Über Angst und Formen ihrer Bewirtschaftung

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Angst wird fast immer individualpsychologisch gedeutet und  therapiert, obwohl sie zum großen Teil gesellschaftlich erzeugt ist. Sie hängt mit der spezifischen Form unseres Wirtschaftens zusammen. Dieses stellt eine beständige Bedrohung dar, mit dem Verlust der Arbeitsstelle auch Lebensunterhalt, Lebenssinn und soziale Einbindung zu verlieren. Kapitalismus ist systematische Entheimatung. Und da sich Angst meist auf das Unbekannte und Unbegreifliche richtet, stellt der übereilte technologische Fortschritt einen weiteren massiven Angriff auf unser Gefühl da, in der umgebenden Welt geborgen zu sein. (Auszug aus dem Buch „Zwischen Anarchismus und Populismus. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 3“)  Götz Eisenberg

 

» Eine Angst treibt die andere aus, wie ein Nagel den anderen austreibt. « ( Julian Barnes )

 

Die Dunkelkammern des Ich – Über existenzielle und individuelle Ängste

» Angst macht, was unbegreiflich ist «, heißt es in Anton Tschechows Erzählung Angst. Und er lässt den Freund des Erzählers fortfahren : » Angst macht mir hauptsächlich das Alltagsleben, vor dem sich niemand von uns verstecken kann. « Wenn das Alltagsleben, das normalerweise der Inbegriff von Routine und Wiederholungen ist, die die Funktion haben, uns vor Überraschungen zu schützen und die damit verbundene Angst zu mindern, selber zur Quelle von Ängsten wird, ist das ein untrügliches Anzeichen dafür, dass eine Gesellschaft in die Krise und das Leben aus dem Lot geraten ist.

Das Wort Angst leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort angest ab, das eng bedeutet. Wer Angst hat, dem zieht sich die Welt zusammen, dem verengt sich der Horizont. Wer von Ängsten umstellt ist, fühlt sich in die Enge getrieben. Wer Angst hat, dem schnürt es die Brust ein, dessen Herzschlag beschleunigt sich, dem bricht der Schweiß aus. Die Muskeln spannen sich an bis zur Verkrampfung. Nacken und Rücken schmerzen. Wer Angst hat, der schläft schlecht und unruhig, der wacht in der Frühe mit Beklemmungen und einem Rumoren im Gedärm auf.

In Dörte Hansens Roman Altes Land stieß ich auf folgende Schilderung einer Angst-Attacke. Anne hat soeben erfahren, dass Christoph, ihr Mann und der Vater ihres gemeinsamen Sohnes, nach der Trennung von ihr nun ein Kind mit einer anderen Frau erwartet. » Etwas schlug leck in ihr, sie spürte, wie ihre ganze Kraft entwich, wie alles ihr entglitt, sie löste sich an ihren Rändern auf. Alles, was sie gewesen war, was an ihr fest und heil gewesen war, strömte heraus, um sie herum stieg eine kalte Flut, sehr schnell, zog ihr die Füße weg, schien Stühle, Tisch und Schränke mitzureißen, die Küche, dieses Haus, die Welt versank, nur dieser Mann schwamm oben, unversehrt, sein Kopf, sein Blick, sein Glück. « Anne flieht ins Bad und übergibt sich, bis bloß noch Galle kommt. Sie schafft es dann, mit ihrem Auto unfallfrei nach Hause zu fahren. Sie findet Trost bei ihrer Mutter.

Die Angst kommt bevorzugt mit dem Dunkelwerden. In der Nacht, in der alle Katzen grau sind. Tagsüber wird sie vom Alltag gedämpft, zurückgedrängt, überlagert, manchmal sogar vergessen. Um der Angst zu entgehen, die beim Denken an den Tod aufsteigt, nehmen die Menschen Zuflucht zum faustischen Prinzip unablässiger, blindwütiger Aktivität. Arbeit bindet die Angst. Wie sehr das der Fall ist, merkt man daran, dass der Verlust der Arbeit manchmal mit dem Ausbruch schwerer Persönlichkeitsstörungen einhergeht, in deren Zentrum fast immer Angst steht. Da das Raum-Zeit-Gefüge in unserer Gesellschaft mit öffentlich anerkannter Erwerbsarbeit verknüpft ist, verlieren Menschen, die ihre Arbeit verlieren, viel mehr als nur ihre Arbeit. Sie büßen ihre Verortung und ihre Orientierungsfähigkeit ein und sind all den psychischen Konflikten und Spannungen schutzlos ausgeliefert, die zuvor in Arbeitsprozesse eingebunden und dadurch gedeckelt waren. Der seelische Innenraum, in den sie nun verbannt sind, ist zu eng für den Austrag solcher Konflikte. Zwänge sind ein unbewusster Versuch, die Angst zu bannen, ihr eine vorübergehende Form zu geben. Diffuse Angst wird in Furcht vor etwas Konkretem verwandelt.

Von Kierkegaard stammt der Hinweis darauf, dass wir Angst und Furcht zu unterscheiden haben : » Der Begriff Angst «, schreibt er in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 1844, ist » gänzlich verschieden von der Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen «. Die Angst hingegen sei » die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit «. Und er fährt fort : » Je weniger Geist, desto weniger Angst. « Blaise Pascal bezeichnete in früher Vorwegnahme der Kierkegaardschen Thesen die Angst als einen Schwindel, der den Menschen angesichts seiner Freiheit erfasst. Jeder Mensch – ob er das weiß und will oder nicht – hat Angst und ist verzweifelt. Kierkegaard sprach von des Menschen » Krankheit zum Tode «. Von Angst und Verzweiflung gibt es keine Heilung, wohl aber Linderung, wenn man zu einem angemessenen Umgang mit ihnen findet und sie vor allem nicht verleugnet. Es bleibt das grundlegende Problem, das Kierkegaard so beschreibt : » Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden werden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden. «

Halten wir fest : Die Furcht ist auf etwas Konkretes gerichtet, die Angst ist frei flottierend und unbestimmt. Furcht und Angst verhalten sich zueinander wie Wut und Hass. Wir sind wütend auf jemand oder etwas, während der Hass ohne Gegenstand und frei flottierend ist. Es geht beim Hass allein um die Intensität des Gefühls, die umso größer ist, je weniger Grund sie hat. Wenn etwas begründet ist, gibt es einen rationalen Rückbezug, der immer etwas Abklärendes, Begrenzendes und Moderierendes hat. In Irmgard Keuns Roman Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften stieß ich auf eine Schilderung eines aufsteigenden Hasses : » … ich fühle ganz genau, wie es kommt, wenn ich mich nicht mehr aushalten kann. Wolken steigen dann in mir hoch und wickeln mich ein, bis ich nichts mehr sehe und nur noch tobe. «

Des Nachts steigt die Angst die Kellertreppe hinauf und packt uns bei der Kehle. » Kannst du die Tür einen Spalt offenlassen «, fragten wir als Kinder, wenn wir zu Bett gebracht wurden. Etwas Licht aus der Welt der Erwachsenen und damit der Sicherheit sollte in unser Schlafzimmer hineinfallen. Wer sich ängstigt, schaltet das Licht ein. Das bannt vorübergehend die Gespenster und verhindert eine Überflutung durch Angst. » Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer «, heißt eine Radierung von Goya.

