten dann wieder zu einem Seminar, brauchte es wieder Ressourcen, es schien, als wenn diese mit der Zeit ihre Kraft verlieren würden, und es konnte nicht mehr auf sie zurückgegriffen werden. Dies stellte ich zwar durchgängig fest, konnte mir jedoch (noch) nicht erklären, womit es zusammenhing.

Erst durch den Erklärungsansatz von Franz Ruppert, der davon ausgeht, dass sich bei einem erlebten Trauma die Seele in einen gesunden Anteil, einen Überlebensanteil und einen Traumaanteil spaltet (siehe Abbildung 1), wurde mir deutlich, dass das „Überlebens-Ich“ die Ressourcen brauchte, um nicht mit dem „Trauma-Ich“ in  Berührung zu kommen. Für das „Überlebens-Ich“ ist die Spaltung die Lösung, und nicht das Problem (Ruppert 2007, S.41). Dieses „Überlebens-Ich“ verwendet alle Aufmerksamkeit und Energie darauf, dass traumatische Erinnerungen und bewusste Erfahrungen  nicht zusammen kommen.  Das „Überlebens-Ich“ lebt demnach in einer ständigen Überforderung und verbraucht seine ganze Kraft und Energie, um diese Spaltung aufrecht zu erhalten. Eine Klientin drückte es so aus: „ Es ist für mich so, als würden die Ressourcen nach einer Zeit in ein tiefes, dunkles Loch restlos eingesaugt, das nach mehr und mehr verlangt, ohne je satt werden zu können“. Das deutet daraufhin, dass die Ressourcen dem „Überlebens-Ich“ helfen, die Spaltung aufrecht zu erhalten, anstatt sie zu überwinden, doch aufgrund der „Kraftanstrengung“ auch schnell wieder „verbraucht“ sind. Franz Ruppert schreibt: „Der Körper wird durch ein Trauma zum Diener zweier Herren, als hätte ein Pferd zwei und mehr Reiter auf seinem Rücken. Die einen geben ihm die Sporen, die anderen reißen an den Zügeln.“ (a.a.O., S. 51)

Die seelische Spaltung nach einem Trauma und die Folgen

Bereits in einer früheren Veröffentlichung hat Franz Ruppert die Merkmale eines psychischen Traumas beschrieben (Ruppert 2005). Demnach werden in einer lebensbedrohlichen Situation die alten Gehirnregionen des Menschen – u.a. das limbische System – aktiviert, die für die Sicherung des Überlebens zuständig sind. Diese lösen automatische Überlebensreaktionen aus: Kampf- und Fluchtverhalten. Wenn Kampf oder Flucht unmöglich sind, so wie bei lebensbedrohlichen Gefahrensituationen, die über einen längeren Zeitraum hinweg anhalten, ruft das limbische System einen Erstarrungszustand hervor. Im Zustand der Erstarrung verändern sich dann die Realitäts- und Eigenwahrnehmungen: Jedes Angst- und Schmerzgefühl verschwindet. Ein Mensch, dem in diesem Zustand (auch tödliche)Verletzungen zugefügt werden, spürt kaum noch Schmerz. Bei diesem bemerkenswerten Mechanismus wird die Person in ein Überlebens-Ich und in ein Trauma-Ich (bezogen auf die Traumasituation) gespalten. Gelingt es der traumatisierten Person zu einem späteren Zeitpunkt nicht, die traumatischen Ereignisse seelisch zu verarbeiten, d.h. sich zu erinnern, zu verstehen, auch die abgespaltenen Gefühle wieder wahrzunehmen, bleibt die seelische Spaltung bestehen. Das heißt für den Betroffenen, dass es zu Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) kommen kann. Die PTBS können sich auf der körperlichen, auf der seelischen oder auf der geistigen Ebene zeigen.

Auf der körperlichen Ebene kann es für die traumatisierte Person zu ernsthaften Krankheiten kommen, weil wichtige Hinweise oder Symptome nicht rechtzeitig wahrgenommen werden, wie z. B. Schmerzen. Es findet kein rechtzeitiger Arztbesuch statt, weil Krankheitssymptome verdrängt oder verharmlost werden. Auf der anderen Seite können sich körperliche Symptome zeigen wie Migräne, Herzrhythmusstörungen, Rückenschmerzen usw., die das Leben der Betroffenen nachhaltig beeinträchtigen und eine Odyssee von Arztbesuchen nach sich ziehen, ohne dass die traumatischen Ursachen erkannt werden. Die Beschwerden werden dann meist hauptsächlich mit Medikamenten behandelt, ohne dass je eine wirkliche Besserung eintritt.

Auf der seelischen Ebene erleben  Menschen mit Traumaerfahrung  Panikgefühle, Verlassenheitsängste, inneren Stress, Existenzängste usw.. Ebenso ist es möglich, dass Illusionen aufgebaut werden von der eigenen Grandiosität, der eigenen Unverletzbarkeit, die dann für die Betroffenen zu einem erhöhten Risikoverhalten führen. Menschen, die sich immer wieder in lebensgefährliche Situationen bringen, versuchen auf diese Weise, das Trauma zu bewältigen, in dem Glauben, diesmal die Kontrolle zu behalten.

Auf der geistigen Ebene flüchten sich die Betroffenen in die Religion oder eine illusionäre Spiritualität. Gott, das „Höhere Selbst“, das „Universum“, ein „selbstgewählter Guru“, die „Höhere Macht“, „Engel“, „Geistführer“ usw. werden als Elternersatz oder kontrollierende Instanz über das eigene Schicksal benutzt. Diese Illusionen vermitteln das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden. Ebenfalls dienen sie zur Erklärung für die eigene Machtlosigkeit, in dem Glauben, dass es einen „größeren Plan“ gibt, der das eigene geistige und seelischen Potenzial weit überschreitet, worin alles einen Sinn und einen Platz habe, der aber von niemanden durchschaut werden könne.

Zu geistigen Verwirrungen kommt es in Beziehungen zu Menschen, wenn nicht unterschieden werden kann, ob ich angelogen werde oder mir die Wahrheit gesagt wird, weil kein klares Gefühl für Recht oder Unrecht entwickelt werden konnte. Das geht soweit, dass gewalttätiges Verhalten gerechtfertigt, sexueller Missbrauch als nicht schlimm empfunden wird, Vergewaltigungen als „Kavaliersdelikt“ behandelt werden. Schlimmstenfalls werden die Betroffenen psychotisch, weil jegliche Orientierung fehlt: Wahrheit und Lüge, Illusion und Wirklichkeit können nicht mehr auseinander gehalten werden. Daher wirken sich Traumata immer auf Beziehungen aus: auf freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen oder auch auf die Beziehung von Eltern zu ihren Kindern sowie auf größere soziale Einheiten.  Franz Ruppert schreibt: „Ein Trauma ist in den meisten Fällen ein soziales Ereignis. Trauma und Bindungsprozesse sind in der menschlichen Seele untrennbar miteinander verwoben.“ (Ruppert 2007, S. 56).

Die vier Arten von Traumata und ihre Folgen

Bereits in den „Verwirrten Seelen“ unterscheidet Franz Ruppert vier Arten von Traumata (Ruppert 2002, S. 130):

  • Beim Existenztrauma geht es um lebensbedrohliche Situationen, bei denen unmittelbar Todesgefahr und Todesangst erlebt wird.
  • Ein Verlusttrauma entsteht vor allem beim plötzlichen Tod eines nahe stehenden Menschen, zu dem eine intensive emotionale Bindung besteht.
  • Ein Bindungstrauma entsteht, wenn das Urbedürfnis eines Kindes nach emotionaler Bindung, also nach Liebe, Halt und Geborgenheit von den Eltern nicht erfüllt wird, und es für das Kind völlig unmöglich ist, eine sichere Bindung an seine Eltern zu erreichen, und sich die Eltern zudem dem Kind gegenüber abweisend, ablehnend bis missbrauchend verhalten.
  • Ein Bindungssystemtrauma entsteht, wenn ein ganzes Familiensystem, eine soziale Gruppe oder ein Gesellschaftssystem unter dem Einfluss von traumatischen Ereignissen steht, die von Mitgliedern des Systems verursacht werden. Dazu gehören z. B. Mord, extreme Gewalt, Inzest. Dabei können sich auch die unschuldigen Mitglieder dieser Systeme nicht aus dem System herausziehen, da sie von ihm abhängig sind.

Fallbeispiele aus meiner Praxis für die vier Traumaarten

Nachfolgend schildere ich Fallbeispiele aus meiner Praxis. Anhand der verschiedenen Traumata wird deutlich, worin sie sich in ihrem Erleben und auch in ihren Folgen für die Betroffenen unterscheiden.

Fallbeispiel für ein Existenztrauma:

 Mit 21 Jahren erlebt ein Mann einen nicht selbstverschuldeten schweren Motorradunfall:

„Ich sah die Situation auf mich zukommen und wusste, ich habe keine Chance. Es gab kein Ausweichen, nichts hätte von meiner Seite den Unfall verhindern können. Als ich das erkannte, passierte etwas sehr Eigentümliches mit mir. Ich wurde ganz ruhig, da waren keine Gefühle mehr, keine Angst, keine Panik, einfach nichts mehr. Es war, als wenn ich schon tot sei, mir war alles egal, und im nächsten Moment krachte es auch schon. Als ich aufwachte, war ich ganz erstaunt, und neben mir standen die Rettungssanitäter. Die erste Frage, die ich stellte, war, ob mein Motorrad etwas abbekommen habe. Meine Verlobte, die auf dem Soziussitz saß, hatte ich völlig vergessen. Dafür schäme ich mich heute noch. Ich kann mir meine Reaktion nicht erklären. Erst als ich eine Stimme rufen hörte: „Hier liegt noch jemand“, fiel sie mir wieder ein. Mein unteres linkes Bein war nur noch „Matsch“, doch ich spürte keinen Schmerz. Im Krankenhaus sagten mir die Ärzte, dass sie amputieren müssen, wenn ich den nächsten Tag überleben will. Meine Antwort: „Dann ab damit“. Seit diesem Unfall habe ich keine Angst mehr und schon gar nicht vor dem Tod. Wäre ich damals nicht wieder aufgewacht, hätte ich gar nicht gewusst, wie ich vom Leben zum Tod befördert wurde.“

Dieser Mann hat nach diesem Unfall kaum noch Gefühle für Angst, Gefahren und Schmerzen. Als sich viele Jahre später bei ihm eine Gesichtsrose entwickelte, glaube er, es sei ein Sonnenbrand. Genauso geht er immer wieder über seine eigenen körperlichen Grenzen, hält sich für unverwundbar und hat keinerlei Verständnis für Menschen mit Ängsten, Schmerzen oder Schwächen.

Das ist eine Möglichkeit, wie sich die „seelische Spaltung“ nach einem Existenztrauma auswirkt. Die Spaltung verhindert ein angemessenes Reagieren auf bestimmte Situationen. Der „Überlebensanteil“ will nie wieder die Kontrolle über ein Ereignis verlieren und begibt sich in Situationen, in denen „er“ glaubt, die Kontrolle zu haben. Hinzu kommt bei diesem Mann noch eine erhöhte Aggressivität und teilweise ein rechthaberisches Verhalten.

Fallbeispiel für ein Verlusttrauma:

Das Kind einer jungen Mutter stirbt mit 19 Monaten an Krebs. Vor dem Tod verbesserte sich der Krankheitszustand des Kindes erheblich, so dass es sogar einige Wochen zu Hause verbringen konnte, und die Familie war voller Hoffnung, dass der Krebs überwunden werden könne. Plötzlich und unerwartet verschlechterte sich der Zustand des Kindes, es musste wieder ins Krankenhaus und starb wenige Tage später in den Armen des Vaters. Die Mutter sagte: „ Ich konnte meinen Sohn nicht halten, ihn nicht anfassen, ich war wie erstarrt. Konnte einfach nicht glauben, dass er tot ist. Alles war so unwirklich. Ich konnte nichts fühlen, ließ alles über mich ergehen. Dieser Zustand hielt mehrere Tage an, ich war überhaupt nicht zurechnungsfähig. Am Tag der Beerdigung sah ich die vielen Menschen, meine beiden lebenden Kinder, meinen Mann, meine Eltern und den kleinen Sarg. Sie weinten, ich konnte nicht verstehen warum. Mir kam es vor, als ob ich in einem Film sei, fast hätte ich einen „Lachflash“ bekommen, so absurd kam mir die ganze Situation vor. Heute denke ich, was mögen die Leute nur von mir gedachte haben. Ich habe nicht eine einzige Träne in diesen Tagen vergossen und musste mir das Lachen verbeißen.“

Wochen später traf sie die Realität mit unglaublicher Härte. Sie hatte körperliche und seelische Schmerzen, die kaum erträglich für sie waren. Sie entwickelte irrationale Ängste, geriet jedes Mal in Panik und Entsetzen, wenn eines ihrer lebenden Kinder kleinste Krankheitskrankheitsanzeichen hatte, konnte nicht mit ihnen zum Kinderarzt gehen und war auch nicht in der Lage, ihre Kinder emotional zu versorgen. Um den Schmerz zu ertragen, flüchtete sie sich in eine „Illusion“ und war der Überzeugung, dass ihr Sohn nur körperlich gestorben sei, doch seine „Seele“ noch bei ihr sei. Sie verbrachte täglich viele Stunden in dem Kinderzimmer von ihrem Sohn, um in Kontakt mit ihm zu kommen. Sie war der festen Überzeugung, „Zeichen“ von ihm zu bekommen, sei es nun ein Schmetterling, der sich zufällig in das Zimmer verirrt hatte, oder den „Geruch ihres Sohnes“, den sie glaubte plötzlich wahrzunehmen. Einen Windhauch, der die Gardine bewegte, hielt sie für einen Beweis, dass ihr kleiner Sohn noch bei ihr wäre, wenn auch auf einer anderen „Ebene“, zu der wir Menschen einfach noch keinen Zugang hätten.

