Unerwarteter Besuch

 In Allgemein, FEATURED, Kurzgeschichte/Satire

Die endgültige Lösung der Sozialschmarotzerfrage. Armen muss geholfen werden – sicher. Es ist der Beitragszahlergemeinschaft jedoch nicht zumutbar, Personen zu alimentieren, die Armut nur vorschützen oder sich von anderswoher Geld besorgen, mit dem sie dann in Saus und Braus leben. Deshalb ist Kontrolle bei der Ausgestaltung eines wehrhaften Sozialstaats das A und O. Zu den Tricks der Sozialschmarotzer gehört es auch, auf von ihren Lebenspartnern aushalten zu lassen, so dass es zu einer doppelten Alimentierung – durch den Partner und das Sozialsystem – kommt. Dem schiebt die Behörde nun endlich einen Riegel vor.  Satire von Roland Rottenfußer

Zuerst war da nur ein Schatten in meinem Schlafzimmer, besser gesagt: die Ahnung eines Schattens. Ich konnte ihn nur aus dem Augenwinkel sehen, weil ich oben lag. Im Schlafzimmer war nur die rosa Salzkristalllampe an. Durch die Ritzen des Rollos drang schon das Dunkelblau des beginnenden Morgens. Erste Lichter regten sich auf der Strasse. Da beunruhigte es mich nicht, wenn gelegentlich dunkle Flecken über die Bettdecke wanderten. Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht glauben, dass da jemand war. Jessica und ich waren mit unserem Liebesspiel gleichsam in einen heiligen Raum eingetreten. Jede Berührung, jeden Duft verkosteten wir mit äußerst geschärften Sinnen. Hinzu kam, dass es mit Jessica nicht nur Triebbefriedigung war, sondern echte Liebe. Für einen Mann ohne Beruf, den selbst eine Einladung zum Kaffee in Finanznöte stürzte, war es schwer, eine Frau zu finden. Über jeder Begegnung mit dem anderen Geschlecht schwebte immer ein «Trotzdem»: Würde sie mich trotzdem lieben? Jessica war anders. Sie wirkte völlig aufrichtig, als sie sagte: «Ich hab so was wie mit dir noch nie erlebt.»

Es heißt ja, man könne spüren, wenn einem jemand auf den Rücken starrt. Ich war noch nie überzeugt davon und hielt es für esoterische Spinnerei. Trotzdem konnte ich den Gedanken an einen unheimlichen Besucher im Raum nicht einfach wegdrängen. Die Folge war, dass meine Konzentration schwand und mir meine Standfestigkeit gerade in dem Moment abhanden kam, als eine neue Phase des Liebesspiels beginnen sollte. Jessica hatte die Augen immer geschlossen gehalten. Als sie sie einen Spalt öffnete und gleich darauf weit aufriss, dachte ich zuerst, meine körperlichen Vorzüge hätten sie in Wallung gebracht. Doch sie stieß mich mit einem Ruck und erstaunlicher Körperkraft von sich und schrie: «Da ist jemand im Zimmer!» Jetzt sah auch ich mich um und sah den Schatten. Ein Gesicht löste sich aus dem Dämmerlicht: Es war Herr Löhlein.

Seltsamerweise löste sich meine Angst beim Anblick von Herrn Löhlein sofort in Nichts auf: Seine unspektakuläre Erscheinung ließ keinen Raum für Befürchtungen, wir könnten beraubt oder niedergeschlagen werden. Löhlein war ein kleiner, korrekt gekleideter Herr mit akkuratem Mittelscheitel, schmalem Gesicht und tief liegenden Augen. In seiner Rechten klemmte eine schwarze Aktenmappe. Seine Ausstrahlung glich nicht im Geringsten der eines bulligen Gewaltverbrechers. Und an ihm gemessen kam ich mir als Mann geradezu attraktiv vor. Jessica saß jetzt aufrecht und hatte die Bettdecke bis zum Hals gezogen, um ihre Brüste zu verdecken. Ich selbst blieb gelassen und bedeckte mich nicht. Ich hatte durch die langjährige Bekanntschaft mit Herrn Löhlein schon Routine darin, wie solche Situationen zu bewältigen waren.

«Wer ist das?» rief sie. «Was macht der hier? Schick ihn raus!» Herr Löhlein blieb ungerührt in der Ecke neben der Tür stehen, die Augen weit geöffnet, den kleinen Mund fest zusammengepresst.

«Jessica», sagte ich, von der abklingenden Erregung noch schwer atmend. «Es ist anders als du denkst. Ich habe keine rechtliche Handhabe dafür, Herrn Löhnlein raus zu werfen.»