Wer Angst hat, lebt nicht in der Gegenwart und ist nicht wirklich lebendig. Das Leben verliert seine mögliche Leichtigkeit. Der sich Ängstigende lebt im Bann lebensgeschichtlich mitgeschleppter Traumata und ungelöster Konflikte. Wer Angst hat, kann nicht denken und kreativ sein. Angst und Kreativität verhalten sich umgekehrt proportional zueinander. Deswegen sollte man Wissen nicht in Prüfungen abfragen. Prüfungen infantilisieren den Prüfling und liefern ihn archaischen Ängsten aus. In einem Roman von Stan Nadolny heißt es : » Angst verhindert fast alles : Geistesgegenwart, Beschwingtheit, konzentriertes Denkvermögen, sie lässt den Menschen schlecht aussehen und alles zuverlässig versemmeln. «

Angst blockiert unsere Fähigkeiten. Eine Gesellschaft, die den Menschen dazu verhelfen möchte, ihre Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen, sollte darauf bedacht sein, ihnen ein möglichst angstfreies Dasein zu ermöglichen. Der Angstfreiheit stehen allerdings starke Herrschaftsinteressen entgegen : Wer ohne Angst ist, ist praktisch nicht zu demütigen und deswegen kaum beherrschbar. Schon Machiavelli hat gelehrt : Wer seinem Volk Angst macht, braucht es nicht zu fürchten.

Kinderängste

Der Mensch ist ein Lebewesen, das seinen Tod denken kann. Dieses Wissen ist eine der Hauptquellen der Angst. Es gibt Ängste, die zum Menschsein gehören. Angst vor Sterben und Tod, vor Krankheit, vor Trennung und dem Verlust eines geliebten Menschen. Eine kindliche Urangst ist die vorm Verlassenwerden durch die Mutter, auf deren liebende Zuwendung und körperlich-emotionale Versorgung wir anfangs angewiesen sind. Wer seine Mutter verliert, bevor die Ablösung von ihr vollzogen und gelungen ist, dessen Lebensgrundgefühl wird Angst sein. In den inneren Dunkelkammern überdauern archaische Kinderängste, gegen die kein Kraut gewachsen scheint. Verliert ein Kind seine Mutter, geht sein Mandat zu leben verloren und das Verhältnis zur Welt erhält einen Riss. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich gehöre zu den Menschen, denen das widerfahren ist. Die ersten Jahrzehnte meines Lebens wurde ich von Träumen vom endlosen Fallen heimgesucht. Das ist der Angsttraum par excellence. Symbolisch wiederholt sich in ihm die Erfahrung des Fallengelassen-Werdens. Irgendwann verloren sie sich und wichen anderen Träumen. Die Angst blieb. Manchmal genügen Kleinigkeiten, um den Bodensatz der Angst aufzuwirbeln, und es dauert dann eine Weile, bis er sich wieder gesetzt hat. Um die Angst zu bannen, begann ich mit dem Schreiben. Da aber die Angst auch dadurch nicht dauerhaft verschwand, musste ich ständig weiterschreiben. So wurde ich süchtig – schreibsüchtig. Das Schreiben als eine Schwimmbewegung, die verhindert, dass ich im Meer der Angst versinke. Der auf diese Weise zum Schreiben Gekommene, ja Gezwungene, wird, wie André Gorz gesagt hat, » zum Schriftsteller, wenn sein Bedürfnis zu schreiben von einen Thema getragen wird, das es erlaubt und verlangt, dieses Bedürfnis zu einem Projekt zu organisieren. « Und wenn dieses Projekt ihn übersteigt, wenn er etwas zu sagen hat, das nicht nur ihn betrifft – würde ich hinzusetzen.

Wo unter günstigen Bedingungen ein Urvertrauen entstehen kann, wie Erikson es so wunderbar ausgedrückt hat, bildet sich infolge einer vorzeitigen und deshalb traumatisierenden Trennung ein Ur-Misstrauen aus, das häufig ein Leben lang wirksam bleibt. Wer nicht in den vor den bewussten Erfahrungen liegenden Perioden des Lebens, einer Phase extremer Abhängigkeit, Urvertrauen erlebt hat, wird sich dieses Geborgenheitsgefühl später nur mit unsäglicher Mühe durch Freiheit des Denkens erwerben und nur schwer die Gelassenheit des Vertrauens finden können. Wer durch kontinuierliche Zuwendung und elterliche Liebe Urvertrauen und ein gutes Selbstgefühl entwickeln konnte, bewahrt bis in Missgeschicke hinein eine Art religiösen Optimismus, der auf der ruhigen Gewissheit seines Wertes fußt. Die Qualen eines schwankenden Selbstgefühls bleiben ihm erspart. Die Dinge können kommen, es wird schon irgendwie weitergehen. Auch in schwierigen Lebenssituationen bleibt er ein Privilegierter, der über ausreichend Ressourcen verfügt, um mit Zusammenbrüchen und Krisen fertig zu werden. » Wer sein Warum des Lebens hat, erträgt fast jedes Wie «, heißt es sinngemäß bei Nietzsche.

Vor dem Hintergrund eines Übermaßes an Angst entstehen mitunter Biographien von Menschen, deren Leben, wie Stephan Hermlin es anlässlich des Dichters Georg Trakl ausgedrückt hat, » nicht lebbar ist « – und die es dennoch leben müssen. Wie wird unlebbares Leben lebbar, wie wird unmögliches Leben möglich ? Man kann sich auf die Seite des fast verschütteten Lebendigen schlagen oder auf die Seite dessen, was einen zur Strecke gebracht und beinahe getötet hat. Der erste Weg führt häufig in künstlerische und politische Rebellion. Wahre Kunst entsteht, wenn der Künstler ohne sie nicht zu leben vermag. Der zweite ist der Weg der » Identifikation mit dem Aggressor «, wie Anna Freud diesen Ausweg begrifflich gefasst hat. Mancher hat den Stock, mit dem er einst verprügelt wurde, verschluckt, wie Heinrich Heine es ausgedrückt hat, und prügelt nun mit ihm auf alles ein, was ihm lebendig oder anders vorkommt. Dies ist ein Weg, der in den Faschismus führt – mindestens in den Faschismus der Gefühle.  » Der Weg des Faschismus ist der Weg des Maschinellen, Toten, Erstarrten, Hoffnungslosen. Der Weg des Lebendigen ist grundsätzlich anders, schwieriger, gefährlicher, ehrlicher und hoffnungsvoller «, heißt es in Wilhelm Reichs Die Massenpsychologie des Faschismus. Der Faschist verwandelt erlittene eigene Traumatisierungen in den Triumph, nun andere quälen und töten zu können. » Wie ist es dazu gekommen «, fragt Christa Wolf in ihrem autobiographischen Roman Stadt der Engel einen Freund, » dass unsere Zivilisation Monster hervorbringt ? « Und der Freund antwortet : » Verhindertes Leben. Was sonst. Verhindertes Leben. «

Der Dichter Georg Trakl zieht in den ersten Weltkrieg. Nach der Schlacht von Grodek, Anfang September 1914, läuft er schreiend davon, wird eingefangen und ins Irrenhaus nach Krakau gebracht. Dort eingesperrt, nimmt er sich das Leben. Man bringt sich um, weil ein Leben in Angst nicht auszuhalten ist und die Mühe nicht lohnt. Trakls letztes Gedicht trägt den Titel Grodek und endet mit dem Satz : » Alle Straßen münden in schwarze Verwesung «.

» Künstler ist, wer nicht anders kann, und dem dann nicht zu helfen ist «, schreibt Franz Fühmann in seinem Trakl-Buch Vor Feuerschlünden.

