Ungehörte Kassandrarufe

 In FEATURED, Gesundheit/Psyche, Politik

Kassandra, Netflix-Serie „Troy“

Klimakatastrophe, Attentat von Halle, Erdogans Krieg gegen die Kurden, Brand von Notre Dame… all das ist nicht völlig überraschend über uns hereingebrochen. Es gab genügend Warnzeichen. Die griechische Sagenfigur Kassandra konnte ein Lied davon singen, was es heißt, wenn berechtige Warnungen ungehört verhallen, wenn statt dessen der Warnende – wie man heute sagen würde – pathologisiert wird. Troja fiel, Kassandra wurde vergewaltigt und geriet in Gefangenschaft. Sie ist für den Germanistikprofessor Jürgen Wertheimer die Symbolfigur unserer Zeit. Die Kunst, um Schlimmeres zu verhindern, besteht darin, auf Warnungen zu hören und rechtzeitig einzugreifen. Meist steht menschliche Trägheit und Ignoranz dagegen. Oder die Wirtschaft mit ihren Profitinteressen hat Trojanische Pferde in die Regierung und Redaktionsstuben eingeschleust.  Jürgen Wertheimer, Blog: https://ppplog.net/2019/10/12/sternstunden-3/

Wenn es Cassandra gut geht, geht es der Welt schlecht.

Wenn sie endlich einmal recht bekommt, ist bereits etwas schiefgelaufen.

Dann ist es wieder mal zu spät. Dann hat man wieder mal nicht rechtzeitig reagiert.

Dann hat man wieder Unübersehbares doch übersehen.

Rote Linien nicht beachtet.

Sich längst Anbahnendes nicht wahrhaben wollen.

Derzeit haben wir Hochkonjunktur in Sachen dieser „Sternstunden“:

Seit 20 Jahren weiß man von rechten, antisemitischen Tendenzen hierzulande. Spätestens seit dem Wirken der NSU 1999 weiß man, dass ein System, ein Netz dahintersteckt. Aber jetzt, nach den Morden in Halle, öffnet man die Augen und spielt auf überrascht und tief besorgt.

Im Fall von Erdogans Vorbereitungen eines Vernichtungskrieges gegen die Kurden wartete man – nach monatelangen Drohungen – buchstäblich auf den ersten Schuss, bevor man zahnlos entrüstet tönte.

Trumps Irrsinnstaten bestaunt man amüsiert, verärgert oder besorgt – ohne konkret zu reagieren und ihm das Spielzeug des Präsidentenamtes aus der Hand zu schlagen.

Es ist als ob man einen hochalkoholisierten Fahrer in einen Ferrari setzte und damit in den Straßenverkehr schickt.

Die Frage: warum sind wir so gestrickt. Was bringt uns immer wieder  dazu, nahendes und eigentlich unübersehbar heraufziehendes Unheil bis zum allerletzten Moment zu ignorieren und erst dann zu reagieren wenn es zu spät ist?

Um das Prinzip noch an einem anderen, sehr konkreten Beispiel zu verdeutlichen, an das sich noch alle erinnern:  Paris, Notre Dame, 15.4. Nach allem was wir wissen ging bereits um 18.18 ein erster Alarm ein, der, warum auch immer, keine Reaktionen zeitigte. Erst der 2. Alarm, offenbar um 18.48, löste feuerpolizeiliche Konsequenzen aus. Wie wir wissen, zu spät, um den zwischenzeitlich entfachten Brand noch bekämpfen zu können. Uns geht es, um im Bild zu bleiben, genau um diese „30 Minuten“. Genauer: um die Zeit zwischen ersten Ahnungen, Rauchzeichen und der Eskalation eines dann nur mehr mit Gewalt zu bekämpfenden Konflikts. Mittlerweile hat eine Untersuchungskommission weitere, überaus aussagekräftige Fakten ans Licht gebracht, die zeigen an welchen „Banalitäten“ präventive Gegenmaßnahmen oft scheitern.

1.Gedankliche Trägheit. Ein leitender Beamter der Regionalkommission für kulturelle Angelegenheiten hatte mehrfach auf gravierende Mängel der Brandvorsorge verwiesen, jedoch stets dieselbe beschwichtigende Antwort erhalten: „Die Kathedrale steht seit 800 Jahren, sie wird nicht einfach so  abbrennen.“

2. Aus Kostenersparnisgründen war nur ein, minimal ausgebildeter Mitarbeiter zur Überwachung vor Ort – ein Mann ohne Ortskenntnis.