«Ihr kennt euch?», fragte Jessica mit sich überschlagender Stimme. «Hast du den schon öfters zum Spannen eingeladen? Du bist ja pervers!» Ich wusste, dass es schwer sein würde, Jessica diese Situation zu erklären.

«Ihr Partner hat Recht», meldete sich nun erstmals die Stimme von Herrn Löhlein. Sie klang überraschend hoch und brüchig wie die Stimme einer alten Frau. Zugleich schwang immer ein drohender Unterton mit, was aber auch Einbildung sein konnte. «Ich halte mich in Übereinstimmung mit Paragraf 117b-9 im Rahmen einer Massnahme der Bedürftigkeitsplausibiltätsüberprüfung bei Beziehern von Leistungen nach dem Lohnersatzleistungsbemessungsgesetz in diesem Schlafzimmer auf. Mein Besuch hier erfolgt nicht aufgrund persönlicher Vorlieben. Ich habe als Bedürftigkeitsplausibilitätsprüfer das Schlüsselrecht zur Wohnung und zu allen Zimmern – das bedeutet unangemeldetes Zutrittsrecht wann ich will. Ihr Partner hätte keine Möglichkeit gehabt, mein Erscheinen zu verhindern.» Löhlein war während seiner Rede nie ins Stocken gekommen.

Jessica saß immer noch da, starr in ihrem Schweigen, die Bettdecke vor die Brust gezogen. «Übrigens möchte ich Sie bitten, zu lüften», fügte Herr Löhlein hinzu. «Es mieft ein bisschen. Und ich möchte die Befragung gern in angenehmerer Atmosphäre fortsetzen.»

Mechanisch stand ich auf, schaltete den Deckenstrahler ein, zog das Rollo hoch und öffnete das Fenster. Im Spiegel meines Kleiderschranks sah ich jetzt Jessica und den Beamten in klarem Licht. Draußen setzte schon die Morgendämmerung mit lichtrosa Streifen am Horizont ein, die zwischen grauen Wohnblöcken durchschienen. «Die Befragung!?», stammelte Jessica.

«Wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben», sagte Löhlein nun zu mir gewandt. «Ich kann Ihnen zu dieser erfreulichen Wendung in Ihrem Leben nur gratulieren. Die letzten paar Male überraschte ich Sie ja in recht jämmerlicher Pose beim Onanieren über Bildern von Vicky Bolero.» (Dabei deutete er mit seinen Händen erhebliche Rundungen an) «Ich habe mir schon gedacht: Will sich der Mann denn ewig mit dem Substrat begnügen, während draußen das echte Leben tobt?».

Mir schoß die Schamesröte ins Gesicht. Es war weniger die Tatsache des Onanierens selbst, die mir peinlich war. Aber Vicky Bolero – die Protagonistin seichter Erotikthriller wie «Tödliches Verlagen» – das stellte dem Geschmack ihres Verehrers kein gutes Zeugnis aus. Hinzu kam, dass Jessica Germanistik-Studentin war und extrem gebildet. Jessica begann nun hektisch unter dem Schutz der Bettdecke ihr Höschen und T-Shirt anzuziehen. «Schwein!», sagte sie verächtlich.

«Ich muss sagen», redete Herr Löhlein weiter, «diese Dame wertet Sie in meinen Augen beträchtlich auf. Und auch Ihre Finanzen dürften damit endlich in geordnete Bahnen kommen. Wenn ich mir die Bluse und die Hose der Dame so anschaue – Designerqualität, dürfte nicht billig gewesen sein. Da wird das Amt bis auf weiteres aus dem Schneider sein.»

«Finanzen? Ich verstehe nicht … Was hat das Ganze mit mir zu tun?», stiess Jessica nervös hervor.

«Sie sind als Lebensgefährtin eines Lohnersatzleistungsempfängers zur Auskunft über Ihre Vermögensverhältnisse verpflichtet. Überschreiten Ihre Einkünfte den Selbstbehalt von 305 Euro, so müssen Sie den Rest vollständig zur Deckung der Lebenshaltungskosten Ihres mit Ihnen in eheähnlicher Gemeinschaft lebenden Partners einsetzen.» Löhlein griff behände nach Jessicas Bluse, noch ehe sie diese überzustreifen konnte. Genüsslich sog er ihren Geruch nach Schweiss und Parfum durch die Nase ein.

«Lassen Sie das!», rief Jessica wütend und riss ihm die Bluse wieder aus der Hand. Das schien Herrn Löhnlein ungnädig zu stimmen. Er holte aus seiner Aktenmappe einen daumendicken Papierstapel und drückte ihn der Studentin in die Hand. «Diesen Auskunftsbogen über Ihre Vermögensverhältnisse bitte ich Sie, binnen einer Woche vollständig ausgefüllt an die obige Adresse zu schicken.»

