Unglück ist kein Phänomen der Mathematik

 in FEATURED, GRIECHENLAND, Holdger Platta, Über diese Seite

143. Bericht zu unserer Spendenaktion „Helfen wir den Menschen in Griechenland!“ Kann Holdger Platta nicht zur Abwechslung mal eine gute Nachricht verkünden? Nun, in dieser Woche beschreibt er, dass es zumindest in einer Hinsicht in Griechenland erst mal nicht schlechter wird. Das ist ein Fortschritt. Seine Gnaden, der deutsche Finanzminister Olaf Scholz ließ nämlich durchblicken, die EU werde akzeptieren, dass Griechenland zunächst keine weitere (!) Rentenkürzung plane. Ansonsten gibt es in diesem Griechenlandbericht viel Statistik – und einen berechtigten Hinweis darauf, dass Statistik allein natürlich versagt, wenn es darum geht, das Elend in Griechenland zu beschreiben. Hinter jedem Prozenz-Bruchteil steht ein menschliches Schicksal, stehen menschliche Gefühle. Und häufig genug sind es solche der Frustration, der Wut und Verzweiflung. (Holdger Platta)

Liebe HdS-Leserinnen und liebe HdS-Leser,

zwei erfreuliche Nachrichten heute vorweg: Katerina K., der Patientin aus Piräus, die sich während der letzten 12 Monate zwei Organtransplantationen unterziehen musste – ich berichtete mehrfach darüber –, geht es immer besser. Dasselbe gilt auch für ihren Vater, der bei der letzten Operation als Organspender (einer Niere) fungierte. „Die Ärzte sind sehr zufrieden mit mir“, schrieb Katerina an Karl-Heinz Apel, dem aktiven Helfer und Griechenlandreisenden in unserem Organisationsteam, und sie dankt uns allen sehr für unsere finanzielle Unterstützung ihrer Operationen in London und ihrer Dialysefahrten von Piräus nach Athen. Mit ein wenig Optimismus kann man sagen: es wird eigentlich von Woche zu Woche unwahrscheinlicher, dass es noch zu irgendwelchen nachträglichen Komplikationen kommt, zu Abstoßungsreaktion zum Beispiel! Wie Ihr verstehen werdet, freuen wir alle uns riesig darüber, und sehr, sehr gerne gebe ich ihren Dank auch weiter an Euch, die Ihr uns diese Hilfe für sie ermöglicht habt.

Die zweite gute Nachricht für alle: Mitten im Monat November ist es zu einem unerwarteten Spendenanstieg auf unserem Hilfskonto gekommen. Hatten in der Vorwoche 6 SpenderInnen 265,- Euro für unsere Hilfsaktion überwiesen, so durften wir während der letzten sieben Tage sogar einen Zuwachs von 624,- Euro auf unserem Konto verbuchen, erneut von 6 Unterstützerinnen und Unterstützern überwiesen an uns. Wenn man bedenkt, dass derzeit viele Spendenbitten von humanitären Organisationen bei uns in den Briefkästen landen, ein ermutigendes Zeichen für uns. Großes Dankeschön also allen Helferinnen und Helfern, und selbstverständlich erneut ein Dankeschön im Namen aller aus unserem Organisationsteam! Und ausnahmsweise hänge ich an diesen Dank dieses Mal auch eine Bitte an: ich wäre sehr froh, wenn sich die Schweizer Spenderin Ester R. einmal direkt mit mir in Verbindung setzen würde, per Kurzmail an mich (an: marggraf-platta@web.de).

Mit Vorsicht und Einschränkung positiv ist im übrigen auch diese Nachricht noch einzuschätzen:

Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass es zum Januar 2019 womöglich doch nicht zu einer weiteren Rentenkürzung – in der Höhe von 18 Prozent – kommt. Gnädigerweise hat sich auf dem sogenannten „Debattencamp“ der SPD Olaf Scholz, der zuständige Finanzminister, so geäußert, vor einer guten Woche in Berlin. O-Ton „Griechenland Zeitung“ (GZ):

„Er deutete an, dass Deutschland dem erklärten Ziel Athens, die mit den Geldgebern vereinbarten neuerlichen Rentenkürzungen nicht umzusetzen, keine Steine in den Weg legen würde.“

Und auch die sogenannte „Euroworking Gruppe“ gab am vergangenen Donnerstag grünes Licht, wenn auch noch unter Vorbehalt (= die endgültige Entscheidung dort soll erst in ein paar Wochen fallen, im Dezember): ja, man traue Griechenland zu, ihr Ziel 3,5 Prozent Primärüberschuss (= staatliches Einnahmenplus, ohne Berücksichtigung des griechischen „Schuldendienstes“) im nächsten Jahr 2019 auch ohne diese weitere Rentenkürzung erreichen zu können. Was dabei – „natürlich“ – unerwähnt blieb: dass jetzt schon das Rentenniveau in Griechenland für Millionen von Menschen ein Lebenmüssen weit unterhalb eines menschenwürdigen Existenzminimums erzwingt! Der von Olaf Scholz in Aussicht gestellte Gnadenakt ist also keineswegs misszuverstehen als Rückkehr der bundesdeutschen Sozialdemokratie zur Mitmenschlichkeit – dazu bleiben die Lebensverhältnisse in Griechenland allzu brutal in unmenschlicher Verelendungsnot stecken. Aber vielleicht wird ja noch mehr Verelendung in Griechenland erstmals ein wenig ausgebremst.