3. Als um 18.18 ein erster Feueralarm signalisiert wurde mit der Angabe „Dachboden/Kirchenschiff, Sakristei“, verbunden mit einem Zahlencode, entdeckte dieser bei einem ersten Check nichts.

4. Schließlich rief er seinen Vorgesetzten an, um den Code zu entschlüsseln – dieser riet, den Dachstuhl zu inspizieren, wo jetzt bereits die Flammen loderten. Um 18.48 – also eine entscheidende halbe Stunde nach dem Ausbruch des Brandes – wurde die Feuerwehr alarmiert, die 10 min. später eintraf.

5. Darüber hinaus erklärte ein Mitarbeiter, der Umgang mit herum liegenden, Wärme erzeugenden Brandmitteln sei nie besonders ernst genommen oder kontrolliert worden – Motto: Die Kathedrale steht seit 800 Jahren – da passiert nichts….

Erstaunlich WIE dumm wir uns stellen können um zu vermeiden, reagieren zu müssen, bevor alles in hellen Flammen steht.

Noch ein weiteres Beispiel aus der Abteilung „unverantwortliche Kassandrarufe“. Oder auch: „haltlose Kassandrarufe“.

Mit diesen wenig schmeichelhaften Attributen wurde und wird der Bahnspezialist und Journalist Arno Luik bedacht. Seit er nicht nur die Sinnhaftigkeit des Megabahnprojekts Stuttgart 21 in mehreren Publikationen mit guten Gründen in Frage stellte, sondern auch auf die potentielle Gefährlichkeit dieses Baus verwies.

Seine auf Bahndokumenten beruhenden Warnungen haben ihn dorthin gebracht, wo auch die antiken Kassandrarufe endeten: in den Verdacht, wahnsinnig zu sein.

Im Einzelnen betreffen seine Warnungen

1. den Brandschutz. Ein zu Rate gezogener Schweizer Brandschutzexperte:

„Das dürfen Sie nicht bauen. Das ist eine Katastrophe mit Ansage.“

Aufgrund seiner engen unterirdischen Schächte habe S21 die Möglichkeit, im Fall eines Brandes zu „Europas größtem Krematorium“ zu werden.

2. Fluchtwege sind bereits jetzt erkennbar unterdimensioniert. Im Katastrophenfall würden sich Massen Flüchtender an den engsten Stellen stauen. Auch die Rettungstreppen seien sehr viel „zu eng, zu steil, zu lang“ .

3. Rettungstechnisch, ökologisch (extreme Feinstaubkonzentration) und verkehrstechnisch realisiere man nachweisbar einen Hochriksikobahnhof, der überhaupt nur aufgrund ungezählter Ausnahmeregelungen in Betrieb gehen könne.

Abgesehen von den enormen Kosten und der Tatsache, dass das Projekt aufgrund der mehr als 30 Jahre zurückliegenden Planung im Moment der Inbetriebnahme bereits verkehrstechnisch veraltet sei, sei das Vorhaben, so der Verfasser, von Beginn als absurd und abstrus einzustufen.

Mit der Bezeichnung all dieser ernsthaften Hinweise als „Kassandrarufe“ werden sie mit einem Schlag neutralisiert, ja eliminiert.

Einmal mehr siegt das Gesetz der Trägheit.

Bleibt die Frage, was hinter dieser faktischen oder vermeintlichen Trägheit steckt? Die Antwort steckt bereits im eingangs zitierten Adjektiv „unverantwortlich“! Unverantwortlich nennen die Verantwortlichen alles das, was nicht in ihr Konzept passt. Kurzerhand deklariert man alles „Unerwünschte“ als „Unverantwortliches“. Nüchterne Warnrufe werden zu hysterischen Kassandraschreien umgemünzt. Warner werden als Wahnsinnige diffamiert. Alles aus einem einzigen Grund: um seine materiellen und konzeptionellen Interessen weiter ungestört durchziehen zu können – koste es was es wolle. Wenn es sein muss, auch Menschenleben. Nach der – vermeidbaren – Katastrophe können die Verantwortungsträger von damals (so sie noch leben oder im Amt sind) dann bei der Trauerfeier wieder schön von ihrer Betroffenheit schwadronieren, und im Brustton der Überzeugung verkünden, dass so etwas nie wieder …

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