Triumph und Niedergang des Abendlandes

 In FEATURED, Kultur, Politik

 

„Abendland“ ist ein politischer Kampfbegriff geworden. Vor allem die völkische Bewegung PEGIDA hat ihn wieder auf brachiale Weise auf die Agenda gesetzt. Abendland – das ist etwas, das wir Europäer gegen anbrandende Vandalenhorden verteidigen müssen, vor allem solche aus der islamischen Welt. Aber wie positiv und verteidigenswert ist diese berühmte abendländische Kultur – oft noch angereichert durch das Adjektiv „christlich“ – überhaupt? Im Fack-ju-Göthe-Zeitalter steht die plötzlich erwachte Liebe zu „unserer“ Hemisphäre in einem merkwürdigen Kontrast zu der fast allgegenwärtigen Kulturvergessenheit. Gewiss, es gab großartige Ansätze im europäisch geprägten Teil der Welt, etwa Humanismus, Aufklärung und die humaneren Komponenten des christlichen Menschenbilds. Geblieben sind jedoch eher einige andere Markenzeichen des Westens: Imperialismus, Arroganz gegenüber anderen Kulturen und die durch das wissenschaftliche Weltbild vorbereitete grassierende Naturzerstörung. In diesem Abendland geht heute vor allem die Sonne der Humanität unter.   Wolfram Rost

Unsere Vergangenheit umfasst eine Welt, die vom Abendland radikal umgestaltet worden ist. Der zweideutige Triumph des Abendlandes mag ein mit Fehlern behafteter, komplizierter und widersprüchlicher Triumph gewesen sein, es war dennoch ein Triumph. (…) Triumphe haben ihren Preis, oft einen schrecklichen. (J.M. Roberts)

In der Geschichte der Menschheit hat es nicht nur viele, sondern zum Teil auch äußerst unterschiedliche Kulturen gegeben. Sie alle sind der „Beweis dafür, dass Menschen imstande sind, auf ganz verschiedene Weise zu leben“ (1).

Oft unterscheiden sich die Kulturen schon in ihrer grundlegenden Sicht auf die Welt und den Menschen. Deshalb gehen die Vorstellungen über all das, was den eigentlichen Sinn des Lebens ausmacht und was für die Menschen als gut, wichtig und erstrebenswert gilt, zwischen den verschiedenen Kulturen mitunter weit auseinander. Ähnlich vielfältig gestalten sind auch die Ansichten und Meinungen darüber, woran sich die Menschen in ihrem Glauben orientieren sollen, und wie sie ihr Zusammenleben mit anderen sowie ihr Verhältnis zu der sie umgebenden Natur sinnvoll gestalten können.

Dabei wird der einzelne Mensch in ganz bestimmte kulturelle Verhältnisse und Beziehungen hineingeboren, durch die er bereits in der frühen Kindheit entscheidend geprägt wird, die später seinen gesamten Lebensstil, sein Denken und Verhalten sowie seine Glaubensinhalte und Wertvorstellungen wesentlich bestimmen werden, und das oft ein Leben lang.

Es liegt also schon im Prozess der Sozialisierung des Menschen begründet, was dann in der gesellschaftlichen Praxis immer wieder zu einer Verabsolutierung der eigenen, gewohnten Lebensweise sowie zu einer Überhöhung der Werte und Normen der selbst erlebten, jeweils herrschenden Kultur führt.

Dazu hat allerdings auch beigetragen, dass die unterschiedlichen Kulturen über einen historisch sehr langen Zeitraum in ihrer Existenz meist streng voneinander geschieden waren oder aber nur über sehr lockere Kontakte und Verbindungen verfügten. Doch auch später war die Bereitschaft der Menschen, unvoreingenommen über die eigene Kultur nachzudenken oder gar deren Grundlagen und Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen – neben der mangelnden Kenntnis anderer Kulturen – oft nur schwach entwickelt.