Jessica überflog das Heft und geriet angesichts der unzähligen Fragen in Panik: «Was, das alles soll ich ausfüllen? Sie können mich mal!»

«Liebes Fräulein, es geht hier nicht darum, was Sie wollen.» Löhnlein setzte das überlegene Lächeln eines Amtsträgers auf, der anfänglichen Widerstand gewöhnt war und wusste, dass er die Mittel hatte, diesen jederzeit zu brechen. «Widrigenfalls können Sie mit Geldbußen nicht unter 500 Euro wegen Verweigerung der Zusammenarbeit mit einer Amtsperson bestraft werden. Ich sagte ja, es besteht eine gesetzliche Verpflichtung für in eheähnlicher Gemeinschaft lebende …»

«Eheähnliche Gemeinschaft?», rief Jessica erbost. Sie hatte sich in der Zwischenzeit rasch Bluse und Hose übergezogen und stand breitbeinig neben meinem Bett. «Wir waren im Bett miteinander, das ist alles.»

Alles, was bisher geschehen war, hatte ich gleichmütig ertragen. Diese Äußerung meiner Liebsten versetzte mir jedoch einen heftigen Stich ins Herz. «Aber Jessica, du hast doch gesagt …» Weiter kam ich nicht, weil meine Stimme versagte.

«Als eheähnliche Gemeinschaft gilt eine Paarbeziehung dann, wenn beide Partner eine emotionale Zuneigungsgemeinschaft nach Paragraf 285 eingehen. Als beweiskräftige Hinweise auf das Bestehen einer solchen Gemeinschaft gelten sexuelle Interaktionen zweiten und dritten Grades sowie körpersprachliche Resonanzsignale. Was ich in den letzten zehn Minuten bei Ihnen beobachtet habe, erfüllt beide Tatbestände. Im Streitfall liegt die Beweislast bei den Beklagten.»

«Beklagten?» Jessicas Stimme begann sich nun hysterisch zu überschlagen. «Aber ich habe doch kein Verbrechen begangen! Und Sie wollen mir mein gesamtes Geld nehmen bis auf 300 Euro?»

«305 Euro», berichtigte Herr Löhlein.

«Aber von ‚emotional’ kann doch im Zusammenhang mit diesem Herren überhaupt keine Rede sein!» Sie schaute mich giftig an, und ihr Mund zog sich zu einem schmalen Strich zusammen. «Und wenn ich Ihnen schwöre, dass es purer Sex war – seelenloser Sex, lassen Sie mich dann laufen?»

«Naja», sagte Herr Löhnlein und ließ sich mit der Antwort Zeit. Er genoss es sichtlich, dass man seinen nächsten Worten wie einem mächtigen Richterspruch entgegenfieberte. «Sie müssen nicht für ihn aufkommen, wenn es sich bei Ihrer Beziehung um einmaligen Geschlechtsverkehr ohne emotionale Beteiligung handelte. Aber das, was ich da zwischen Ihnen beiden beobachtet habe, sah ganz anders aus.»

«Das täuscht», beeilte sich Jessica zu versichern. «Die Erregung, die Sie vielleicht bei mir bemerkt haben, war rein körperlicher Natur.»

Herr Löhnlein musterte mich abschätzig. Ich merkte erst jetzt, dass ich noch immer nackt auf dem Bett lag. «Naja», meinte er genüsslich. «Ihre Aussage ist wenig glaubwürdig. Schauen Sie ihn sich doch an! Ist das ein Mann, den eine attraktive Frau wie Sie nur wegen seines Körpers will?»

Mit einem Ruck zog ich die Decke über meinen Körper. Ich fühlte mich auf einmal schmutzig und hässlich. Am offenen Fenster bemerkte ich fünf Gesichter, die mit starren Augen hineinschauten. Meine Wohnung liegt im Parterre. Wenn der Vorgang nicht zugezogen ist, kann man von draußen sehen, was innen vor sich geht. Ich wusste nicht, wie lange meine Nachbarn schon da gestanden waren und wie viel von unserer Konversationen sie mitverfolgt hatten. Die Decke vor meine Blöße haltend, schloss ich das Fenster mit einem Ruck und zog die Gardine vor.

Herr Löhlein liess noch ein bisschen Zeit verstreichen. Dann sagte er: «Ich bitte Sie, eine Frau wie Sie – Sie könnten durchaus jemanden haben, der zumindest einen anständigen Job hat und nicht andauernd Ärger mit den Behörden.»