Mit Ängsten werden wir als Menschen – auch in der freiesten Gesellschaft – leben müssen. Bei Ernst Toller heißt es : » Auch der Sozialismus wird nur jenes Leid lösen, das herrührt aus der Unzulänglichkeit sozialer Systeme, immer bleibt ein Rest. Aber soziales Leid ist sinnlos, nicht notwendig, ist tilgbar. « Gegen die unauflösbare Restangst entwickeln wir Abwehrstrukturen, die angstbindende Kraft besitzen und verhindern, dass die Angst uns lähmt. Jede Gesellschaft stellt » Container « zum Auffangen der Angst zur Verfügung : religiöse Tröstungen, mythische Erzählungen – neuerdings Narrative genannt –, Institutionen und Rituale. Damit lässt sich die Absurdität eines Lebens zum Tode aushalten, wenn die Startbedingungen gut genug gewesen und wir ohne besondere Traumatisierungen davongekommen sind.

Freud unterschied zwischen Realangst und neurotischer Angst. Realängste sind rationale Reaktionen auf die Wahrnehmung äußerer Gefahren. Man kann sie als verständliche Äußerungen des Selbsterhaltungstriebs ansehen. Wir reagieren auf sie in der Regel mit einem Fluchtreflex. Oder, wenn die Gegebenheiten es zulassen, mit einem Angriff auf die Gefahrenquelle. Funktioniert beides nicht, werden wir unter enormen Stress gesetzt, der Menschen zerreißen kann und auf den Körper durchschlägt.

Erziehungsverbrechen

Dann gibt es überschüssige, sogenannte neurotische Ängste, die nicht sein müssten, aber in ein Leben kommen, wenn es durch schmerzhafte Eingriffe an der Entfaltung gehindert und verbogen wird; wenn sich dem Kind gegenüber jene Paranoia entfaltet, die man Erziehung nannte und manchmal noch nennt. Thomas Bernhard hat von » Erziehungsverbrechen « gesprochen und die an ihm begangenen in seiner fünfbändigen Autobiographie eingehend beschrieben. Angst ist das Kernstück der seelischen Erkrankungen, die wir Neurosen nennen. Bei den Zwangsneurosen, der Angstneurose und bei vielen Depressionen steht sie im Mittelpunkt, aber auch vielen psychosomatischen Erkrankungen liegt letztlich Angst zugrunde, wobei die Angst gewöhnlich verschoben und auf einzelne Organe gerichtet wird. Noch der sich ritzende und die Haut aufschneidende Borderliner versucht, eine namenlose Angst in einen körperlichen Schmerz zu überführen, der lokalisierbar und leichter zu ertragen ist.

Die in unserer Kultur lange praktizierte frühkindliche Trennung des Kontinuums von Mutter und Kind unterbricht das kontinuierliche Sein des Kindes. An den Bruchstellen lagern sich frühe Ängste an. Angst entsteht, wenn das kontinuierliche Sein unterbrochen wird, das Halten nicht gut genug ist, Schocks den noch fragilen Reizschutz durchbrechen. Allmählich bildet sich aus dem anfänglichen Zustand der Desintegration oder besser : Nicht-Integration eine psychische Struktur heraus, die das Kind instand setzt, es mit allen möglichen ängstigenden Situationen aufnehmen zu können – besser oder schlechter, je nachdem, welche Bedingungen ein Kind antrifft.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat über den Empfang, den wir unseren Neugeborenen bereiten, geschrieben : » Man stelle sich vor : da liegt ein Geschöpf, das neun Monate seines Lebens, eine ungemessene Zeit, in umfassender Symbiose mit einem mütterlichen Körper zugebracht hat, amputiert, durch Strickzeug gefesselt, mit verpackten Händen in einer berührungslosen, dabei stechend hellen Leere, wird in Abständen, die durch endlose Verlassenheiten getrennt sind, um einen Rhythmus zu ergeben, aufgenommen, behandelt, ja, auch endlich an eine Brust gelegt, › gestillt ‹ – aber dieses Glück dauert nicht, der Kontinent von Mutterwärme geht unter und macht wieder diesem uferlosen Alleinsein Platz, das man sich durch kein Suchen und Tasten wohnlicher machen, wo man seinen Atem nur zum Schreien brauchen und auch von nebenan nur Schreien hören kann, wo es nur ein natürliches Gefühl gibt : dass man alles, das Ganze, die Hauptsache entbehrt. « Diese Art des Empfangs von Neugeborenen implantiert Angst in die kindlichen Seelen und Körper und ist häufig richtungsweisend. Adolf Muschg verband diese Schilderung mit der Frage : » Gibt es ein Leben nach der Geburt ? «

In der weiteren Entwicklung gibt es Angst vor Strafe, vor Liebesverlust, vor Schlägen, Angst vor dem Vater, dem Lehrer, bis in meine Generation hinein auch noch vor dem Pfarrer. Angst davor, etwas » Sündiges « zu tun. Gewissensängste. Sich schuldig fühlen, wenn man in lustvoller Absicht Hand an sich legt. Gottes Blick reicht bis unter die Bettdecke. Ängste werden durch schmerzhafte Eingriffe und Verbote in die Körper installiert, die in der Folge bestimmte Lüste abwehren und von sich aus auf gewisse Stimuli mit Abwehr und Angst reagieren. Der Schweiß bricht aus statt Lust und Liebe.

Angst vor dem Lehrherrn, dem Offizier, der einen schleift. Vor allem die Schulen und das Lehrpersonal waren lange Erzeuger von Angst und Traumatisierungen, die oft ein Leben lang nachwirkten. Hermann Hesse, Heinrich Mann und vor allem Leonard Frank haben von Schülerqualen beredt Zeugnis abgelegt.

Von der Unterwerfung unter das elterliche Regiment profitieren später andere gesellschaftliche Instanzen, die in der Bewirtschaftung der Angst ein dauerhaftes Potenzial für Macht, Kontrolle und Profit entdecken. Schon Luther wusste das und verkündete im großen Katechismus : » Denn aus der Eltern Obrigkeit fließt und breitet sich aus alle andere. … Alle, die man Herrn heißet, an der Eltern Statt sind und von ihnen Kraft und Macht zu regieren nehmen müssen. «

Von Sigmund Freud und Wilhelm Reich haben wir gelernt : Am Grunde unserer Neurosen liegen häufig abgewehrte sexuelle Triebwünsche. Die nicht abgeführte Erregung wird in Angst verkehrt und diese in Symptomen gebunden – in Charakterzügen und Zwangshandlungen. Verdrängung bedeutet Produktion von Unbewusstheit und damit Einschränkung des Bewusstseins. Das soziale Tabu über der Sexualität wird in Sozialisationsprozessen als Denkhemmung verinnerlicht, die über den engeren sexuellen Bereich hinausgreift. Unterdrückung macht dumm und setzt Lücken in der Wahrnehmung.

Kinder wurden und werden teilweise bis heute – salopp gesagt – » zur Sau gemacht « und also in Angst versetzt. Angsterzeugung und Verpönung von Triebregungen galt und gilt als probates Mittel in der Erziehung und als Quelle von Gehorsam und Unterwerfung unter den elterlichen Willen. Es gibt heute allerdings auch Angst, die aus Nicht-Erziehung stammt, aus mangelndem Halt und mangelnder Begrenzung. Psychische Strukturen, die die Angst mindern und uns inneren Halt gewähren, entwickeln sich im Handgemenge mit leibhaftig anwesenden Menschen, an denen man sich reiben und abarbeiten kann und muss, die uns liebevoll zugewandt sind und unserem Leben eine Richtung geben. Wer seinen Kindern keine angemessenen und zumutbaren Versagungen auferlegt und ihnen die leibhaftige Auseinandersetzung verweigert, darf sich nicht wundern, wenn sie in frühkindlichen narzisstischen Größenphantasien verharren und auf ihrer verzweifelten Suche nach angstmindernden Begrenzungen auch zur Gewalt greifen. Was müssen Kinder mitunter für verzweifelte Anstrengungen unternehmen, um ihre Eltern und die Gesellschaft der Erwachsenen zu einer klaren Stellungnahme zu bewegen ! Auch oder gerade im Rahmen einer Mittelschichtsverwahrlosung überantwortet man Kinder einer trostlosen Beliebigkeit und Beziehungslosigkeit und praktiziert Erziehungsverweigerung, wodurch man ihnen sowohl das Kind-Sein als auch das Erwachsenwerden verweigert.