Die Folgen einer „Spaltung“ bei einem „Verlusttrauma“ sind anders als bei einem Existenztrauma. Bei einem „Verlusttrauma“ gab es zu der verstorbenen Person eine innige seelische Verbindung. Verliert eine Mutter ihr Kind, wird in der Regel ihr ganzes „Weltbild“ erschüttert. Die Spaltung bewirkt, dass der Tod des Kindes nicht akzeptiert wird. Er kann und darf nicht von dem Überlebensanteil realisiert werden, weil dann die Gefahr besteht, einfach „hinterhersterben“ zu wollen. Im täglichen Leben wird diese Frau immer wieder mit dem Verlust ihres Kindes konfrontiert: Das leere Kinderzimmer, die unbenutzten Spielsachen, die nicht getragenen Kleider usw. Um diesen unerträglichen Schmerz zu ertragen und sich nicht selbst umzubringen, bleibt ihr nur die Flucht in Illusionen. Ein „Verlusttrauma“ braucht Zeit. Tränen, Wut, die Flucht in Illusionen sind Verarbeitungsmechanismen, um irgendwann den Tod zu akzeptieren. Trauernde Menschen fühlen sich häufig ausgeschlossen, da es keinen „Raum“ für sie gibt. Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen ziehen sich zurück, weil sie häufig nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Die Betroffenen merken das und ziehen sich ebenfalls zurück. Menschen mit einem Verlusttrauma haben gute Chancen, die Spaltung zu überwinden, wenn sie in einem sozialen Umfeld leben, das gelernt hat, mit Trauer umzugehen, das unterstützt und hilft. Die Spaltung bleibt bestehen, wenn die Person in Trauer, im Schmerz, im Vorwurf, in der Wut und/oder in der Weigerung, den Tod zu akzeptieren, verharrt.

Wobei ich hier differenzieren möchte, dass es einen Unterschied macht, ob es sich um den Tod von Eltern erwachsener Menschen, eines Partners, Freundes oder eines Kindes handelt. Am schwersten betroffen sind kleine Kinder, die einen oder beide Elternteile verlieren, oder Eltern, die ein Kind verlieren. Hier können „Illusionen“ lebensrettend sein, z.B. ein Kind, das fest daran glaubt, dass die Mami oder der Papi wieder kommen, oder Eltern, die fest daran glauben, dass die seelische Verbindung niemals abreißen kann, und sie immer noch Kontakt zu ihrem verstorbenen Kind haben. Illusionen können eine Zeitlang helfen, das eigene Leben zu bewältigen. Bei erwachsenen Menschen, die den Verlust der Eltern nicht überwinden oder den Tod des Partners nach einer Zeit der Trauer nicht verarbeiten können, ist davon auszugehen, dass es sich um die Folgen eines „Bindungstraumas“ handelt.

Fallbeispiel für ein Bindungstrauma:

Eine Frau wird durch eine Vergewaltigung durch den eigenen Ehemann schwanger. Sie lehnt dieses Kind schon in der Schwangerschaft ab und versucht, das Kind mehrfach abzutreiben. Nach der Geburt verweigert das Kind die Nahrung der Mutter und verhungert fast. Dieses Kind wird zur „Prinzessin“ des Vaters, der sie auch für seine sexuellen Bedürfnisse benutzt.

Von der Mutter abgelehnt und vom Vater über „alles“ geliebt, kann dieses Kind keine Identität und keine Gefühle für die eigenen Bedürfnisse entwickeln. Egal wie lieb und brav sie zur Mutter ist, sie hat keine Chance, deren Zuneigung zu erlangen. Die Mutter bleibt ihr gegenüber kühl und emotionslos. Sie sagt: „So sehr ich mich auch anstrengte, nichts konnte ich meiner Mutter recht machen. Das ging bis zu ihrem Tode so. Ich habe nie aufgehört, um ihre Liebe zu kämpfen. Im Alter habe ich sie gepflegt, mich um sie gekümmert, fast bist zur Selbstaufgabe. Immer dachte ich, mit mir stimmt was nicht, ich bin nicht richtig. Von meinem Vater bekam ich die Nähe und Zärtlichkeit, nach der ich mich so sehnte, doch dafür habe ich einen hohen Preis bezahlt, der mir erst heute so richtig bewusst wird. Ich habe über 20 Jahre eine lieblose Ehe geführt und mit meinem Mann die Geschichte meiner Mutter wiederholt. Ich wollte von ihm geliebt werden, doch er hat mich immer mehr von sich geschoben. Er konnte nicht einmal das Essen, das ich für ihn kochte, annehmen. Ich wurde im Laufe der Zeit immer dicker und dicker. Heute mit 60 Jahren bin ich stark übergewichtig, sehne mich nach einer liebenvollen Partnerschaft und treffe immer nur Männer, die mich sexuell benutzen. Es heißt, ich müsse lernen, mich selbst zu lieben…Doch wenn ich in den Spiegel schaue, dann ekle ich mich vor mir selbst.“

Die Mutter dieser Frau konnte durch die Vergewaltigung keine Bindung zu ihrer Tochter aufbauen. Sie war nicht in der Lage, ihrem Kind die notwenige Liebe, den Halt und die Geborgenheit zu geben, auf die kleine Kinder so dringend angewiesen sind. Die Tochter hatte keine Erklärung für diese emotionale Kälte und kam zu der Überzeugung, es sei ihre Schuld. Somit schuf sie sich die Illusion, wenn sie nur „besonders brav sei“, könne sie doch noch die Liebe der Mutter erlangen. Erschwerend kommt hinzu, dass die „Liebe“ vom Vater sexualisiert wurde, ohne dass die Tochter das hätte einordnen können und nur verwirrende Gefühle in ihr entstanden. Mit ihrem „Überlebensanteil“ schuf sie sich eine blendende Karriere, studierte und hatte große Erfolge in ihrem Beruf und auch Anerkennung und Ansehen. Emotional blieb sie kindlich und bedürftig, was zu großen Beziehungsschwierigkeiten auch innerhalb von Freundschaften führte. Ihre Erwartungen, endlich geliebt zu werden, wenn sie nur genug gibt, haben sich nicht erfüllt. Häufig bekam sie Ablehnung und Zurückweisung, wurde ausgebeutet, was sie in ihrem Selbstbild, „wertlos“ zu sein, bestätigte.

Fallbeispiel für ein Bindungssystemtrauma:

Eine Frau leidet seit Jahren unter schweren körperlichen Schmerzen. Kein Arzt ist in der Lage, auf der rein körperlichen Ebene eine Diagnose zustellen. Diese Frau hat eine Odyssee von Arztbesuchen, Psychotherapien bis hin zu psychosomatischen Klinikaufenthalten hinter sich, da sie zeitweilig auch suizidale Gedanken hatte.

Sie erzählt: „Mein Vater hat sich freiwillig mit 17 Jahren als Scharfschütze an die Front gemeldet. Er hat sich immer mit seinen Taten im Krieg gerühmt, und auch wir hatten immer Waffen zu Hause. Meine Mutter war eine dumme Frau, sie hat sich von meinem Vater unterdrücken lassen und nicht wahrhaben wollen, dass meine Schwester von ihm sexuell missbraucht wurde. Heute weiß ich, dass er mich auch sexuell missbraucht hat. Ich habe meiner Mutter das von meiner Schwester erzählt, doch sie hat mir nicht geglaubt. Mein Großvater missbrauchte meine Halbschwester, die bei meinen Großeltern aufwuchs. Als mein Vater die Sache mit meiner Halbschwester aufdeckte, kassierte er Schweigegeld von meinem Großvater. Doch meinen Großvater habe ich geliebt. Er war der Einzige, zu dem ich eine emotionale Beziehung hatte. Es war furchtbar für mich, als er starb. Mein Vater war sehr gewalttätig und meine Mutter auch. Ich hatte permanent Angst vor meinen Eltern.

Sie waren für mich völlig unberechenbar. In den Therapien, die ich machte, wollte niemand wirklich etwas von dem sexuellen Missbrauch hören und schon gar nicht mit mir aufdeckend arbeiten. Bis auf eine Therapeutin, die mir endlich glaubte.

Mein Sohn ist psychotisch, und ich habe seit Jahren keinen Kontakt zu ihm. Er sagte, nur ich könne ihn von dem „Wahnsinn“ und den „inneren Stimmen“ befreien, doch ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Und als ich ihm das sagte, hat er den Kontakt zu mir abgebrochen. Ich muss für ihn finanziell aufkommen, da er sich nicht alleine versorgen kann. Meine Mutter ist tot, mein Vater lebt noch, ich hasse beide. Ich habe innere Bilder, wie meine Mutter versuchte mich umzubringen. Überhaupt träume ich viel – manchmal richtige Albträume – und ich wache schweißgebadet auf. Die Träume offenbarten mir, dass die Wirklichkeit noch viel grausamer war, als mein bewusstes Erinnern zuließ. Meine Schwestern wollen keinen Kontakt mit mir, die halten mich für verrückt. Zu dem emotionalen Chaos kommen die wahnsinnigen Schmerzen am ganzen Körper. Ich will keine Tabletten nehmen. Meine Mutter war tablettenabhängig, und ich will nicht auch „abhängig“ werden. Ich brauche Klarheit für mich und meinen Sohn. Wenn diese körperlichen Schmerzen nicht aufhören, dann will ich nicht mehr leben. Doch ich gebe die Hoffnung nicht auf und träume auch noch von einer liebevollen Partnerschaft.“

Diese Schilderung zeigt, welcher Irrsinn durch ein Bindungssystemtrauma entsteht. Für diese Frau gab es in Ihrem System keine Orientierung, kein Bewusstsein für Recht oder Unrecht, für Wahrheit oder Lüge. Nur durch Ihre Träume, ihrer seelischen und körperlichen Symptomatik, wurde Ihr nach und nach bewusst, welche Grausamkeiten sie durch ihre Eltern erfahren hat, und sie ist sich ziemlich sicher, dass sie immer noch nicht die ganze Wahrheit weiß. Aber auch schon der Weg bis hierhin war für die Betroffene ein langwieriger Prozess. Die Stufen gingen von Nicht-Wissen, über Ahnen, Zweifeln und Nicht-Wahrhaben-Wollen, bis zur Verdichtung der Hinweise, die schließlich zum langsamen Erinnern und zur klaren Gewissheit führten.

Typisch für ein Bindungssystemtrauma sind auch Kontaktabbrüche zu engsten Familienangehörigen, „wenn zum Beispiel Geschwister oder Kinder Nachforschungen zu der Familiengeschichte oder der eigenen Biographie anstellen“ (Ruppert, 2007, S. 109). Bei dem von mir geschilderten Fall haben die Geschwister der Frau den Kontakt zu ihr abgebrochen.

Aus einem Bindungstrauma wird ein Bindungssystemtrauma, wenn Familien, soziale Gruppen oder ganze Gesellschaftssysteme unter dem Einfluss von Traumata stehen. Wenn Menschen, die in einem bindungstraumatisierten System herangewachsen sind, wie z. B. Adolf Hitler, und wenn so eine Person es zu einer politischen Machtposition bringt, dann hat das grausame Folgen für ein ganzes Volk (Ruppert 2002, S. 388ff.). Aufgrund der zu dieser Zeit vorherrschenden „schwarzen Pädagogik“ gab es genügend Menschen mit Bindungstraumata. Aufgrund der daraus entstandenen Spaltungen leben die Menschen in derartigen Systemen so zusammen, dass nur noch ihre Überlebens-Anteile miteinander agieren. In solchen Systemen ereignen sich Dinge wie Inzest, Vernachlässigung, Mord, Folter u.ä. von Kindern, von Familien- und/oder von Gruppenmitgliedern. „Das Gewissen eines Täters funktioniert nicht mehr, weil alle Gefühle, die dafür notwendig wären, abgespaltet sind. Das Überlebens-Ich hat keines seiner grundlegenden Gefühle mehr für die realistische Einschätzung von Erlaubtem und Nichterlaubte zur Verfügung.“ (Ruppert 2007, S. 108), Angst, Hass, Gefühlskälte, Schuld- und Schamgefühle sind die vorherrschenden Gefühle, die aus solchen Traumasituationen immer wieder neu entstehen.

Bindungstrauma, Bindungssystemtrauma in Beziehung zu „Gestern“ „Heute“ und „Morgen“

Als ich anfing, mit den Traumaaufstellungen nach Franz Ruppert zu arbeiten, konnte ich zunächst nur schwer glauben, was sich zeigte. Doch dadurch, dass ich mich als Leiterin zurücknahm, in die Aufstellung nicht mehr eingriff, den Stellvertretern keine „Lösungen“ anbot, keine Plätze veränderte, sondern gemeinsam mit dem Klienten die Aufstellung sich entwickeln ließ, zeigte sich eine „Wirklichkeit“, die oftmals die Grenzen meiner Vorstellungskraft überschritt. Gewalt, sexueller Missbrauch, emotionale Verwahrlosung, Mord sind die Regel und nicht, wie vielfach – von unseren Überlebens-Ich-Anteilen – angenommen wird, die Ausnahme.

Eine Mutter, die selbst sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebte und nur noch in ihrem Überlebens-Anteil lebt, kann ihre Kinder nicht schützen, weil sie es nicht als schlimm empfindet, wenn ihre Kinder dasselbe erleiden. So sagte eine Mutter in einer Aufstellung ihrer Tochter, die vom Vater missbraucht wurde, in voller Überzeugung: „Sie solle sich nicht so anstellen, das wäre doch völlig normal“.

Franz Ruppert schreibt: „Wenn Frauen und Männer mit ihren Spaltungen so zusammenleben, dass sie sich abwechselnd bekämpfen und süchtig aneinanderklammern und nur noch in ihren Überlebens-Ich Strategien funktionieren, bleibt es nicht aus, dass sie Dinge tun, die selbst in einem von Traumata durchzogenen und emotional betäubten sozialen Milieu nicht mehr als normal definiert werden können wie z.B. Inzest mit dem eigenem Vater oder der eigenen Mutter, Geschlechtsverkehr mit anderen Verwandten oder Geschwistern, zahllosen Abtreibungen auch in späten Schwangerschaftsmonaten, Töten von Kindern nach der Geburt, als Unfälle getarnte Tötungen von älteren Kindern oder heimliches Weggeben von Kindern aus Inzestbeziehungen in Heime oder zur Adoption.“ (Ruppert 2007, S. 106)

Ein Blick in die „Geschichte der Kindheit“ könnte helfen zu verstehen, was wir heute fast täglich in den Zeitungen lesen: Neugeborene, die tot in Mülltonnen gefunden werden, Säuglinge, die ausgesetzt werden, Kinder die misshandelt und sexuell ausgebeutet werden, Kinder die verhungern und verdursten, Sozialpädagogen und Jugendamtsmitarbeiter, die trotz Betreuung der Familien, nichts gehört und gesehen haben wollen usw.. Kinder wurden in der Vergangenheit, und das über Generationen, geschlagen, missbraucht, ausgesetzt und getötet. Weder in der Antike, wo sexueller Missbrauch zur Normalität gehörte, noch im Mittelalter oder im Bürgertum hatten Kinder den Schutz und die Geborgenheit, den sie für ihre Entwicklung brauchten. Die großen Erziehungspädagogen der Aufklärung, wie Kant, Rousseau und Locke verbreiteten Erziehungsschriften und Erziehungsmaßnahmen, die auch heute noch bei vielen Eltern aktuell sind oder eine „Neuauflage“ erfahren. Liest man die Biographien dieser drei großen Philosophen unter dem Aspekt „Kindheitstrauma“ wird einem so manches deutlich. Weder Kant noch Locke hatten eigene Kinder und Rousseau hat seine fünf Kinder in einem Findelheim abgegeben.