Jessica fixierte Herrn Löhlein jetzt mit ihrem Katzenblick – die Augen leicht zusammengekniffen, die Brauen nach oben gezogen. Es war derselbe Blick, der mich damals, als ich sie kennen lernte, zum Wahnsinn getrieben hatte. Zwischen den beiden schwebte nun ein stillschweigendes Einverständnis im Raum. Löhlein wendete sich nun wieder an Jessica. «Wenn der Leistungsbezieher Ihrer Aussage nicht widerspricht, dass es sich um einmaligen, emotional unbeteiligten Geschlechtsverkehr handelt, würde ich Sie von Ihrer Auskunftspflicht entbinden. Wollen Sie der Dame widersprechen?», fragte er mich.

Jessica stiess mich unsanft in die Rippe und zischte mir etwas Unfreundliches zu.

«Nein», sagte ich leise. «Ich widerspreche nicht.»

«Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass im Wiederholungsfall, wenn ich Sie noch einmal zusammen erwische, die Dame unweigerlich mit ihrem gesamten Vermögen für den Herren aufkommen müsste. Haben Sie mich verstanden?» Löhlein blickte herausfordernd in die Runde.

«Ja», sagte ich, ohne aufzublicken.

«Welches Interesse sollte ich haben, weiter mit einem Loser zusammen zu sein?», sagte Jessica.

Herr Löhlein packte daraufhin das Auskunftsformular in seine Mappe und verließ das Schlafzimmer, dicht gefolgt von Jessica, die sich nicht mehr zu mir umdrehte. Als ich das Klacken der Wohnungstür hörte, stand ich noch eine Weile wie benommen da. Bis ich Löhleins und Jessicas Stimmen hörte, wie sie dicht an meinem Fenster vorbeigingen – munter miteinander plaudernd und feixend.

Anzeige von 2 kommentaren
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    Piranha
    Antworten
    Satiren sind nicht selten gut kanalisierter Zorn.

    Diese Übergriffe in privateste Bereiche… ich finde, es muss Grenzen geben für das, worin sich der Staat einmischen darf.

    Nicht weniger skandalös wird mit Alleinerziehenden umgegangen: verbringt das Kind nur einen Tag im Monat bei dem Vater, so muss die Mutter dies mitteilen, worauf ihr für das Kind ein Tagessatz abgezogen wird. Da könnte ich kotzen.

    Wir alle bezahlen also Menschen in den Arbeitsämtern, die den ganzen Tag nichts anderes machen als diese Kürzungen berechnen, anschließend einen Bescheid  erstellen und versenden, natürlich mit einer Belehrung darüber, was alles schlimmes passieren wird, sollte die Mutter mal einen Tag vergessen.

    Vielleicht macht sich jemand einmal die Mühe, die Kosten gegeneinander aufzurechnen, also: Bruttoarbeitslohn des AA-MA, Materialkosten incl. Abschreibung, Versand – gegen die einbehaltenen Euros pro Tag.

    Aber es geht ja noch weiter: wir bezahlen auch solche MA, die jeden einzelnen Krankheitstag aus der Arbeitslosenstatistik rausrechnen.

    Dass diese Statistik so und so nicht stimmt, ist allseits bekannt. Mich ärgert in jedem Monat aufs Neue, wenn unser öffentlich-rechtliches die neuesten Zahlen präsentiert, die unter 3 Millionen liegen. Die weiteren 3 – 4 Millionen die es ebenso betrifft, werden damit noch verhöhnt.

    Mehrfach hatte ich per Mail schon angeregt, dazu auch die Armutsforscher hören zu lassen, bspw. Herrn Butterwegge. Nein, außer einem standardmäßig-maschinellen  Blabla kommt da nicht einmal eine Antwort. (Vielleicht steh ich schon auf einer schwarzen Liste 😉 )

     

     

  • Avatar
    Volker
    Antworten
    Eingeschränkte Freiheit höchst persönlicher Lebensentscheidungen, Ausgrenzung zwischenmenschlicher Bedürfnisse durch Entmündigung, Kontrolle, bishin zur Bestrafung, was im Grunde nichts anderes bedeutet, als ein Verbot des Menschseins unter herabwürdigend-staatlicher Aufsicht.

    Nicht genug, dass Armut soziale Ausgrenzung bedeutet, ein Teilhaben an sozialen Kontakten kaum mehr möglich ist, nein, zwischenmenschliche Beziehungen werden systematisch entkernt, somit verhindert, bedürfen einer zusätzlichen Aufsicht staatlicher Kontrollorgane, deren Daseinsberechtigung sich ausschließlich aus Armut verfestigt.

    Unter solchen Voraussetzungen wird wohl immer ein Gefühl der Abhängigkeit bestehen, selbst dem Lebenspartner*inn gegenüber, der oder sie finanziell besser gestellt wäre.

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