Digitale Kindsaussetzung

Viele Kinder wachsen gegenwärtig in einer Umgebung von Bildschirmen auf, weniger in der Obhut von lebendigen und leiblich anwesenden Menschen. In der Post stieß ich unlängst auf eine Gruppe Frauen mit ihren Kindern. Während die Frauen dabei waren, ein Formular auszufüllen, saß ein vielleicht einjähriges Kind in einem Kinderwagen, der etwas abseits der Gruppe abgestellt war. Ich traute meinen Augen nicht : Das Kind wischte tatsächlich auf einem Smartphone herum, aus dem leise Musik drang. Der Umgang des Kleinkindes mit dem Gerät wirkte ziemlich professionell, was auf einen regelmäßigen Gebrauch schließen ließ. Staunend starrte ich das Kind an. Mitleid mit ihm erfasste mich und ich fragte mich, was aus Kindern werden soll, die unter solchen Bedingungen aufwachsen. An was soll sich ihr Selbstgefühl erwärmen ? Wer hilft ihnen, ihre Angst einzuhegen und ihren Trieben Dauer und Form zu geben ? In einer an ihrem Reichtum erstickenden Gesellschaft beobachten wir neuartige Formen der Kindsaussetzung und digitaler Vereinsamung und Verelendung. Diese erzeugen Ängste, über die wir noch nichts wissen, ja, die wir teilweise noch nicht einmal zur Kenntnis genommen haben. Die virtuelle Welt bringt eine spezifische Ortlosigkeit hervor. Heimat ist im Netz nicht möglich, und so werden die Menschen in die Bedingungen des zeitgenössischen Kapitalismus eingeübt, die ebenfalls auf Flüchtigkeit, Bindungslosigkeit und Flexibilität basieren. Es kann sein, dass heutige Kinder weniger geschlagen und gezüchtigt werden, dafür haben sie unter neuartigen Entbehrungen zu leiden. Der alte Nietzsche’sche Satz gilt nach wie vor : » Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen ? «

Mit der propagierten und praktizierten Bindungslosigkeit legt diese Gesellschaft die Axt an die Wurzeln der Subjektwerdung des Menschen. Seine » psychische Geburt « kann nur in verlässlichen Näheverhältnissen und unter Bedingungen von räumlicher und zeitlicher Konstanz gelingen. Eine Gesellschaft, die es zulässt, dass auf die Kindheit der Kälteschatten ökonomischer Fungibilität fällt, darf sich nicht wundern, wenn ihrem unwirtlichen Schoß vermehrt psychisch frigide und moralisch verwilderte Individuen entspringen.

Man beseitigt individuelle Angst nicht, indem man ihre Symptome kuriert oder Medikamente verschreibt. Letzteres ist zu einem einträglichen Geschäft geworden. Es gibt Situationen akuter Panikzustände, in denen man Medikamente verabreichen muss, damit ein Mensch überhaupt erst wieder einen Zustand erreicht, in dem man mit ihm therapeutisch arbeiten kann. Dann aber kommt es darauf an, den Angstgründen auf die Spur zu kommen, die Szenen zu rekonstruieren, in denen Angst massiv erzeugt und erlebt wurde. Je weiter die Angsterzeugung lebensgeschichtlich zurückreicht, desto schwerer ist es, ihr therapeutisch beizukommen. Vieles verliert sich im vorsprachlichen Nebel einer frühkindlichen Amnesie und ist eher einer körpertherapeutischen Bearbeitung zugänglich als auf Sprachlichkeit fixierten therapeutischen Verfahren.

Selbst wenn es gelingt, die Gründe herauszufinden, ist damit die Angst nicht aus der Welt. Eine schöne, aber leider naive Vorstellung : Man muss das bislang Unbewusste wie Rumpelstilzchen bloß beim Namen nennen und schon verschwinden die Symptome.

Baron Münchhausen und Sartre

Die Bilanz meiner ein Leben lang dauernden Selbsterforschung lautet : Man muss sich mit der Angst ins Benehmen setzen und versuchen, sie zu überlisten und einen modus vivendi mit ihr und den von ihr gespeisten Symptomen zu finden. Ganz los wird man sie nicht. Sie haben ihre Ursache und Funktion im seelischen Gesamthaushalt, die berücksichtigt werden müssen. Geholfen hat mir Arthur Koestler, in dessen Autobiographie ich auf folgende Passage stieß : » Eine gütliche Verständigung mit den eigenen Neurosen herbeizuführen klingt wie ein Widerspruch in sich selbst; dennoch lässt es sich meiner Meinung nach erreichen, vorausgesetzt, dass man seine Komplexe anerkennt, sie mit höflicher Achtung behandelt und sie weder leugnet noch bekämpft. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass der Mensch die Kraft besitzt, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Der Baron im Sumpf, abgekürzt › Basu ‹, Besieger von › Ura ‹, ( Abkürzung von Urangst ) war zugleich zum Glaubensartikel und Symbol geworden. « Koestlers Autobiographie ist auch eine Hommage an den Baron Münchhausen, dem er sein Leben verdankt. Auch Jean-Paul Sartre ist ein Anhänger des Barons. Seine Fassung der Münchhausen-Maxime lautet : Wir müssen und können etwas aus dem machen, was man mit uns gemacht hat ! Ein Leben ist eine zu diesem oder jenem verwendete Kindheit; niemand sollte sich ein Leben lang mit dem Verweis auf seine schwierige Kindheit herausreden und die Verantwortung für sich und seine Handlungen von sich weisen. Menschen sind keine Billardkugeln, die durch ein Queue bewegt werden – noch als determinierte sind sie selbsttätig, noch als heteronome im Kant’schen Sinne » spontan « und zu eigenen Entscheidungen fähig. Es ist, wie Sartre sagt, an uns, uns Wege zu bahnen und die Vampire in die Flucht zu schlagen.

Monika Maron ist bei Jean Anouilh auf einen hilfreichsten Rat zur praktischen Lebensbewältigung gestoßen. Im Stück Jeanne oder die Lerche erklärt Jeanne ihrem König Charles, wie er seine Angst überwinden kann : » … Du sagst dir : Gut, ich habe Angst, aber das ist meine Sache, das geht niemanden etwas an. Ich gehe meinen Weg weiter … Gut, sie sind in der Überzahl, sie sitzen hinter hohen Wällen, haben große Kanonen mit vielen Kugeln und sind seit jeher die Stärkeren. Ich habe Angst. Richtig Angst. Noch ein paar Sekunden – so … und jetzt, nachdem ich Angst gehabt habe, jetzt los und drauf ! Darüber sind die anderen so verdutzt, dass sie es plötzlich mit der Angst zu tun bekommen. Doch da bist du schon da und stürmst über sie hinweg ! Du siegst, weil du als der Klügere und Phantasievollere eben vorher Angst gehabt hast. Mehr braucht es nicht. «

Seit ich miterlebt habe, wie ein Freund beim Versuch, seine Ängste im Rahmen eines kontraphobischen Projekts frontal anzugehen, ums Leben gekommen ist, behandele ich meine Angst mit Respekt. Ich habe gelernt, nichts Unmögliches von mir zu verlangen und mich nicht zu überfordern. Die auf » Heilung « und » seelische Gesundheit « abzielenden Therapien vertragen sich schlecht mit der ursprünglichen psychoanalytischen Idee, die den einzelnen zu einer lebenslangen Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Widersprüchlichkeit animieren wollte. Nach Freud kann man nur das überschüssige » hysterische Elend « therapeutisch mildern oder im besten Fall zum Verschwinden bringen, nicht aber das » allgemeine Unglück des Kulturmenschen «, das selbst dem austherapierten Patienten bleibt. Etwas salopp gesagt : Der Normale ist ein Verrückter, dessen Neurose eine gute Wendung genommen hat.