Aufgrund der eigenen Kindheitsgeschichte sind heute viele Eltern verunsichert, sie sind oftmals nicht in der Lage, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen, während der häufig unbewusste Anspruch an die Kinder gestellt wird, die eigenen kindlichen Bedürfnisse nach möglichst bedingungsloser Liebe zu erfüllen. Die Kinder fühlen sich zu Recht überfordert und widersetzen sich dieser Forderung und gelten als „hyperaktiv, tyrannisch und schwererziehbar“.

Die „Supernannis“ sollen den Eltern von Heute helfen, mit ihrem „tyrannischen“ Nachwuchs klar zu kommen. Es gehört Mut dazu, sich seiner eigenen „Kindheitsgeschichte“ zuzuwenden, weil das bedeuten kann, sich aus dem eigenem Herkunftssystem zurückzuziehen. Um Klarheit und Vertrauen für sich selbst zu bekommen, ist es notwendig, die Eltern, trotz ihres schweren Schicksals, voll in die Verantwortung zu nehmen. Als Kind kann das nicht gelingen, als erwachsene Person schon. Was nicht heißen soll im Vorwurf zu verharren, sondern der eigenen Gefühlswelt Glauben zu schenken, sie ernst zu nehmen, genauso wie wir es als Kind empfunden haben.  Solange wir lieber den „Supernannis“ und den zweifelhaften Erziehungsratgebern Vertrauen schenken, werden wir weitere bindungstraumatisierte Kinder großziehen, die sich dann einen ebenfalls bindungtraumatisierten Partner suchen. Das „Spiel“ geht von vorne los – und zwar in einer Abwärtsspirale nach unten.

Der amerikanische Psychohistoriker Lloyd deMause beginnt die von ihm 1974 veranlasste Untersuchung zur „psychogenetischen Geschichte der Kindheit“ mit den Worten: „Die Geschichte der Kindheit ist ein Albtraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell misshandelt wurden.“ (deMause 1980, S. 12)

Lenore Terr schreibt in ihrem Buch „Schreckliches Vergessen, heilsames Erinnern“: „Ein erlebtes Trauma wird oft zum inneren Wiederholungszwang. Erst wenn traumatische Erfahrungen ans Licht kommen dürfen, findet Heilung statt.“ (Terr 1995)

Die Traumaaufstellung nach Franz Ruppert liefert zum Sichtbarmachen von wirklichen Kindheitsgeschichten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag – aus meiner Sicht und meiner Erfahrung behaupte ich sogar, den wertvollsten und wichtigsten Ansatz, den es zurzeit in der Traumatherapie gibt. Weil er beide Seiten im Blick hat: Das Trauma im familiären Bindungssystem und das dadurch erzeugte individuelle Trauma. Das ist neu, und diese Einsicht hat es in dieser Klarheit, jedenfalls so viel ich weiß, bisher noch nicht gegeben.

Die Traumaaufstellungen gleichen einem Zeugen. Sie bringen die „geistigen“ und emotionalen Verwirrungen, den Irrsinn, die Wahnvorstellungen, die Illusionen menschlichen Zusammenlebens ans Licht und helfen dem Klienten, Schritt für Schritt zu mehr Klarheit. Er kann erkennen, dass das, was ihm passiert ist, nicht „normal“ ist. Er lernt, seinen eigenen Gefühlen Stück für Stück wieder zu vertrauen, lernt Recht von Unrecht zu unterscheiden.

Die Traumaaufstellung

Das Anliegen des Klienten ist der zentrale Punkt der Aufstellung. Franz Ruppert arbeitet mit den „Persönlichkeitsanteilen“ oder auch mit verschiedenen „Ich-Anteilen“. So zeigen sich in der Aufstellung die „Überlebens-Anteile“, die „Trauma-Anteile“ und die „gesunden Anteile“. Die aufgestellten „Anteile“ können sich im Kontext der Traumaaufstellung völlig frei bewegen und äußern. Den Stellvertretern werden keinerlei Vorgaben gemacht, weder wird zensiert noch eingegriffen oder Positionen verändert. So steht nicht die Mutter oder der Vater des Klienten in der Aufstellung, sondern „Ich-Anteile“ dieser Personen. Das heißt, dass eine „Mutter“ möglicherweise dreimal im System steht, auch der Klient selbst steht mit seinen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen in der Aufstellung.

Die „Überlebens-Anteile“ zeigen sich in der Regel gut funktionierend, sind häufig kontrollierend, machen sich Illusionen und haben keinen Kontakt zu den „Trauma-Anteilen“. Die „Trauma-Anteile“ zeigen sich häufig erstarrt, hilflos, ohnmächtig, in sich zusammengesunken. Die „gesunden Anteile“ können Mitgefühl zeigen – sie äußern häufig Schmerz, Trauer oder auch Wut.

Was so sichtbar wird, sind die Spaltungen, die symbiotischen Verstrickungen, die nach einem traumatischen Ereignis passieren können. So zeigte sich z.B. in einer Aufstellung, in der es um Missbrauch durch den eigenen Vater ging, dass ein Anteil der Klientin sich dem Vater anbot, bereit war, alles für ihn zu tun, um seine Liebe zu bekommen. Ein anderer Anteil der Klientin hockte völlig abwesend, in sich zusammengesunken in einer Ecke, und noch ein anderer Anteil wollte sich umbringen, um dem Irrsinn zu entkommen. Bei dem Vater wurde sichtbar, dass ein Anteil von ihm die Klientin zur Erfüllung seiner Bedürfnisse brauchte, ein anderer Anteil wehrte sich dagegen, wollte die Klientin loswerden. Dadurch, dass die Stellvertreter frei agieren konnten, wurde die Spaltung im Außen sichtbar. Die Klientin konnte erkennen, dass ein Anteil alles für ihren Vater tun würde, um nicht mit dem Schmerz, dem Verrat, der Trauer und der Verwirrung in Berührung zu kommen. Hier war dann auch ein erster Schritt der, wie Franz Ruppert es nennt, „inneren Heilung“ möglich, indem der traumatisierte kindliche Anteil wahrgenommen wurde, und die Klientin ein Mitgefühl für sich selbst und ihre innere Zerissenheit bekam.

Für Franz Ruppert ist es wichtig, dass der Klient verstehen kann, wie es zu einer seelischen Spaltung gekommen ist, um den Zusammenhang zwischen dem erlebten Trauma und seiner Lebenssituation zu fühlen und zu erkennen. Das Hauptziel seiner therapeutischen Arbeit ist die Auflösung der seelischen Spaltung, um einen Halt in sich selbst zu finden. Wichtig ist, dass der Klient sich erinnert und erkennt, dass das, was passiert ist, schlimm war, damit er Mitgefühl für sich und seinen seelischen Verletzungen bekommt. Dieses Mitgefühl ist nicht zu verwechseln mit Selbstmitleid, sondern es handelt sich um ein liebevolles Gefühl getragen von Selbstliebe und Verständnis. Gelingt dieser Zugang werden keine Illusionen mehr gebraucht, auch keine positiven Affirmationen oder was das Überlebens-Ich sonst noch für „Tricks“ anwendet, um sich selbst immer wieder zu bestätigen, weil es kein wirkliches Vertrauen in sich selbst hat und durch die seelische Spaltung auch nicht haben kann. Mit dem Annehmen und Anerkennen der eigenen Traumata kann das Trauma dann eines Tages auch vorbei und Vergangenheit sein.

Die gesunden seelischen Strukturen

In den von mir geschilderten Fällen beschreibe ich die Reaktionen der „Überlebensanteile“. Die „Traumaanteile“ verbleiben häufig wie „eingefroren“ in der Traumaasituation. Sie können sich nicht weiterentwickeln, bleiben ohnmächtig, hilflos, erstarrt und sind so dem Leben entzogen. Sie machen sich bemerkbar durch sogenannte Trigger oder auch Schlüsselreize. Das können Gerüche, Geräusche, Gesten usw. sein, die die Erinnerung an das Trauma wecken, und zwar so, als ob die Traumasituation gerade in diesem Moment wieder geschieht, d. h. die betroffene Person ist dann in dem gleichen seelischen Zustand, wie in der Traumasituation. (siehe Ruppert 2007, S. 35)

Franz Ruppert geht davon aus, dass die gesunden Ich-Anteile bei Menschen mit traumatischem Hintergrund durch die traumatischen Erfahrungen nicht zerstört werden. Sie bestehen aus den seelisch gut integrierten Strukturen, die bis zu dem Zeitpunkt der Traumatisierung aufgebaut werden konnten und auch nach oder trotz der Traumatisierung noch aufgebaut werden können. Es gibt eine gesunde Wut, die hilft, anderen gegenüber Grenzen zu setzen und die eigenen Interessen zu vertreten. Es gibt eine gesunde Angst, die vor realen Gefahren warnt. Es gibt die gesunde Liebe, die zugewandt und nicht besitzergreifend ist. Es gibt die gesunde Trauer, die heftigen Schmerz zum Ausdruck bringen kann. Es gibt gesunde Schamgefühle, die das soziale oder sexuelle Verhalten für andere Menschen zuträglich machen. Die gesunden Ich-Anteile sind authentisch, echt, ehrlich, respektvoll und wahrhaftig. (siehe Ruppert 2007, S. 32)

Für den therapeutischen Prozess sind die gesunden Ich-Anteile von großer Wichtigkeit, weil sie in der Lage sind, anzuerkennen das die seelische Spaltung ein wichtiger Überlebensmechanismus ist, der weder verhindert und in der Regel nicht ohne Hilfe wieder rückgängig gemacht werden kann. Sie erkennen die Illusionen, die sich die Überlebens-Anteile aufgebaut haben und können sich liebevoll und mitfühlend den Traumaanteilen zu wenden. Diesen Prozess bezeichnet Franz Ruppert als Weg zu einer „inneren Heilung“.

 

Dieser Artikel ist ursprünglich 2009 in der Zeitschrift „Praxis für Systemaufstellungen“ erschienen.

 

Literatur:

Ruppert, F. (2002). Verwirrte Seelen. Der verborgene Sinn von Psychosen. Grundzüge einer systemischen Psychotraumatologie. München: Kösel Verlag.

Ruppert, F. (2005). Trauma, Bindung und Familienstellen. Seelische Verletzungen verstehen und heilen. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

Ruppert, F. (2007). Seelische Spaltung und innere Heilung. Traumatische Erfahrungen integrieren. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

De Mause, L. (Hg.) (1980). Hört ihr die Kinder Weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Frankfurt a. Main:  Suhrkamp Taschenbuch

Terr, L. (1995) Schreckliches Vergessen, heilsames Erinnern. Traumatische Erfahrungen drängen ans Licht. München: Kindler Verlag.

Langlotz, R. (2006) Destruktion und Autonomieentwicklung (Fortsetzung 3)

Ein Beitrag zum Verständnis und zur Behandlung destruktiven Verhaltens aus der Sicht des Familienstellens. Texte (meist unveröffentlicht) www.e-r-langlotz.de

Thiel, U. (1990) John Locke, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Vorländer, K. (1992) Immanuel Kant. Der Mann und das Werk. Hamburg: Verlag Felix Meiner

Soëtard, M. (1989): Jean-Jacques Rousseau – Philosoph, Pädagoge, Zerstörer der alten Ordnung, Eine Bildbiographie. Zürich: Schweizer Verlagshaus

 

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  • Hope
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    Ich war ein Kind
    Ich war abhängig
    Ich hatte urvertraut
    Ich habe mich schuldig gefühlt
    Ich habe mich geschämt
    Ich konnte nicht sprechen
    Ich habe verdrängt
    Ich habe funktioniert
    Ich wurde seelisch ermordet

    Ich will hier kein Buch schreiben, ich bin kein Schriftsteller. Ich will hier nur aufzeigen, welche Folgen die sexualisierte Gewalt im Kindesalter für mein Leben hatte.

    Keine Sorge. Ich falle nicht mehr in diese akute PTBS. Ich habe sie im wahrsten Sinne des Wortes überlebt. Lassen Sie mein inneres Kind nur noch einmal sprechen. Schließlich bin ich in dem Alter um Bilanz zu ziehen. Wenn ich morgen dement werde oder tot bin, kann ich das nicht mehr.

    Meine Hausärztin hier am Ort hat vor kurzem bei einer Blutdruckmessung meine Narben an meinen Armen entdeckt und mich gefragt, ob ich Katzen hätte. Ich habe ihr geantwortet, dass das mit meiner Rente zu tun hat. „Sie müssen das Leben in ihrem Alter genießen. Mit 50 Jahren ist das Leben eigentlich schon vorbei“ hat sie zu mir gesagt. – Eine ehrliche Frau. Woher sollte sie wissen, was ich durchgemacht habe.

    Eine Betroffene und Julia v. Weiler waren übrigens die Personen, die hier Klartext
    gesprochen haben:

    https://ondemand-
    mp3.dradio.de/file/dradio/2020/07/29/haertere_strafen_reichen_nicht_was_tun_gegen_dlf_20
    200729_1008_1d04e523.mp3

    Elternhaus

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    Ich bin ein Nachkriegskind, aufgewachsen als 4.Kind in einem 8 Personenhaushalt. Mein Vater war der Haupternährer der ganzen Familie. Wir hatten einen großen Garten mit Hühnern und Kaninchen. Wenn die groß genug waren, hat mein Vater die immer, meistens am Wochenende, geschlachtet, wobei wir Kinder nie zusehen durften. Die landeten dann immer sonntags als Hühnersuppe oder Braten auf den Tisch. Außerdem hatte mein Vater alles
    Mögliche an Obst und Gemüse im Garten: Rhabarber, Kartoffeln, Bohnen, Salat, Kirschen, Pflaumen, Birnen, Äpfel, Pfirsiche, Mirabellen. Überall standen Obstbäume. Unser Garten war eigentlich ein Paradies. Alles wurde eingemacht zum Vorrat für den Winter. Unser Keller, in dem man nicht aufrecht stehen konnte, war immer voll von eingemachten Gläsern. Manchmal besuchte uns eine unserer vielen Tanten und brachte dann immer altes Brot mit, von der meine Mutter den Schimmel abschnitt und dann eine Brotsuppe davon kochte. Mein
    Vater war sehr streng in seiner Erziehung, aber er hat uns Kinder nicht einmal geschlagen. Gegessen musste was auf den Tisch kam, auch wenn wir nicht wollten. Vor und nach jedem Essen musste gebetet werden. Mein Vater war streng gläubig. Wir Kinder mussten jeden Sonntag in die Kirche. Ich war da auch Messdiener.