Vandalen plündern Rom, Gemälde, 19. Jh.

Das Zeitalter der abendländischen Welthegemonie

Aus dem Erbe der griechischen und römischen Antike sowie den Lehren der immer mächtiger werdenden christlichen Kirche bildeten sich im frühen Mittelalter bestimmte kulturelle Formen heraus, die dann in Gestalt des abendländischen Europas zu einer völlig neuen und zunehmend einheitlichen Kultur führen sollten.

Man hatte aber auch so einiges vom alten Aberglauben und von den alten Traditionen übernommen; „heidnische Riten waren christlich umgeformt worden, und heidnische Feste gingen in den Kirchenkalender ein. Die christliche Mentalität offenbarte sich in den in farbigem Glas erzählten Geschichten, den Skulpturen und Schnitzereien, sickerte durch die Homilien der Prediger in die Vorstellungswelt und den Intellekt der Menschen ein“ und veränderte auf diese Weise deren gesamtes Denken und Fühlen nachhaltig (2).

So formte die äußere Pracht des mittelalterlichen Christentums, gemeinsam mit den Riten und Festen sowie den Erzählungen und Dogmen der Kirche, die gesamte Gefühlswelt des damaligen Menschen und beeinflusste seine Ansichten und Vorstellungen in nahezu allen Lebensbereichen.

Die Angelegenheiten der Kirche wurden in der Folgezeit immer mehr zentralisiert und ihr Einfluss nahm weiter zu. Selbstbewusst forderte sie nun die Menschen zu mehr Gehorsam und zu größerer Festigkeit in ihrem Glauben auf, beanspruchte für sich allein „das Wächteramt über die eine einzige Wahrheit“ und strebte nach einer Gemeinschaft, in der andere Glaubensrichtungen und Ideologien konsequent ausgeschlossenen werden konnten.

Dies führte dann auch zu einer zunehmenden Verfolgung der als Ketzer bezeichneten Kritiker und aller Andersdenkenden (3). Dabei gestaltete sich das enge Zusammengehen von geistlicher und weltlicher Macht bei der Unterdrückung von Abweichlern, die für die von Kirche und Staat beanspruchte absolute Herrschaft eine Gefahr darstellten, über lange Zeit als äußerst wirksam und erfolgreich.

Repression nach innen und Expansion nach außen charakterisierten die Kultur des christlichen Abendlandes für Jahrhunderte und fanden ihren deutlichen Ausdruck vor allem in der Ketzerverfolgung, der Inquisition und den Hexenprozessen sowie in Kreuzzügen und kolonialer Eroberung.

Doch es gab in der Entwicklung der abendländischen Kultur auch noch eine andere, äußerst wichtige und wesentliche Seite. Mit der Herausbildung der empirischen Naturwissenschaft und der Ausdehnung der wirtschaftlichen Tätigkeit kam es zu neuen Erfindungen und beachtlichen Fortschritten auf technischem Gebiet. Die Fortschritte im Schiffsbau und in der Navigation schufen die notwendigen Voraussetzungen für die Aufnahme der Hochseeschifffahrt und damit für die erfolgreiche Überquerung der Weltmeere.

Es brach die Zeit der großen überseeischen Entdeckungen an, wobei es – wie der britische Historiker J.M. Roberts später hervorhob – gerade diese „Eroberung der offenen See“ war, die als der bis dahin „größte Triumph über die Kräfte der Natur“ gelten konnte, „ein Triumph, der zur Beherrschung des ganzen Erdballs durch die abendländische Kultur führen sollte“ (4).

Was von dem einen Teil der Menschheit als großer Triumph wahrgenommen wurde, bedeutete für deren anderen Teil jedoch den Beginn eines Lebens unter kolonialer Bevormundung, Ausbeutung und Unterdrückung sowie der Zerstörung der eigenen Kultur. Das von den europäischen Entdeckern erlangte Wissen über die geographische Lage bisher unbekannter Länder sowie über neue, gefahrlose Handelsrouten erwies sich damit als eine äußerst ambivalente Leistung, denn „dieses Wissen stieß das Tor zum Zeitalter der abendländischen Welthegemonie auf“ (5).