Über Gesellschaftlich produzierte Ängste

» Das neue Jahrtausend steht im Zeichen des Exils, aller Arten von Exil, sei es im eigenen Land oder in der weiten Welt, in der eigenen Wohnung oder Sprache oder außerhalb ihrer. Ein immer weiter sich ausbreitender Spasmus, › ein Gespenst geht um die Welt ‹. « (Norman Manea )

Anders steht es mit den gesellschaftlich erzeugten Ängsten, von denen nun die Rede sein soll. Diese werden auf die neurotischen Ängste aufgepfropft und nehmen sie in Dienst. Aus dieser undurchsichtigen Verfilzung beziehen sie ihre Wirksamkeit. Von der Vorunterwerfung unter die elterliche Autorität profitieren alle späteren Instanzen, denen wir unterworfen sind. Der große Sozialpsychologe Erich Fromm hat das so beschrieben : Das Verhältnis von Über-Ich und Staat ist dialektisch. Das Über-Ich ist verinnerlichter Staat, und der Staat externalisiertes, also nach außen projiziertes, Über-Ich. Das bedeutet : Wer gegen staatlich-gesellschaftliche Ge- und Verbote verstößt, bekommt es zugleich mit seinem Gewissen zu tun. Für den Fall, dass das Gewissen versagt und Regeln verletzt werden, liegen Polizei und Strafjustiz in Reserve. » Die Strafjustiz ist gleichsam der Stock an der Wand, der auch dem braven Kinde zeigt, dass der Vater ein Vater und das Kind ein Kind ist «, schreibt Fromm. Diese Verzahnung innerer und äußerer Kontroll-Instanzen sorgte bislang für die Stabilität der bürgerlichen Ordnung und ihrer Institutionen. Wie es um diese Stabilität bestellt ist, wenn die Über-Ich-Bildung nicht mehr in zuverlässiger Weise geschieht und die Verzahnung nicht mehr funktioniert, wäre ein anderes und hochaktuelles Thema. Wenn das Über-Ich, wie Freud sagte, als innere Polizei fungiert, stünde die äußere Polizei auf verlorenem Posten, wenn sie sich nicht mehr auf ihre verinnerlichten Abteilungen verlassen und stützen könnte. Oder anders formuliert : Wenn die innere Polizei des Gewissens nicht mehr zuverlässig arbeitet, muss die äußere Polizei vermehrt in Erscheinung treten. Fromm beharrte allerdings auf der Notwendigkeit eines Stützpunkts im Inneren der Individuen, weil man nicht hinter jeden Bürger einen Polizisten stellen könne. Heute übernehmen mehr und mehr Überwachungstechnologien die Kontrolle der Bürger und registrieren deren Regelverstöße. Wer den Laden ohne zu zahlen verlässt, wird von der elektronischen Diebstahlssicherung zurückgepfiffen oder vom Detektiv gestellt, der den Diebstahl per Kamera beobachtet hat.

Von den gesellschaftlich produzierten Ängsten gilt : Sie müssten in einer Gesellschaft wie der unseren, die einen unermesslichen Reichtum hervorbringt, nicht sein. Zygmunt Bauman hat als soziologische Grundregel formuliert : Alles, was menschen gemacht ist, kann auch von Menschen verändert werden – vorausgesetzt, sie wollen es. Wir können sicher nicht alles Leid aus der Welt schaffen, aber doch einen großen Teil davon, und einen anderen Teil lindern. In jedem Fall lohnt es sich, es immer und immer wieder zu versuchen. Baumans Rat : Wir sollten uns auf den Teil des Elends konzentrieren, der gesellschaftliche Ursachen hat und in solchen Fällen keinerlei Grenzen für die Umgestaltung der Wirklichkeit akzeptieren. Im Namen der neuen neoliberalen Göttin TINA – there is no alternative – versucht man die Handlungsspielräume der Menschen systematisch zu verengen und ihnen die herrschenden Verhältnisse als die einzig möglichen und denkbaren zu präsentieren.

Angst und Entfremdung

Welches sind nun die gesellschaftlich erzeugten Ängste, gegen die eine zur Vernunft gekommene Menschheit etwas ausrichten könnte ? Es sind im Wesentlichen Ängste, die aus der spezifischen Form unseres Wirtschaftens stammen. Seit 1800 etwa hat sich die Ökonomie aus den Lebenszusammenhängen, in die sie zuvor eingebettet war, herausgelöst und verselbständigt. So konnte sie sich von den ihr auferlegten Begrenzungen befreien und zu einer anonyme Märkte beliefernden effizienten Warenproduktion werden, deren Ziel nicht länger die Bedürfnisbefriedigung ist, sondern die Vermehrung des zum Kapital mutierten Geldes. Die kapitalistische Produktion trifft Entscheidungen ausschließlich unter dem Aspekt der Profitrate und nimmt keine Rücksicht auf menschliche Belange und das, was man früher Gemeinwohl nannte. Alle diesbezüglichen Rücksichtnahmen müssen ihr aufgezwungen und kämpferisch abgerungen werden. Am Gipfelpunkt der Verselbständigung und Entfremdung werden die Menschen im Zeichen von Industrie 4.0 von ihren eigenen Hervorbringungen aus der Produktion vertrieben. Das Kapital emanzipiert sich mehr und mehr von der menschlichen Arbeitskraft und nullt tautologisch und gespenstisch vor sich hin. Massen von Menschen werden innerhalb der nächsten Jahrzehnte von Robotern und Algorithmen aus der Arbeitswelt verdrängt werden. » Der Mensch wird – in dieser Gesellschaft – überflüssig, vorher schwinden seine Fähigkeiten «, notierte Max Horkheimer bereits Mitte der 1950er Jahre. Diese Entwicklungen setzen großflächig Ängste frei. Die Menschen sterben einen sozialen Tod und drohen aus der Welt zu fallen. Statt Widerstand zu leisten und die wild gewordene Ökonomie in eine solidarische Gesellschaftlichkeit einzubinden, unterwerfen sich die Menschen den sogenannten Marktgesetzen. Nach beinahe vier Jahrzehnten neoliberaler Indoktrination scheint es gelungen, den Markt als neue Zivilreligion zu etablieren. Die Trinität, die in ihr verehrt wird, heißt : Rationalisierung, Deregulierung und Globalisierung. Wer sie kritisiert, wird von den Hohepriestern der Marktreligion in die Position desjenigen gerückt, der so töricht ist, einem Erdbeben Vorwürfe zu machen.