    Meine Mutter war herzensgut. Sie hat sich um uns Kinder immer gekümmert während mein Vater auf der Arbeit war. Nach der Arbeit hat er an unserem alten Haus, auf das seine Geschwister erbanteilig verzichtet haben, weitergearbeitet. Eigentlich war unser Haus immer baufällig. Es gab immer was zu tun. In seinen späten Jahren hat mein Vater einmal gesagt, dass er das Haus mit bloßen Händen abreißen kann. Wir Kinder wurden alle nach dem Lebensmotto unseres Vaters erzogen, wenn er immer sagte: „Das Leben ist Kampf“ und “ Vogel friß oder stirb.“

    Der erste Schlag ins Gesicht

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    1963 wurde ich in die Grundschule eingeschult. Der Klassenlehrer war auch der Schulrektor. Er war groß und breit mit einer tiefen Stimme. Ich hatte Angst vor diesem Mann. Am Hals hatte er eine tiefe Hautsenkung, wahrscheinlich eine Wunde aus dem Krieg. Wenn er morgens die Klasse betrat, spuckte und rotzte er erst immer ins Waschbecken hinter der Klassentür. Er war der erste Mensch, der mir ins Gesicht geschlagen hat, weil ich einmal meinen Radiergummi vergessen hatte. Seitdem ging ich mit Angst zur Schule. Meinen Eltern habe ich davon nichts erzählt. Das erste Schuljahr habe ich nicht geschafft. Ich bin sitzen geblieben.
    Jahrzehnte später hat mir meine Mutter erzählt, dass sie den Rektor damals daraufhin zur Rede gestellt hat und ihn gefragt, warum ihr Sohn schon im ersten Schuljahr sitzen geblieben ist. Seine Antwort war, so wie es meine Mutter mir erzählt hat, dass es auch Dumme geben muss, die später unseren Müll entsorgen.

    Schwimmen lernen

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    Mein Vater baute in unserem Garten ein tiefes Schwimmbecken und sagte, dass wir jetzt alle Schwimmen lernen müssen. Er wollte nämlich nicht, dass wir in dem Becken ertrinken, wenn es mal fertig war. Mein Bruder und ich gingen dann in eine Schwimmschule, wo unser Vater uns angemeldet hat. Ich habe eigentlich dann auch sehr schnell das Schwimmen gelernt, weil ich es schnell lernen musste. Der Schwimmlehrer hat uns gleich am ersten Tag einfach in ein Schwimmbecken reingestoßen, in dem wir nicht stehen konnten. Ich ging dann unter Wasser
    und habe Wasser geschluckt. Dann hat der Schwimmlehrer uns mit einem langen Stiel, an dem am Ende ein großer Drahtring dran war, wieder nach oben gefischt. Dieser Drahtring war dann um unseren Bauch und der Schwimmlehrer hielt uns dann vom Beckenrand aus mit diesem langen Stiel über Wasser und rief uns dann zu, dass wir Arme und Beine bewegen sollten. Ein anderer Mann im Wasser hat uns das vorgemacht. Ab und zu ging ich dann öfters wieder unter Wasser, aber der Schwimmlehrer hat uns dann immer wieder mit seinem Drahtring nach oben geholt. Der hat einfach nur den Drahtring nach unten gesenkt und wollte
    sehen, ob wir schon schwimmen konnten. Irgendwann habe ich den Drahtring nicht mehr an meinem Bauch gespürt und ich blieb über Wasser. Ich konnte schwimmen, schon am zweiten Tag.

    Der Hund

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    Mein Bruder und ich teilten für ein paar DM Kirchenzeitungen in unserer ländlichen Gegend, überwiegend an Bauernhöfen, aus. An einem Bauernhof ging ich zuerst voraus und lief den langen Weg um das Haus um zum Hauseingang zu kommen. Von weitem sah ich eine Frau in einem Hundezwinger mit einem großen Hund. Ich blieb stehen und sah, wie die Frau den Zwinger, den sie offen gelassen hatte, verließ, und in einen Hauseingang verschwand. Der Hund sah mich, rannte bellend aus dem Zwinger auf mich zu, sprang mich an, und riss mir ein großes Loch in meinen linken Oberarm. Die Frau hörte wohl das Bellen und rief den Hund zurück. Ich schrie und klappte das Loch an meinem Oberarm mit dem Fleischstück, was noch an dem Loch hing, zu. Ich habe nichts gemacht, nur dagestanden. Nähen, Tetanus, Tollwut und Einschäfern waren die Folge.

    Der Pastor

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    Ich habe immer ins Bett gemacht, auch beim Pastor, wofür ich mich geschämt habe. Ich habe versucht, das nicht zu machen, aber es ging nicht. Meine Eltern fuhren in Urlaub und wollten einmal ohne Kinder entspannen. Wo wäre da der sicherste Ort für die Obhut der Kinder? Beim Pastor. Zwei Wochen war ich da mit meinem Bruder. Der Pastor hatte eine Haushälterin, die auch immer unsere Betten machte. Sie hat wohl jeden morgen feststellen müssen, dass mein Bett immer nass war. Ich habe mich dafür geschämt, sagte aber nichts. Mein Bruder und ich duschten jeden Morgen in getrennten Duschen. Irgendwann kam
    morgens der Pastor in meine Dusche und schrubbte mich von oben bis unten ab. Ich habe das damals als Strafe für mein Bettnässen empfunden und mich geschämt.

    Fußball

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    Um unser Haus war damals Feld und Wiese. Nur eine Straße führte an unserem Haus vorbei und wenn mal ein Auto an unserem Haus vorbeifuhr, war das für uns Kinder außergewöhnlich. Wir spielten überall Fußball. Der Fußball war mein Leben! Zuerst irgendwo auf dem Feld. Ich war immer der Torwart. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich da war, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt, da fragte mich mein ältester Bruder, ob ich nicht in den Fußballverein kommen will, wo er schon war. Wieso hätte ich da nein sagen sollen? Fußball war mein Leben!

    Ich wurde angemeldet. Wer das gemacht hat, weiß ich nicht. Und dann ging es los. Der Jugendobmann des Vereins, der nicht weit von unserem Elternhaus entfernt wohnte, holte mich immer auf seinem Fahrrad zum Training ab und brachte mich nach dem Training auch wieder nach Hause. Der Sportplatz liegt ca. 3 km auf einem Berg von meinem Elternhaus entfernt. So schwer kann ich da ja noch nicht gewesen sein, wenn er den Berg damals ohne Pause mit mir auf seinem Fahrrad hochfuhr. Umkleidekabinen und Toiletten gab es da auf dem Sportplatz noch nicht. Die älteren Spieler haben sich immer in einem Vereinslokal am
    Fuß des Berges umgezogen und sind dann zum Sportplatz hochgefahren. Ich habe mir vor dem Training schon zuhause meine Fußballschuhe angezogen. Ich weiß nicht mehr wann ich mein erstes Fahrrad bekommen habe, aber als ich es hatte, fuhr ich alleine zum Training. Im Herbst/Winter war es dann oft schon dunkel wenn ich wieder nach dem Training zu Hause war. Ich wüsste nicht, wann mich mein Vater auch nur einmal zum Training gefahren hätte oder auch abgeholt hätte oder auch nur einmal zugeschaut hat, wie ich Fußball gespielt habe. Er war mit seiner Arbeit am Haus wohl immer ausgelastet und hat wohl keine Zeit gehabt und meine Mutter hatte keinen Führerschein und konnte kein Auto fahren.

    In dieser Zeit fand der Missbrauch statt, worüber ich jetzt nicht berichte.

    Schuld und Scham

    (aus der Perspektive meines inneren Kindes)

    Als später das Vereinsgebäude fertig war, konnte man da auch in einer Gemeinschaftsdusche duschen und sich umziehen. Das habe ich eine zeitlang erstmal nicht gemacht und bin wie immer nach dem Training verschwitzt nach Hause gefahren. Wir hatten zuhause nur eine Badewanne in der immer 2 Kinder nacheinander im selben Badewasser gebadet haben. Irgendwann gingen immer mehr meiner Spielkameraden in das neue Vereinsgebäude und zogen sich da um. Da konnte ich nicht der letzte sein. Man war doch ein Team. Also nahm ich
    zu jedem Training eine zusätzliche Unterhose mit, die ich dann nach jedem Duschen anzog. Ich duschte anfangs immer in meiner Unterhose, die ich auch auf dem Sportplatz anhatte und zog mir dann in einer Ecke meine neue Unterhose schnell an, sodass mich keiner nackend sehen konnte.

    „Wir gucken dir schon nichts weg.“ sagte irgendwann der Jugendobmann, der immer mit uns Kindern nackend duschte. Es war ekelhaft für mich, ihn da so nackend stehen zu sehen. Den Täter habe ich in der Umkleidekabine nie gesehen. Es hat eine Zeitlang gedauert, bis ich mich ohne Unterhose unter die Dusche traute. Angefasst hat mich in der Umkleidekabine nie einer.

    Selbstwertgefühl

    (aus der Perspektive meiner Adoleszenz)

    Ich habe alle Jugendstufen durchgespielt. Angefangen bin ich in der E-Jugend, habe dann entsprechend meinem Alter die D, C, B, und A- Jugend durchgespielt. Als ich in der A- Jugend war, sagte mir irgendwann der Jugendobmann, dass ich nächste Woche in der 1. Mannschaft spielen sollte, obwohl ich das wegen meines Alters noch gar nicht durfte. „Wir machen dich dafür älter als du bist.“ Da habe ich mir gesagt, dass ich dann ja bisher so schlecht nicht gespielt haben kann. Von da an habe ich als A-Jugendspieler immer in der 1.Mannschaft gespielt, überwiegend auf roter Asche, Kreisklasse. Irgendwann kamen dann nach und nach meine Spielkameraden aus der A-Jugend nach.

    Was habe ich körperlich davongetragen? Zwei Schlüsselbeinbrüche, einen dreifachen Bänderriss, Bänderdehnungen, Prellungen, Zerrungen, und nach jedem Spiel Hautabschürfungen mit Blutungen, meistens am rechten Oberschenkel. Nach dem Duschen habe ich meine Jeans immer einfach angezogen ohne den blutenden Oberschenkel abzudecken. Wenn ich die Jeans dann abends zu Bett ausziehen musste, hat das immer eine Weile gedauert, weil die Jeans sich an meinem Oberschenkel festgeklebt hat. Manchmal hat sich mein rechter Oberschenkel auch entzündet und wurde dick. Mein Hautarzt kannte mich
    da schon.

    Ich habe versucht immer fair zu spielen, aber knallhart. Erst den Ball treffen, dann den Mann, und keine Schmerzen, so ging ich jedes Mal auf den Platz. Nur eine rote Karte habe ich bekommen, dafür umso mehr Gelbe. Eine Spielsituation werde ich nie vergessen. Ich bin in einen Spieler reingegrätscht und habe ihn zuerst erwischt. Er schrie laut auf und konnte sich nicht mehr bewegen. Man musste ihn vom Platz tragen. Ob er was gebrochen hatte, weiß ich nicht. Ich habe mich bei ihm entschuldigt.

    Am Spielfeldrand standen dann einmal Menschen, die ich nicht kannte und einem Spiel zuschauten. Nach dem Spiel kam einer auf mich zu und fragte mich, ob ich bereit wäre für 500 DM in ihrem Verein zu spielen, Rasenplatz, Landesliga. Ich wechselte den Verein. 500 DM waren damals für mich viel Geld.

    Warum ich damals so geworden bin, so hart gegen andere und gegen mich selbst? Die Psychologie spricht ja hier auch von einer Kompensation einer Minderwertigkeit. Und es war so. Zurückblickend war ich damals schon traumatisiert und das mehrfach. Ich habe meine gefühlte Minderwertigkeit kompensiert, und wo ginge das besser als auf dem Fußballplatz.
    Meine ganzen seelischen Schmerzen, der Missbrauch und die Folgen, die keiner außer meiner Mutter sehen wollte und für die ich mich geschämt habe, habe ich körperlich auf dem Fußballplatz ausgetragen. Mein Selbstwertgefühl war kaputt und ich suchte auf dem Fußballplatz mit jedem Tor, das ich schoss, Anerkennung. Und ich schoss viele Tore.

    Schule

    (aus der Perspektive meines Schweigens)

    Ich konnte niemanden mehr vertrauen und auch heute fällt mir das schwer. Auch nicht meinen Lehrern konnte ich vertrauen. Ich war ein Kind und da war ein Mann, der mir sehr weh getan hat. Warum sollte ich da damals nicht vermuten, dass alle Männer so sind und ich immer vorsichtig sein muss?

    Er hat meine Seele erstickt. Ich konnte nicht mehr sprechen. Er hatte mit seiner Tat meine frühkindliche Entwicklung zerstört. Wenn ich über meine gesamte Hauptschulzeit die Minuten zähle, die ich gesprochen habe, waren es vielleicht 20 Minuten. Früher gab es noch eine Zeugnisnote „mündlicher Ausdruck“. Dort stand dann oft ein Querstich mit der Anmerkung: “ Der mündliche Ausdruck konnte nicht benotet werden, weil Hope sich nicht am Unterricht beteiligt hat.“ Bei der Note: “ Beteiligung am Unterricht“ stand immer: ungenügend. Die Schulzeit war für mich die Hölle, ein seelisches Waterboarding. Es gab eine Situation, die ich ab dem Jahr 1995/1996 in meiner akuten mir unbewussten kindlichen
    Traumatisierung immer wieder in Flashbacks durchlebte. Diese Flashbacks führten mich immer wieder zu den Autofahrten mit der Drecksau. Wenn da damals neben mir auf der Schulbank eine Waffe gelegen hätte und ich hätte gewusst, damit umzugehen, Sie würden diese Zeilen heute nicht lesen können. Ich hätte mich erschossen.