Eindeutig anders hingegen sieht es im Bereich von Arbeit und Arbeitslosigkeit in Griechenland aus. Da kann – trotz einiger Zahlen, die eher Positives anzuzeigen scheinen – von irgendeiner Besserung nicht wirklich die Rede sein. Aber konkret:

Jawohl, ELSTAT, die staatliche Statistikbehörde Griechenlands, verzeichnet einen weiteren – leichten! – Rückgang der Arbeitslosenquote in dem gepeinigten Mittelmeerstaat: Von 19,1 Prozent Arbeitslosigkeit im Juli des Jahres ging der Anteil der Erwerbslosen im Monat August auf 18,9 Prozent zurück. Heißt: statt der vormals 904.414 Menschen ohne Job, im Juli des Jahres 2018, registrierte ELSTAT für den August „nur“ noch 896.588 Arbeitslose in Griechenland. Aber genau dieses, das Wort „registrierte“, deutet auch auf ein Problem hinter diesen Problemzahlen hin: Längst nicht alle Erwerbslosen in Griechenland lassen sich noch als Arbeitssuchende registrieren! Monat für Monat geben Tausende von GriechInnen ihre Jobsuche auf, weil sie keine Hoffnung mehr haben, irgendwo eine Arbeitsstelle finden zu können. Sie fallen damit aus allen Statistiken heraus. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit sind es vor allem die Langzeitarbeitslosen, die aus den offiziellen Statistiken verschwinden, die am stärksten von Erwerbslosigkeit Betroffenen mithin!

Die griechische Arbeitslosenbehörde OAED schätzt, dass 48 Prozent der registrierten Arbeitslosen seit über einem Jahr ohne Beschäftigung sind, ein Drittel sogar seit mehr als vier Jahren! Und das gewerkschaftsnahe Forschungsinstitut INE kommt demzufolge auch zu ganz anderen Zahlen, als Monat für Monat die staatliche Statistikbehörde ELSTAT der Öffentlichkeit mitzuteilen pflegt: INE, das gewerkschaftsnahe Institut, das ganz ausdrücklich auch die Anzahl der sogenannten „entmutigten Arbeitslosen“ zu ermitteln versucht – die nicht mehr registrierten Arbeitslosen –, kam deshalb für das dritte Quartal des Jahres 2018 auch auf eine weit höhere Arbeitslosenquote als ELSTAT, nämlich auf 27,52 Prozent statt nur – „offiziell“ – 20,2 Prozent. Und auch an den anderen Sachverhalt sei in diesem Zusammenhang nochmal erinnert, kurz jedenfalls:

Selbst wenn das griechische Arbeitsministerium für die ersten neun Monate dieses Jahres 288.369 neue Arbeitsplätze zu vermelden hatte, darf nicht übersehen werden, dass es sich bei mehr als der Hälfte dieser neuen Jobs lediglich um schlecht bezahlte und unsichere Teilzeitjobs handelt. Um es kurz ins Gedächtnis zurückzurufen:

Während der Krisenjahre 2010 bis 2017 sind die Realeinkommen in Griechenland um durchschnittlich ein Fünftel zurückgegangen. Fast Dreiviertel aller Beschäftigten in Griechenland verdienen heute weniger als 1.000,- Euro netto im Monat – und zumeist haben ganze Familien mit diesem Monatseinkommen von weniger als 1.000,- Euro pro Monat auszukommen. Was bedeutet:

Nicht nur den Arbeitslosen geht es Griechenland schlecht, selbst für den größten Teil der Noch-Beschäftigten oder Wieder-Beschäftigten trifft dieses zu! Und: beschönigtes Zahlenmaterial legt aus den genannten Gründen noch jede offizielle Statistik in Griechenland der Öffentlichkeit vor. Den „Faktor“ Entmutigung, den „Faktor“ Resignation erfasst keine der hochoffiziellen ELSTAT-Zahlen. Die Verzweiflungsdimension der wahren Verhältnisse entzieht sich jeder Statistik. Um vom Elend der Menschen zu erfahren, muss man den Menschen selber begegnen – wie es zum Beispiel unsere Griechenlandfahrer tun. Ein Blick auf irgendwelche Zahlenwerke und Tabellen genügt da keinesfalls, denn hinter jeder einzelnen Zahl steht, verborgen, ein einzelner Mensch. Unglück ist kein Phänomen der Mathematik. Und das Glück übrigens auch nicht, wie die allmähliche Gesundung von Katerina zeigt.

Und damit erneut zu meiner abschließenden Bitte um weitere Unterstützung unserer Spendenaktion. Wer uns Gelder für unsere Hilfe für Menschen in Griechenland zukommen lassen will, der überweise uns diese bitte unter dem Stichwort „GriechInnenhilfe“ auf das Konto:

Inhaber: IHW
IBAN: DE16 2605 0001 0056 0154 49
BIC: NOLADE21GOE

Wer eine Spendenbescheinigung benötigt – ab 201,- Euro erforderlich –, wende sich bitte an unseren Kassenwart Henry Royeck, entweder unter der Postanschrift Sültebecksbreite 14, 37075 Göttingen, oder unter der Mailadresse henryroyeck@web.de.

Und wer noch etwas mehr tun will: auch unser gemeinnütziger Verein, die „Initiative für eine humane Welt (IHW) e.V.“, ist immer wieder erneut auf neue Hilfsgelder angewiesen, zur finanziellen Absicherung unserer Arbeit ganz generell. Diese Spenden bitte dann an dasselbe Konto, wie oben angegeben, jedoch mit dem Stichwort „IHW“ versehen. Wir würden uns riesig auch über diese Unterstützung freuen.

Mit herzlichen Grüßen wie stets
Euer Holdger Platta

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