TV-Film «Aufbruch ins Ungewisse»: Bei Rechten verhasst, von uns empfohlen

 In FEATURED, Filmtipp, Politik

Filmszene, Bildquelle: ARD

Der ARD-Fernsehfilm „Aufbruch ins Ungewisse“ mit Fabian Busch und Maria Simon wurde seiner selbstgestellten Aufgabe, ein „Lehrstück“ gegen herzlosen Umgang mit Flüchtlingen zu sein, gerecht. Der Film lotete nicht das ganze satirische Potenzial des Themas aus (indem man z.B. die Ausländerfeindlichkeit in Südafrika ausführlich geschildert und damit entsprechende Verhältnisse in Deutschland gespiegelt hätte); er bleibt stets ernst und gnadenlos realistisch, dadurch wird die Illusion von Realität im Film nie gebrochen, und die bedrückende Atmosphäre im Lager wirkt umso stärker. Bei so viel Einfühlungsvermögen blieb ein rechter Shitstorm gegen den Fernsehfilm „natürlich“ auch nicht aus. (Roland Rottenfußer)

Ein Familie flieht aus dem faschistischen Deutschland – nicht 1933, sondern in naher Zukunft. Mit einem windigen Schlachboot landen die Flüchtenden an der Küste von Namibia und in einem Flüchtlingslager. Sie sind den afrikanischen Behörden auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und von Abschiebung bedroht. Schlepper erpressen von der Familie hohe Geldsummen, um sie ins benachbarte Südafrika zu transportieren, das als attraktiver Aufnahmestaat gilt. Aber auch dort warten nur „Lagerhaft“, Strapazen, endloses Hingehalten-Werden. Die Enge und Aussichtslosigkeit führt dazu, dass bei vielen Insassen die Nerven blank liegen. Und es gibt noch ein Problem: Wer aus einem „sicheren Drittstaat“ eingereist ist, darf nicht bleiben…
Fast schade, dass man sich ins übliche 90-Minuten-Korsett des Fernsehspiel-Formats hat pressen lassen. Der Stoff hätte für einen Dreiteiler gereicht, wobei Teil 1 die rechte Diktatur unter „Bundeskanzler Meier“ geschildert hätte und der dritte Teil den Versuch der Familie, in Südafrika Fuß zu fassen – begleitet vom Abscheu eines Großteils der Urbevölkerung.
Es fanden auch gleich gewissen Leute den Film schlecht, woraus wir wohl schließen können, dass er ins Schwarze, besser: ins Braune getroffen hat. Beatrix von Storch etwa war „not amused“:
Von Storchs Argumentation ist ja interessant, vor allem was die familiäre Verquickung der Politik (Schäuble) mit der Produktion des Films betrifft (Schäubles Tochter Christine Strobl, die der ARD-Tochter Degeto vorsteht). Ja, der Film ist in gewisser Weise „staatstragend“, aber er zeigt die bessere Seite des Meinungsspektrums, das unter den „Etablierten“ derzeit üblich ist. Also nicht CSU/AfD-Positionen, sondern eher die Sichtweise von Grünen, SPD, Linke und das, was zumindest 2015 noch Merkels Politik war. Auch ein rechter Shitstorm übrigens brach über den Film herein. Sucht man den Film auf youtube, wird man gleich mit einer ganzen Serie von Verrissen mit deutlichem Rechtsdrall konfrontiert.
Der Film soll kampagnenartig niedergeschrieben werden, was wieder einmal deutlich macht, wie stark sich die Gesellschaft in den letzen drei Jahren gewandelt hat.
Von unserer Seite können wir „Aufbruch ins Ungewisse“ nur wärmstens empfehlen. Vieles erinnerte an Konstantins Prosa-Gedicht „Dann denkt mit dem Herzen“. Wenn Menschen etwa in der Enge des Lagers aggressiv werden und dann – beim geringsten Vorfall – gleich abgeschoben werden, zurück in die Diktatur, wo sogar der Tod drohen kann, dann ist das Realität pur. Die Unmenschlichkeit der Regelung, dass man nur im Ankunftsland Asyl beantragen darf (unmenschlich übrigens auch für arme Aufnahmestaaten wie Griechenland) wurde deutlich, die Unfreiheit im Lager, der rüde Umgangston, dem man sich schuldlos ausgesetzt sieht (da man ja nicht wegen eines Verbrechens im Gefängnis sitzt, sondern um den Verbrechen des Regimes im Heimatland zu entkommen)… Vieles im Film ist sehr gut beobachtet, auch wenn es schade ist, dass man die flüchtenden Afrikaner fiktiv in Deutsche umwandeln muss, um Mitgefühl zu erzeugen.
Die (noch) fiktive Diktatur in Deutschland, wie gesagt, wurde kaum gezeigt. Ob darin Ähnlichkeiten zur Ideologie der AfD zu erkennen wären, lässt sich nicht sagen. Generell wäre aber eine Film-Dystopie, die die Situation in Deutschland und Österreich weiter denkt und einen Staat beschreibt, der zuerst in Richtung Ungarn, dann in Richtung Türkei abdriftet, sehr interessant. Der „Niedergang der Volksparteien“ gerade im Monat Februar macht ein solches Szenario noch ein Stück wahrscheinlicher.
Bis 9. März kann „Aufbruch ins Ungewisse noch in der ARD Mediathek angeschaut werden.

http://www.ardmediathek.de/tv/FilmMittwoch-im-Ersten/Aufbruch-ins-Ungewisse/Das-Erste/Video?bcastId=10318946&documentId=49823526

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