    Ich war versunken in meinen Gedanken. Weit weg hörte ich dann meinen Namen, der immer lauter wurde. Er wurde so laut, dass ich wieder da war:
    Ich sollte einen Text aus einem Buch vorlesen. „Ab da“: Die Lehrerin musste mir immer wieder sagen, wo ich anfangen sollte vorzulesen. Ich habe nicht gesprochen, weil es nicht ging. Ich konnte nicht sprechen! Eine Stecknadel hätte man fallen hören können, so still war es auf einmal in der Klasse. Ich schaute auf und alle Augen waren auf mich gerichtet. Aber ich schwieg. Keiner sagte mehr was. Alle warteten darauf, dass ich anfange zu lesen. Aber ich schwieg weiter. Für mich war es damals eine Ewigkeit des Schweigens. Ich habe dann
    versucht, die Stille zu beenden, weil, sie hörte nicht auf. Ich versuchte zu lesen. Ganz langsam. Für ein Wort brauchte ich eine Ewigkeit. Irgendwann hatte ich es geschafft den Text zu Ende zu lesen. Meine Mutter hat mir Jahre später erzählt, dass meine Klassenkameradin aus der direkten Nachbarschaft nach diesem Vorfall ihr davon berichtet hat. „Hope sollte was vorlesen, konnte das aber nicht.“ Meine Mutter hat daraufhin auch diese
    Lehrerin kontaktiert. Seitdem habe ich nicht mehr in der Schule gesprochen.

    Erzählt hat meine Mutter in der Schule nie etwas über den Missbrauch. Ich habe sie in meiner akuten PTBS im Jahr 2001 gefragt, ob die Schule von dem Missbrauch damals was wusste, ob sie meinen LehrerInnen davon erzählt hat. Sie hat den Kopf geschüttelt. Trotz allem, liebe Mutter, du hast mir sehr geholfen.

    Noch mehr Schläge ins Gesicht

    (aus der Perspektive meines Schweigens)

    Da war ich in der 8. Klasse. Ich sollte übergangsweise für eine Woche in eine andere Klasse. Meine Klasse war auf einer Klassenfahrt für die meine Eltern kein Geld hatten, dass ich da mitfahren konnte. Diesmal war es wieder ein Lehrer, der mich nicht kannte und der mich quälte. Ich sollte eine Frage beantworten aber ich sprach nicht. Mehrmals forderte er mich auf zu antworten. Ich schwieg. „Komm mal nach vorne.“ Ich stand auf und ging nach vorne. „Warum antwortest du nicht?“ Ich schwieg. Er schlug mir ins Gesicht und forderte mich dann auf, vor die Tür zu gehen. Ich ging auf den Flur und schlug die Tür hinter mir kräftig zu. Die
    Tür ging wieder auf und ich sollte noch mal reinkommen. Wieder schlug er mir ins Gesicht und sagte dann, ich sollte die Tür von draußen leise zu machen. Meine Eltern haben mich nie geschlagen.

    Meine Eltern schickten mich auch während meiner Hauptschulzeit zu einem
    Nachhilfeunterricht der privat von einem Lehrer unserer Hauptschule in seinem Haus stattfand. Der Lehrer, der nicht mein Klassenlehrer war und den ich nicht kannte, saß direkt neben mir an seinem Schreibtisch und wollte mir immer was erklären. Ich habe ihm nie richtig zugehört was der da mir erklären wollte. Ich war vielmehr darauf konzentriert mich zu verteidigen, falls er mich anfassen wollte.

    Hier, dieser Junge in dem folgenden Video hätte auch ich sein können. Gegen Ende des Videos hat der Junge in seiner Abwesenheit virtuell kompensiert. Ich habe immer auf dem Fußballplatz kompensiert.

    https://www.youtube.com/watch?v=YR5ApYxkU-U

    Berufsausbildung

    (aus der Perspektive meines Schweigens und Funktionierens)

    Nach meiner Schulzeit habe ich erst mal aufgeatmet. Ich fühlte mich frei, sprach aber immer noch nicht. Ich hatte mich an mein Schweigen gewöhnt. Dass war wohl auch der Grund, warum meine Mutter mit mir zu einem Vorstellungsgespräch für eine außerbetriebliche Berufsausbildung ging. Es stand zur Wahl der Beruf des Elektrikers oder des Schlossers. Der Ausbildungsleiter stellte mir ein paar Rechenaufgaben, die ich nicht ganz richtig lösen konnte,
    sagte aber dann: “ Wir können es ja mal probieren.“ Der Ausbildungsvertrag zum Elektriker wurde von meinen Eltern und mir unterzeichnet.

    Sehnsucht nach Liebe

    (aus der Perspektive meines Menschsein)

    Erstmals intim wurde ich mit meiner heutigen Frau im Jahr 1982. Da war ich 25 Jahre alt. Geheiratet haben wir 1983 und sind dieses Jahr 37 Jahre verheiratet. Kennengelernt haben wir uns in einer Diskothek. Ich war betrunken wie jedes Wochenende. Alkohol war damals für mich, wie auch später in meiner akuten PTBS, ein Verdrängungsmittel. Ich könnte heute froh sein, dass ich damals nicht auch noch härtere Drogen genommen habe. Wir unterhielten uns und kamen uns näher. Ich habe sie dann gefragt, ob ich sie küssen darf.

    Sehnsucht nach Bildung und die Anbahnung der akuten posttraumatischen
    Belastungsstörung bei kindlicher Traumatisierung

    (aus der Perspektive meines Überlebens)

    Hier muss ich weiter ausholen. Während meiner Berufsausbildung habe ich auch einen ersten Fernlehrgang von meinem eigenen Geld begonnen. Ich wollte wissen, ob ich auch ohne Sprechen zu müssen lernen kann, wenn ein Lehrer nicht direkt neben mir steht und ob ich mich dann nur auf den Lehrstoff konzentrieren kann, ohne Angst und Zwang und Befehlston. Dazu wählte ich einen Hobby-Fernlehrgang: Ölmalerei. Zuerst malte ich Stillleben, dann Landschaften, Gebirge, Meere, Seen und dann Porträts. Nach Abschluss des Lehrgangs, der
    mir sehr geholfen hat zu vergessen und zu verdrängen und das Wichtigste, – dass er mir Spaß gemacht hat -, habe ich noch viele Jahre weitergemalt. Die Psychologie würde wahrscheinlich heute sagen, dass ich damals instinktiv das Richtige gemacht habe. (Ja, toll, mein Tod wäre befreiender gewesen)

    Im Laufe der Zeit fiel mir das Sprechen immer leichter und ich brauchte mich immer weniger auf meine Sprache zu konzentrieren. In der wöchentlichen Berufsschule habe ich nie den Mund aufgemacht, wurde da aber auch nie gezwungen zu sprechen. Die mündliche IHK- Prüfung zum Facharbeiter habe ich geschafft. Unser Ausbilder war während der IHK-Prüfung
    anwesend und sagte mir nach der Prüfung vor der Tür: “ Das war aber nix.“ Ich habe trotzdem bestanden. Theorie: ausreichend ; Praktisch: gut

    Sehen Sie, wenn man eine Sprachstörung durchs ganze Leben schleift, dann ist das nix. Ich fing an zu saufen. Ich brauchte Alkohol und davon sehr viel. Bevor ich am Wochenende in Diskotheken ging, habe ich mir eine ganze Flasche Weinbrand reingezogen. Die ganzen Komatrinker, wie sie heute genannt werden, hätten damals nicht mithalten können. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich frage: Wer hat mich so gemacht? Ich schweife ab.

    Nächster Fernlehrgang: Abiturenglish. Wieder auf eigene Kosten. Wer macht nach seiner Schulbildung eigeninitiativ einen Fernlehrgang um English zu lernen, wenn er doch schon in der Schule English als Hauptfach hatte? Ich! weil ich während meiner Schulzeit oft geistig abwesend war und mich die Englishlehrerin in der Hauptschule auch gequält hat.

    Es folgten noch drei weitere fachspezifische Fernlehrgänge auf eigener Rechnung.

    Aber D U hast doch was erreicht, würde jetzt mein ICH (inneres Kind) sagen. Na klar habe ich was erreicht: Ich lebe noch.

    Ich komme zum Schluss

    ( aus der Sicht meines Überlebens)

    Mein inneres Kind wollte noch einmal nicht nur sich selbst, sondern auch allen anderen beweisen, dass es damals in der Schule nicht dumm war und meldete sich zu einem letzten Fernlehrgang zum Industriemeister Elektrotechnik an. Das war im Januar 1993. Da war ich bereits 36 Jahre alt. (Kein seelisch gesunder Mensch macht das im Alter von 36 Jahren, eher direkt nach der Berufsausbildung in Abendschule, wenn man schon eine Arbeitsstelle hat) Am Anfang lief alles sehr gut. Die Lehrbriefe habe ich zuhause zügig durchgearbeitet und Prüfungen auf dem Postweg eingeschickt. Die halbjährlichen Nahunterrichtstage vor Ort im
    Lehrinstitut – ca. 300 km von meinem Wohnort entfernt- waren kein Problem. Meine Vergangenheit war Vergangenheit. Ich hatte sie vollständig verdrängt. Ich habe fließend gesprochen. Ich stotterte überhaupt nicht mehr. Wenn ich aufgerufen wurde um elektrotechnische Formeln und Gleichungen an Beispielaufgaben im Hörsaal vor anderen Studierenden zu erläutern, war das für mich eine Leichtigkeit. Es hat mir sogar Spaß gemacht.
    So ging das weiter, Lehrbriefe zuhause bearbeiten, Fernprüfungen einschicken, dann wieder Nahunterricht im Lehrinstitut.

    Irgendwann wurde ich stiller, ich war nicht mehr so unbeschwert. Meine damaligen Arbeitskollegen haben das wohl auch bemerkt. I C H (mein inneres Kind) meldete sich wieder, habe das aber nicht wahrhaben wollen. Ich habe dann zuerst meine Arbeitsstelle aufgekündigt, weil ich glaubte, ich sei überfordert und wollte mich nur noch auf die letzten Prüfungen konzentrieren. Es standen mündliche IHK-Prüfungen an. Die ersten Prüfungen habe ich geschafft, war aber bereits da schon wieder in meiner Vergangenheit angekommen und befand mich da schon in einem kräftezehrenden Verdrängungsprozess, der mir nicht
    bewusst war. Auf den Autofahrten zum Nahunterricht musste ich öfters Rast machen, weil mir mein Rücken derart schmerzte, dass ich nicht mehr sitzen konnte. Vor der letzten mündlichen IHK-Prüfung, die nur 20 min gedauert hätte, war ich akut traumatisiert, wusste das aber nicht. Die Prüfung hätte ich vom Wissen her locker bestanden. Das wusste ich. Aber
    ich wusste damals nicht, was eine Traumatisierung überhaupt ist. Ich fing wieder an zu trinken um mein inneres Kind zu verdrängen. Alle Bilder aus meiner Vergangenheit kamen wieder. Der Missbrauch, das Schweigen, das Stottern, die Schläge. Ich habe die Prüfung, die nur 20 Minuten gedauert hätte, beim Lehrinstitut abgesagt und bat um 1 Jahr Pause aus persönlichen Gründen. In dieser Pause habe ich versucht mein Problem zu lösen, habe es scheinbar gelöst, aber mit schmerzlichen Folgen. Ich habe mit meiner Frau zuhause geübt, die
    Prüfungssituation nachzuvollziehen. Ich habe innerlich versucht, wieder das Sprechen zu lernen, was meine Frau nicht sehen konnte. Mit meiner Frau konnte ich normal sprechen, aber ich hätte es mit Fremden nicht mehr gekonnt.

    Unbewusstes Trauma: „Alle warteten darauf, dass ich anfange zu lesen. Aber ich schwieg weiter. Für mich war es damals eine Ewigkeit des Schweigens. Ich habe dann versucht, die Stille zu beenden, weil, sie hörte nicht auf. Ich versuchte zu lesen. Ganz langsam. Für ein Wort brauchte ich eine Ewigkeit. Irgendwann hatte ich es geschafft den Text zu Ende zu lesen. Meine Mutter hat mir Jahre später erzählt, dass meine Klassenkameradin aus der direkten Nachbarschaft nach diesem Vorfall ihr davon berichtet hat. „Hope sollte was vorlesen, konnte das aber nicht.“ Meine Mutter hat daraufhin auch diese Lehrerin kontaktiert. Seitdem habe ich nicht mehr in der Schule gesprochen.“

    „Ich kann da nicht hin“, habe ich meiner Frau und meinem Bruder gesagt, habe aber nicht den Grund gesagt. Man hat telefoniert, ob man die letzte Prüfung nicht ausfallen lassen könnte. „Ein Meister muss doch sprechen können“, hat man als Antwort bekommen.

    Ich war in einem Teufelskreis und mein inneres Kind sprach wieder zu mir. “ Du willst ein Meister sein, der nicht sprechen kann? Was hast du gelernt in deiner Meisterschule? Du hast gelernt, wie man mit mir damals in der Schule hätte umgehen müssen, dass man mich nicht hätte anfassen sollen, dass man mich nicht hätte ins Gesicht schlagen sollen. Du gehst jetzt dahin und sprichst“!

    Am 22.November 1996 war ich mit der – Gesamtnote: Gut – ein staatlich geprüfter
    Industriemeister Elektrotechnik.

    Ob ich mich gefreut habe? Nein! Mein inneres Kind wollte nur noch mal beweisen, dass es damals schwer verletzt wurde und eigentlich nicht dumm war. Ich war arbeitslos, machte noch mal eine paar Versuche mich in das alte Hamsterrad der neoliberalen Arbeitswelt zu integrieren, was mir nicht gelang und mir auch keinen Spaß mehr machte.

    Im Trauma

    ( aus der Perspektive meines Leidens)

    Ende 2000 habe ich mich im Alter von 43 Jahren hingelegt und über Tage nichts mehr gegessen. Ich wollte nicht mehr leben. Ich war nur noch ein Wrack. Dass ich zu diesem Zeitpunkt in einer akuten Posttraumatischen Belastungsstörung und kindlich traumatisiert war, wusste ich da immer noch nicht. Ich war wieder I C H, mein inneres Kind. Meine Frau konnte das nicht mehr mit ansehen und hat sich Hilfe geholt. Ich habe mich dann nach Überzeugung zunächst in ambulante psychologische Behandlung begeben. Dort habe ich dann stotternd sofort beim ersten Termin von dem Missbrauch erzählt. Es ist einfach grausam
    gewesen wieder genau so zu riechen, fühlen, schmecken und zu sprechen wie in
    Kindheitstagen. Erstmals wurde mir hier klar, dass ich seit 33 Jahren mehr oder weniger traumatisiert war. Und dann ging absolut nichts mehr, habe mich dann freiwillig in die Psychiatrie begeben. Dort war ich 4 Monate mit anschließender Heilbehandlung in einer psychosomatischen Klinik.