Abendland als politischer Kampfbegriff

Der Begriff des christlichen Abendlandes zeigt sich in der Geschichte immer wieder als ein politischer Kampfbegriff, der vor allem der Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen dient, und der die Überlegenheit sowie den Führungsanspruch der westlichen Kultur in der Welt deutlich machen soll (6). Dabei erscheint die gesamte Kultur des Abendlandes traditionell schon in einem besonders starken Kontrast zum „Osten“, der auf diese Weise „zu einem den Westen ‚ewig‘ bedrängenden Erbfeind“ stilisiert wird (7).

Zur Einheit des christlichen Abendlandes gehört deshalb auch die Abgrenzung von einer als fremd und meist sogar als feindlich empfundenen Umwelt. Gegenüber dieser entwickelte das Abendland bereits schon früh „eine Haltung, die sehr an den modernen Nationalismus erinnert: Hass, Kulturstolz und Sendungsbewusstsein. Dies aber gab dem christlichen Abendland Gesicht und Geschichte“ (8).

Auch war vor allem die deutsche Rechte schon immer national und „‚völkisch‘ gesinnt, entflammt von der Idee, ein biologisch definiertes ‚Volk‘ zu verteidigen, das man von fremdländischen Verunreinigungen, sozialistischer Spaltung und bürgerlicher Verweichlichung bedroht sah“ (9).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte dann, infolge der zunehmenden politischen und ökonomischen Krisen sowie dem sichtbaren Verfall der alten, überlebten Werte, eine weitverbreitete Angst vor dem drohenden Untergang des Abendlandes ein. In Deutschland wurde daraufhin die Losung von der Rettung des Abendlandes zu einem wesentlichen Teil der konservativen Bewegung und entwickelte sich schließlich zu einem „Symbol gegen den kulturellen Werteverfall der modernen Zivilisation.“ (10).

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war vor allem gekennzeichnet durch eine totale Inflation und die aufkommende Massenarbeitslosigkeit. Die alten Tugenden des christlichen Abendlandes, wie Arbeitsamkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Gehorsam und Zuverlässigkeit im Dienst, schienen plötzlich ihren Sinn verloren zu haben. Mit der Abdankung des deutschen Kaisers zerbrach zudem noch das alte Bündnis von Thron und Kanzel, jene über Jahrhunderte währende, gemeinsame Herrschaft von staatlicher und geistlicher Obrigkeit.

In kirchlichen Kreisen entstand deshalb die Sehnsucht nach einer Wiederkehr der alten Zustände, und es bildete sich der starke Wunsch nach Wiedererrichtung eines großen Heiligen Reiches heraus. Einige Vertreter der katholischen Kirche sahen dabei sogar im Nationalsozialismus den möglichen Vollstrecker von Zielen, die weitgehend auch die ihrigen waren. So war beispielsweise im Februar 1941, zu einer Zeit, in der der Zweite Weltkrieg längst schon begonnen hatte, im Klerusblatt, der Zeitschrift katholischer Geistlicher aus Bayern und der Pfalz, noch folgendes zu lesen:

„Wir erleben es heute, wie unser Volk wieder zu all den Werten zurückzufinden sucht, die es einmal so groß und mächtig werden ließen, dass es als Heiliges Reich nicht nur den Deutschen, sondern dem ganzen Abendland Schutz und Ordnung bot…“ (11).

Das Bild von der notwendigen Rettung des Abendlandes erwies sich als eine langlebige konservative Denktradition und bot sich dann bereits wieder in der Zeit nach 1945 als mögliche Alternative zum gescheiterten und damals vollkommen diskreditierten völkischen Nationalismus an (12).