Der im Namen des Neoliberalismus entfesselte Kapitalismus und seine Praktiken erzeugen Angst im großen Stil. Das, was euphemistisch Fortschritt genannt wird, hat sich als eine Art endloses » Reise nach Jerusalem «-Spiel entpuppt, bei dem ständig Menschen keinen freien Stuhl mehr finden und auf der Strecke bleiben. Es grassieren die Ängste vor prekärer Beschäftigung, vor Arbeitsplatzverlust, vor sozialem Abstieg, vor einer Hartz 4-Existenz, vor Altersarmut und Enteignung, vor Vergessen- und Abgehängt-Werden. Enteignung nicht nur im ökonomischen Sinn : Es gibt auch Enteignung von Erfahrung und Fähigkeiten, die Menschen unter Mühen erworben haben, die nun im Zuge eines immer rasanteren technologischen Wandels nicht mehr nachgefragt werden und nichts mehr wert sind. » Unsere Existenzform ist die Rasanz «, heißt es in Roger Willemsens posthum erschienenen Bändchen Wer wir waren, und, können wir hinzusetzen, sind doch für ein solches Leben mehrheitlich nicht ausgerüstet. » Freude aus Verunsicherung zu ziehen – wer hätte uns das beigebracht ? «, fragte Christa Wolf in Anbetracht der neuen Imperative des flexiblen Kapitalismus in einer ihrer Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Je traditioneller ein Mensch sozialisiert, je autoritärer er fixiert ist, desto schwerer wird er sich mit den Anforderungen der » flüchtigen Moderne « ( Zygmunt Bauman ) tun. Viele Dinge sind nicht mehr an ihrem angestammten Platz und sind mit den inneren Lageplänen nicht mehr zu finden. Menschen geraten in die quasi-dadaistische Lage desjenigen, der mit einem alten Stadtplan von Frankfurt sich im heutigen Frankfurt orientieren will.

Viele Menschen machen gegenwärtig die Erfahrung : Was Hänschen gelernt hat, nützt Hans nichts mehr. Was gestern noch wichtig und richtig war und sozial integrierte, bringt einen heute ins gesellschaftliche Abseits. Wer an Gelerntem, über das die gesellschaftliche Entwicklung hinweggegangen ist, festhält, droht zum Kauz, zum Sonderling, zur komischen Figur zu werden. Der gesellschaftliche Wandel hat sich derart beschleunigt, dass er Schwindelgefühle und Angst erzeugt. Immer mehr Menschen geraten in die Position des Hebbelschen Meister Anton, der die Welt nicht mehr versteht. Das Tempo der Veränderung ist nicht mehr anthropomorh, also menschenförmig und -gemäß, und müsste im Interesse unserer Würde und Gesundheit gezügelt werden. Das Pensum an Veränderungen, das Menschen innerhalb ihrer Lebensspanne bewältigen können, ist begrenzt. Wird es überschritten, drohen sie körperlich und seelisch zu erkranken. Wer aus der Zeit fällt und ver-rückt wird, kann darüber verrückt werden. Die Menschen fühlen sich, als wären sie in einem falsch oder schlecht synchronisierten Film : Der Film der äußeren Realität läuft schneller als die inneren Texte, die sie dazu sprechen. Auch diese Desynchronisation von äußerer Realitätsstruktur und innerer Identitätsstruktur ist eine Quelle von Verunsicherung und Ängsten. Normen und Werte sind ja dazu da, einen in der Gesellschaft stabil zu verorten und Orientierung zu gewährleisten. Treue zu Normen wird aber gegenwärtig zu einer Quelle von Verunsicherung und kann den Sturz aus der Welt nicht mehr aufhalten. Und da ist nach all den Entzauberungen der Moderne kein Glaube mehr, der den Stürzenden auffängt. Wohin fällt eine/einer dann ?

Veralten von Lebensprogrammen

Viele Menschen leiden unter seelischen Gleichgewichtsstörungen und einem Verlust des Gefühls der Kohäsion. Wie gewinnen unsere Lebensläufe ihre Kohäsion, ihr » um … willen «, ihren Sinn, ihre Identität ? Ein kohäsives Selbst bildet sich in der Kindheit unter Bedingungen von Verlässlichkeit und raum-zeitlicher Konstanz der Bezugspersonen. Lernend und sich identifizierend werden gewisse Regeln und Orientierungspunkte verinnerlicht. Es bildet sich ein innerer Kompass aus, der die Navigation im Strom der Zeit ermöglicht und dem Leben eine Richtung gibt. Ein kohäsives Selbst vermittelt ein Gefühl des Selbstseins, der Selbstachtung und des leidlichen Wohlbefindens. Menschen, die über ein kohäsives Selbst verfügen, besitzen eine psychische Struktur, die sie vor Fragmentierung und Ängsten schützt. Schon unser flüchtiger Blick auf die Entstehungsbedingungen des Gefühls von Kohäsion und Identität hat gezeigt, dass diese keine monadologischen Kategorien sind, sondern eminent gesellschaftliche, die von Anfang an auf die Anderen, auf Um- und Mitwelt verweisen. Identität ist jene Instanz im Menschen, durch die das psychische mit dem gesellschaftlichen und das gesellschaftliche mit dem psychischen Leben vermittelt werden. Angesichts dieser dialektischen Struktur der Begriffe Kohäsion und Identität müssen wir uns mit Alexander Kluge fragen : » Wie sollen unsere Lebensläufe eine Identität haben, wenn wir in einer Gesellschaft leben, die aus Trennungen zusammengesetzt ist ? Machen wir die Trennungen mit, dann trennt sich etwas in uns. « Trennt sich etwas in uns, verlieren wir das Gefühl der Kohäsion. Die Angst vor Fragmentierung, also dem Zerfall der Persönlichkeit und der Ich-Grenzen, gehört zu den gravierendsten Ängsten, von denen ein Mensch befallen werden kann. Das ist kaum aushaltbar und kann im Extrem eine psychotische Entwicklung einleiten.

Kohäsion

Oskar Negt geht in seiner Autobiographie, die 2016 unter dem Titel Überlebensglück erschienen ist, der Frage nach, welche Faktoren dafür verantwortlich sind, dass er trotz einer schwierigen Ausgangslage und einer Kindheit unter Bedingungen der Flucht ein halbwegs gelungenes und angstfreies Leben führen konnte. Irgendwann muss ein Mensch Glück erfahren haben, das er nicht mehr verliert und von dem er lebensgeschichtlich zehren kann. Negt führt seine Glücksvorräte auf die Erfahrung verlässlicher Bindungen an seine Schwestern zurück, die ihn auf der Flucht begleiteten und ihm ein basales Gefühl der Sicherheit und des Halts inmitten einer stürzenden Welt vermittelten. Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, über welche Kraftquellen Menschen verfügen, um ihr Leben meistern und Krisen bewältigen zu können, stößt Negt auf die Überlegungen des jüdisch-amerikanischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zur Salutogenese, also der Frage, was Menschen gesund erhält. Die zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Begriff Kohäsion, dem wir bereits begegnet sind. Wesentliche Gesundheitsressource ist nach Antonovsky ein Kohärenzgefühl, das sich der Erfahrung guter anfänglicher Beziehungen verdankt. Zur Kohärenz gehören drei Aspekte : die Fähigkeit, die Situation, in der man sich befindet, und die Zusammenhänge zu verstehen – also das Gefühl der Verstehbarkeit; weiterhin die Überzeugung, dass man das eigene Leben gestalten kann – das Gefühl der Handhabbarkeit; sowie schließlich der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat – das Gefühl der Sinnhaftigkeit. Etwas muss an sich und zugleich für mich eine zusammenhängende Bewegung ergeben und sich im Einklang mit meinen moralischen Maßstäben befinden, damit ich sagen kann : » Das hatte einen Sinn «. Gelingt es uns nicht, aus diesen drei Faktoren ein Kohärenzgefühl zusammenzusetzen, schleichen sich Angst und Unsicherheit ins Leben ein und unser Persönlichkeitskern droht zerstört zu werden. Angst ist auch für Antonovsky der größte und wichtigste Krankmacher.