    Ungefähr 4 Jahre war ich in einem akuten Posttrauma. Kannte die Psychologie vor 53 Jahren eigentlich schon den Begriff Dissoziation? In dieser Zeit hatte mich auch meine Frau verlassen. Sie kannte mich nicht mehr. Sie hat mich
    nochmals als Kind kennenlernen müssen und ich musste kämpfen um sie wiederzugewinnen. Wie soll man so eine Krankheit erklären, wenn man sie nicht selbst durchgemacht hat?

    Bilanz:

    – 33 Jahre Kampf um Anerkennung
    – 33 Jahre unbewusste Traumatisierung
    – 4 Jahre bewusste kindliche Traumatisierung
    – 2 Suizidversuche
    – 2 Psychiatrieaufenthalte
    – 5 Jahre Arbeitslosenhilfe
    – 15 Jahre Hartz IV (Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen)
    – 50 % Schwerbehinderung
    – 16 Jahre eigene Aufarbeitung, um mit meinem Trauma wieder „leben“ zu können.
    – fast 2 Jahre Opfer schädigung (OEG)
    – Armutsrentner

    Einmal stand ich auf einem Berg mit steilem Abhang. Vorher habe ich mir eine Flasche Weinbrand und Rasierklingen gekauft. Ich habe mir nicht die Pulsadern aufgeschnitten und bin nicht gesprungen.

    Viele Institutionen kennen bereits meine Geschichte: Polizei, Sozialgericht,
    Rentenversicherung, gerichtlich beauftragte psychiatrische Gutachter, OEG,
    Aufarbeitungskommission.

    Fragen und Antworten

    Warum sollte ich Ihnen glauben?
    Ich lege keinen Wert auf Ihren Glauben. Das war mein Leben!

    Hat ihre Mutter die Tat bei der Polizei angezeigt?
    Nein. Sie hat auch keiner anderen Person, außer meinem Vater, davon berichtet.
    Meine Geschwister wussten von nichts, meine Lehrer/innen wussten von nichts, meine Frau
    wusste von nichts, meine Kinder wussten von nichts, keiner. Erst im Jahr 2000 als ich mich
    hingelegt habe um zu sterben und mich in psychologische Behandlung begab, wussten alle
    davon.

    Haben Sie Anzeige bei der Polizei erstattet?
    Ja, im Jahr 2001, kurz nach meinem ersten Psychiatrieaufenthalt. In einem Zeitungsartikel
    habe ich den Namen des Täters gelesen, der mir das angetan hat. Es ging um einen
    Missbrauchsfall in einem anderen Fußballverein. Den Zeitungsartikel habe ich aber nicht
    mehr und ob die Polizei oder Staatsanwaltschaft ermittelt hat, weiß ich auch nicht. Ich gehe
    mal davon aus, dass die das unter den Tisch haben fallen lassen. In unserer Stadt doch nicht.
    Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Was hat der Täter, wenn er es war, von 1967 bis 2001
    eigentlich gemacht?

    11
    Haben Sie Beweise für die Tat?
    Ja, habe ich, aber nur einen indirekten Beweis. Ich kenne noch eine Person. Diese Person hat
    mir gesagt, dass der Täter es bei ihm auch versucht hat. Diese Person will aber nicht genannt
    werden.

    Kennen Sie außer der einen Person noch weitere Personen, die betroffen sind?
    Nein, die kenne ich nicht, aber es gibt sie. Ich habe damals gesehen, wie der Täter auch mit
    anderen Kindern losgefahren ist. Mit wem die Drecksau da losgefahren ist, weiß ich nicht.

    Haben Sie versucht, zu den anderen betroffenen Jungen Kontakt aufzunehmen, bzw.
    diese irgendwie ausfindig zu machen?
    Nein. Dafür wäre die Polizei und Staatsanwaltschaft zuständig. Die Ausrede, die Taten seien
    schon zu lange her und verjährt und würden sich eh nicht mehr beweisen lassen, sind verlogen
    und täterschützend. Man kann sie auch heute noch beweisen, wenn man nur wollte, will man
    aber nicht. Das Problem wäre allerdings, dass man Betroffene, die man heute ausfindig
    machen wollte und die dann reden, vielleicht traumatisiert. Ich will dann nicht, dass die sich
    dann umbringen.

    Gab es damals Erzählungen unter den Jungen, was im Wald passiert ist?
    Nein, es gab überhaupt keine Erzählungen während meiner Vereinsmitgliedschaft und
    es gab auch keine Erzählungen unter uns Spielern. Ich selber habe auch nichts erzählt, nur
    meiner Mutter. Meine Schuld und meine Scham waren viel zu groß. Außerdem konnte ich da
    überhaupt nicht mehr sprechen.

    Hatten Sie den Eindruck, dass die beiden Männer gegenseitig über ihre Taten
    informiert waren oder möglicherweise andere, weitere Erwachsene involviert waren?
    Andere waren wohl nicht involviert. Man kann mir aber nicht erzählen, dass andere nicht
    wussten, dass der Jugendobmann auch so veranlagt war. Der lebte eine Parallelstraße von
    meinem Elternhaus mit seiner Mutter und einem Hund. Verheiratet war der nicht, und man
    hatte den auch nie mit einer Freundin am Sportplatz gesehen. Den Eindruck aber, dass die
    beiden Männer damals gegenseitig über ihre Taten informiert waren, hatte ich. Dazu muss
    man sich nur meinen ersten Bericht durchlesen. Beide gingen Kindern an die Wäsche, weil
    ich es am eigenen Leib erfahren habe. In einem Trainingslager sprang abends damals der
    Jugendobmann ohne Vorankündigung auf meine Matratze. Da war ich vielleicht 11 oder 12
    Jahre alt. Ich lag auf der Seite und er ging mir von hinten direkt zwischen die Beine. Im
    Reflex ging mein angewinkelter Ellenbogen sofort nach hinten und traf seinen Schädel. Der
    war sofort wieder weg.

    Können Sie sich erinnern, wie alt die beiden Männer 1967 ungefähr waren?
    Hat mich die Polizei 2001 auch gefragt als ich Anzeige erstattet habe. Ich schätzte sie
    zwischen 25 und 30 Jahre.

    In welcher prekären Lage haben Sie sich befunden? Wie konnten Sie sich aus dieser
    Missbrauchssituation befreien?
    Ich saß im Auto des Täters und es war dunkel. Hätte er gesagt, steig mal aus und wäre
    weggefahren, ich hätte nicht mehr nach Hause gefunden. Nach meinen Worten: “ Ich will jetzt
    nach Hause“, habe ich zu Gott gebetet. Woher wusste der, wo ich wohnte? Vielleicht vom
    Jugendobmann?

    12
    Welche Hilfen haben Ihnen damals gefehlt?
    Wer hätte mir damals denn helfen können? Meine Mutter hat mir geholfen, sonst niemand.
    Hätte etwa der Jugendobmann mir helfen können, wenn ich damals ihm das gesagt hätte und
    von dem meine Eltern glaubten, der wäre sauber? Der war doch selber krank im Kopf. Sehr
    hohes Engagement und Organisationstalent legte er an den Tag und war immer einsatzbereit.
    Alle schätzen den. Aber: er ging kleinen Kindern auch an die Wäsche, auch mir. Schauen Sie
    mal: Ich wurde 1967 sexuell missbraucht. 2010 gab es erst den Runden Tisch, 43 Jahre
    nachdem ich missbraucht worden bin. Jahrzehnte lang hat ganz Deutschland geschwiegen und
    weggeguckt! Wer hätte mir da helfen können, wenn ganz Deutschland weggeguckt hat? Wer?
    Ein sauberer Ansprechpartner hat mir gefehlt, dem ich hätte vertrauen können. Wem hätte ich
    damals vertrauen können? Für mich war damals nach der Tat jeder Mann ein potentieller
    Täter! Ich war ein Kind, verdammt noch mal. Außer meiner Mutter habe ich damals
    niemanden vertraut. Ich war nach dem Missbrauch immer in Abwehrstellung. Immer! Und
    das bin ich bis heute. Wenn ich heute solche Sprüche lese wie: “ Vielen Dank für Ihr
    Vertrauen“ heißt das doch nichts anderes, als dass man eigentlich Menschen nicht vertrauen
    kann.

    Eine wichtige Hilfe hat mir damals gefehlt. Mein Vater. Er hat mit mir bis zu seinem Tod
    nicht mit mir über das Geschehene gesprochen. Es hat mir das Wissen gefehlt, was Sexualität
    ist, und dass mich niemand anfassen darf, schon gar nicht zwischen meine Beine. Über
    Sexualität wurde ich erst später im Sexualkundeunterricht aufgeklärt. Wurde da sexueller
    Missbrauch angesprochen? Nein!

    Wo hat Ihrer Ansicht nach der Schutz der Kinder durch den Verein versagt?
    Als ich dem Verein beigetreten bin, war der noch mehr oder weniger im Aufbau. Es gab kein
    Vereinsgebäude am Sportplatz. Für mich gab es nur den Fußballplatz. Ich wollte
    Fußballspielen, sonst nichts.

    Gab es 1967 schon ein Führungszeugnis oder erweitertes Führungszeugnis für Trainer, eine
    Trainerlizenz? Nein, gab es nicht. Da konnte jeder dieser Schwachköpfe Kinder trainieren.
    Schon 1967 haben alle Vereine in Deutschland komplett versagt und dieses Versagen haben
    alle über Jahrzehnte geduldet.

    Und wenn dann noch damals einige 68’er den Sex mit Kindern legalisieren wollten, sagt das
    alles. Die Sexuelle Revolution und die Befreiung vom Muff von tausend Jahren unter den
    Talaren, wurden da wohl von einigen missverstanden.

    https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A4dophilie-
    Debatte_(B%C3%BCndnis_90/Die_Gr%C3%BCnen)

    Gab es früher schon schwarze Listen? Wenn es die heute immer noch nicht in allen Vereinen
    gibt, ist das Täterschutz. Das muss grundsätzliche Pflicht im Sport sein so eine schwarze Liste
    für alle straffällig gewordenen Sexualstraftäter und auch für Personen, gegen die Ermittlungen
    eingestellt wurden. Solche Schwachköpfe dürfen keine Kinder trainieren, ist das denn so
    schwer zu verstehen? Alle Vereine, die sich weigern, so eine schwarze Liste zu führen,
    müssen sofort dicht gemacht werden. Da reichen eine Selbstverpflichtung und ein
    individuelles Präventionskonzept der Vereine – wir machen das so, andere machen das so -,
    nicht aus. Da muss neben dem Grundgesetz ein Kinderschutzgrundgesetz her.
    Zur Durchsetzung wäre hier auch die Bundesregierung verantwortlich.
    13
    Wo versagt Ihrer Ansicht nach der Schutz durch die Bundesregierung?
    Die Bundesregierung betreibt Täterschutz durch Unterlassung der Verabschiedung eines
    Gesetzes, das mit sofortiger Wirkung die vollständige Aufhebung der Verjährungsfrist bei
    sexualisierter Gewalt regelt.

    Haben Sie sich damals schuldig gefühlt?
    Ja, habe ich, und das über Jahrzehnte. Und das ist ja gerade das Perverse, dass die Täter das
    wissen, dass sich ihre Opfer dann schuldig fühlen und nicht mehr sprechen können. Diese
    Schwachköpfe zerstören die Lebensgrundlage von Menschen und sind sich dessen gar nicht
    bewusst.

    Wenn ich mich damals nicht schuldig gefühlt hätte, wäre ich sofort zu meiner Mutter gelaufen
    und hätte ihr alles erzählt. Heute weiß ich, dass ich keine Schuld hatte. Das hat mir damals
    aber keiner gesagt. Wenn ich damals nicht hinter der Tür gelauscht hätte und mitbekommen
    hätte, wie meine Mutter mich verteidigt, ich wäre wahrscheinlich schon tot. Ich hätte nie mehr
    Fußball gespielt, wenn meine Mutter mir nicht geholfen hätte.

    Sie sind jetzt 63 Jahre alt. Haben Sie einen Antrag auf eine Opferentschädigung gestellt?
    Ja, im November 2018. Ich weiß aber, dass ich von denen keine Hilfe erwarten kann. Alle
    psychologischen und psychiatrischen Gutachten haben die,- meiner Person betreffend-, seit
    über einem Jahr vorliegen. Normalerweise hätten die schon längst zahlen müssen, weil der
    Missbrauch, die seelische Gewalt, in allen psychologischen und psychiatrischen Gutachten
    seit dem Jahr 2001 vorkommt. Wer begibt sich im Jahr 2000 in psychologische und im Jahr
    2001 in psychiatrische Behandlung, versucht sich 2 mal umzubringen, verliert fast seine Frau,
    nur um 17 Jahre später eine Armutsopferentschädigung zu bekommen? Ich habe denen den
    Tatverlauf in meinem Widerspruch genau beschrieben. Die kennen seit 1,5 Jahren den Namen
    des Täters, starten eine Datenbankabfrage, ob der Tätername schon mal in vergangenen
    Opferentschädigungverfahren vorgekommen ist und stellen dann wohlmöglich fest, dass dies
    der Fall war und diese Opferentschädigungsanträge in der Vergangenheit immer negativ
    beschieden worden sind, weil die Antragsteller die Tat in keinem Fall beweisen konnten.
    Wenn das so ist wie ich gerade beschrieben habe, bringe ich zumindest einige von denen, die
    noch ein Gewissen haben, in eine Situation, aus der sie nicht mehr raus können. Die werden
    dann ein persönliches Problem mit sich selber haben. Gibt es für diesen Laden eigentlich eine
    Kontrollinstanz, die kontrolliert, ob die zügig und sauber arbeiten? Noch sinnvoller wäre es,
    betroffene Antragsteller, deren Gesundheit eh angeschlagen ist, nicht immer wieder durch
    jahrelange Antragsverfahren durch so einen Verein zu retraumatisieren und ihre
    gesundheitliche Stabilität zu gefährden. Den Laden sofort dicht machen wäre für den
    gesundheitlichen Schutz der Opfer das Beste.

    Welche konkrete Hilfen haben Sie nach Ihrer akuten PTBS erfahren?
    Außer einer psychiatrischen grundsätzlichen Stabilisierung Keine! Im Gegenteil. Ich habe hier
    seit 2005 bereits 8 volle Ordner mit Hartz IV Schreiben, die das
    asoziale Gedankengut einiger Politiker repräsentieren. Sie wollen Beispiele?