In den frühen fünfziger Jahren beriefen sich vor allem konservative Politiker der zuvor erst gegründeten Bundesrepublik auf die Traditionen des Abendlandes, die sie nun gleich von mehreren Seiten her bedroht sahen: „von der ‚Moderne‘ und der ‚Vermassung‘, von der ‚Seelenlosigkeit‘ der Technik und der ‚Unsittlichkeit‘, vom ‚grenzenlosen Individualismus‘ im Westen wie vom ‚Bolschewismus‘ im Osten“ (13).

Dabei ging es um Fragen der Bildung und Erziehung, um den Einfluss von Kirche und Religion sowie um die gesellschaftliche Verankerung eines konservativ geprägten Wertesystems, das dem östlichen Kollektivismus, aber auch dem westlichen Individualismus entgegengesetzt werden sollte.

Doch auch gegenwärtig, in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts, den Zeiten einer umfassenden Globalisierung und weltweiten Vernetzung der Kommunikationsmittel sowie der verstärkten Migrationsbewegungen und einer immer wieder behaupteten Bedrohung durch den Islam, erfährt der Wunsch nach Rückbesinnung auf die abendländischen Werte wieder einen neuen Aufschwung.

Verbunden wird dieser Wunsch dann vielfach noch mit der Forderung nach einer verstärkten Abschottung der eigenen Kultur und des eigenen Territoriums gegenüber „den Anderen“. Sich als „besorgte Bürger“ verstehende Zeitgenossen befürchten, wegen der verstärkten Zuwanderung aus nichteuropäischen Ländern und anderen Kulturkreisen, nun gar die drohende Zerstörung des Abendlandes und seiner Werte und fordern deshalb lautstark eine Schließung der Grenzen und die Errichtung der „Festung Europa“.

Es ist aber nicht nur das Ausmaß dieser ganzen Bewegung, sondern vor allem die praktizierte Intoleranz sowie das hohe Maß an Gewaltbereitschaft und menschenverachtenden Fremdenhass bei einigen ihrer Anhänger, die diesen Wunsch nach einer erneuten Rückbesinnung auf die alten, abendländischen Werte als äußerst bedrohlich für den Frieden, das Zusammenleben der Völker und für die weitere gesellschaftliche Entwicklung in der Welt erscheinen lassen.

Die Zeit ist gekommen, um endlich Abschied von der Abendlandideologie zu nehmen und sich für ein neues, ein auf Toleranz und Gleichberechtigung beruhendes Verhältnis zwischen den Menschen der unterschiedlichen Kulturen einzusetzen.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Roberts, J.M.: Der Triumph des Abendlandes. Düsseldorf/Wien 1986, S. 13.
(2) Roberts, a.a.O., S. 104.
(3) Roberts, a.a.O., S. 101.
(4) Roberts, a.a.O., S. 194.
(5) Ebd.
(6) Faber, Richard: Abendland. Ein politischer Kampfbegriff. Berlin/Wien 2002, S. 89.
(7) Faber, a.a.O., S. 12.
(8) Lemberg, Eugen: Nationalismus. I. Psychologie und Geschichte. Reinbek bei Hamburg 1964, S. 52f.
(9) Paxton, Robert O.: Anatomie des Faschismus. München 2006, S. 60.
(10) Pöpping, Dagmar: Abendland. Christliche Akademiker und die Utopie der Antimoderne 1900-1945.
Berlin 2002, S. 28; S. 265.
(11) Klerusblatt vom 19. Februar 1941. Zit. nach: Amery, Carl: Die Kapitulation oder Deutscher
Katholizismus heute. Reinbek bei Hamburg 1963, S. 38.
(12) Pöpping, Dagmar: Abendland. Christliche Akademiker und die Utopie der Antimoderne 1900-1945.
Berlin 2002, S. 19.
(13) Dietmar Süß: Lieb Abendland, magst ruhig sein. In: DIE ZEIT, Nr. 39/2009.

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