Wenn wir uns die Lebenswirklichkeit vieler Menschen in der » flüchtigen Moderne « anschauen, werden wir feststellen, dass das Gefühl der Kohärenz zur Mangelware wird. Die Trias Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit verkehrt sich in das Zugleich von Orientierungsverlust, Ohnmacht und Sinnentzug. Wir leben also unter extrem angst- und krankmachenden Bedingungen und sollten uns schon unter dem Aspekt unseres leib-seelischen Wohlergehens für die Errichtung einer solidarischen, entschleunigten und auf weiteres Wachstum verzichtenden Gesellschaft einsetzen. Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch eine OECD-Studie aus dem Jahr 2010 : Eine gerechte Gesellschaft ist besser für alle ! Wilkinson und Pickett folgern aus ihrer Studie The Spirit Level, dass » der Abbau von Ungleichheiten der beste Weg zur Verbesserung unserer sozialen Lebenswelt und damit der Lebensqualität für alle « ist. Je weiter die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklafft, desto größer die Probleme mit Gesundheit, Drogen- und Alkoholkonsum und Kriminalität.

Die kapitalistische Moderne hat uns zwei große Individualisierungsschübe beschert, die jeweils von Ängsten begleitet wurden wie ein Schatten. Der erste bestand in der Auflösung der vorbürgerlichen Welt mit ihren bäuerlich-handwerklichen Lebens- und Arbeitszusammenhängen. Mit dem Wegbrechen dieser Gemeinschaften entsteht ein Individualismus, in dem niemand mehr Weggefährte der anderen ist, sondern nur noch Gegner, vor dem man sich hüten muss. Die aus diesen bergenden und Schutz gewährenden Gemeinschaften freigesetzen, oder besser : herausgeschleuderten Menschen müssen nun selbst sehen, wie sie sich auf dem Arbeitsmarkt durchschlagen und mit den damit verbundenen Risiken fertig werden. Die Individualisierungsangst par excellence ist die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit und dem Versagen, das dem einzelnen angelastet wird. Der Mensch in der vormodernen Welt fühlte sich wie selbstverständlich von einer sinngebenden kosmischen Ordnung getragen. Der moderne Mensch, der sich von der Hand Gottes losgerissen hat, verliert seinen metaphysischen Rückhalt

Unsicherheit gebiert Angst

Gegen die verheerenden Folgen des Konkurrenzkampfes und auch gegen die metaphysische Obdachlosigkeit wehrten sich Arbeiter und kleine Leute durch die Gründung von Gewerk- und Genossenschaften, die den Widerstand gegen die Zumutungen der kapitalistischen Industrialisierung auf Dauer stellten und den vereinzelten Einzelnen als identitäts- und sinnstiftende Behelfsheimaten dienten. Um die sozial erzeugten Ängste und die durch sie begünstigten politisch regressiven Strömungen im Zaum zu halten, hat man den Sozialstaat erfunden und aufgebaut. Das erklärte Ziel der Rooseveltschen Reformprogramme war die » Freiheit von Angst «. Im Schwedischen gibt es ein eindrucksvolles Wort für den Sozialstaat : Folkhemmet, übersetzt › Volksheimat ‹ – oder auch Wohlfahrtsstaat oder soziale Demokratie. Der Sozialstaat ist eine unvergleichliche Erfindung, die das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit mit seinem Verlangen nach Freiheit und Selbstverwirklichung vereint. Keiner soll mehr ohne Arbeit und Versorgung und einem Dach über dem Kopf sein, und alle Schulkinder erhalten täglich eine Mahlzeit und alle haben Anspruch auf unentgeltliche Krankenversorgung und eine sichere Rente. Der Druck, den der sozialdarwinistische Kampf ums Dasein erzeugt, wird weitgehend von den Menschen genommen, die dadurch vieler Sorgen enthoben und frei für die Selbstbestimmung werden. Am Beginn des Sozialstaats stand der Schutz, die kollektive Absicherung gegen individuelles Unglück. Man hatte ein Bewusstsein davon, dass politische Rechte und soziale Rechte ausbalanciert sein müssen und sich wechselseitig bedingen und einander brauchen. Das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie ist spannungsreich und problematisch von Anfang an. Der Sozial- oder Wohlfahrtsstaat fungiert als Puffer zwischen beiden, federt die gröbsten Auswirkungen des Kapitalprinzips ab und ermöglicht den Menschen ein relativ angstfreies Leben. Man muss fragen : Wieviel Angst verträgt die Demokratie ? Ein hoher Angstpegel und Demokratie sind auf Dauer unvereinbar. Demokratie basiert von Seiten der Subjekte her auf relativ reifen psychischen Strukturen, die den gewaltfreien und diskursiven Austrag von Dissens und Konflikten und das Ertragen von widersprüchlichen Situationen und Ambivalenzen ermöglichen. Unter dem Einfluss von Angst regredieren Massen von Menschen auf einfachere, quasi archaische Mechanismen der psychischen Regulation. Ein frühkindlicher Manichäismus, eine archaische Spaltungsneigung, flammt wieder auf, welche die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse aufteilt und übersichtliche Freund-Feind-Verhältnisse herstellt. Diese kollektive Regression kann der Demokratie den Todesstoß versetzen. Das hatten wir in Deutschland schon einmal – und wir erleben es gegenwärtig im Zeichen des Trumpismus in den USA erneut.

Unter dem Druck der Globalisierung beginnt das, was Bauman die » flüssige Moderne « nennt. In seiner rastlosen Suche nach neuen Verwertungsmöglichkeiten überwindet das Kapital die Grenzen des Nationalstaats. Anonyme Superstrukturen und transnationale Märkte höhlen seine Kompetenzen aus und versetzen ihn, wie Oskar Negt gesagt hat, » in die Ohnmacht einer Instanz, die über das Wetter herrscht «. Während das Kapital transnational und multikulturell geworden ist, bezieht die große Mehrheit der Menschen ihre Identität aber nach wie vor aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation. Ihre Leidenschaften, ihr Fühlen und Denken sind noch weitgehend ethnozentrisch eingefärbt. Die sich hier auftuende Kluft ist eine weitere Quelle schwer greifbarer Ängste und regressiver Sehnsüchte nach einer homogenen Gemeinschaft. Aber damit nicht genug : In der » flüssigen Moderne « werden die sozialstaatlichen Schutzmechanismen aus dem Verkehr gezogen und die mit der uneingeschränkten Herrschaft des Marktes verbundenen Risiken privatisiert. Wenn man den Sozialstaat demontiert und plündert, wie es im Namen des Neoliberalismus geschehen ist und bis heute weiter geschieht, steigt der Angst- und Panikpegel rapide an. Die gesellschaftliche Atmosphäre reichert sich mit Spannungen und Aggressionen an und es wächst das Bedürfnis der Menschen nach Sündenböcken, auf die sich ihre Malaise verschieben lässt. Verstärkt werden diese Tendenzen durch die Erosion gewerkschaftlicher und parteipolitischer Milieus und Bindungen, die den Einzelnen Zusammenhalt und Schutz vor den gröbsten Individualisierungsfolgen boten.