    14
    —————————————————————————————————————–
    1) Henner Schmidt, FDP-Fraktionsvize:
    “Hartz-IV-Empfänger sollen Ratten jagen”

    2) SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering:
    “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” (Nazispruch u.a. von Adolf Hitler)

    3) Altkanzler Gerhard Schröder:
    “Es gibt kein Recht auf Faulheit”

    4) FDP-Chef Guido Westerwelle:
    “Es gibt kein Recht auf staatlich bezahlte Faulheit und Hartz IV-Empfänger sind eine Gruppe,
    die anstrengungslosen Wohlstand genießt, und bezeichnete diesen Zustand als “spätrömische
    Dekadenz”

    5) Michael Glos, CDU Bundesminister für Wirtschaft und Technologie:
    “Arbeitspflicht für alle Arbeitslosen muss eingeführt werden”

    6) Professor Dr. Gunnar Heinsohn:
    “Man müsse der Unterschicht den Hahn zu drehen, denn nur ein ungeborenes Kind aus
    diesem Milieu, ist auch ein gutes Kind, denn es schlägt einem schon keinen Baseballschläger
    den Kopf”

    7) Grünenpolitikerin Claudia Hämmerling:
    “Hartz IV Empfänger könnten als Hundekotkontrolleure eingesetzt werden”.

    8) Vorstandsmitglied der Bundesbank, Thilo Sarrazin (SPD):
    “Finanznot wäre angeblich nicht das zentrale Problem bei Hartz IV-Beziehern, sondern ihr
    übermäßiger TV-Konsum, ihre Wortarmut und Fettleibigkeit”.

    9) CDU-Philipp Mißfelder:
    “Kinder von ALG II BezieherInnen solle es keine Anhebung des Regelsatzes geben, denn
    diese Maßnahme würde ja nur zu einer Absatzsteigerung führen bei Alkohol- und
    Tabakindustrie”.

    10) FDP-Dr. Oliver Möllenstädt:
    “Die Empfängerinnen würden das Geld eher in den nächsten Schnapsladen tragen, als es in
    Vorsorge und selbstbestimmte Familienplanung zu investieren”.

    11) CDU-Vorsitzender Roland Koch:
    “Hartz IV eine “angenehme Variante” des Lebens und fordert eine Arbeitspflicht für
    Arbeitslose zur Not in Billig-Jobs”.

    12) Wolfgang Clement SPD
    “vergleicht Hartz IV Empfänger mit Parasiten”.

    13) Heinz Buschkowsky Ex-Bezirksbürgermeister des Berliner Bezirks Neukölln und
    seit 1973 Mitglied der SPD:
    “Elterngeld sei Fortpflanzungsprämie für die Unterschicht”

    15
    14) Gesundheitsexperten, Peter Oberender:
    “Wenn jemand existenziell bedroht ist, weil er nicht genug Geld hat, um den Lebensunterhalt
    seiner Familie zu finanzieren, so muss er seiner Meinung nach die Möglichkeit haben, durch
    den Verkauf von Organen dies zu sichern”.

    15) Frank Steffe CDU-Politiker:
    “Hartz IV-Familien” die Bildungsgutscheine aus dem Bildungspaket nicht wollen, weil diese
    sich nicht “zu Bargeld machen lassen” “Die Bildungsgutscheine sind ausschließlich für das
    Wohl der Kinder, man kann sie nicht für Nikotin und Alkohol benutzen. Sie lassen sich eben
    nicht verrauchen und versaufen.”

    16) Die bayrische Arbeits- und Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU):
    Forderte härtere Sanktionen bei Hartz IV. Nach ihrer Ansicht gebe es bei Hartz IV noch “zu
    wenig Leidensdruck” für die betroffenen Menschen.

    17) Dr. Dietmar Bartsch, Die Linke:
    “In Zeiten schlechter Wahlergebnisse die Mandate knapper seien, würden sich die
    Abgeordneten der Linkspartei um die Posten streiten wie “die Hartzvierer um den Alkohol”
    (Er entschuldigte sich allerdings als einziger hinterher dafür)

    18) Ehemaliger Hessischer Justizminister Dr. Christian Wagner:
    “Die elektronische Fußfessel bietet damit auch Langzeitarbeitslosen und therapierten
    Suchtkranken die Chance, zu einem geregelten Tagesablauf zurückzukehren und in ein
    Arbeitsverhältnis vermittelt zu werden. Viele Probanden haben es verlernt, nach der Uhr zu
    leben, und gefährden damit gerade auch ihren Arbeitsplatz oder ihre Ausbildungsstelle. Durch
    die Überwachung mit der elektronischen Fußfessel kann eine wichtige Hilfe zur Selbsthilfe
    geleistet werden”.

    19) FDP-Politiker Lars Lindemann meint,
    dass Sozialhilfe-Empfänger aus der City ziehen müssen, denn – “man könne nicht den
    Ehrgeiz haben, Botschafter und Hartz-IV-Empfänger in einer Straße unterzubringen.
    „Jemand, der von Sozialhilfe lebt, kann nicht denselben Anspruch haben, wie jemand, der
    sein Geld selbst verdient”!

    20) Bundestagsabgeordnete und Jurist Stephan Stracke, CDU/CSU meint:
    “Erwerbslose seien faule Krippel”.

    21) In einem Interview gibt der scheidende Vorsitzende des Vermieter-Arbeitskreises
    “Stadtspuren”, Ulf Hahn, zu, dass durchgespielt wurde:
    “wie es wäre, alle Potsdamer Hartz-IV-Empfänger” umzusiedeln und in leer stehenden
    Plattenbauten unterzubringen.
    Auf Nachfrage gibt er zu, dass dieses Gedankenspiel zwar “absurd” sei, aber angesichts der
    Tatsache, dass in Potsdam “jährlich 2.000 Menschen zuziehen” und es an entsprechenden
    Wohnungen mangele, sei “querdenken” erlaubt und Lösungen müssten gesucht werden.
    Durch eine Umsiedlung der Hartz-IV-Empfänger, so Hahn, würden dann wieder Wohnungen
    in Potsdam frei und “die Umgesiedelten hätten es von Brandenburg/Havel auch nicht allzu
    weit nach” …

    22) Jobcenter Pinneberg:
    “Hartz IV-Empfänger sollen zum Sparen Leitungswasser trinken, auf Fleisch verzichten und
    ihre Möbel verkaufen”. 23) BILD-Zeitung, nennt Betroffene u.a. : “Hartz IV Schmarotzer” + “Sozialschmarotzer”
    und “faule Stütze-Empfänger”

    24.) Der hessische Landtagsabgeordnete und Zahnarzt Dr. Dr. Rainer Rahn (AfD), der
    zugleich auch Frankfurter Stadtverordneter, Fraktionsvorsitzender und
    Fraktionsgeschäftsführer ist, verglich in einem Facebook-Post Hartz IV Bezieher mit
    “Parasiten”.
    ————————————————————————————————————-

    Wie gestaltet sich heute ihr Alltag?
    30 km Fahrradfahren täglich, ich kompensiere; Gitarre; Makramee, und wie Sie sehen, ich
    schreibe.

    Wie bestreiten Sie heute Ihren Lebensunterhalt?
    Mit einer Schwerbehindertenrente, die abzüglich 30 Euro Freibetrag vollständig auf die Hartz
    IV Leistung meiner Frau angerechnet wird. Von knapp 1260 Euro bestreiten wir alles zum
    Leben, oder besser gesagt, zum Überleben.

    Sind Sie heute noch traumatisiert?
    Fangen Sie noch mal von vorne zu lesen an. Ja. Die Erinnerungen kommen und gehen in
    Wellen, aber ich habe wieder gelernt damit umzugehen. Vor 53 Jahren war die tägliche
    Erinnerung ein reißender Strom. Im Jahr 2000, als die Monsterwelle, der seelische Tsunami
    über mich einschlug, war ich hilflos, was fast mein physisches Leben beendet hätte. Mein
    psychisches Leben war ja damals schon kaputt. Ich war seelisch nie ein freier Mensch. Ich
    war ein Sklave meiner Selbst.

    Was wäre heute Ihrer Ansicht nach die effektivste Maßnahme, um sexuellen
    Kindesmissbrauch in Zukunft zu verhindern?
    Wenn Gott den Tätern ein im Durchmesser 3cm rundes Erkennungsbrandmal mit einem T in
    der Mitte auf die Stirn brennt. Hätte Gott das schon vor dem WKII, im WKII und nach dem 2.
    Weltkrieg getan, hätte jeder gewusst, dass Deutschland da schon, bis in die höchsten Kreise
    hinauf, ein verkommener Saustall war.

    • ak
      Antworten
      Wenn mich jemand gefragt hätte, ob Hope ein Mann oder eine Frau ist, hätte ich geantwortet: Frau. Kann an der gegenderten Übersetzung liegen oder aber an meinen Vorurteilen. Auf jeden Fall Danke-

      Meine Einschätzung zu Traumata und ob sie sich heilen lassen:

      Ich denke nein. Man kann damit leben lernen.bzw. vielleicht. Wenn denn die TäterInnen bekennen würden. Doch das tun sie meist nicht. Allenfalls fallen ihnen Entschuldigungen ein von wegen sie selbst seien ja doch auch nur Opfer gewesen, was vielleicht auch stimmt.

      Vielleicht ließen sich über Generationen winzige Schritte erreichen. Wenn ich mir allerdings die Situation der Kinder in den letzten 1,5 Jahren vor Augen halte, habe ich wenig Anlass zu Optimismus.

  • heike
    Antworten
    Das ist eine sehr bewegende  Geschichte.

    Ich möchte nicht unhöflich sein, oder anmaßend. Und ich erwarte auch nicht unbedingt eine Antwort. Aber es interessiert mich, wie es dazu kommt, dass die Kinder, die über längere Zeit hinweg Opfer von sexuellem Missbrauch werden, sich niemanden anvertrauen können. Woher kommt dieses innere Scham- und Schuldgefühl?

    Liegt das daran, dass auch die Personen, zu denen das Kind die vertrauensvollsten Beziehungen hat, ein Problem mit Sexualität haben und das Kind das unterbewusst spürt? Oder das Sexualität in unserer Gesellschaft überhaupt so eigenartig behandelt wird?

    In der Zeit, in der dir das widerfahren ist, war es vielleicht noch schlimmer als heute – Sex war etwas Unanständiges, darüber wurde nicht gesprochen…

    Was mich noch interessiert, ist, ob du als Kind dabei auch schon eine gewisse sexuelle Erregung gespürt hast, und dich vielleicht dafür geschämt, oder ob es wirklich nur schmerzhaft und ekelhaft war. Und wenn es so ekelhaft war, warum bist du dann ausgerechnet bei diesem Fußballtraining geblieben, was hat dich immer wieder dorthin gezogen?

    Hattest du Angst, dass dir der Täter etwas antut, wenn du jemanden davon erzählst, oder hat er dir sogar mit Worten gedroht, das zu tun. Ich nehme mal an, das nicht.

    Ich selbst bin mit 18 Jahren von vier jungen Männern vergewaltigt wurden – und für mich war das ein sehr ambivalentes Erlebnis, auch im Nachhinein, und ich hatte auch kein PTBS. Was wahrscheinlich daran lag, dass es zum einen ein einmaliges Geschehen war und zum anderen daran, dass die Männer/Jungen mich mochten. Sie waren nicht wirklich schlecht zu mir. Das lässt sich vielleicht schlecht verstehen – trotzdem war es eine Vergewaltigung… wie auch immer, das ist sicher auch jedesmal etwas anders.

    Aber auch ich habe mich hinterher geschämt und hatte das Gefühl, selbst daran Schuld gewesen zu sein. Ich habe mich so ein bisschen wie der Abschaum der Gesellschaft gefühlt, aber von außen hat man überhaupt nichts gesehen. Es war so, als ob im Inneren etwas ganz sehr kaputt gegangen wäre und von außen war nichts zu sehen. Ich hab mich immer im Spiegel angesehen und gewundert, dass man nichts sieht. Und ich hatte auch oft Angst, ich habe mich immer angreifbar gefühlt. Und trotzdem waren mir zumindest zwei der Täter (obwohl es nur eine Nacht war) im Inneren näher als gefühlt jeder andere Mensch. Es war irgendwie auch ein Akt der Liebe, dieses widersprüchliche Gefühl ist schwer zu verstehen.

    Irgendwie wird man dadurch aus der Gesellschaft „isoliert“, man hat auf einmal so etwas wie ein Geheimnis, einen Abstand zwischenn sich und den anderen. Ich finde es sehr traurig, dass das bei dir dazu geführt hat, dass dein ganzes weiteres Leben so schwierig verlief.

    Es gibt ja viele Bücher, ich habe eins von Peter A. Levine (Sprache ohne Worte), einem amerikanischen Traumatherapeuten. Er beschreibt darin, dass der Mensch in Traumasituationen dazu neigt, in eine Erstarrungsreaktion zu verfallen. Er erstarrt innerlich, gefriert zu Eis, sozusagen. Das macht alles schwieriger. Und wenn man dieses Eis wieder auftauen kann, dann kann der Mensch sich selbst wieder spüren, dann ist wieder Leben in ihm, auch da, wo er vorher nur starr, taub und tot war. (Naja, ich habe es ja immer so mit der Liebe, jedenfalls glaube ich auch, dass es letztendlich die Liebe ist, die das Trauma heilen kann, weil sie auch die Erstarrung auftauen kann, 🙂 aber die muss man erst mal finden … Stück für Stück.

     

     

     

     

  • heike
    Antworten
    Wahrscheinlich war die Schwierigkeit bei dir als Kind, dass der Täter eine in der Gesellschaft/Gemeinschaft anerkannte und geschätzte Person war, und deshalb niemand gewagt hat, dir zu helfen, indem er die Wahrheit über deinen Missbrauch auf den Tisch gebracht hat. Hatten deine Eltern wirklich so viel Angst vor diesem Mann? Wusste dein Vater überhaupt davon? Und, wenn nicht, warum hast du es ihm nicht erzählt?

    Entschuldige bitte, wenn ich aufdringlich bin, dann einfach ignorieren.

    • Hope
      Antworten
      Meine Eltern hatten keine Angst. Steht eigentlich alles in meinem Bericht.

      Du fragst hier einen Erwachsenen. Als Kind hätte ich Dir nicht antworten können.