Was Bauman unter » flüssiger Moderne « versteht, erschließt sich uns, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die neuen Imperative der Flexibilität und Mobilität nicht auf den ökonomischen Sektor beschränkt bleiben, sondern sich Takt für Takt durch sämtliche Schichten des Gesellschaftsbaus hindurchfressen und bis in die feinsten Poren des Alltagslebens vordringen. Der Tauschwert wird zur Leitwährung der Intimität, und die universalisierte Marktlogik beginnt, soziale und emotionale Bindungen zu negieren. Alles und jedes wird in den Nexus von Ware und Geld einbezogen und erhält ein Verfallsdatum. Die wirtschaftlichen Mächte sind damit beschäftigt, in einer totalisierenden Warenproduktion Bindungen bewusst zu zerstören. Beinahe prophetisch hat Adorno in seinem Text Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie aus dem Jahr 1955 gewarnt : » … ohne Fixierung der Libido an Dinge wäre Tradition, ja Humanität selber kaum möglich. Eine Gesellschaft, die jenes Syndroms sich entledigt, um alle Dinge wie Konservenbüchsen wegzuwerfen, springt kaum anders mit den Menschen um. «

Migranten als Verschiebungsersatz

Die Modernisierungsschübe und die Erfahrung der Zerstörung von menschlichen Bindungen entbinden Ängste, die frei im gesellschaftlichen Raum flottieren und sich an alles heften, was sich den Verunsicherten als Verschiebungsersatz anbietet oder ihnen angeboten wird. Vorurteile fungieren als Schleusen, die einen geregelten Abfluss von affektiven Energien gestatten, die den Fortbestand des Systems gefährden könnten. Eine zentrale Rolle bei dieser groß angelegten Verschiebung der Angstgründe spielen in jüngster Zeit die Flüchtlinge und Migranten. Sie verkörpern all das Flüchtige und Fremde, unter dem die Menschen zu leiden haben, und fungieren als » Boten des Unglücks «, wie es in einem Gedicht von Bertolt Brecht heißt. » Diese Nomaden … erinnern uns auf irritierende, ärgerliche und erschreckende Weise an die Verwundbarkeit unserer eigenen Stellung und an die endemische Zerbrechlichkeit unseres hart erarbeiteten Wohlstands «, heißt es in Zygmunt Baumans Buch Die Angst vor den anderen. Die Migranten und Geflüchteten stehen für jene rätselhaften, undurchschaubaren und zu Recht beargwöhnten globalen Kräfte, die wir im Verdacht haben, für das lähmende und demütigende Gefühl existenzieller Unsicherheit verantwortlich zu sein, das unsere Zuversicht schmälert oder zerstört und unsere Wünsche, Träume und Lebenspläne zunichtemacht. Sie dienen als Blitzableiter, der dafür sorgt, dass die Blitze des Zorns umgeleitet werden und die wahren Verursacher der Misere ungeschoren bleiben. Der Rechtspopulismus organisiert und funktionalisiert die über den ökonomischen Prozess freigesetzten Ängste und versucht, Kapital zu schlagen aus der Feindseligkeit, die den Fremden und Migranten im Banne gesellschaftlich erzeugter Vorurteile entgegenschlägt. Für den Aufstieg des Rechtspopulismus und Rassismus tragen in erster Linie diejenigen die Verantwortung, die durch ihre Deregulierungspraxis großflächig Angst und Unsicherheit erzeugt haben. Wenn der Rassismus seine hässliche Fratze zeigt und sich auf der Straße unschön artikuliert, wollen diese Herrschaften nicht damit in Zusammenhang gebracht werden und sponsern Aktionen für eine » bunte Republik «.

Den Fremdenfeinden und Rassisten spielen die von Migranten begangenen Straftaten und Anschläge in die Karten. Denjenigen, denen daran gelegen war, dass die Stimmung in Bezug auf den Zuzug von Migranten und Geflüchteten kippt, kamen die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2016/17wie gerufen. Sie schien das wahr gemacht zu haben, was » besorgte Bürger « und Neonazis bislang herbeifantasieren mussten : » Ein entfesselter Mob von Afrikanern und Arabern zieht durch unsere Städte und vergreift sich an unseren Frauen. « Die islamistisch motivierten Anschläge von Würzburg, Ansbach und Berlin und die Vergewaltigung und Tötung einer Studentin durch einen jungen Geflüchteten aus Afghanistan taten ein Übriges und ließen die Willkommenskultur endgültig in Ernüchterung, Skepsis und Ablehnung umschlagen. Von der Stimmung des » Wir schaffen das ! « ist wenig geblieben. Angst und Unsicherheit machten sich rund um das Thema Migration breit und steigern sich mitunter zu einer medial gepushten Panikmache und Hysterie. Die Terrorangst ist das Fieber der Gesellschaft. Sie sucht nach Sündenböcken und findet sie im Islam.

In der Jagd auf Fremde soll, wie wir gesehen haben, die Ungewissheit ausgetrieben werden. Der Fremdenhass lebt von der Illusion, dass die Gesellschaft in Ordnung käme, wenn der letzte Ausländer das Land verlassen hat. Vor allem bei jungen Leuten liegen Angst und Wut dicht beieinander. Fatma Aydemirs Roman Ellbogen erzählt davon. Hazal sagt : » Ich habe Angst, dass ich für immer auf der Ersatzbank rumsitze und auf das richtige Leben warte und das richtige Leben einfach nicht passiert. « Zusammen mit ihrer Freundin Elma stürzt sie sich gleich darauf in ein Scharmützel mit zwei schick gekleideten Mädchen, die sie als » Mittetussis « und » Ärztetöchter « ausgemacht haben. Die Jugendlichen haben sich noch nicht resignativ mit allem abgefunden und sind bereit zu kämpfen. Sie entdecken die Wut als Ausweg aus Angst und Ohnmacht : Lieber Schrecken verbreiten als ständig in Angst zu leben. Leider kehrt sich die Gewalt auch bei ihnen oft gegen Minderheiten, die ihnen das bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Vorurteil zurechtrückt; oder ihre Wut entlädt sich ungerichtet und blind, wie die Ghetto-Revolten der letzten Jahre gezeigt haben.

Antonio Gramsci hat Zeiten wie die unseren als » Interregnum « gefasst. » Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster «, notierte er in der Zeit zwischen den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts. Die Zeit der Monster bricht dann an, wenn eine herrschende Ordnung von Krisen geschüttelt und vom Zerfall bedroht ist, ohne dass, wie in früheren Jahrhunderten, neue gesellschaftliche Kräfte schon bereitstehen, die dem Zerfallsprozess eine emanzipatorische Wendung geben und etwas qualitativ Neues an die Stelle des zerfallenden Alten setzen können. Eine solche gesellschaftliche Situation steckt voller Angst und gebiert sozial-pathologische Phänomene der verschiedensten Art. Das Werkzeug der Rechten ist seit jeher die Angst. Sie wird systematisch verstärkt und geschürt, um den Leuten dann die Rezepte der Rechten als Rettung und Zuflucht zu präsentieren. Wenn es den an gelebter Demokratie interessierten Kräften nicht gelingt, den Angstrohstoff aufzugreifen und in eine aufklärerische Richtung zu bringen, werden politische Scharlatane und falsche Propheten den gewaltigen Rohstoff aufsammeln, der heute womöglich noch demokratisch-sozialistischer Bindungen fähig wäre. Nur wenn es gelingt, den auf dem Wettbewerb beruhenden Existenzkampf zu beenden und den ständigen Einsatz der Ellbogen überflüssig zu machen, wird der rassistische Furor aufhören, die Menschen zu beherrschen. Solange Erziehung, Sitte, › Kultur ‹ dem Einzelnen rigorosere Triebverzichte zumuten, als ohne Beschädigung tragbar ist, werden dem einzelnen Bürger im sozialen Vorurteil auch gleich jene Ersatzobjekte markiert, auf die er seine akkumulierte Feindseligkeit verschieben, an denen er sich für Enttäuschungen rächen kann. Auch wenn wir wissen, dass es ein Leben ohne Angst nicht geben kann, sollten wir alles tun, um den Angst- und Panikpegel so weit als möglich zu senken. » Ein Leben ohne Angst bleibt «, wie Herbert Marcuse gesagt hat, » die einzige kompromisslose Definition der Freiheit «.

Buchtipp:

Götz Eisenberg

Zwischen Anarchismus und Populismus. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 3

Verlag Wolfgang Polkowski, Edition Georg-Büchner-Club

453 Seiten, € 24,90

 

 

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