      Aus heutiger Sicht: Ich hatte Todesangst und ich bin unbewusst in den Überlebensmodus gegangen. Das ist hier sehr gut in 3 kurzen Absätzen erklärt:

      https://www.vielfalt-info.de/index.php/viele-sein/trauma-dissoziation

      Vor einiger Zeit wurde ich mal für wissenschaftliche Zwecke interviewt. Der Interviewer war völlig entsetzt darüber, warum meine Mutter mich nach dem Scheiß wieder zum Fußball geschickt hat. Ich habe meiner Mutter vertraut und bin deshalb wieder zum Fußball, weil ich wieder Fußball spielen wollte. Sie hätte mich bestimmt nicht wieder hingeschickt, wenn dies eine weitere Gefahr für mich bedeutet hätte. Man sollte sich auch mal die Frage stellen, warum bisher im englischen Profifußball bis heute so viele Fälle ans Tageslicht kamen und in Deutschland nicht. Und vor allem sollte man sich auch die Frage stellen, warum die alle damals als Kind nicht gesprochen haben und wenn sie gesprochen haben, das nicht öffentlich wurde und Maßnahmen ergriffen wurden. Fragen über Fragen. Wenn meine Mutter mich damals nicht zum Sprechen gedrängt hätte, wie wäre mein Leben dann verlaufen. Ich weis es nicht. Und warum haben sich bei der Aufarbeitungskommission im Sport, und hier speziell im deutschen Fußball, nur vereinzelt Männer gemeldet? Du kannst mir glauben, da draußen in Deutschland laufen viele Betroffene rum – und hier spreche ich nur vom Fußball, die darüber nicht reden wollen und damit bis heute leben. Keiner will betroffen sein und ich kann das gut verstehen. Und im Übrigen: Ich war nicht erregt, geht aber auch aus meinem Bericht hervor. Die Angst war das Auto, die Dunkelheit, und die Fahrt nach Hause. Das Nacktsein war die Scham und die Schuld. Eine Psychologin hat mir mal erklärt, dass ich damals eine Eingebung gehabt habe und eine andere sagte mir mal, dass ich hochsensible Fühler hätte. In meiner Schulzeit hat die allerdings keiner gesehen. Ich mache hier einen Punkt.

  • heike
    Antworten
    Hallo hope, ich habe deinen Bericht eigentlich sehr aufmerksam gelesen und erst danach meine Fragen gestellt, die mir durch den Kopf gingen. Jetzt habe ich ihn nochmals durchgelesen, und ja, es stimmt, unter Fragen/Antworten steht, dass du deiner Mutter davon erzählt hast und diese es dann deinem Vater.

    Aber erst nach dem Anhören deiner Geschichte (Aufarbeitungskommission/Horsts Geschichte) habe ich sie wirklich verstanden, weil du im Bericht ausgelassen hast, was tatsächlich passiert ist. Auch darüber, dass dieser Missbrauch nicht über die ganze Zeit deines Fußballtrainings hinweg statt fand, stand nichts in dem Bericht, das war also eine falsche Annahme von mir, die zu der Frage, warum du trotzdem hingegangen bist, geführt hat.

    Ich habe diese Fragen eigentlich gestellt, weil ich mir dafür interessiere, wieso betroffene Kinder nicht mit ihren Eltern darüber reden (was du ja mit deiner Mutter doch getan hast), und wohr die Scham und das Schuldgefühl kommen. Das kann man nur von Betroffenen erfahren, deshalb die Fragen.

    Aber es ist wohl so, man schließt diese Erfahrung weg, da das Leben weiter geht und es keinen Ansatz dafür gibt, mit jemanden darüber zu reden und da die meisten Menschen wohl auch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollten, wenn sie es erfahren würden, und das würde den Schmerz dann auch nicht lindern, sondern das Schamgefühl eventuell sogar noch erhöhen.

    Ich habe für mich damals versucht, das Problem zu lösen, indem ich die Situation nachgestellt habe – obwohl das wohl auch eher unbewusst war, aber es hat jedenfalls dazu geführt, dass ich nicht erstarrt bin.

    In der Psychologie ist es auch ein Ansatz bei der Arbeit mit traumatisierten Kindern,  sie die Situationen mit Spielzeug nachspielen zu lassen, so dass sie selbst den Ausgang der Situation bestimmen können – sie werden also Herr über die Lage, und kommen damit aus der Opferrolle und der Angst heraus.

    Jedenfalls danke für deine Ehrlichkeit, ich finde, das hilft allen am meisten.

    (Ich war in dieser Nacht im übrigen auch nicht erregt, falls es dich interessieren sollte, weil auch bei mir die Angst und auch die Angst vorm Sterben im Vordergrund stand, und ich dachte, dass mich hier niemals jemand finden wird…

    Mit meiner Mutter habe ich nie darüber gesprochen, meinem Vater habe ich mein Tagebuch zu lesen gegeben, in dem ich das aufgeschrieben habe. Als ich mich später wieder mit jemanden, einem Freund, verabredet hatte, hat mein Vater zu mir gesagt: „Mit dem schläfst du wohl auch.“ Das war für mich sehr schlimm, da es zum einem nicht stimmte und zum anderen eben implizierte, dass ich das gewollt hatte. Hatte ich aber nicht. Ich war damals in Berlin, alleine in einer Wohnung in einem besetzten Haus, es war November und kalt und keine Heizung in der Wohnung, ich habe versucht Arbeit zu finden, wurde dort, wo ich fragte überall abgelehnt, hab in der U-Bahn vor einem Fahrplan gestanden, wurde dort von einem jungen Mann angesprochen und den Rest erzähle ich jetzt auch nicht, aber im Nachhinein, und nachdem alles gut ausgegangen ist, finde ich, dass sie eigentlich recht nett zu mir waren, man hätte das auch anders machen können, aber in der Situation hatte ich natürlich auch Angst und wusste nicht, wohin sie mich am nächsten Tag bringen uswusf.)

     

  • heike
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    Und zur Verteidigung von meinem Vater möchte ich noch sagen, dass sie das, was sie mir angetan haben, im Prinzip ihm agetan haben, es hat ihn sehr in seinem Inneren verletzt, auch wenn er das nicht ausdrücken konnte. Seine allererste Reaktion nach dem Lesen war, dass er sofort dorthin fahren und sie suchen wollte (was sinnlos war, und außerdem hatte ich Angst, dass sie ihm etwas antun). Seine spätere Reaktion resultierte also aus der Verletzung, die sie ihm zugefügt haben durch meine Vergewaltigung, sie haben, altmodisch gesprochen, mich entehrt und somit auch ihn. Ich denke, das sind sehr alte Muster, ob sie natürlich sind, wage ich zu bezweifeln, eher alte Muster der Zivilisation. Ich selbst hätte mir etwas Zuwendung gewünscht, aber wie sollte er sie mir geben als so, wie er (und meine Mutter) es sowieso schon die ganze Zeit taten? Sie haben mich geliebt, und daran habe ich keinen Zweifel. Mehr ging nicht und er war verletzt. Wahrscheinlich, weil auf solche Art und Weise in der Menschheitsgeschichte schon oft Machtfragen und Hierarchien geklärt wurden sind. Wahrscheinlich wäre es ihm lieber gewesen, ich wäre danach die ganze Zeit zu Hause geblieben. Aber dazu habe ich keine Veranlassung gesehen, ich hatte ja auch keine Angst vor meinen Freunden.

    Ich habe Sex eigentlich immer geliebt, und ich habe es gehasst, wenn darüber hässliche Witze und Zoten gerissen wurden. Aber wahrscheinlich machen das nur Menschen, die von Sex keine Ahnung haben.

  • heike
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    Bei dir, hope, wurde das Trauma wahrscheinlich dadurch besonders ausgeprägt, dass du mit den Tätern auf der ungleichen Basis die ihr hattet (du warst noch immer das Kind und sie waren Erwachsene, die in eurem Verein sogar die Führung, das Sagen hatten, also die „Herrschenden“, die Machtinhaber in diesem Fußballtrainingsumfeld waren) über längere Zeit hinweg zusammen agieren musstest. Du wurdest bei euren Zusammentreffen jedesmal vor die Situation gestellt, um dein seelisches Überleben kämpfen zu müssen. Du musstest dich immer schützen und konntest das nicht tun, indem du dich versteckst, sondern du musstest kämpfen, um dich nicht als Opfer zu fühlen. Das hat sicherlich, wie du selbst beschrieben hast, deinen Kampfgeist gestärkt, aber es hat auch etwas in dir zerbrochen bzw. eingefroren. Du hast nicht mehr gesprochen. Die Stimme hat viel mit der Seele, dem Herzen des Menschen zu tun. Das war ein totaler seelischer Rückzug von deiner Umgebung, du bist damit in eine totale seelische Isolation geraten. Als du 2001 (?, lese ich jetzt nicht noch mal genau nach, aber du kennst ja die Jahreszahl) physisch zusammengebrochen bist und dich nicht mehr rühren und nur noch sterben wolltest, ist diese innere Starre aus deinem Kern nach außen „gewandert“ – letztendlich war das auch die Möglichkeit, dass sie sich endlich ganz auflösen konnte, und du innerlich wieder frei sein kannst. (Inwieweit dir das gelungen ist, weißt du selbst).

    Danke noch mal für das Teilen deiner Geschichte. Ich glaube nicht, dass den Tätern bewusst war, welche weitreichenden Folgen sie dir damit angetan haben.

    Wenn damals beide Täter absolut von der Teilnahme als Trainer  und überhaupt von diesem Fußballtraining suspendiert wurden wären, dann hätte sich die Verletzung vielleicht nicht so tief in dich hinein fräsen können. Das hätte die Gesellschaft vielleicht anders machen können.

    Warum du als Kind mehrfach von Lehrern geschlagen wurden bist, dazu der Angriff eines Hundes, der dir ein Stück Fleisch raus gebissen hat, das kann dir keiner beantworten. Es sieht so aus, als ob du irgendwie zum Opfer prädestiniert gewesen bist. Ich weiß nicht, warum das so ist und wie man damit umgehen soll auch nicht so genau. Ich weiß nur, dass man vermeiden sollte, Unschuldige anzugreifen und trotz aller Schwierigkeiten moralisch integer zu bleiben. Notwehr und Selbstverteidigung sind erlaubt – waren in deinem Fall sogar überlebenswichtig, sonst hättest du es nicht getan.

    Manchmal erreicht man scheinbar nicht viel im Leben und hat doch tausendmal mehr getan als alle anderen Menschen um einen herum , du z.B. schon dadurch, dass du die sexuelle Verletzung nicht an andere weitergegeben hast.

    Und jetzt noch mal im großen Maßstab betrachtet – wenn das alle tun würden, dann gäbe es diese Art von Verletzungen irgendwann nicht mehr, die Menschheit hätte sie überwunden. Aber diese Art Verletzung scheint auch schon sehr alt zu sein, jahrtausendealt. Sexuelle Gewalt in Jungenchören und in der katholischen Kirche sind ans Licht der Öffentlichkeit gedrungen, die Gesellschaft hat sich zumindest damit beschäftigt und das Problem nicht nicht ignorieren können. Das ist ein Anfang. Und es gibt wohl auch Anlaufstellen fr Pädophile, die sich dort Hilfe holen können. Denn, wie gesagt, die Neigung kommt daher, dass diese Menschen selbst einmal Opfer einer solchen Gewalt waren und sich dann in irgendeiner Weise mit dem Täter/den Tätern verbunden haben, so dass sie statt nur den Ekel und die Angst zu spüren, die sie selbst als Opfer kennengelernt haben, jetzt auch die Lust und das „gute“ Gefühl spüren, die die Täter zu dieser Tat getrieben haben. Und zum Teil ist es wohl so, dass dieser Trieb so übermächtig ist, dass die Täter sich nicht dagegen wehren können, sie sind sind sozusagen besessen davon. Und wenn sie sich dessen bewusst werden und das beenden wollen, dann finde ich es gut, ihnen Hilfe dazu anzubieten.

    An erster Stelle sollten Menschen und Kinder davor geschützt werden, zu Opfern solcher Menschen werden zu können. Wenn ein solcher Fall aufgeflogen ist, dann müssen die Täter aus einem Umfeld entfernt werden, in dem sie immer weiter Zugang zu den Kindern haben, und dann sollte die Möglichkeit für die Täter bestehen, sich mit ihrer „Sucht“ auseinanderzusetzen und sie besiegen zu können. Auch für manche von ihnen kann das ein lebenslanger Kampf werden.

    Ich glaube, wir Menschen haben noch viele solcher wenig glorreichen inneren Kämpfe vor uns. Dafür gibt es keine Medaillen und Belobigungen oder Auszeichnungen, aber das ist der Weg, der uns zu immer menschlicheren Menschen macht, und jeder der seinen Teil dazu beiträgt, ist ein wirklich wichtiges Mitglied der Menschheitsfamilie.

     

  • heike
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    Und vielen Dank für den guten Link!

    Heike

  • heike
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    Franz Ruppert schreibt: „Ein Trauma ist in den meisten Fällen ein soziales Ereignis. Trauma und Bindungsprozesse sind in der menschlichen Seele untrennbar miteinander verwoben.“ (Ruppert 2007, S. 56)

    Jetzt habe ich mir auch den sehr interessanten Artikel durchgelesen, vielen Dank dafür! Besonders interessant finde ich, dass die Ressourcen von den traumatisierten Patienten immer wieder recht schnell aufgebraucht werden und die Schilderung einer Teilnehmerin, dass sie da „ein schwarzes Loch“ spürt, das die ganzen Kraftreserven quasi einkassiert. Ich kenne auch einen Menschen, den ich als ein „schwarzes Loch“ empfinde, da, egal wieviel an Energie ich verwende, um ihn zufriedenzustellen, immer alles nicht ausreicht. Man gibt und gibt und gibt, und trotzdem ist es nie genug. Auch diese Person ist meiner Meinung nach in einem Überlebensmodus, und will tiefere Wahrheiten nicht anschauen oder ist dazu nicht fähig.  Hauptsache im gegenwärtigen Leben so funktionieren, dass in der Umgebung kein Anstoß genommen wird. Aber viele Menschen leben so, und solange das für sie so möglich ist, werden sie wohl auch nach keiner Veränderung streben.

    (Letztendlich sollte man sich von einer solchen Person wohl trennen, aber ich liebe sie eben auch.)

    Eigentlich wollte ich ja etwas zu obenstehendem Zitat schreiben. „Trauma und Bindungsprozesse sind in der menschlichen Seele untrennbar miteinander verwoben.“ Ich glaube, dass das so ist, weil der Mensch die Zerstörung nicht so hinnehmen will. Er versucht sie zu kitten. Auch wenn dir jemand etwas Schlechtes antut, versucht man, eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen, man versucht, das Schlechte auszublenden. Man kann irgendwie nicht damit leben, dass jemand einen zerstören will – und in vielen Fällen geht es ja auch gar nicht um eine völlige Zerstörung des anderen, sondern „nur“ darum, ihn dazu zu zwingen, sich dem Willen des Täters unterzuordnen (das reicht diesem dann schon) oder um sexuelle Befriedigung.

    (Ich schreibe das alles hier auch für mich selbst, bitte fühlt euch nicht bevormundet.)

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